Das Pendel

Essaytagebuch
 
György Konrád (Autor)
 
Suhrkamp Verlag AG
1. Auflage | erschienen am 15. Oktober 2011 | 244 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-75480-1 (ISBN)
 
»Den vorangegangenen Götzen haben wir gestürzt, und gekommen ist die Chimäre des Fanatismus.« Mit präziser Imagination und analytischer Skepsis blickt György Konrád, Dichter und Chronist, auf die Gegenwart. Im Licht der todbringenden Erlebnisse seiner Kindheit, der blutig gescheiterten ungarischen Revolution von 1956 und der bleiernen Zeit danach erscheinen auch der Umbruch von 1989 als Scheinsieg und die aufbrechenden Energien im rechten politischen Spektrum seines Landes als Menetekel einer sich wiederholenden Vergangenheit. Erneut scheint es keinen Fortschritt zu geben und bei der Teilung in Mächtige und Ohnmächtige bleiben zu müssen. Das Personal der Geschichte wechselt, aber hinter gewendeten Masken brodelt der Haß, machen sich die immergleichen alten Kräfte, Despoten und Helfershelfer, bemerkbar. Ein zeitdiagnostisches und ein Warnbuch also und doch auch ein Buch der Courage und der Glückserfahrung, voller Hoffnung, daß der Einzelne im Strom des »Unaufhörlichen« sich wird behaupten können.

György Konrád wurde am 2. April 1933 in der Nähe von Debrecen als Sohn einer jüdischen Familie in Ungarn geboren. Im Jahr 1944 entging er nur knapp seiner Verhaftung durch Nationalsozialisten und ungarische Pfeilkreuzler, die ihn ins Konzentrationslager Auschwitz deportieren wollten. Mit seinen Geschwistern floh er zu Verwandten nach Budapest und lebte dort in einer Wohnung unter dem Schutz der Helvetischen Konföderation. Die Ereignisse dieser Jahre beschrieb er in den Büchern Heimkehr und Glück. Konrád studierte in Budapest Literaturwissenschaft, Soziologie und Psychologie bis zum Ungarnaufstand 1956. Anschließend arbeitete er von 1959 bis 1965 als Jugendschutzinspektor für die Vormundschaftsbehörde eines Budapester Stadtbezirks. Nebenbei publizierte er erste Essays. Ab 1965 stellte ihn das Budapester Institut und Planungsbüro als Soziologen für Städtebau ein. Sein Romandebüt Der Besucher veröffentlichte er 1969. Seit dem Erfolg des Erstlingswerkes konzentrierte er sich auf die literarische Arbeit. In seinen Essays plädierte er für ein friedliches Mitteleuropa, das die Grenzen zwischen Ost und West überwinden solle. Als Demokrat und Dissident zählte er neben Václav Havel, Adam Michnik, Milan Kundera oder Pavel Kohout zu den wichtigsten Stimmen vor 1989. Weil er zwischen 1978 und 1988 nicht publizieren durfte, reiste er durch Westeuropa, Amerika und Australien. Das Publikationsverbot wurde erst 1989 aufgehoben.

Hans-Henning Paetzke
Deutsch
1,36 MB
978-3-518-75480-1 (9783518754801)
3518754807 (3518754807)
weitere Ausgaben werden ermittelt

