Mit der Trauer kämpfen

Schmerz und Trauer in der Psychotherapie traumatisierter Menschen
 
 
Klett-Cotta (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Oktober 2011
  • |
  • 249 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-10202-4 (ISBN)
 
Ilany Kogan schildert in Falldarstellungen auch die Begrenztheit therapeutischer Möglichkeiten und Analysen.
Ziel der therapeutischen Arbeit ist es, dem Patienten Trauer zu ermöglichen und ihm zu helfen, seine Hilflosigkeit zu ertragen und seinem Leben einen Sinn zu geben.

ZIELGRUPPE:
- Psychotherapeuten
- Psychoanalytiker
- konfessionelle Berater
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ilany Kogan ist Lehranalytikerin der Israelischen Psychoanalytischen Gesellschaft, Supervisorin in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf, in der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse (MAP) und am Psychotherapeutischen Zentrum für Kinder- und Jugendliche in Bukarest sowie Ausbilderin und Supervisorin an der IPA Psychoanalytic Group in Istanbul. Sie war Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Fritz Bauer-Instituts für Holocaust-Forschung in Frankfurt am Main.
Kogan hat intensive Forschungen mit den Nachkommen der Holocaust-Überlebenden betrieben. 2005 erhielt sie den Elise M. Hayman Award for the Study of the Holocaust and Genocide.
Sie ist weltweit als Ausbilderin und Supervisorin tätig und arbeitet in Tel Aviv in privater Praxis.
INHALT

Vorwort von Marco Conci 9

Einleitung 17

1. Die Abwehr von Schmerz und Trauer 25

ERSTER TEIL

Erschwernisse der individuellen Trauer

2. Ewig jung 39

3. Lust auf Liebe 67

ZWEITER TEIL

Unbewältigte Trauer und ihre Folgen für die Gesellschaft

4.Vom Enactment zur psychischen Repräsentation 97

5.Was es bedeutet, ein totes, geliebtes Kind zu sein 116

DRITTER TEIL

Erschwernisse der Trauer in Zeiten des Terrors

6.Wer bin ich? Trauma und Identität 157

7. Die Funktion des Analytikers in der analytischen Behandlung

in Zeiten chronischer Krisen 174

8. Die Arbeit mit Söhnen und Töchtern von HolocaustÜberlebenden

im Schatten des Terrors 198

Epilog 211

Literatur 221

Dank 240

Nachweise 241

Register 243

Über die Autorin 250
Vorwort


Bis vor einigen Jahren war an den Universitäten nur von »englischer«
und »amerikanischer« Literatur die Rede. Inzwischen gibt es auch
Lehrveranstaltungen für »kanadische«, »australische« oder
»südafrikanische« Literatur. Diese Achtsamkeit auf die kulturelle
Vielfalt ist nun endlich auch in der Psychoanalyse angekommen. Gerade
unter diesem Aspekt können wir Ilany Kogan an erster Stelle als
Repräsentantin der »neuen israelischen Psychoanalyse« vorstellen.

Als Autorin veröffentlicht sie in englischer Sprache, die nicht ihre
Muttersprache ist, um überall in der Welt gelesen und verstanden zu
werden, und es gelingt ihr, Gedanken, Thesen und Erkenntnisse in der
Weltsprache der modernen Psychoanalyse vorzutragen und zu formulieren.
Wie diesem hervorragenden Sammelband zu entnehmen ist, hat Ilany Kogan
die besondere Fähigkeit des Austauschs und der Kommunikation - eine
Kollegin, die sehr gut formulieren und ihre Leser für ihre Themen und
ihre Arbeit eindrucksvoll gewinnen kann.

Diese Tugend, so persönlich in ihre Fallberichte einbezogen zu sein,
wie Ilany Kogan sie häufig zu erkennen gibt, war bis vor einigen Jahren
in der Psychoanalyse nicht geschätzt und schon gar nicht anerkannt.
Heute endlich darf ein Therapeut auch über sich selbst und seine
Erfahrungen sprechen: »Dieser Band ist aus meinen eigenen Kämpfen gegen
die Trauer, deren ich mich auf professioneller wie auch auf persönlicher
Ebene zu erwehren versuchte, hervorgegangen«, bekennt Ilany Kogan
gleich zu Beginn der Danksagung. Die verschiedenen Themen dieses Bandes
betreffen nicht nur ihre jüdische Identität und die lebenslange
Verarbeitung dieses besonderen Schicksals, sondern auch die Art und
Weise, wie sie sich selbst als Person und als Analytikerin erlebt und
entwickelt hat; sie handeln auch von der Überwindung vieler Hindernisse,
die zu ihrer Biographie gehören.

