Die Chefin

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. März 2015
  • |
  • 308 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96974-1 (ISBN)
 
Marie Sanders Leben ist in Schieflage geraten. Bei der erfolgreichen Rocksängerin, von allen nur »Die Chefin« genannt, läuft's nicht mehr. Es sitzt sich nur noch. Und zwar im Rollstuhl. Schlaganfall, zwei Tage nach ihrem vierzigsten Geburtstag. Also ideale Voraussetzungen, um die Verfolgung einer verbrecherischen Bande aufzunehmen. Um sich auf eine Odyssee durch halb Europa zu begeben. Um sich in einen selbstverliebten Bodybuilder zu verlieben. Um zwei Kindern ihre Eltern wieder zu geben. Um das Leben neu zu atmen.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
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  • 1,65 MB
978-3-492-96974-1 (9783492969741)
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[3] Marie wusste nicht, warum, aber sie fühlte sich am nächsten Morgen so leicht wie schon lange nicht mehr. Eine Stimmung, die so ganz anders war als die der vergangenen Monate, in denen sie auch noch die letzten Reste ihres verbliebenen Lebensglücks mit dem lähmenden Gips ihrer dunklen Gedanken verspachtelt hatte. Ihre Freunde machten ihr permanent Vorhaltungen, dass sie mehr und härter an sich arbeiten müsse, dass sie ihre therapeutischen Übungen ernster nehmen solle und dass sie nicht genug für die Wiederherstellung ihres lädierten Körpers tue.

Sie sagte dann immer: »Klar, mache ich, für den nächsten Marathon habe ich mich schon angemeldet!«

Aber sie war nun mal kein Leistungssportler, der es gewohnt ist, mit eiserner Disziplin zu kämpfen und zu trainieren. Wie kann man das von einem Menschen, der nie extrem viel Sport getrieben hat, plötzlich erwarten? Sie war doch nicht faul, sie war nur physisch etwas konservativ.

Amtsärzte dagegen versuchten permanent, den Grad ihrer Behinderung kleinzureden. Neulich fragte sie eine neurologische Ärztin allen Ernstes, ob sie denn ihren Haushalt alleine erledigen würde. »Ja, wie denn? Mit einem Arm? Und meine Füße haben diesbezüglich noch kein Talent! Aber wenn Sie meinen, dann geh ich demnächst morgens nach dem Aufstehen erst mal in die Küche, guck mir das schmutzige Geschirr vom Vortag an und schwinge dann munter meine Spülaxt. Alles, was dabei kaputtgeht, ist dann praktisch sauber, weil nicht mehr existent! Und was heil bleibt, hat eben Pech, muss puppenlustig so lange vor sich hin schimmeln, bis der linke Arm wieder funktioniert. Oder warten, bis es von der Spülaxt bei der nächsten Runde getroffen wird!«

Es war nicht so, dass sie gänzlich in Depressionen versunken war, sie war es einfach nur satt, auch gedanklich dauernd zu kämpfen und dauernd positiv denken zu müssen.

Unzählige Psychoratgeber, Glücksexperten und Gute-Laune-Propheten wollen den Leuten heutzutage weismachen, man müsse nur richtig denken und schon gebe es keine Probleme mehr auf der Welt. So ein Quatsch! Genauso wie: »Lächle und die Welt lächelt zurück!« Marie wollte aber nicht immer lächeln. Man lächelt doch nur, wenn es einen Grund dafür gibt. Sollte sie eines Tages zum Beispiel Wladimir Putin über den Weg laufen, dann würde sie ihn nicht anlächeln wollen, sondern ihm lieber eins in die Fresse hauen.

»Mein Gott!«, sagte sie sich. »Ich bin ein Homo sapiens und keine Grinsekatze!«

Als Marie hatte feststellen müssen, dass ihr Kopf es müde war, immer nur positiv zu denken, musste sie auch feststellen, dass stattdessen ein Unwetter in Form dunkler Gedankenwolken und bedrohlicher Geistesblitze in ihm aufgezogen war. Sie hatte eindeutig ein böses Tief erwischt. Der Zug ihrer Gedanken war entgleist und es sah so aus, als hätte es keine Überlebenden gegeben.