György Konrád wurde am 2. April 1933 in der Nähe von Debrecen als Sohn einer jüdischen Familie in Ungarn geboren. Im Jahr 1944 entging er nur knapp seiner Verhaftung durch Nationalsozialisten und ungarische Pfeilkreuzler, die ihn ins Konzentrationslager Auschwitz deportieren wollten. Mit seinen Geschwistern floh er zu Verwandten nach Budapest und lebte dort in einer Wohnung unter dem Schutz der Helvetischen Konföderation. Die Ereignisse dieser Jahre beschrieb er in den Büchern Heimkehr und Glück. Konrád studierte in Budapest Literaturwissenschaft, Soziologie und Psychologie bis zum Ungarnaufstand 1956. Anschließend arbeitete er von 1959 bis 1965 als Jugendschutzinspektor für die Vormundschaftsbehörde eines Budapester Stadtbezirks. Nebenbei publizierte er erste Essays. Ab 1965 stellte ihn das Budapester Institut und Planungsbüro als Soziologen für Städtebau ein. Sein Romandebüt Der Besucher veröffentlichte er 1969. Seit dem Erfolg des Erstlingswerkes konzentrierte er sich auf die literarische Arbeit. In seinen Essays plädierte er für ein friedliches Mitteleuropa, das die Grenzen zwischen Ost und West überwinden solle. Als Demokrat und Dissident zählte er neben Václav Havel, Adam Michnik, Milan Kundera oder Pavel Kohout zu den wichtigsten Stimmen vor 1989. Weil er zwischen 1978 und 1988 nicht publizieren durfte, reiste er durch Westeuropa, Amerika und Australien. Das Publikationsverbot wurde erst 1989 aufgehoben.

Ich packe die großen Beutel weg, in denen ich die Kopien beziehungsweise einen Teil der Dokumente, Abhörprotokolle und Spitzelberichte nach Hause gebracht habe, die von mir im Archiv der Staatssicherheit, des Geheimdienstes, und neuerdings des Amtes für Geschichte aufbewahrt waren, vor der Wende dem Chef des Geheimdienstes, dann dem Innenminister vorgelegt wurden und von dort hinauf bis zum Generalsekretär der Partei wanderten. All diese Organe beschäftigten sich mit mir, dessen Deckname als einer unter ständiger Fahndung stehenden Zielperson Verblendet lautete. Gelegentlich benutzten sie einfach meinen richtigen Namen. Doch da hatten sich die Dinge schon stark gelockert, und der Ton der Beamten war zusehends nachsichtiger geworden, während ich mir immer mehr Freiheiten herausnahm. Verblendet, das klingt nicht einmal so schlecht, zumal sie auch notierten, daß ich ein freundlicher Mensch sei.

Aber auch ein Hirngespinst geisterte durch ihre Köpfe: Wenn ich derart verblendet war, könnte ich am Ende gar auf sie schießen. Deshalb war Oberstleutnant Dr. Gyula Vastag am 23. Oktober 1974 nervös, als er zwecks Vollstreckung des Haftbefehls die Wohnung meiner ersten Frau betrat, wo ich mich, wie ich meinte, geschickt versteckt hatte. Dabei hatten mich Pseudodachdecker vom gegenüberliegenden Hausdach durch das Fenster ständig im Auge behalten.

Der Oberstleutnant hielt es für möglich, daß ich eine Pistole ziehen könnte, dabei besaß nur er eine in seiner Seitentasche. Im Wagen der Staatssicherheit, wo sich Dr. Vastag neben mich zwängte, drückte mir die Waffe unangenehm in die Seite. Statt einer Pistole hatte neben mir auf dem Tisch Solschenizyns in Briefform verfaßter Traktat an die russischen Führer gelegen. Unverwüstliche Munition, denn Solschenizyn lebt und denkt noch immer, noch dazu in seiner russischen Heimat, wohin er zurückgeeilt ist. Das Regime dagegen gibt es nirgendwo mehr.

Mein ehemaliger Vernehmer bat mich, den ehemaligen Verhafteten, nach der Wende, ob ich mich nicht dafür einsetzen könnte, daß er seinen Kleingarten, den er von der Hauptstadt gemietet habe, zusammen mit mehreren hundert weiteren Schrebergärtnern behalten könne, denn als Rentner komme er jeden Tag hinaus zu dem Grundstück, um sich gärtnerisch ein wenig zu betätigen. Dort erwarte ihn eine bescheidene Hütte, eigentlich ein Werkzeugschuppen, den er dennoch wohnlich eingerichtet, nach und nach ausgebaut und erweitert habe. Auch Kaninchen züchte er, sie mundeten ihm besonders gut, denn eine eigene Hasenkeule zu verzehren sei schließlich etwas anderes. Doch diese kleinen Viehcher seien nicht nur schmackhaft, sondern auch niedlich. Er, der in den Ruhestand versetzte Oberstleutnant, spiele jeden Nachmittag mit seinen Kaninchen. Einige von ihnen habe er beweint, bevor er ihnen die Kehle durchschnitt.