»Was ist Trauer? In diesem Buch«, lesen wir in der Einleitung, »wird sie
als ein Konnex von Prozessen definiert, die dem von einem Verlust
betroffenen Menschen die Weiterentwicklung ermöglichen ... In diesem
Band untersuche ich die Hindernisse, die sich der Trauer
entgegenstellen«. Mit anderen Worten, nur nach einem gelungenen
Trauerprozess wird es möglich, unsere Identität innerlich zu verarbeiten
und zu reorganisieren - Voraussetzung für jede neue Lebensphase. Und
das betrifft nicht nur den Einzelnen, sondern auch ganze Gruppen und
Gesellschaften: Mit ihnen befasst sich die Autorin im zweiten und
dritten Teil dieses Bandes. In der Einleitung bietet sie eine sehr
genaue und einladende Zusammenfassung der acht Kapitel, und sie
formuliert darin ihren gemeinsamen Nenner: »Die Fähigkeit zu trauern und
die Fähigkeit, ein gewisses Maß an Hilflosigkeit zu ertragen und
dennoch einen Sinn im Leben zu finden, sind die in diesem Band
beschriebenen Ziele der analytischen Arbeit.«

Die spezifische Integration von persönlicher und beruflicher Ebene, die diesen Band (wie auch zuvor Der stumme Schrei der Kinder und Flucht vor dem Selbstsein )
auszeichnet, kommt besonders durch die ungewöhnliche Fähigkeit der
Autorin zum Ausdruck, ihr Denken anhand von Fallbeispielen zu
vermitteln, so dass die Leser »das Gefühl« haben können (wie sie selbst
in der Einleitung schreibt), »>anwesend< zu sein und den intimen
therapeutischen Dialog minuziös zu verfolgen«. Eine solche Fähigkeit
(die auch Julia Matthews in ihrer Besprechung des Buches in Psychoanalytic Quarterly sehr schätzt) erinnert an moderne Autoren wie Antonino Ferro und Thomas Ogden.

Gerade diese Methode erlaubt der Autorin auch, uns zu zeigen, wie
stark sie sich an der - in den einzelnen Momenten oder Phasen der
Behandlung entstehenden - Übertragung der Patientin auf die Analytikerin
orientiert. Besonders gut kommt dieser Aspekt in den Kapiteln: »Ewig
jung« und »Lust auf Liebe« des Ersten Teils »Erschwernisse der
individuellen Trauer« zum Ausdruck. »In der Übertragung fühlte ich mich
wie der gewalttätige, erregende Vater-Analytiker«, berichtet die Autorin
in Bezug auf eine schwierige Phase der analytischen Arbeit mit der
Patientin Dina, »die sie wütend machte und von der sie sich gleichzeitig
auf eine unerlaubte Weise angezogen fühlte«. Nicht weniger ambivalent
war die Beziehung der Patientin zu ihrer Mutter, sodass sie »in der
Übertragungsbeziehung sowohl ihre eigene Rolle als auch die ihrer
instabilen Mutter spielte« und dabei der Analytikerin »die jeweils
komplementäre Rolle zuwies«. Es gelang ihr, der Patientin Dina zu
helfen, einen großen Teil ihrer manischen Abwehrmechanismen aufzugeben
und einen echten (wenn auch nur partiellen) Trauerprozess zu durchleben,
aber in der abschließenden Diskussion überlegt die Analytikerin,
inwieweit sie wirklich erfolgreich war.

Drehte sich der theoretische Teil der Diskussion dieses Falles um das
Problem der Beendigung der Analyse, so führt die Autorin im 3. Kapitel -
im Vorfeld zur Vorstellung der Patientin Deborah - das Problem der
»Berührung in der analytischen Behandlung« ein. Eine erfolgreiche Frau
Mitte 40, verheiratet und Mutter von sieben Kindern, versuchte Deborah
»ihre innere Abgestorbenheit durch eine körperliche Beziehung zu einer
Frau - zu mir in der Übertragung - manisch abzuwehren«. Der Analytikerin
gelang es durch ihre konstante Aufmerksamkeit auf die
Übertragungsbeziehung und durch ihre kreative Fähigkeit, Worte zu
finden, durch die sich die Patientin berührt fühlte, was den beiden
schließlich erlaubte, gut zusammenzuarbeiten. Trotzdem kommt die Autorin
in der Diskussion noch auf das Problem der Grenzen unserer Arbeit
zurück. »In Deborahs Behandlung musste ich meine Ziele revidieren«,
heißt es am Ende des Beitrags, »und akzeptieren, dass eine
Kompromisslösung die einzige für meine Patientin akzeptable Lösung war.«


Eine weitere Dimension dieses Bandes, den man auch als eine Reihe von
ineinander verflochtenen Dimensionen verstehen kann, ist der
Trauerprozess selbst, der Ilany Kogan veranlasste, »in den vorliegenden
Band auch Fälle aufzunehmen, die weniger erfolgreich behandelt werden
konnten, und meinen therapeutischen Narzissmus durchzuarbeiten, meine
analytischen Ziele neu zu definieren und über die Grenzen der Therapie
zu trauern« - wie sie in der Einleitung bekennt. Gleichzeitig erleben
wir in diesem lehrreichen und faszinierenden Band auch die dialektisch
entgegengesetzte Dimension: wie sich die Autorin nach Kräften bemüht,
gegen die Begrenzungen anzukämpfen, die unsere therapeutische Arbeit
weniger erfolgreich machen, auch wie sie mit sich selbst kämpft, bis sie
in Kontakt mit den eigenen persönlichen und beruflichen Grenzen kommt.

