Verdammt lang tot

Ein Niederrhein-Krimi
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. November 2019
  • |
  • 270 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-8223-5 (ISBN)
 
Kauzige Camper, ein sympathischer Ermittler und viel Lokalkolorit: Willkommen am Niederrhein!

INHALT: Auch wenn Lukas Born seinen Job als Hauptkommissar bei der Krefelder Polizei los ist, auf seinen kriminalistischen Instinkt ist Verlass. Und die Sache hier stinkt ganz gewaltig. Wolfgang "Wolle" Lodzinski soll in einem Baggersee bei Uedem Selbstmord begangen haben? Völliger Quatsch! Wolle war nicht nur ehemaliger Profi-Schwimmer, sondern auch dabei, endlich in seinem Leben aufzuräumen. Das weiß Born ganz sicher, schließlich kannte er den Toten. Also ermittelt er auf eigene Faust - und gerät schon bald selbst ins Visier des Mörders ...

ÜBER DIE REIHE: Nachdem Hauptkommissar Lukas Born vom Dienst suspendiert wurde, zieht der nun arbeitslose Ermittler auf den Campingplatz "Happy Eiland" im niederrheinischen Labbeck. Zusammen mit Mischlingshund Manolo (Lieblingsgericht: Brötchen mit Leberwurst) versucht Born, sein Leben neu zu ordnen - und stellt als Privatdetektiv unter Beweis, dass er selbst in skurrilen Fällen nach wie vor den richtigen Riecher hat ...

"Erwin Kohl kann's einfach!" Neue Ruhr Zeitung

Lukas Born ermittelt weiter in Band 2: Hopsgegangen.

eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.
weitere Ausgaben werden ermittelt

Erwin Kohl wurde 1961 in Alpen am Niederrhein geboren und hat diese herrliche Tiefebene seither nicht verlassen - derzeit wohnt er mit seiner Familie in Wesel am Niederrhein. Bevor er 2001 mit dem Schreiben begann, arbeitete er u.a. als Taxifahrer, Eisverkäufer, Kinobetreiber, Partnervermittler, DJ und Friedhofsgärtner. Die unterschiedlichen Charaktere, die er während dieser beruflichen Stationen kennen gelernt hat, skizziert er mit besonderem Vergnügen in seinen Regionalkrimis.

Website des Autors: http://www.erwinkohl.de/.


2


Nachdem ich die Brötchenrechnung bezahlt, ein wenig Dauerwurst und Mineralwasser eingekauft habe, besteht meine Barschaft aus 16,45 Euro und der Restmonat aus sieben Tagen. Ich beschließe diese Diskrepanz zu missachten und mir im Steakhaus an der Xantener Marsstraße einen Grillteller aus dem Mittagsangebot zu gönnen. 12,95 mit Getränk. Da kann man nicht meckern. Ich gebe Branco 15 Euro. Vielleicht wäre ein Matjes in Sabines Fischbüdchen an der Gasthausstraße die klügere Wahl gewesen, denn ein Blick auf die Tankanzeige verrät mir, dass Emma Durst hat.

Ich steuere den alten Benz direkt an den Heizöltank auf Wim Schrievers' Hof in Ursel. Ich kenne Wim aus meiner Zeit beim KK 11. Er ist der beste Tatortschnüffler, den sie haben. Der Kriminaltechniker kann einen Tatort lesen wie andere ein Buch. Er stellt scheinbar aus dem Nichts räumliche und zeitliche Zusammenhänge her. In einem Fall hat er anhand einer Libellenlarve, die niemand von uns gesehen, geschweige denn beachtet hätte, nachgewiesen, dass der Fundort nicht der Tatort sein kann. Nach dem Tod seiner Eltern hat Wim deren Hof übernommen und macht seither nebenbei auf Kleinbauer. Im Handschuhfach finde ich Block und Kugelschreiber. Wim dürfte sich um diese Zeit an irgendeinem verruchten Ort auf die Suche nach brauchbaren Spuren machen.

Drei Minuten später ziehe ich den Rüssel aus Emmas Bauch und notiere: »46 Liter, Gruß, Lukas«. In dem Augenblick, als ich den Zettel wie gewohnt unter einem alten Plastikeimer neben dem Tank deponieren will, höre ich Schritte. Mit einer Pfeife in der Hand und einem alten Strohhut auf dem Kopf kommt Wim mir entgegen. Dem 56-Jährigen scheint die Landluft zu bekommen. Er wirkt vital, auch wenn seine Haut allmählich die Struktur von frisch gegerbtem Leder annimmt.

»Was machst du hier?«, frage ich erstaunt.