Doch dieser Zustand war seit heute Morgen plötzlich wie weggeblasen. Sie schaute zur Küche hinüber und fragte sich, ob das wohl mit ihrem Besuch zusammenhing. Es konnte eigentlich nicht sein, denn der Kerl, der dort lautstark seine Anwesenheit kundtat, war doch eigentlich gar nicht ihr Typ.

»Und? Hast du den Zucker gefunden?«, rief sie quer durch ihre Wohnung und erhielt als Antwort nur lärmende Geräusche von klirrendem Geschirr und polternden Töpfen.

»Nicht, dass du das irgendwie falsch verstanden hast. Du solltest uns nur einen Kaffee kochen und nicht gleich die ganze Küche abreißen. Verstehst du?«

Immer noch keine Antwort aus dem Raum am anderen Ende ihres Wohnzimmers.

»Ich weiß auch nicht, wie ihr Männer es immer schafft, euch ein einziges Spiegelei zu braten und dabei gleichzeitig die komplette Küche zu verwüsten. Der Mann meiner Freundin Suse hat neulich selbstständig Wasser gekocht. Hinterher musste Tine Wittler mit einem dreißigköpfigen Handwerkerteam zur Grundsanierung anrücken. Ich bin ja auch der festen Überzeugung, dass die Welt nicht durch einen spontanen, nicht erklärbaren Urknall entstanden ist. Ich bin mir sicher, das Universum war ursprünglich ein frisch geputztes Badezimmer, das im Chaos endete, weil Gott versucht hat, sich zu rasieren!«

Endlich hörten die Geräusche von nebenan auf und stolz wie Johann Lafer nach der Zubereitung eines Siebzehn-Gänge-Menüs stand der Meisterkoch mit zwei Tassen Kaffee im Türrahmen.

»Hast du mir überhaupt zugehört, Tarzan?«, griente Marie ihn an.

»Ich heiße nicht Tarzan, ich heiße Tarkan! Das weißt du genau!«, kam es missmutig zurück.

»Ja! Du siehst aber eher nach Tarzan aus! Ich mein, mit deinen ganzen Karnevalsmuskeln, die du dir mühsam antrainiert hast. Ich muss das ja jeden Abend mit ansehen, wie du drüben in deiner Fitnesshölle Eisen pumpst.«

Tarkan reagierte nicht, all ihre um Lockerheit bemühten Sprüche schienen an ihm abzuprallen. Er machte weder den Eindruck, dass er sich von ihnen provoziert fühlte, noch dass er sie in irgendeiner Art lustig fand. Er schaute ihr beim Reichen der Tasse nur eindringlich in die Augen, verharrte so einen Moment und sagte dann beiläufig: »Ich weiß, dass du darauf stehst.«

Sie verschluckte sich fast am Kaffee. Was erzählte er da? Das war völliger Unsinn! »Nee! Also, wenn du meine ehrliche Meinung hören willst: Du siehst aus wie 'n frisch rasiertes Mammut, und dein Oberkörper erinnert mich an ein mit Walnüssen vollgestopftes Kondom!«

»Und warum schaust du mir dann jeden Abend beim Training zu?«

»Das sind Naturstudien. Für mich ist das wie eine Tierreportage auf Discovery Channel: Neueste Berichte aus dem Leben der Primaten und Alphatierchen.«

»Du interessierst dich für Menschenaffen?«

»Klar, würde ich sonst mit dir reden?«

Ein ganz leichtes Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln, doch er schluckte es wie einen hängen gebliebenen Brotkrümel augenblicklich wieder herunter.

»Und du hältst mich also für ein Alphamännchen! Danke für das Kompliment!«

»Du musst ein Alphamännchen sein. Wie sonst kann man seinen Arsch nur so selbstsicher durch die Welt tragen? Das ist das typische Imponiergehabe von Primaten!«

»Na und? Was ist daran so schlimm, wir stammen doch alle vom Affen ab.«

Mittlerweile fing sie an, Spaß daran zu finden, sich mit ihm zu streiten: »Dass wir alle vom Affen abstammen, ist doch gar nicht die Frage, sondern die Frage ist, wie viele Generationen dazwischenliegen. Wenn du in den Zoo gehst, musst du dich garantiert am Ausgang immer ausweisen, damit sie dich wieder rauslassen, oder?«