Diese Dimension ihrer Arbeit kommt im Beitrag »Was es bedeutet, ein
totes, geliebtes Kind zu sein« besonders bewegend zum Ausdruck - dem
umfangreichsten Kapitel des ganzen Bandes: »Unbewältigte Trauer und ihre
Auswirkungen auf die Gesellschaft«. Hier geht es nicht nur um Nurit,
eine Wissenschaftlerin, die als einziges Kind von zwei
Holocaust-Überlebenden aufwuchs und eine Mutter erlebte, die sie als
Ersatzkind für die eigene verlorene Tochter nahm, was die Beziehung der
Patientin zu dieser Mutter und die seelische Entwicklung der Patientin
sehr prägte - hier geht es auch um die Analytikerin oder um »die
spezifischen Gegenübertragungsprobleme, die damit zusammenhingen, dass
ich als Analytikerin derselben Großgruppe angehörte wie meine
Patientin«. Nachdem es ihr gelungen war, der Patientin zu helfen, mit
ihren Emotionen wieder in Kontakt zu kommen, die sie gegenüber der
Mutter hatte verbergen müssen, war die Analytikerin bereit,
»vorbehaltlos ihr bewusstes Gefühl zu akzeptieren, das Opfer einer
Mutter zu sein, die die Realitätswahrnehmung ihres Kindes zerstörte«.
Weniger bereit war sie aber, »ihre Wut auf mich zu ziehen und zu ihrem
Opfer zu werden«, oder der »kritisierenden, verfolgenden Mutter« in der
Übertragungsbeziehung genug Raum zu geben. Wodurch war also diese
Kollusion entstanden? In der Diskussion des Falles kommt die
Analytikerin noch auf den genauen Grund dieser Kollusion zu sprechen (im
Sinne der Ähnlichkeiten der Mutterbeziehung von Patientin und
Analytikerin). Mit exemplarischer Offenheit behandelt sie nicht nur
ihren Gegenübertragungswiderstand, sondern ordnet ihn auch im Sinne des
Konzepts »Regression im Dienste des Anderen« ein. »Dass ich eine Weile
lang Nurits Sicht der Realität als objektive Wahrnehmung akzeptiert
hatte, stärkte ihr Vertrauen in ihren Realitätssinn und ihre psychische
Gesundheit. Dadurch konsolidierte sich unsere therapeutische Beziehung
und wurde zu dem Hintergrund, vor dem wir später versuchen konnten, das
Unbewusste bewusst zu machen.«

Was die Beiträge dieses Bandes so lehrreich macht, besonders für
analytische Kandidaten, aber auch für interessierte Leser, ist die
außerordentliche Fähigkeit der Autorin, psychoanalytische Theorie und
analytische Arbeit so klar gegenüberzustellen und doch zu integrieren.
Gerade dies gehört ja zu den größten Herausforderungen unseres Berufs,
denen nur wenige wirklich gerecht werden - die einen fühlen sich in der
Theorie mehr zu Hause als in der Praxis und bei den anderen verhält es
sich genau umgekehrt. Ein bedeutender Teil der Diskussion des Falles
Dina handelt von den unterschiedlichen Kriterien für die Beendigung
einer Analyse, und die Autorin führt diese Diskussion nicht nur im Fall
Deborah, sondern auch im Fall Nurit weiter. Dabei fasst sie nicht nur
die Literatur zum Thema zusammen, sondern sie erarbeitet auch ihr
eigenes Konzept von »Behandlungs-« und »Lebenszielen«. Besonders
interessant im Fall Deborah ist außerdem der theoretische Rahmen, den
sie in Bezug auf ihre »deutende Aktion« darstellt, und ihre Wertungen
der Arbeiten zahlreicher analytischer Autoren - von Balint bis Anzieu
und von Daniel Stern bis Owen Renik. In jedem Kapitel dieses Bandes
finden wir nicht nur einen faszinierenden klinischen Fall (oder sogar
mehrere), sondern auch vertiefende Darstellungen einiger besonders
wichtiger Theorien zum jeweiligen Fall. Im dritten Teil des Bandes,
»Erschwernisse der Trauer in Zeiten des Terrors«, untersucht Ilany Kogan
in den Kapiteln 7 und 8 das spannende und umstrittene Thema der
Beziehung zwischen innerer Welt und äußerer Realität, das in der
Psychoanalyse lange vernachlässigt wurde. In »Wer bin ich? Trauma und
Identität« besteht der theoretische Teil, der ihre Darstellung der
Geschichte des Protagonisten im Film Hitlerjunge Salomon
begleitet, in der Auseinandersetzung mit der analytischen Literatur über
das Konzept »Identität«, das erst durch Erik H. Erikson in die
Psychoanalyse Eingang fand.

Einerseits liegt also die Stärke der Autorin in der hohen klinischen
und literarischen Qualität ihrer Arbeit, andererseits ist ihre
Sichtweise in mindestens zwei theoretischen Bereichen neu und originell:
an erster Stelle ihr erweitertes Konzept der Trauer, das sie im 1.
Kapitel vorstellt, »Die Abwehr von Schmerz und Trauer«. Es wurde,
zusammen mit dem Epilog, für dieses Buch neu geschrieben. Trauer ist
hier wie im ganzen Band nicht mehr auf den Objektverlust begrenzt,
sondern sie begleitet jede mögliche Trennung, jedes Trauma oder jegliche
Veränderung. In dieser Hinsicht wird ihr Trauerkonzept - wie auch Julia
Matthews unterstreicht - zu »einem integralen Bestandteil jeder
analytischen Behandlung und jeder Übergangsphase in der Entwicklung von
Individuen, Gruppen oder Gesellschaften«.