»Urlaub auf dem Bauernhof und das noch drei sonnige Wochen lang.«

Mit einer Kopfbewegung deutet er auf meinen alten Benz.

»Wieder mal pleite?«

»Woher weißt du das?«

»Da reicht ein Blick auf den Kalender. Mensch, Lukas, so geht's nicht weiter. Rede mal mit dem Alten, gute Polizisten werden ständig gebraucht. Und die Kollegen stehen immer noch wie eine Eins hinter dir.«

Ich schüttele den Kopf. Das Thema ist für mich durch, auch wenn das Disziplinarverfahren noch einen Hinterausgang offengehalten hatte. Für mich war klar, dass sie damit nur auf den Druck der Medien reagiert haben. Die Journaille hat mich zum tragischen Helden hochgejazzt, eine moralische Diskussion entfacht. »Darf ein Polizist einen Kindesentführer mit körperlicher Gewalt dazu zwingen, das Versteck seines Opfers preiszugeben?«, fragten die Gemäßigten unter ihnen, und »Warum hast du das nicht einen Tag eher gemacht?« der Boulevard.

Auch wenn ich diese Art der Berichterstattung verabscheue, muss ich eingestehen, dass das genau die Frage ist, die ich mir seitdem in jeder verdammten schlaflosen Nacht stelle.

»Etwa acht bis zwölf Stunden, Genaueres wird die Obduktion ergeben.« Die Worte des Rechtsmediziners an der Fundstelle des toten Cedric, einem alten Brunnenschacht, haben sich unauslöschlich in mein Bewusstsein gebrannt.

»Cedric hat Durst. Seit vier Tagen. Großen Durst. Wenn ihr mich gehen lasst, kriegt er ein Wässerchen. Aber nur, wenn er vorher lieb zu mir war.«

Meine Faust schmetterte von Hass und Ohnmacht getrieben in sein Lachen. Immer und immer wieder, bis er mir den Aufenthaltsort des Kleinen verraten hatte. Der Kollege vor der Zellentür ». hatte nichts davon mitbekommen. Als KHK Born die Zelle verließ, sah ich den blutüberströmten Häftling auf dem Boden liegen.« Ich nahm ihm die Aussage vor dem Untersuchungsausschuss nicht übel. Im Gegenteil, eigentlich war ich ihm sogar dankbar. Ich würde mich nie wieder mit diesem Abschaum quälen müssen.

Demnächst muss ich mich erneut vor Gericht verantworten. Dem verurteilten Entführer reichten meine Entlassung aus dem Polizeidienst und die Geld- und Bewährungsstrafe nicht. Er hat mich auf Schmerzensgeld verklagt. Auf Staatskosten, versteht sich.

»Vergiss es, Wim. In einer Welt, in der ein pädophiles Arschloch mehr Rechte als ein zehnjähriger Junge hat, will ich kein Polizist sein.«

Wim nickt stumm, kaut dabei auf seiner Unterlippe. Ich weiß auch so, was in ihm vorgeht.

»Schade . gerade jetzt«, murmelt er.

»Was meinst du damit?«

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Dann legt er nachdenklich die Stirn in Falten.

»Drüben bei Uedem ist am Dienstag ein Mann in einem ehemaligen Baggerloch ertrunken.« Er streckt den Arm aus, als könne man den Ort von hier aus sehen, was aber selbst dann nicht möglich wäre, wenn der Niederrhein zwischen der Bauernschaft Willich und Uedem wirklich so flach wäre, wie er gerne beschrieben wird.

»Ein Nachtangler hat die Leiche entdeckt. Der sucht sich vermutlich gerade ein anderes Hobby. Ja, so ist das.« Er macht eine gedankenschwere Pause. Offensichtlich wartet er darauf, dass ich anbeiße. Ich heuchle Desinteresse.

»Deine Frau leitet den Fall. Oder leitete, der Staatsanwalt hat die Ermittlungen aufgrund ihres Berichtes heute Morgen eingestellt.«

»Julia wird ihre Gründe haben«, erwidere ich mit einer lapidaren Handbewegung. Die Skepsis in seinen Augen sorgt bei mir für eine leichte Anspannung. Ich kenne diesen Blick von unzähligen Tatorten. Er steht für Arbeit, für dreckige Arbeit. Wim seufzt, es klingt mühsam.

»Der Typ besaß nicht gerade die Konstitution eines Spitzensportlers, meinte Doc Schneider. Leber, Nieren, Prostata, alles ziemlich im Eimer. Dazu 1,1 Promille. Julia sagt, sie hätten einen Zettel auf seinem Küchentisch gefunden, der sich nach Abschied anhört. Das war das i-Tüpfelchen. Daraufhin haben sie den Deckel zugemacht.«

»Hört sich vernünftig an«, antworte ich in dem Wissen, dass Wim mir das nicht erzählt hätte, wenn er derselben Meinung wäre.

