Ich befreie mich von deiner Sucht

Hilfen für Angehörige von Suchtkranken
 
 
Kösel-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. Mai 2013
  • |
  • 230 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11772-6 (ISBN)
 
In Deutschland gibt es über acht Millionen Kinder, PartnerInnen, Eltern oder Arbeitskollegen, die von der Suchtkrankheit eines Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung betroffen sind. Bisher kümmert sich unsere co-abhängige Gesellschaft mit all ihren Institutionen einseitig um die Süchtigen. Die Angehörigen sind dagegen ohne Lobby und leiden im Stillen lange Zeit stärker als die Suchtkranken. Nur selten finden sie die Kraft, den Teufelskreis der Co-Abhängigkeit ohne Hilfe durch Psychotherapie oder Selbsthilfegruppen zu durchbrechen. Helmut Kolitzus wendet sich in seinem neuen Buch direkt an die Angehörigen von Suchtkranken. Am Beispiel einzelner Schicksale und Therapieverläufe aus der Praxis entwirft er ein Bild der Problematik und der Lösungsmöglichkeiten. Angehörigen wie Fachpersonal aus Helferberufen werden damit Wege aus der Sucht bzw. Co-Abhängigkeit aufgezeigt, die zwar häufig beschwerlich, aber für alle Beteiligten hilfreich sind.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Kösel
  • 1,56 MB
978-3-641-11772-6 (9783641117726)
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Fallbeispiele

Die Familiengründung

Für die wichtigsten und schwierigsten Aufgaben im Leben werden wir so gut wie nicht vorbereitet: für die Ehe und für die Rolle als Eltern. Nur noch wenige Paare nehmen an entsprechenden Vorbereitungsseminaren teil. Und hier fehlt neben vielen anderen Themen allzu oft das Tabuthema Sucht, vor allem Alkohol. Beide Partner haben ein Interesse, es zuzudecken. Der unmittelbar betroffene Partner, meistens, aber nicht immer der Mann, weil er es sowieso leugnet (»Männer mögen Bier. Das ist ganz normal!«), der andere, weil die Frage möglicherweise den ganzen Partnerschafts- und Eheplan in Gefahr brächte. Und Liebe macht bekanntlich blind …

Viele Paare gehen sehr bald wieder auseinander, oft vor der Geburt gemeinsamer Kinder. Das Single-Dasein ist in unserer narzisstischen, egozentrischen und süchtigen Gesellschaft »in«. Schaffen wir uns ein teures Auto an, einen Hund oder gar ein Kind? Der katholische Theologe Oswald von Nell-Breuning hat es auf den Punkt gebracht: Wir leben in einem System, das die Kinderlosigkeit prämiert. Je weniger Kinder, je mehr die Partner arbeiten können, desto besser die Altersversorgung – und umgekehrt. Früher war es anders: Die Kinderreichen hatten nicht zuletzt deshalb so viele Kinder, damit sie im Alter von ihnen versorgt werden konnten.

Ab einer gewissen Kinderzahl droht die Verarmung. Kinderreiche Familien gelten als »asozial«. Dafür werden auch pseudorationale Argumente gesucht wie die Frage, ob man in diese Welt noch Kinder setzen sollte … Das hätte man sich fast zu allen Zeiten fragen können!

Wenn die Frage der Suchtgefährdung in einem Eheseminar ausgespart wird, kann das weitreichende Folgen haben. Ein paar einfache Fragen könnten dabei schnell helfen, dem Problem auf die Spur zu kommen. »Wie viel Bier trinken Sie denn so?« Diese an und für sich naheliegende Frage führt nicht weiter. Der Betroffene hat längst gelernt, unverfänglich zu antworten: »So zwei bis drei Bier (er meint das erste und das letzte!), nach dem Sport auch mal mehr …« Viel besser die simple Erkundigung: »Schimpft Ihre Freundin häufiger über Ihren Alkoholkonsum?« Wenn sie es tut, ist das schon fast eine Diagnose wert, denn die Toleranz gegenüber männlichem Trinken – inklusive einiger Räusche – ist in Deutschland so hoch, dass negative Gefühle innerhalb der Partnerschaft bezüglich Alkohol ein untrügliches Zeichen sind für übertriebenen Konsum, der über kurz oder lang im Alkoholismus enden wird.

Präziser sind die Fragen aus dem sogenannten CAGE-Test (Englisch »Käfig«):

  • Haben Sie erfolglos versucht, Ihren Alkoholkonsum einzuschränken?
  • Ärgert es Sie, dass andere Ihr Trinken kritisieren?
  • Fühlen Sie sich schlecht oder schuldig wegen des Trinkens?
  • Trinken Sie als Erstes am Morgen, um Ihre Nerven zu stärken oder einen Kater loszuwerden?

Besonders die letzte Frage ist geeignet, eine Gefährdung hohen Grades zu erkennen. Das Letzte, was man einem Normaltrinker nach einer durchzechten Nacht anbieten kann, ist erneut Alkohol. Kennen Sie den Brechreiz, der sich einstellt, wenn man nach einer Party Gläser wegräumt, in denen sich noch Reste von Bier oder Rotwein befinden? Die üblichen, nicht nur gut gemeinten Rezepte gegen den Kater Weißbier mit Hering – sind also genauer betrachtet nichts anderes als der beste Weg zum Alkoholmissbrauch oder die Unterstützung schon vorhandener Neigungen.

»Soll ich diesen Mann heiraten und mit ihm Kinder haben?«

Diese Frage stellte Frau D. ihrer Allgemeinärztin Frau Dr. E. vor drei Jahren. Sie erzählte von ihrem Freund, der »schwierig« war, unter Angstattacken litt und gelegentlich viel Alkohol trank, manchmal auch morgens schon einen Cognac, »um den Magen zu beruhigen«. Frau Dr. E. hörte in diesem Punkt nicht so genau hin (da sie das unangenehme Thema Alkohol aus ihrer eigenen Familie selbst nur zu gut kannte), setzte sich aber zu einer ausführlichen Anamnese mit dem Mann zusammen. Er litt unter einer gefühlskalten Mutter und einem geistig abwesenden Vater, vor allem aber unter der Tatsache, dass bereits vor seiner Geburt ein Kind, ein Mädchen, in der Familie lebte, das durch einen schrecklichen Unfall getötet wurde. Die Bilder hingen überall, die Eltern sprachen über Ulrike, als sei sie noch am Leben. Über seine Existenz machte man sich dagegen wenig Gedanken. Die Mutter schickte ihn zum Beispiel noch in einer solch schlechten Verfassung zur Schule, dass er den Schulweg kaum mehr schaffte … Nach Hause zu gehen traute er sich verständlicherweise auch nicht. Selbst gute Leistungen in der Schule, Führungspositionen in der Klasse und im Sport – typisch für die »Heldenrolle« in Suchtfamilien – brachten wenig Gewinn an Zuwendung.

Die steile berufliche Karriere war begleitet von zunehmendem Alkoholkonsum. Die Parade hübscher Frauen endete erst bei der jetzigen Freundin, mit der er es »ernster« meinte. Wenn man jetzt noch Kinder wollte, müsste es etwas schneller gehen. Frau Dr. E. reagierte richtig: Sie schickte Herrn F. zur Psychotherapie zu mir. So kam auch das Alkoholproblem zur Sprache, vor allem, als ich seine Freundin dazu holte. Was er bagatellisiert hatte, wurde jetzt überdeutlich: Der Alkohol war ein enormer Störfaktor – und Frau D. hatte große Angst, es würde ähnlich laufen wie bei ihrem Vater, der mit dem Alkohol viel angerichtet hatte.

Nun, die Therapie war nicht einfach, aber Herr F. konnte die väterlich getönte Unterstützung von mir annehmen, dass die Güterabwägung vielleicht doch mehr für die Familie, für seine künftige Frau und ein Kind sprach, nicht aber für den Alkohol. Seine Panikattacken verschwanden ohne medikamentöse Hilfe. Irgendwann wurde die Verbindung zwischen den beiden Partnern offiziell, ein Kind war schon unterwegs. Herr F. war bei der Geburt dabei, überstand die ganze Aufregung ohne Alkohol – und ist jetzt stolzer Vater. Und das Happyend für die betreuende Ärztin: Ihre Patientin kam kürzlich in die Praxis, präsentierte ihr Kind und dankte mit Tränen in den Augen für die Unterstützung.

Wenn es nur immer so laufen würde! Warum müssen erst viele Jahre vergehen, bis unglückliche Mütter mit unglücklichen Kindern in die Erziehungsberatung oder ins Jugendamt kommen, in Frauenhäuser flüchten etc.? Um die Kindheit betrogen lautet der Titel eines bekannten Buches von Janet G. Woititz. Dem Sohn der Familie F. wird es hoffentlich nicht so ergehen. Die Voraussetzungen dafür sind geschaffen, aber die Sucht ist eben eine Krankheit, die nicht geheilt, sondern nur zum Stillstand gebracht werden kann. Insofern ist das Ende auch hier offen.

»Ohne Alkohol hätte ich meine Frau nie kennengelernt«

So drastisch, aber doch realistisch drückte sich ein inzwischen trockener Patient aus. Leider trennte sich seine Frau, mit der er zwei Kinder hat, im Laufe des Heilungsprozesses von ihm. Es wird ihm also nichts anderes übrig bleiben, als in seinem fortgeschrittenen Mittelalter einen völlig neuen Lernprozess durchzumachen: Wie lerne ich eine Frau kennen, ohne dass mein Über-Ich mit seiner lästigen Kontrolle durch Alkohol geschwächt ist, ohne dass meine Zunge dadurch gelöst wird, meine Körperhaltung die innere Anspannung nicht verrät etc.?

Früher galt auch für ihn das Motto »Schluck für Schluck kommt man sich näher«. Mit der Stärkung durch ein paar »Bierchen« oder »Viertele« vorweg lässt sich viel flotter sagen: »Küss die Hand, gnä’ Frau, Ihre Augen san so blau«, wie die Gruppe Erste Allgemeine Verunsicherung, so schön gesungen hat. In diesem besonders bei Frauen beliebten Lied geht es um den schnellen Zugang zum Sex, aber deutlich auch um die Schwächen mancher Männer, wie den verfrühten Samenerguss. Man kann sich also mit Alkohol seinem Gegenüber nicht nur flirtend nähern, man kann es sich sogar »schön trinken«, und das so verführerisch, dass man am nächsten Morgen ganz überrascht und nicht immer erfreut feststellt, mit wem man da im Bett gelandet ist …

Frauen berichten im Rückblick auf eine lange Partnerschaft immer wieder, dass ihnen die Partner oft schon im allerersten Moment alkoholisiert begegneten, sie auf einen Drink einluden etc. Süchtige sind meist »nüchtern schüchtern«. Erst mithilfe des Alkohols laufen sie zu Charme und großer Form auf. Nicht zufällig beginnt in der Pubertät nicht nur der Umgang mit dem anderen Geschlecht, sondern starten auch fast alle Suchtkarrieren.

»Ich mache selbst die Härtestgesottenen weich, lasse sie flirten, durchbreche Mauern und verschaffe so manchem den Höhepunkt sexueller Befreiung – etlichen Gefühlskrüppeln allerdings nur auf dem Umweg von brutaler Herrschaft. Wer aber die Flasche allzusehr umarmt, damit Umarmungen gelingen, den strafe ich mit Impotenz.« So Jürgen Neffe in seinem glänzenden Essay »Gestatten, mein Name ist Alkohol« im Süddeutsche Zeitung Magazin vom 10. Juli 1992. Ganz ähnlich hat das auch schon Shakespeare formuliert: »Alkohol steigert das Verlangen, erschwert aber die Durchführung.«

Eifersucht und Alkohol

In diesem Zusammenhang ist auch der alkoholische Eifersuchtswahn zu sehen, der ausschließlich bei Männern auftritt. Mit der eigenen Treue nehmen sie es oft nicht so genau, nicht selten ist sogar Sexsucht im Spiel. Bei den eigenen Partnerinnen vermuten sie dann im Sinne einer Projektion ähnliches Verhalten. Das beginnt mit Verdächtigungen, geht über wiederholte...

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