Theoretisch besonders interessant ist auch das Kapitel des Zweiten
Teils »Vom Enactment zur psychischen Repräsentation« mit den darin
entwickelten Konzepten »Enactment«, »primitive Identifizierung« und
»Loch in der Seele«. Geht es bei dem ersten Konzept um »die
Externalisierung traumatischer Themen der Vergangenheit« und beim
zweiten um »die Unfähigkeit der Nachkommen, zu einer
Selbstdifferenzierung zu gelangen und sich ein eigenes Leben
aufzubauen«, wird das so genannte Loch in der Seele als Zustand
beschrieben, in dem »die bewusste Unkenntnis über den Holocaust (das
Loch) Seite an Seite mit dem unbewussten Wissen um den Holocaust« steht.
Drei klinische Vignetten (Rachel, Hannah und Kay) veranschaulichen
gemäß diesen Konzepten die Dynamik der intergenerationellen Vermittlung
des Holocaust-Traumas.

Sehr lehrreich für uns und im Einklang mit einer der Hauptrichtungen
der modernen Psychoanalyse nimmt Ilany Kogan die Psychoanalyse von Freud
bis in die Gegenwart bei der Entwicklung ihrer eigenen Arbeitsweise zur
Kenntnis. Ganz ähnlich geht auch Stefano Bolognini vor, dessen Buch Die psychoanalytische Einfühlung
ebenfalls auf Deutsch vorliegt. Ilany Kogan bezieht sich auf Freud bei
der Bearbeitung des Themas »Enactment«; ihm war schon damals klar, dass
»das Kommunizieren durch Agieren mindestens ebenso wertvoll wie das
Kommunizieren durch Erinnern« ist. Andererseits unterstreicht die
Autorin den entscheidenden Beitrag Melanie Kleins zur Klärung und
Definition des Konzepts der manischen Abwehrmechanismen. Bei der
Einschätzung des Werts und der Rolle der äußeren Realität vertritt Ilany
Kogan freilich einen genau entgegengesetzten Standpunkt.

Bemerkenswert ist also nicht nur ihre große Offenheit gegenüber den
Hauptströmungen der Psychoanalyse, sondern auch ihre Eigenständigkeit.
Ähnlich groß ist außerdem die Gruppe der zeitgenössischen Autoren, deren
Beiträge Ilany Kogan heranzieht und würdigt. In dieser Hinsicht kann
die periphere Stellung der israelischen - wie auch der italienischen -
Psychoanalyse in unserer Disziplin Vorteile mit sich bringen: einerseits
mit der weltweiten Psychoanalyse (und nicht nur mit einer bestimmten,
an einem Ort wie London oder New York führenden Schule) in Kontakt zu
kommen, andererseits auch kritische Distanz zu den einzelnen
abweichenden Schulen aufrechtzuerhalten. Auch in diesem Sinne sprach ich
am Anfang von der »neuen israelischen Psychoanalye«, zu der auch die
allzu früh verstorbene Kollegin Ruth Stein und Emanuel Berman gehören.
Es ist die lingua franca , die »freie Sprache« der heutigen Psychoanalyse, die Ilany Kogan so gut vertritt.

Sie war noch Ausbildungskandidatin, als sie im Juli 1985 bei der
Hamburger Tagung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
anstelle des todkranken Hillel Klein den von ihnen gemeinsam
vorbereiteten Vortrag »Identification and denial in the shadow of
Nazism« hielt (vgl. die Vorbemerkung in ihrem Buch Der stumme Schrei der Kinder ),
und sie nahm an den meisten nachfolgenden Tagungen der IPV aktiv teil.
Sie stellte nicht nur bei diesen Gelegenheiten regelmäßig ihre eigenen
Arbeiten vor, sie beteiligte sich auch aktiv am internationalen
psychoanalytischen Diskurs, in dem sie in den letzten Jahren führend
geworden ist. Auch einige Beiträge dieses Bandes hat sie zunächst bei
IPV-Tagungen in Amsterdam, Barcelona und New Orleans vorgestellt, und
ihre profunde Kenntnis der psychoanalytischen Weltliteratur ist eher dem
lebendigen Austausch mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen zu
verdanken als nur der einfachen Lektüre von Büchern und Zeitschriften.
Eine solche Bereitschaft zur Kommunikation, die zweifellos auch zu ihrer
außerordentlichen Fähigkeit beiträgt, Theorie und Praxis zu
integrieren, ist unter Fachkollegen nicht so leicht zu finden.