»Seine Uhr war voller Wasser. Warum hat er sie nicht abgenommen?«

»Weil das für ihn kaum noch von Bedeutung war, wenn er vorhatte, sich das Leben zu nehmen.«

»Mag sein. Aber da ist noch etwas: Der Junge wohnte in Uedem, achteinhalb Kilometer von dem See entfernt. Aber sein Fahrrad stand zu Hause. Läuft jemand achteinhalb Kilometer, um sich in einem See zu ertränken?«

Ich würde es nicht machen, aber ich leide auch nicht unter Depressionen. Nur unter Albträumen, einem rabenschwarzen Gewissen und permanenter Geldnot.

»Vielleicht hat er sich dort absetzen lassen«, höre ich mich sagen und bezweifele es sofort.

»Das ist natürlich möglich. Trotzdem bleibt die Frage, warum er nicht mit dem Rad dorthin gefahren ist.«

Allmählich halte ich Wims Skepsis für übertrieben.

»Meine Güte, vielleicht war das Rad kaputt. Kann ja mal vorkommen, oder?«

Über sein Gesicht legt sich ein breites Grinsen. Die Augen leuchten wie die eines kleinen Jungen nach einem geglückten Streich. Wim ist sich sicher, den Fisch an der Angel zu haben.

»Das Fahrrad war okay. Die Kollegen haben es bei ihm zu Hause auf dem Hof gefunden. Der Anhänger voller Flaschen hing noch dran. Warum fährt der Kerl den ganzen Tag über kreuz und quer durch die Gegend, um Flaschen zu sammeln, wenn er sich am späten Nachmittag umbringen will?«

Die Worte fliegen durch meinen Verstand wie der dumpfe Nachhall einer Kirchturmglocke. Ich spüre, wie sich mein Puls beschleunigt. Situationen wie diese kenne ich zur Genüge. Die Wahrheit hat längst den Fuß in der Tür, und doch stemmt man sich mit aller Macht dagegen.

»Hast du den Namen?«

»Wolfgang Lodzinski. Die Leute nannten ihn Wolle. Du müsstest ihn eigentlich kennen, euren Campingplatz fuhr der auch an, habe ich gehört.«

Wolle. Die Gewissheit frisst sich wie eine glimmende Zündschnur durch meinen Körper. Mir ist nicht mehr nach Unterhaltung. Ich verabschiede mich wortlos von Wim.

Mit vollem Bauch nagelt Emma gemütlich durch die freie Republik MUW, wie die Einwohner der Bauernschaften Mörmter, Ursel und Willich ihr kleines Reich nennen. Ich fahre wie in Trance, nehme meine Umgebung kaum wahr. Ein einziges Mal werden meine Tagträume unterbrochen, als mich kurz hinter dem Campingplatz Bremer ein Motorradfahrer in einem Höllentempo überholt.

»Mit dem Umzug auf den Campingplatz haben Sie alles richtig gemacht. Das bringt Sie auf andere Gedanken. Sie sind auf einem guten Weg, Ihr Trauma zu verarbeiten«, sagte Dr. Bernau bei der letzten Sitzung und dass ich nicht alles auf mich laden soll. Ich bemühe mich also um eine möglichst rationale Betrachtungsweise.

Wer war Wolle?

Ein Mensch, der irgendwo auf der Schwelle eines lapidaren Bekannten zum . ja, vielleicht zum Freund aus meinem Leben getreten ist. Ich mochte ihn, klar. Aber ich mochte viele Menschen. Nein, Lukas, das brauchst du nicht tiefer an dich heranlassen.

Als ich kurz hinter Labbeck auf den Parkplatz des Campingplatzes einbiege, geht es mir deutlich besser. Ich amüsiere mich beim Anblick der geschwungenen Holzbohle, die den Eingangsweg überspannt und in der mit großen Lettern HAPPY EILAND eingefräst ist. Mit der Namensgebung hatten die Besitzer des Campingplatzes in einem kreativen Anfall dezent darauf hinweisen wollen, dass ihre freilaufenden Hühner derart viele Eier ins Freiland legen, dass sie bereit sind, diese zu verkaufen. Das hat sich längst herumgesprochen, mittlerweile versorgen die fünfzehn Bio-Hühner von Heike und Jupp problemlos rund 1200 Sommergäste mit dem allmorgendlichen Bio-Freilauf-Frühstücksei aus dem kleinen Bioladen in der ehemaligen Scheune.

Kurz hinter dem Bistro läuft mir Kuschel über den Weg. Kuschels Vorfahren...

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