Es verdient erwähnt zu werden, daß Dr. Vastag stets höflich zugestimmt hat, wenn ich zur Toilette gehen wollte. Schwerfällig erhob er sich und stand mit hängendem Kopf wie die Pflöcke auf dem Flur Posten vor der Tür. Und sobald ich wieder auftauchte, setzte er das vorangegangene Thema fort: den Schwejk, denn der war sein Lieblingsbuch, aus dem er ganze Seiten auswendig kannte: »Erinnern Sie sich daran, als …?«

Im Garten des Csobánkaer Glöcknerhauses fühlte ich mich umzingelt. Die Küchentür ließ sich mit jedem primitiven Dietrich öffnen. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt, wäre das Haus durch ein stabileres Schloß gesichert worden, Aber ich ließ alles beim alten.

Im Westen brachte ich vor allem die von zu Hause mitgebrachten Texte in Ordnung, setzte die heimischen Themen fort, vertiefte mich in sie, haderte mit der Heimat, riß mich von ihr los, widersprach ihr, verteidigte sie, brüstete mich mit ihr, hielt die Daheimgebliebenen für meine gewählte Familie, gelangte bis zur mystischen Ahnung einer Menschheitsfamilie, akzeptierte unsere anthropologische Vorgeschichte, umarmte in Gedanken meine Mitmenschen, obwohl meiner Einschätzung nach ein unausstehliches Volk, und betete für sie. Wie ein Betrunkener rannte ich aus dem Haus, trottete zurück, blieb an der Tür stehen und verdammte sie in Grund und Boden, ließ kein gutes Haar an ihnen.

Ich brauchte das westliche Gegengewicht zum bleiern feuchten Ballast des Ostens, um mich daran aufzurichten, aus jener matschigen Romantik ans trockenere und sonnigere Ufer zu retten. Beim Schlammringkampf schluckt der Mensch viel Schlamm. Außer mich selbst möchte ich niemanden sonst besiegen, höchstens seine Verkrampfungen lösen.

Das Schreiben existiert um seiner selbst, der Handbewegung willen, gleich der Gebetsmühlendrehung. Ich habe mein lebenslängliches Tagebuch geschrieben, das sich in Bücher zerstückeln läßt. Abgeschlossene und noch zu schreibende Bücher ordnen um sich her den Schriftsteller an. Das Buch erzeugt das Verhalten. Ich setze mich selbst fort. Aber wer kommt nach dem Dissidenten?

Gemeinsam mit Jutka verbrachte ich als Gast des Berliner Wissenschaftskollegs ein Jahr in einer guten Wohnung. Alles darin mit sandfarbenem, an Milchkaffe aus dem Kindergarten erinnerndem Teppichboden ausgelegt. Ich gewöhnte mich daran, den ganzen Tag barfuß umherzustapfen. Meine Zimmertür schloß schalldämpfend. Oben in der zweigeschossigen Wohnung befand sich eine Küche, kombiniert mit einem Wohnzimmer. Vor dem Balkon standen Schwarzkiefern. Die unteren Zimmer deckten sich in ihrem Grundriß im großen und ganzen mit denen daheim in Buda.

Um einige Klamotten und zufällige Bücher haben wir uns vermehrt. Intra muros fühlten wir uns zu Hause. Allerdings waren die Mauern nur gegenwärtig, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Indessen engten sie uns nicht so sehr ein, als daß wir zwischen ihnen nicht vergnügt hätten schwadronieren können.