Diese Hingabe an die kommunikative Psychoanalyse mag auch erklären,
warum Ilany Kogan den ihr von Hillel Klein übertragenen »Auftrag zur
Fortsetzung« (vgl. die oben zitierte »Vorbemerkung«) so hervorragend
erfüllte: einerseits den Nachkommen der Holocaust-Überlebenden zu
helfen, die Last der Vergangenheit zu bearbeiten, und andererseits das
von H. Klein begonnene Projekt konsequent weiterzuführen und immer neue
Brücken zur deutschen psychoanalytischen Gemeinschaft aufzubauen. Als
sympathische, warmherzige und altruistische Persönlichkeit ist sie seit
vielen Jahren nicht nur durch ihre Vorträge, sondern auch durch
regelmäßige Supervisionstätigkeit (in Frankfurt, Hamburg, München und
Aachen) an der Weiterbildung vieler deutscher Kolleginnen und Kollegen
beteiligt. Dazu gehört auch die deutsche Ausgabe dieses neuen Bandes,
den Elisabeth Vorspohl ins Deutsche übersetzte. Jane Kite bezeichnete
den Band am Ende ihrer Besprechung im International Journal of Psychoanalysis
als »an enormously creative personal and professional autobiography«,
und dem kann man nur zustimmen, wenn man sich bei der Lektüre auf eine
besondere Analytikerpersönlichkeit und ihr einzigartiges Schicksal
einlässt.

München, im Juli 2010 Marco Conci

Einleitung

Gib Worte deinem Schmerz: Gram, der nicht spricht, Presst das beladne Herz, bis dass es bricht.

WILLIAM SHAKESPEARE, MACBETH, IV.III

»Wir alle trauern: C'est la condition humaine « - mit diesen
Worten beschrieb Henri Parens (2001) die Unmöglichkeit, das Leben
abzuschirmen gegen das, was nicht abzuwenden ist, sei es der Verlust der
vertrauten Umgebung, das Alter oder der Tod. Doch nicht immer können
wir trauern, denn häufig nehmen wir die Realität verzerrt wahr oder
verleugnen unsere Verluste.

Was ist Trauer? In diesem Buch wird sie als ein Konnex von Prozessen
definiert, die dem Menschen, wenn er von einem Verlust betroffen wurde,
die Weiterentwicklung ermöglichen. Dazu zählen die Anerkennung der
Realität und die Neuanpassung an die veränderten Umstände. Trauer
bedeutet, die eigene, chronische Verwundbarkeit für Verlust und Verrat
sowie die persönlichen Grenzen und die Endlichkeit allen Lebens
anzuerkennen. Der Schmerz, der sich mit dem Gewahrwerden dieser
Verlustreaktionen einstellt, macht es uns bisweilen unmöglich, den
Trauerprozess zu durchlaufen. Häufig versuchen wir, uns vor diesem Leid
mit Hilfe verschiedenartiger Abwehrmechanismen zu schützen.

Die Trauer ist notwendig, weil sie uns in die Lage versetzt, auf
Bindungen und Einstellungen zu verzichten, die ihren Sinn in der
Realität verloren haben; deshalb fördert sie das psychische Wachstum und
die Weiterentwicklung. Freud (1912-13a) definierte das Resultat der
Trauerarbeit folgendermaßen: »Die Trauer hat eine ganz bestimmte
psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die Erinnerungen und
Erwartungen der Überlebenden von den Toten ablösen« (S. 82). Anna Freud
([1960] 1987) fasste diese Definition in andere Worte: »Trauerarbeit im
analytischen Sinn bedeutet für uns den Versuch, eine äußere Tatsache
(Verlust des besetzten Objekts) zu akzeptieren und entsprechende innere
Veränderungen (Abziehung der Libido vom verlorenen Objekt,
Identifizierung mit ihm) herbeizuführen« (S. 1782). John Bowlby (1960)
verstand unter Trauer den psychischen Prozess, der durch den Verlust des
Liebesobjekts ausgelöst wird, und war der Ansicht, dass dieser Prozess
normalerweise den Verzicht auf das Objekt nach sich zieht.

Das Durcharbeiten des Trauerprozesses führt schließlich zu einer
besseren Differenzierung zwischen Selbst und Objekt, Vergangenheit und
Gegenwart, Realität und Phantasie. Es bewirkt auch eine Reorganisation
des Ichs und eine reibungslosere Interaktion zwischen der inneren und
der äußeren Welt. Der Trauerprozess erleichtert die Integration
dissoziierter Selbstanteile und die Konsolidierung des Identitätsgefühls
(Grinberg, 1992).

In diesem Buch untersuche ich die Hindernisse, die sich der Trauer
entgegenstellen. Mit Hilfe von Fallbeispielen versuche ich, ein
Verständnis der Erschwernisse der Trauerarbeit in spezifischen
Situationen zu vermitteln und das therapeutische Instrumentarium zu
beschreiben, das zur Einleitung einer gesunderen Weiterentwicklung
benutzt wurde. Das Buch konzentriert sich in erster Linie auf
verschiedenartige Abwehrmechanismen, ihre Funktion und Relevanz, sowie
auf die Schwierigkeit, sie aufzugeben. Es wirft gleichfalls Licht auf
die problematischen Situationen, vor die ich mich als Behandlerin in
diesen Kontexten gestellt sah.