Er nahm einen Schluck Kaffee, ließ diesen gurgelnd die Kehle hinunterlaufen und zeigte keinerlei Reaktion. Marie gelang es einfach nicht, ihn aus der Reserve zu locken. »Wahrscheinlich erzählst du mir gleich, dass du als Alphamännchen auch diesen enormen Drang besitzt, möglichst viele Weibchen zu begatten. Aber nicht aus Eigennutz, sondern zum Wohle der Menschheit - weil du weißt, dass deine Gene echte Qualitätsgene sind und weitergegeben werden sollten.«

»Qualitätsgene! Danke! Schon wieder ein Kompliment.«

»Ganz und gar nicht! Denn Alphamännchen sind in Wahrheit echte Luftkoteletts. Wusstest du zum Beispiel, dass im Tierreich die Schimpansen-Rudelführer den Rekord für die schnellsten Quickies halten? Drei Sekunden! Da wird Cheetah nicht oft auf ihre Kosten kommen.«

Er leerte seine Tasse, stellte sie auf den Tisch und ging einen halben Schritt auf sie zu.

»Weißt du was? Ich glaube, wenn du damals bei King Kong die weiße Frau gewesen wärst - der Affe hätte dich nach zehn Minuten wieder an den Marterpfahl zurückgehängt!«

Jetzt war sie es, bei der ein leichtes Lächeln auf den Mundwinkeln zuckte.

»Dabei träumst du doch insgeheim auch von King Kong. Würdest du mich sonst so oft beobachten?«

»Du meinst, ich träume von der archaischen Wildheit und dem Animalischen, das in euch Männern nun mal drinsteckt, weil es eure Natur ist? Du hast sie ja nicht mehr alle, Tarzan!«

»Ich heiße Tarkan!«, knurrte er zurück. »Ich bin auch nicht der König des Dschungels. Höchstens der König der Dummköpfe«, fügte Tarkan leise hinzu.

Auf Maries fragenden Blick fuhr er fort: »Früher war ich mal Polizist, hab aber wegen illegalem Handel mit anabolen Steroiden meinen Job verloren und schlage mich heute als Türsteher durch.«

Er schaute sie herausfordernd an und setzte sich lässig auf die Kante des giftgrünen Tisches. Ein Bein blieb auf dem Boden, das andere stellte er auf die Lehne ihres Rollstuhls. Marie hatte sofort den Impuls, ein Stück von seinem Bein wegzurücken, da sich seine Geste viel zu intim anfühlte. Doch dann ließ sie es geschehen. Er beugte sich zu ihr hinüber, und nun endlich öffneten sich seine Gesichtszüge wie ein Vorhang, durch den man das Sonnenlicht ins Zimmer lässt.

»Sag mal, redest du eigentlich immer so viel?«

»Nur wenn der andere so wenig zum Gespräch beiträgt. Wenn Schweigen wirklich Gold ist, dann musst du verdammt reich sein.«

Er schaute sie nun wieder ernst an: »Es gibt ja auch nicht so viel zu reden. Außer wenn du wirklich was von mir willst, dann sag das ruhig. Ich hab da keine Probleme mit.«

Beide sahen sich schweigend an.

»Was läuft denn hier gerade ab?«, fragte Marie schließlich nervös. Ihr lädiertes, lahmes Bein fing an, unkontrolliert zu zittern.

»Das weißt du genauso gut wie ich!«

»Wie? Meinst du, hier läuft gerade >Love me tender<?«

»Eher >Ticket to ride< oder meinetwegen auch >Sexual healing<«, grinste er...

»lustig-spannender Garn«, Hamburger Morgenpost, 25.02.2016
 
»Das Werk, das viele autobiografische Züge trägt, erzählt mit viel Humor und Einfühlungsvermögen die erstaunliche Geschichte einer Rocksängerin.«, Rhein-Zeitung, 30.05.2015
 
»Spannend, abenteuerlich und lustig.«, Kölner Stadt-Anzeiger, 20.05.2015
 
»Toll geschrieben!«, BILD Woche, 12.03.2015
 
»Gaby Kösters Roman-Heldin ist so stark wie sie selbst.«, Bild Online, 06.02.2015
 
»Ein Muss für Köster-Fans.«, Thala - Das Gesundheitsmagazin der deutschen Schlaganfall-Hilfe

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