Shakespeare erzählt

 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. August 2015
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  • 288 Seiten
 
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978-3-492-97234-5 (ISBN)
 
Mitreißend lebendig erzählt Michael Köhlmeier elf Dramen von William Shakespeare nach- beginnend mit »Macbeth«, der blutigen Tragödie der Einbildungskraft, über »Ein Sommernachtstraum«, das schönste Zaubermärchen der Weltliteratur, und »Othello«, die Schule für Intriganten, bis zum Skandal an Dänemarks Hof, »Hamlet«, dem nach über 400Jahren noch immer faszinierendsten Drama des großen englischen Dichters.- »Shakespeare erzählt in seinen Stücken großartige Geschichten, die uns die Grundlagen unseres Menschseins zeigen, im Guten wie im Bösen« (Köhlmeier).
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  • 1,39 MB
978-3-492-97234-5 (9783492972345)
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Michael Köhlmeier, 1949 in Hard am Bodensee geboren, lebt in Hohenems/Vorarlberg und Wien.Der österreichische Bestsellerautorwurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Manès-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis, dem Grimmelshausen-Preis, 2017 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie dem Marie Luise Kaschnitz-Preis für sein Gesamtwerk und 2019 mit dem Ferdinand-Berger-Preis.

Macbeth


Es war einmal ein König, der hieß Duncan. Er wurde der Friedfertige genannt. Da wußten die Leute, daß er nicht friedfertig war. Er führte Krieg und verhandelte nicht mit seinen Feinden. Ein Feind bleibt immer ein Feind - das war seine Devise. Die Kriege waren kurz und verheerend. Bald hatte er alle seine Feinde besiegt. Sieg hieß Vernichtung. Nun war es nicht mehr nötig, Krieg zu führen. Viele Jahre herrschte Frieden, und Duncan wurde der Friedfertige genannt. Die Leute sagten: Friede ist, wenn kein Krieg ist. Aber sie fürchteten den Friedfertigen, sie liebten ihn nicht.

Daß die Siege vollkommen waren, verdankte König Duncan vor allem zwei seiner Generäle: General Banquo und General Macbeth. Diese beiden wußten die Heere zu führen, und sie wußten, daß man mit Feinden nicht verhandelt. Sie wußten, daß der Friede nicht aus Diplomatie, sondern aus Vernichtung erwächst.

Über Macbeth hieß es, er sei der Bessere von beiden, weil der Konsequentere, und das hieß: der brutalere Krieger. Die Soldaten bewunderten Macbeth. Angst schien er nicht zu kennen. Den Tod schien er nicht zu fürchten. Wenn die Schlacht um ihn herum tobte, hielt er sein Pferd an und richtete sich auf. Die Majestät des Todes verneige sich vor ihm, hieß es. Macbeth scheute keine Konfrontation. Stirn gegen Stirn mit dem Feind - und am Ende des Tobens war er der einzige, dem keine Wunde geschlagen worden war. Ruhe, Gelassenheit, Voraussicht, Kälte in der Analyse - als gelänge ihm das Unmögliche, nämlich die Gegenwart in Vergangenheit zu verwandeln, die er gleichsam im Rückblick betrachtete: Aus der Vergangenheit droht keine Gefahr, aus der Vergangenheit ragt kein Schwert herüber.

Macbeth war ein Schweiger. Er sprach nicht viel mit seinen Leuten. Die meisten seiner Sätze hatten am Ende ein Ausrufezeichen. Einmal aber habe er General Banquo die Prinzipien seines Handelns erläutert.

»Was ist Handeln?« fragte Macbeth seinen Mitstreiter.

»Handeln«, gab Banquo zur Antwort, »handeln heißt, eine Strecke Zeit nach deinem Willen gestalten.«

»Ich weiß«, sagte Macbeth, »das denken alle. Und dann sind sie enttäuscht und versagen. Nicht der Weg soll dich interessieren, sondern nur das Ziel. Was ist das Ziel, das ich erreichen will? Ausschließlich diese Frage ist für mich von Bedeutung. Das Ziel sucht sich den Weg von allein. Du mußt Vertrauen zu deinem Ziel haben. Du mußt dich darauf verlassen, daß der Weg der einzig richtige sein wird, weil ihn das Ziel selbst für dich ausgewählt hat. Du wirst dem Ziel untreu, wenn du dich um den Weg kümmerst. Hast du das Ziel erreicht, wirst du sagen: Ich bin den einzigen Weg gegangen, der zu diesem Ziel
führte.«

Banquo und Macbeth waren nicht Freunde. Macbeth hatte keine Freunde. Aber Banquo war der einzige Mensch, mit dem er manchmal ein paar Worte über das Notwendige hinaus wechselte.

Der General war verheiratet. Und er war glücklich verheiratet. O ja, darüber wurde viel spekuliert. Die Offiziere sprachen darüber hinter vorgehaltener Hand, die Soldaten redeten drüber. Die Soldaten rissen über alles ihre Witze, über die Ehe von General Macbeth aber sprachen sie voll Respekt. Aber aus dem Staunen kamen sie nicht heraus. Der hat eine Frau? Der liebt? Der weiß, was Liebe ist? Der ist glücklich? Der weiß, was Glück ist? Der? Das konnten sie sich nicht vorstellen. Aber es hieß, die Liebe und das Glück seien so mächtig zwischen den beiden, daß sie niemanden sonst in ihrem Leben brauchten. Lady Macbeth und ihr Gemahl genügten einander. Das war schön. Es war schön, solche Worte auszusprechen. Und am Ende staunten die Soldaten, wie sie von Anfang an gestaunt hatten: Wie konnten in diesem kältesten aller Herzen Zärtlichkeit und Hingabe gedeihen und überleben?

Die Geschichte beginnt im Krieg, genauer: mit dem Ende eines Krieges. König Duncan, der Friedfertige, hat sein Heer gegen Aufständische geschickt. Wir wissen nicht, wogegen sich der Aufstand gerichtet hatte. Wir können es uns denken, wahrscheinlich gegen das, was Duncan Frieden nannte. Der Aufstand wurde rasch niedergeschlagen: Banquo und Macbeth hatten die Operation durchgeführt.

Es wird dem König berichtet, wie tapfer und effektiv Macbeth gekämpft habe. Er habe den Feinden die Bäuche aufgeschlitzt, vom Nabel bis zum Hals, heißt es. Das mag König Duncan nicht so gern hören, er wollte solche Szenen auch nicht sehen. Ihn interessiert nur das Ziel. »Den Weg sollen gehen, die ich auf den Weg schicke. Ich warte beim Ziel.«

Der König will seinen Generälen nicht auf dem Schlachtfeld begegnen. Es wird eine Siegesfeier geben, nach einer Weile, man muß den Helden Zeit lassen, damit sie sich etwas frisch machen. Duncan ist der Friedliebende, Spuren des Krieges machen ihn nervös und traurig, Wunden deprimieren ihn. Er ist gekommen, um den Stand der Dinge zu sehen, und er verläßt das Schlachtfeld wieder, noch ehe seine Generäle erscheinen.

Die Soldaten fassen ihren Sold aus, die Demobilisierung des Heeres wird von den Offizieren geleitet. Die Generäle machen sich auf den Heimweg.

Banquo und Macbeth reiten über die Heide, sie sind allein. Beide leben sie etwas abgeschieden. Jetzt, da der Krieg vorbei ist, verbindet sie nichts mehr. Und als sie schweigend über die Heide reiten, geschieht das Ungeheuerliche. Ungeheuerlich ist nicht das große Abschlachten, scharfer Stahl trifft auf weiche Haut, die Folge widerspricht keinem Naturgesetz. Das Ungeheuerliche ist die Verneinung der Logik, ist die Verwirrung der Kausalität. Als ob der Boden sie ausspeien würde, erscheinen vor den Generälen drei Gestalten: Frauen mit Bärten. Hexen. Ein Scherz? Wer würde die Tollkühnheit besitzen, mit Männern wie Banquo und Macbeth einen Scherz zu treiben? Ein Irrbild, eine Halluzination?

»Ich sehe drei Weiber mit Bärten«, sagt Macbeth.

»Ich sehe sie auch«, sagt Banquo.

»Beschreib mir die rechte!« sagt Macbeth.

»Ihr Gesicht ist blau wie vermodertes Blut«, sagt Banquo. »Beschreib du mir die linke!«

»Ihr Gesicht ist grün wie Schimmel«, sagt Macbeth.

Keine Halluzination, nein. Wie sollten die gleichen Irrbilder zur selben Zeit in zwei so verschiedenen Köpfen entstehen?

Die Hexen begrüßen die Generäle. Zuerst begrüßen sie Macbeth.

Die erste Hexe, die mit dem blauen Gesicht, sagt: »Heil dir, Than von Glamis!«

Sie kennt ihn wohl? Than von Glamis ist ein Titel, und nur Macbeth darf ihn tragen.

Die zweite Hexe sagt zu ihm: »Heil dir, Than von Cawdor!«

Than von Cawdor? Macbeth ist nicht Than von Cawdor, diesen Titel trägt er nicht, ein anderer trägt diesen Titel. Und es ist kein guter Mann, der diesen Titel trägt. Der hat es mit den Aufständischen gehalten. Es ist eine Beleidigung, mit einem solchen Mann verwechselt zu werden!

Aber bevor Macbeth gegen diese Beleidigung ausholen kann, meldet sich die dritte Hexe, die grüne, sie sagt: »Heil dir, Macbeth, du künftiger König von Schottland!«

Es sind Wesen, die es nicht gibt. Weil es sie nicht geben kann. Weil es sie nicht geben darf. Weil sie in keine Logik und in keine Kausalität passen. Aber was sie sagen, wirft ein Licht in die Zukunft. Und Ziele, diese süßen Versprechungen, liegen per definitionem in der Zukunft .

»Sie haben mich erst als den, der ich bin, dann als Than von Cawdor und zuletzt als König von Schottland angesprochen«, sagt Macbeth, und es klingt verlegen. Aber es klingt auch noch anders, Banquo weiß nur noch nicht wie.

Und nun wendet sich Banquo an die Hexen: »Und mir? Was habt ihr mir zu sagen? Habt ihr mir nichts zu sagen?«

Die erste Hexe sagt: »Doch, doch, Banquo. Lauf nicht weg, Banquo!«

»Ich lauf nicht weg. Sag, was du zu sagen hast!«

Und mit Blick auf Macbeth sagt die erste Hexe: »Banquo! Du bist kleiner als Macbeth. Aber, Banquo, dennoch bist du größer.«

Und die zweite Hexe läßt keinen Platz zwischen diesem letzten Wort und ihrem ersten: »Banquo! Du bist nicht so glücklich wie Macbeth. Aber doch bist du viel glücklicher als er!«

Und die dritte Hexe schließt an: »Banquo, Banquo! Du wirst nie König werden, nicht in Schottland und auch in keinem anderen Land. Aber, Banquo, du wirst der Vater von Königen sein.«

Nur für einen Moment lassen die beiden Generäle die Hexen aus den Augen, der eine sieht den anderen an, und beide sehen im anderen einen Feind, denn in diesem Moment glauben Macbeth und Banquo an das, was nicht logisch ist und nicht kausal. Aber dann glauben sie wieder, was sie immer glaubten. Und die Hexen sind weg. Luft, die verblasen wird schon durch das Wiehern der
Pferde.

Darüber reden? Ja, das hätten sie sicher gern getan, Macbeth und Banquo. Aber sie hatten keine Gelegenheit dazu.

Ein Bote kommt geritten. Er springt vom Pferd, geht auf Macbeth zu, Zeigefinger voran, und sagt: »Ich habe eine gute Neuigkeit für dich: Der König hat dich zum Than von Cawdor ernannt!«

Macbeth: »Aber es gibt doch schon einen Than von Cawdor. Was ist mit ihm?«

Der Bote: »Er ist ein Verräter! Du weißt es, und du hast es immer gewußt. Er ist verhaftet worden, er ist degradiert worden, er ist eingesperrt worden, er wird hingerichtet werden. Er hat es mit den Aufständischen gehalten. Du, Macbeth, hast es als einziger gewußt, du, Macbeth, hast als einziger vor ihm gewarnt. Der König ist beschämt, daß er dir nicht geglaubt hat. Der König möchte, daß du von nun an diesen Titel trägst!«

Banquo und Macbeth lassen nur für einen Moment den Boten aus den Augen, der eine sieht den anderen an, und der eine sieht in den Augen des anderen das...

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