Ich habe im Laufe der Jahre erkannt, dass ich mein Denken am besten
anhand von Fallbeispielen vermitteln kann. Deshalb erforsche ich die
langwierige und beängstigende Reise zur Trauer, indem ich detailliert
über die Analysen von Patienten berichte, die mannigfaltige
Abwehrmechanismen aktivierten, um den Schmerz, welcher der Trauer
innewohnt, nicht erleiden müssen. Viele Berichte werde ich mit Auszügen
aus meinen Stundenprotokollen illustrieren. Sie sollen dem Leser das
Gefühl vermitteln, »anwesend« zu sein und den intimen therapeutischen
Dialog minuziös zu verfolgen, um die Probleme und Schwierigkeiten
kennenzulernen, die Verlusterfahrungen sowohl für die Patienten als auch
für die Analytikerin mit sich bringen.

Eine Bemerkung über mein erstes Buch, Der stumme Schrei der Kinder (1995,
deutsch 2009), fand in mir Widerhall und diente mir als Auslöser, um
das vorliegende Buch zu schreiben. »Alle Behandlungen, über die du in
deinem Buch berichtest, verliefen erfolgreich«, lautete der besagte
Kommentar. Als ich darüber nachdachte, fragte ich mich, inwieweit wir
als Analytiker die Entscheidungen mitbestimmen, die unsere Patienten in
der Analyse und in ihrem Leben außerhalb des Behandlungszimmers treffen.


Poland (2006) hat dies wunderschön formuliert: »Der Analytiker ist ein
Übersetzer, und der Übersetzer hat kein Recht, zu bestimmen, wie der
Patient/der Autor diese Geschichte weiterlaufen lässt, oder auch nur,
für welchen Schluss er sich entscheidet. Die Aufgabe des Analytikers,
Fragen zu stellen, schmälert nicht im Geringsten das Recht des
Patienten, individuelle, persönliche Antworten zu geben.« Und
tatsächlich beruhte das erfolgreiche Behandlungsergebnis in vielen
meiner Fälle weitgehend auf einer Entscheidung, die der Patient
getroffen hat. Gleichwohl war es meine eigene Entscheidung, in jenem
ersten Buch vorwiegend Behandlungen mit erfolgreichem Ausgang
vorzustellen - offenbar ein Ausdruck meiner omnipotenten Phantasien über
das, was die Therapie zu erreichen vermag. Diese Erkenntnis hat mich
bewogen, in das vorliegende Buch auch Behandlungen aufzunehmen, die
weniger erfolgreich ausgingen, und meinen therapeutischen Narzissmus
durchzuarbeiten, meine analytischen Ziele neu zu definieren und über die
Grenzen der Therapie zu trauern.

Schafer (1973) beschrieb, welch weitreichende persönliche Folgen die
Grenzen der Analyse für den Therapeuten haben: »Sie zwingen ihn
anzuerkennen, dass seine Effektivität als Heiler ziemlich begrenzt ist,
das heißt, dass wichtige narzisstische Vorstellungen, die er von sich
selbst hat, und Ideale, an denen er sich orientiert, durch Erfahrung
radikal widerlegt werden. Die Wurzeln dieser Vorstellungen und Ideale
gründen in infantilen Omnipotenzphantasien, die niemals vollständig
aufgegeben werden« (S. 138).

Das Buch beschreibt Behandlungen, die mich mit den Grenzen meiner
therapeutischen Fähigkeiten konfrontierten und in denen die analytischen
Ziele mit mehr oder weniger großem Erfolg erreicht wurden. Wie wir
»analytische Ziele« definieren und welch unterschiedliche Bedeutungen
die Therapeutin beziehungsweise die individuellen Patienten mit einer
»erfolgreichen« Therapie verbinden, werde ich in einigen Kapiteln
ebenfalls diskutieren.

Im ersten Teil des Buchs, Kapitel 1 und 2, erforsche ich die manischen
Abwehrmechanismen und die Verleugnung. Zur Illustration dienen Berichte
über Patienten, deren manische Abwehr ihnen das Überleben ermöglichte,
weil diese Abwehr sie vor Fragmentierung und psychischem Tod schützte.
Die beiden Kapitel lassen weder die Zweifel außer Acht, die mich als
Analytikerin bei dem Gedanken plagten, welch hohen Preis die Patienten
für den Verzicht auf diese Abwehrmechanismen zahlen müssen, noch meine
Schwierigkeiten, sie auf ihrem steinigen Weg zur Trauer zu führen.

Im zweiten Teil verlasse ich die individuelle Ebene, um die
Auswirkungen der unbewältigten Trauer auf Großgruppen zu beschreiben. In
den Kapiteln 4 und 5 konzentriere ich mich insbesondere auf die
intergenerationelle Weitergabe des Holocaust-Traumas und der damit
verbundenen traumatischen Phantasien in Israel sowie auf die Folgen, die
diese Transmission für eine ganze Generation hat. Die Integration der
Opfer- und Täter-Selbstrepräsentationen, die auch jene beeinflusst, die
nicht direkt vom Holocaust betroffen waren (Moses, 1993; Volkan, 1998;
Volkan et al., 2002; Brenner, 2002a), hat in weiten Teilen der
israelischen Gesellschaft ihre Spuren hinterlassen. Auch dieses Thema
wird in den Kapiteln des zweiten Teils erörtert. Das klinische Material
veranschaulicht, welche Methoden die Nachkommen der
Holocaust-Überlebenden zu Hilfe nehmen, um mit dem Schmerz und der
Trauer, die ihnen von den Eltern vermittelt wurden, umzugehen. Erforscht
werden Inszenierungen und wiedergutmachende Abwehrmethoden, die zum
Beispiel in kreativer Tätigkeit Ausdruck finden.