Überall, wo etwas Interessantes geboten wurde, war das klatschsüchtige Berliner Publikum zugegen. Was dort stattfand, machte mich nicht zum Oppositionellen. Sympathisch der Regierende Bürgermeister, und auch mit den Alternativen fanden wir eine gemeinsame Sprache. Ich schrieb an meinem »Gartenfest«, dessen Held in Csobánka, im Garten des Glöcknerhauses, sitzt. Aus meinen von daheim außer Landes geschmuggelten Manuskripten stellte ich in Berlin eine erste Fassung her, der später noch mehrere Versuche folgten. Ich wirbelte im Kreis auf meinem Drehstuhl, stützte mich mit den Ellenbogen auf die braune Tischplatte und zuckte zusammen, wenn Jutka mein Zimmer betrat. Viel redete sie nicht, höchstens: »Telefon«, oder: »Ich koche etwas zum Abendessen. Hast du keine Lust, mir dabei zu helfen?« Selbstverständlich hatte ich Lust.

Zwischen Büchern, Notizen, Tagebuchaufzeichnungen, Taschentüchern und Teesorten verbrachte sie stundenlang still in ihrem Zimmer, war mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. An Jutkas Seite konnte man schweigen. Allmählich fand ich mich auch schon in ihren Ängstlichkeiten zurecht, die ihr suggerierten, sie könnte etwas Schlechtes gegessen haben oder frieren, der Zigarettenrauch könnte ihren Hals reizen, den Seidenschals vor einer plötzlichen Abkühlung schützten.

Verließen wir das Haus zu einem Spaziergang, stellte sich uns in der Umgebung – in der Pacelliallee, Im Dol, Im Vogelsang – alles als vollkommen dar. Architektur und Gärtnerei, Autos und Hündchen, samt und sonders passend zu den besseren Kreisen, nahezu makellos. Die Sehnsucht nach Vertrautheit zieht mich nach Kreuzberg hinüber, wo die Gegenstände schäbiger sind und die Merkmale der Vergänglichkeit an sich tragen. Wenn alles glänzt, dann scheint auch der Barock brandneu, als wäre er gestern erbaut worden. Gern legen wir die lange Fahrt vom Roseneck zum Oranienplatz im Doppelstockbus der Linie 29 zurück, schaukeln oben auf dem vordersten Sitz durch die Stadt.

Nach längerem Umherirren lassen wir uns in der Was-Sonst-Bar nieder. Aus der Musiktruhe schrillt eine Sirene, dröhnt die Trommel, hernach folgt Maschinengewehrfeuer. Neben uns auf dem Barhocker ein kurzgeschorener blonder Junge, der traurig sein Hörnchen in den Milchkaffee tunkt.

Jeder hier trägt irgendeine Uniform: Punk, Underground, New Wave. Das Gebrumm eines Mannes in meinem Alter, das lange Haar hinten zu einem Zopf geflochten, verschmilzt mit Schwermetallmusik, der blonde Schnurrbart nickt im Takt dazu. Eine Ziege meckert, das Saxophon, im Rachen gestopft, krächzt. Texasstiefel, braune Lederblusen, gelbe Rohlederschuhe, Beute aus dem Schlußverkauf zum Saisonende. Eine Eisenbahnerin, geschminkt, übergroße Ohrringe, in rhythmische Meditation vertieft, lacht plötzlich auf. An der Wand ein Plakat: Ausstellung zur Bierhalle, in der die Nazipartei gegründet wurde. Das war damals die Mode. Jetzt herrscht eine andere.

Wir gehen ins Künstlerhaus Bethanien zu Jovánovics, zu Zsabó und Gyuri. Irgendwie sind die beiden immer unsere Nachbarn. Im gegenüberliegenden Fenster putzen sich Hahnenkämme heraus. Auf einem Balkengerüst unterhalten wir uns in der Schußlinie der ostdeutschen Posten. Hasen flitzen über die Minen. Da ich 1980 von der DDR, dem ostdeutschen Staat, zur unerwünschten Person erklärt worden bin, ist die andere Seite für mich unerreichbar geworden. Nirgendwo, nicht einmal in Moskau, wurde ich von so vielen mißbilligend zurechtgewiesen wie in Ostberlin. Statt zu bedienen, unterwiesen mich alle Kellnerinnen und Kellner in Anstandslehre. Je lächerlicher und provinzieller ein...

Schweitzer Klassifikation
BISAC Classifikation

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

18,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen