Frank-Walter Steinmeier

Der Weg ins Schloss Bellevue
 
 
dtv Verlagsgesellschaft
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Oktober 2017
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43295-5 (ISBN)
 

Sein Leben, sein Wirken und seine ersten 100 Tage im Amt


Frank-Walter Steinmeier ist einer der einflussreichsten Sozialdemokraten der letzten zwei Jahrzehnte und gehört zu den beliebtesten Politikern des Landes. Wie gelang ihm der Aufstieg und welche Wirkung hat er in seinen jeweiligen Ämtern erzielt? Welche Rolle nimmt er als Bundespräsident ein? Die Jugend, das Studium, der Einstieg in die Politik, die verschiedenen Stationen als Kanzleramtschef, Außenminister, Kanzlerkandidat und wieder Außenminister: Auf der Basis sorgfältiger und umfassender Recherche und nach zahlreichen Gesprächen mit heute und damals führenden Akteuren verfolgt Sebastian Kohlmann den Weg des neuen Bundespräsidenten von der Kindheit in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen an die Spitze des Staates.

  • Deutsch
  • München
Mit Bildteil
  • 1,02 MB
978-3-423-43295-5 (9783423432955)
3423432950 (3423432950)
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Sebastian Kohlmann ist promovierter Politikwissenschaftler, befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema und ist einer der besten Kenner des Wirkens von Frank-Walter Steinmeier. Nach Stationen am Göttinger Institut für Demokratieforschung und der Friedrich-Ebert Stiftung in Bonn arbeitet er heute in der Politik im Hintergrund in Berlin.

Frühe Jahre


Kindheit und Jugend


Brakelsiek


An der Kneipe »Zum goldenen Käfer« hängt auch im Jahr 2013 noch ein Schaukasten des TuS 08, des Brakelsieker Turn- und Sportvereins. Die dunkelrote Farbe ist mittlerweile abgeblättert. Im Wahlkampf 2009 fand dieser Verein auf Steinmeiers Homepage natürlich Erwähnung. Geplant war der Text: »Ich war kein begnadeter Techniker, auch kein großer Torjäger, eher ein solider Teamspieler - bin ich heute noch.«[1] Steinmeier korrigierte im Textentwurf für die Internetseite handschriftlich: »Nicht der begnadete Filigrantechniker, dafür großes Kämpferherz und langen Atem und ein solider Teamspieler - das bin ich heute noch.«[2]

So also wollte Steinmeier gesehen werden. Als Teamspieler mit Herz, der er auch als Kind schon gewesen sein will. Zu jener Zeit wäre in dem beschaulichen 1000-Seelen-Dorf vermutlich niemand auf die Idee gekommen, dass der nette, 1956 geborene, Fuß- ball spielende Junge von nebenan eines Tages als Außenminister einen Beruf ausüben würde, der ihn in kürzester Zeit zum Beispiel von Breslau nach Kabul, Neu-Delhi, Paris, New York und Prag führen würde.[3] Und der sich dann als Bundespräsident zur Aufgabe machen würde, die Demokratie an sich wenn nicht zu retten, so doch zu verteidigen.

Brakelsiek ist eines jener kleinen Dörfer, wie man sie im Lipperland häufig vorfindet: idyllisch, aber auch etwas aus der Zeit gefallen. Für Jugendliche sei das nichts mehr hier, erzählt die Wirtin eines der zwei Gasthäuser. Vom Ortseingangs- bis zum Ortsausgangsschild sind es nur 750 Meter. Zur nächsten Autobahn fährt man 45 Minuten. Brakelsiek ist damit abgehängt von den Verbindungsstraßen in die großen Städte, von den Autobahnen, die in die Welt hinausführen. So sind es im Jahr 2014 vor allem die Alten, die noch da sind, die sich an der Idylle und der Ruhe erfreuen können.

Steinmeiers Elternhaus liegt auf einer Ebene mit dem sogenannten grünen Band, jener grün bewachsenen, ansteigenden Fläche, die sich wie ein Gürtel um die Senke schließt, in der das Dorf liegt. Enge Straßen, teilweise so schmal, dass sie für heutige Autos fast nicht mehr passierbar sind, schlängeln sich an den Fachwerkhäusern vorbei. Am Ende einer Straße prangt das Schild: »Anlieger frei«. Nur Fußgänger dürfen noch weitergehen entlang des beginnenden Feldweges. Nach einigen Metern steht rechterhand das weiße Haus mit dem dunklen Spitzdach. Nur wenige Jahre nach Steinmeiers Geburt hat es der 2012 verstorbene Vater Walter innerhalb von vier Jahren selbst gebaut.[4] Steinmeiers Mutter Ursula wohnt bis heute dort, sein Jugendzimmer von einst existiert noch.[5] Vom Haus blickt man direkt auf das Dorf und die umliegende Landschaft. Leise surren die zwei Windräder auf den Hügeln links und rechts. Mehr ist nicht zu hören. Der Durchgangsverkehr rollt am Sonntag erst ab Mittag und auch dann nur leise. Die Umgebung lädt zum Wandern ein, wie es ein grauhaariger Mann zusammen mit seinem Schäferhund am Sonntagmorgen tut und angesprochen auf den prominenten Dorfbewohner umgehend eine Geschichte zu erzählen weiß.

Es ist nur eine eher belanglose Geschichte über den jungen Steinmeier, die erzählt, wie er sich einmal einen Lolli im Laden gewünscht hatte, den die Mutter ihm aber verweigerte. Der Wanderer nimmt diese vermeintliche Begebenheit als Beispiel für die Sparsamkeit, zu der die Eltern ihren Sohn erzogen hätten. Tatsächlich ist es schon eine der größeren Anekdoten über Steinmeier aus jener Zeit. Journalisten, die im Zuge des Wahlkampfes 2009 für zahlreiche Porträts auf die Suche gegangen sind, genauso wie einige Wissenschaftler, die Ähnliches unternahmen, haben nicht die eine große Geschichte aus seiner Kindheit gefunden. Dennoch, so wirkt es bei derlei Gesprächen, freuen sich die Dorfeinwohner über ihren mittlerweile so berühmten Bürger: Er bringt ohne Zweifel ein bisschen Glanz in dieses sonst so bodenständige Leben.

Viel später, als er schon Kanzlerkandidat ist, erinnerte sich Steinmeier einmal an seine Lieblingskinderbücher. Astrid Lindgrens >Wir Kinder aus Bullerbü< habe er gerne gelesen, erzählte er auf einer Veranstaltung.[6] Dabei fällt auf, dass Brakelsiek und Bullerbü durchaus vergleichbar sind - klein, idyllisch, einfach. Auf der Internetseite der Gemeinde heißt es noch im Jahr 2017, dass es »eine[s] der schönsten, vielfältigsten und lebens- und liebenswertesten Dörfer im lippischen Südosten«[7] sei. Das Fazit des Beitrags lautet: »In Brakelsiek im Lipperland ist die Welt noch in Ordnung.«[8] Ein Außenstehender würde diesen Ort vermutlich strukturschwach nennen, wie es so viele Dörfer Deutschlands im 21. Jahrhundert sind.[9] Steinmeier selbst huldigt seiner Heimat zwar, spricht von den »viele[n] gute[n] Erinnerungen«, davon, dass es »viel Zusammenhalt auch ohne große Worte« gegeben habe; »die Leute haben einen Draht zueinander, und ich fühlte mich eigentlich immer gut aufgehoben«.[10] Doch zurückkehren möchte auch er nicht.[11]

Man könnte Brakelsiek eben auch als klein, rückständig und etwas bieder ansehen - nicht das also, was sich der heutige, weltgewandte Bürger zumindest auf Dauer vorstellt. So scheint es auch zum Teil ein trotziger Stolz zu sein, den die Lipperländer immer schon in Bezug auf ihre grüne Idylle verbreiteten. 1970, noch zu Beginn eines in seiner Wirkung nicht absehbaren Strukturwandels, hieß es in einer Sonderbeilage der Lippischen Landes-Zeitung mit dem Titel »Lippe - ein gesunder Wirtschaftsraum mit vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten«:

»Dem Tüchtigen steht die Welt offen. Das ist eine uralte Erkenntnis, sie gilt aber in unseren Tagen in weit stärkerem Maße als noch vor wenigen Jahrzehnten, und das Sprichwort >Bleibe im Lande und nähre dich redlich< ist nicht immer mehr zeitgemäß. Gleichwohl hat es noch seine Bedeutung, zumindest für junge Leute, die eine erste berufliche Ausbildung anstreben. Der lippische Wirtschaftsraum bietet eine bunte Fülle von Möglichkeiten, einen Beruf zu erlernen und hier später auszuüben. Moderne Ausbildungsbetriebe in der Industrie, im Handwerk, im Handel und im Dienstleistungsbereich bieten die Gewähr für eine solide Grundausbildung für die verschiedenartigsten Tätigkeiten mit mannigfachen Aufstiegsmöglichkeiten.«[12]

Diese Beschreibung ist ein Spiegelbild der Gesellschaft zur Zeit von Steinmeiers Jugend, als es noch eher ungewöhnlich war, wegen der Berufsausbildung die Heimat zu verlassen. Ein Bus passiert Brakelsiek im Jahr 2014 nur etwa alle zwei Stunden, zehn Abfahrten gibt es an Schultagen, am Samstag sind es nur fünf, am Sonntag keine. Das war auch damals so. Steinmeier war im Dorf der Einzige seines Jahrgangs,[13] der von der Grundschule ans Gymnasium wechselte. Im Alter von zehn Jahren war das.[14] Die Mutter war dafür, der Vater musste zunächst überlegen,[15] seine Eltern wurden von Steinmeiers damaligem Lehrer ermutigt.[16] Als die Entscheidung anstand, erinnert sich Steinmeier, »gab es für einen solchen Schritt kaum Vorbilder, in meiner Familie nicht und im Dorf genauso wenig«.[17] Und tatsächlich: Sein jüngerer Bruder Dirk wählte eine klassische Lehre und arbeitete bald in einem holzverarbeitenden Betrieb, er blieb im Lande und wohnt auch 40 Jahre später noch im Nachbarort.

Meist sind solche Entscheidungen Weichenstellungen für das gesamte Leben, für den beruflichen Werdegang, die Karriere. Steinmeiers Entscheidung für das Gymnasium, auf dem er übrigens durchschnittliche Noten mit nach Hause brachte,[18] war womöglich eine solche. Fortan jedenfalls pendelte er mit dem Bus ins benachbarte Blomberg, wo seine Schule noch heute steht.

Glaubt man Weggefährten aus jener Zeit, war Steinmeier ein eher ruhiger Typ. Sein damaliger Lateinlehrer etwa erinnerte sich im Stern daran, dass »Frank-Walter [.] noch nie einer [war], der rauspoltert«.[19] Sein Jugendfreund Peter Hausstätter fügte hinzu, dass Frank-Walter »auch mal rumgealbert« habe, »aber im Grunde [.] immer schon ein Ernster und Verschlossener« gewesen sei.[20] Es wäre zu diskutieren, ob das »ernst« und »verschlossen« mit einem besonnenen Temperament gleichzusetzen wäre. Das Fazit dieses Artikels aus jener späteren Zeit, als Steinmeier Kanzlerkandidat war, lautete jedenfalls: »[W]en man auch fragt, Mitschüler und Mitspieler, Freunde und Neider - in einem sind sie sich alle einig: Der Frank war schon okay. Ein ruhiger Typ.«[21] Er war voll in die Dorfgemeinschaft integriert, spielte, wie beschrieben, zehn Jahre lang im Fußballclub des Dorfes.

Der Fußballplatz wurde von den Dorfbewohnern selbst angelegt. Auch Steinmeiers Vater war beteiligt,...

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