Während der zweite Teil des Buchs nach Antworten auf die Frage sucht,
wie sich die unbewältigte Trauer von Eltern, die den Holocaust überlebt
haben, in normalen Lebenssituationen auf ihre Kinder auswirkt, erforscht
der dritte und letzte Teil die Unfähigkeit zu trauern in akut
lebensbedrohlichen Situationen sowie die Schwierigkeiten, im Schatten
des Terrors die Psychoanalyse zu praktizieren. Das erste Kapitel dieses
Teils unterscheidet sich insofern von allen übrigen, als es einen Film
zum Gegenstand psychoanalytischer Betrachtungen macht, nämlich das Werk Hitlerjunge Salomon ,
das vom Fehlen der Trauer und dessen Auswirkungen auf die Identität des
Titelhelden handelt. Die beiden letzten Kapitel sind dem Thema
»Psychoanalyse im Schatten des Terrors« und dem Eindringen der
traumatischen äußeren Realität in die Behandlung gewidmet. Das 8.
Kapitel veranschaulicht, wie sich die traumatische äußere Realität mit
der inneren Realität verflechten und auf diese Weise die manischen
Abwehrmechanismen intensivieren kann; betroffen sind davon insbesondere
die Kinder von Holocaust-Überlebenden, die häufig von der traumatischen
Vergangenheit ihrer Eltern gefangen gehalten werden.

Wenngleich ich das Eindringen der äußeren traumatischen Realität in
die Behandlung unter dem Blickwinkel meiner klinischen Erfahrung
schildere, die ich in Israel in Situationen der chronischen Krisen
gesammelt habe, ist das Thema meiner Ansicht nach von genereller
Relevanz. Die Ereignisse, die sich am 11. September 2001 in den
Vereinigten Staaten abspielten, und die Bombenanschläge in London und
Madrid, deren Opfer verstümmelt oder getötet wurden, verursachten tiefes
Leid, Zerstörungen ungeheuren Ausmaßes und Traumatisierungen auf
individueller wie auch kollektiver Ebene. In solchen Zeiten als
Analytiker zu praktizieren wirft immense Probleme auf: »Ich bin nicht
sicher, ob man jemals hinreichend vorbereitet oder >ausgebildet< sein
kann, um zu wissen, was man in solchen Situationen sagen soll«, schreibt
Brenner (2002b). Nach meiner Erfahrung erfordert die analytische Praxis
im Schatten des Terrors, dass sich der Analytiker mit bestimmten
behandlungsrelevanten Themen auseinandersetzt: mit der Beeinflussung der
Abwehr beider Partner des analytischen Paares durch die traumatische
Realität und mit der Rolle des Analytikers in einer Situation, in der
beider Leben gefährdet ist. Das bedeutet, dass der Analytiker seine
eigenen Reaktionen auf die äußere Realität erkennen und anerkennen muss.


Die wichtigsten Fragen, die ich in diesem Buch stelle, lauten: Wie
hilft der Analytiker dem Patienten, mit Schmerz und Trauer in Berührung
zu kommen? Ist der Verzicht auf Abwehrmechanismen immer wünschenswert?
Und welche Funktion kommt dem Analytiker in diesen Fällen zu? Sollte er
sich bemühen, seinen Patienten das Aufgeben von Abwehrmechanismen zu
erleichtern, die sie womöglich als unabdingbare Voraussetzung ihres
ohnehin prekären psychischen Überlebens betrachten? Oder sollte er sie
auf ihrem Weg zur Selbstentdeckung begleiten, an dessen Ende der
Verzicht auf die Abwehrmechanismen stehen kann, aber nicht stehen muss,
wenn der Patient mit den Schmerz- und Trauergefühlen konfrontiert wird,
die dem Trauma inhärent sind? Der Einsatz verschiedenartiger
Abwehrmechanismen und die daraus resultierende unerledigte Trauerarbeit
spiegeln die Intensität der Angst und Qual wider, die den Patienten auf
seinem Weg zur Trauer begleiten. Die Fähigkeit zu trauern und die
Fähigkeit, ein gewisses Maß an Hilflosigkeit zu ertragen und dennoch
einen Sinn im Leben zu finden, sind die in diesem Buch beschriebenen
Ziele der analytischen Arbeit.

Die klinischen Kapitel illustrieren den Weg, der über Schmerz und
Trauer zu einem kohärenteren, besser integrierten Selbst führt. Im
Folgenden fasse ich sie kurz zusammen.

Im 2. Kapitel, »Ewig jung«, beschreibe ich den Weg
einer Patientin von der manischen Abwehr zur Trauer unter dem
Blickwinkel der Beendigungsphase ihrer Analyse. In dieser Phase müssen
sich beide Beteiligte des analytischen Paares ihren omnipotenten
Vorstellungen über das Leben und über die Psychoanalyse stellen.
Illustriert wird das Thema mit Hilfe der Fallgeschichte einer
vierzigjährigen Frau, die ihre Sehnsucht nach ewiger Jugend und
Unsterblichkeit durch obsessive Bemühungen, ein drittes Kind zu gebären,
zu stillen versuchte. Die Geburt des Kindes war ein omnipotentes
Enactment, das der Verleugnung der inneren wie auch der äußeren Realität
diente. Die Diskussion zeigt, welchen Einfluss die Angst vor
Weiterentwicklung, Alter und Tod auf beide Beteiligte ausübte; sie macht
deutlich, wie schwierig es für die Analytikerin war, der Versuchung zu
widerstehen, diese depressive Angst in einer Kollusion mit der Patientin
zu meiden.

Im 3. Kapitel, »Lust auf Liebe«, berichte ich über
die Behandlung einer Patientin, die der Abgestorbenheit ihrer Gefühle
und ihren Selbstschädigungsphantasien erotische Aktivitäten -
homosexuelle Affären und die Arbeit in einer Klinik für Sexualtherapie -
entgegensetzte, um sich lebendig fühlen zu können. Ihre hartnäckige
Forderung, die Analytikerin zu berühren und von ihr berührt zu werden,
stellte die Fortführung der Therapie in Frage. Gleichzeitig war zu
befürchten, dass sie auf eine gefährliche Weise agieren würde, wenn die
Analytikerin ihr nicht irgendwie entgegenkäme. Geschildert wird, wie
eine verbale Interaktion mit der Analytikerin, die von der Patientin als
körperliche Berührung erlebt wurde, die Fortsetzung der Analyse und das
Durcharbeiten der manischen Abwehrmechanismen ermöglichte.

Das 4. Kapitel, »Vom Enactment zur psychischen
Repräsentation«, handelt von den Folgen der traumatischen
Holocaust-Vergangenheit für die Kinder der Überlebenden. Diese
versehrten Eltern, die ihre Trauer nicht bewältigen konnten, haben
Aggression und Schmerz häufig an die Nachkommen übertragen. Dies hat
eine ganze Generation beeinträchtigt und sich auch auf die Gesellschaft
insgesamt ausgewirkt. Ich untersuche hier, wie Nachkommen von
Holocaust-Überlebenden die Trauer, die ihre Eltern an sie weitergegeben
haben, durch den Mechanismus der Inszenierung - des Enactment - zu
meiden versuchen. Fallmaterial illustriert den Prozess, der die
Inszenierung in psychische Repräsentation transformiert und damit die
Voraussetzung für den Beginn der Trauerarbeit schafft.

Im 5. Kapitel, »Was es bedeutet, ein totes geliebtes
Kind zu sein«, beschreibe ich ausführlich die langwierige Analyse einer
Patientin, die zum Ersatzkind für ihre Eltern wurde, nachdem beide im
Holocaust ein Kind aus ihren früheren Ehen verloren hatten. Im Zentrum
der Analyse standen die omnipotente Phantasie der Mutter, ihr totes
geliebtes Kind durch das lebende Kind wieder zum Leben zu erwecken, der
Einfluss dieser Phantasie auf die Mutter-Kind-Beziehung und ihre
Auswirkungen auf die Charakterstruktur des Kindes. Darüber hinaus
erhellt die Falldiskussion die Gegenübertragungsschwierigkeiten der
Therapeutin, die derselben traumatisierten Großgruppe angehört wie die
Patientin.

Das 6. Kapitel, »Wer bin ich? Trauma und Identität«, ist eine psychoanalytische Untersuchung über den Film Hitlerjunge Salomon.
Dieser Film handelt von einem jüdischen Jungen, der während des
Holocaust von einem Land ins andere und von einer Kultur in die andere
flüchtet, um sein Leben zu retten. Er verbringt mehrere Jahre in einer
Eliteschule des NS-Regimes, wo er sich erfolgreich als Arier ausgibt.
Das Kapitel illustriert, dass das Blockieren der Trauer in
lebensgefährlichen Situationen tatsächlich dem Überleben dienen kann,
und untersucht den emotionalen Preis, der dafür zu zahlen ist.

In Kapitel 7 und 8 beschreibe ich Patienten, deren
manische Abwehr durch die Konfrontation mit einer traumatischen äußeren
Realität verstärkt wurde. Weil diese Analysen unter dem Schatten des
Terrors stattfanden, tauchten besondere Schwierigkeiten auf. Beide
Kapitel zeigen, dass die Wahrnehmung der bedrohlichen äußeren Realität
das Holocaust-Trauma im Unbewussten von Individuen aktiviert, die direkt
oder indirekt vom Holocaust betroffen waren, und deshalb Folgen für
einen Großteil der israelischen Gesellschaft hat.

Im 7. Kapitel, »Die Funktion des Analytikers in der
analytischen Behandlung in Zeiten chronischer Krisen«, untersuche ich
die problematische Rolle, die dem Analytiker/der Analytikerin in
Krisenzeiten zukommt, und den Einfluss der gemeinsamen
lebensbedrohlichen Situation auf die Abwehr beider Partner des
analytischen Paares.

Im 8. Kapitel, »Die Arbeit mit Söhnen und Töchtern
von Holocaust-Überlebenden im Schatten des Terrors«, untersuche ich die
Auswirkungen traumatischer äußerer Reize auf die Realitätswahrnehmung
und auf die Abwehrmechanismen der Kinder von Holocaust-Überlebenden.


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