Geschichten von der Bibel

Von der Erschaffung der Welt bis Moses
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. August 2015
  • |
  • 576 Seiten
 
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978-3-492-97235-2 (ISBN)
 
Die Bibel ist Gottes Wort - aber das Alte Testament ist zugleich die grandioseste Geschichtensammlung der Weltliteratur. Michael Köhlmeier, der begnadete Erzähler, führt uns von der Erschaffung der Welt, dem Brudermord von Kain und Abel über die Sintflut und den Turmbau zu Babel bis zu Moses' Einzug in das Gelobte Land.
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  • 1,77 MB
978-3-492-97235-2 (9783492972352)
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Michael Köhlmeier, 1949 in Hard am Bodensee geboren, lebt in Hohenems/Vorarlberg und Wien.Der österreichische Bestsellerautorwurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Manès-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis, dem Grimmelshausen-Preis, 2017 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie dem Marie Luise Kaschnitz-Preis für sein Gesamtwerk und 2019 mit dem Ferdinand-Berger-Preis.

ADAM UND EVA


Vom ersten Adam - Von Samael und seinem Sturz - Von den Namen der Tiere - Von Adams Sehnsucht nach einer Frau - Von Lilith - Von der ersten Eva - Von der endgültigen Eva - Vom Spaziergang durch das Paradies - Von der Schlange und ihrem Gespräch mit Eva - Vom Baum der Erkenntnis und der Vertreibung aus dem Paradies

Gott nahm Erde von allen Teilen des Landes. Er legte sie auf einen Haufen, knetete den Haufen, spuckte darauf, durchmischte ihn und formte daraus den Menschen. Und Gott nannte den Menschen Adam. Nach dem Namen der Erde: Adama.

Er machte den Adam riesengroß, und Adam lag ausgestreckt auf der Erde, und er reichte von einem Ende zum anderen, von Norden nach Süden, und seine Arme zeigten von Osten nach Westen.

Aber Adam lebte nicht.

Da erinnerte sich Gott an den Kampf zwischen der Urmutter Tiamat und Marduk, dem Inbegriff des Krieges. Marduk hatte Tiamat getötet, indem er seinen Atem in ihre Nase blies.

Und Gott hielt Zwiesprache mit dem Buchstaben Beth auf seinem Unterarm, und er sagte: »Ist es wahr, daß Leben und Tod Gegensätze sind?«

»Es ist wahr«, sagte Beth.

»Ist es wahr, daß es keinen größeren Gegensatz gibt als den zwischen Leben und Tod?«

»Es ist wahr.«

»Und dennoch läßt sich nach deinem Prinzip auch dieser Gegensatz vereinen?«

»Das ist wahr«, sagte Beth.

»Also kann man«, sagte Gott, »auf die gleiche Weise, wie man Leben nimmt, auch Leben geben.«

Und er blies dem Adam in die Nase und hauchte ihm auf diese Weise Leben ein.

Und das war die Seele des Adam. Und weil Gott voraussah, daß es Tage geben wird, an denen Adam an seiner Seele verzweifelt und sich die Seele aus dem Leib reißen möchte, verankerte er die Seele tief im Menschenleib.

Dann richtete er den Adam auf, er war riesengroß, seine Schultern reichten bis zu den Wolken. Und Gott sah seinem Wesen ins Gesicht. So lange sah er seinem Wesen ins Gesicht, bis sich seine Gesichtszüge auf Adam übertrugen. So hat Gott den Adam nach seinem Ebenbild erschaffen.

Wenn wir in den Spiegel schauen: Sieht so Gott aus? Nicht ganz, nicht ganz .

Es gibt eine alte Überlegung, die relativiert unsere Ebenbildlichkeit mit Gott. Rahel, die Frau des Jakob, heißt es da, soll die schönste Frau ihrer Zeit gewesen sein. Im Vergleich zu ihr habe die griechische Helena wie eine verschrumpelte Äffin ausgesehen. Rahel wiederum habe im Vergleich zu ihrer Vorfahrin Sara, der Frau des Abraham, wie ein Affenweib ausgesehen. Aber Sara, die noch mit hundert so schön war, daß der Pharao vor ihr in die Knie ging, Sara soll neben Eva, der ersten Frau überhaupt, wie die häßlichste aller Kröten gewirkt haben. Und Eva wiederum soll im Vergleich zu Adam ausgesehen haben wie eine Maulwurfsgrille, und Maulwurfsgrillen werden, wie allgemein bekannt, nur noch von Nacktmullen an Häßlichkeit übertroffen. Adam aber, Gottes Ebenbild, sei Ebenbild gewesen nur in dem Sinn, wie die Asche Ebenbild des Feuers sei - nicht mehr und nicht weniger . Diese Legende sollten wir nicht vergessen, wenn wir in den Spiegel schauen.

Gott hatte also erneut mit dem Buchstaben Beth eine Vereinbarung getroffen, daß er seine Schöpfung nach dem Prinzip der Vereinigung der Gegensätze gestalte und also nicht versuche, etwas Vollkommenes zu schaffen. Aber kann man etwas schaffen wollen ohne die Ambition, es in vollkommener Form aus der Hand zu geben? Nein, das kann ein Mensch nicht. Und ein Gott sollte es können?

Also dachte Gott bei sich: »Ich werde mich nicht um mein Versprechen kümmern. Und wenn gemacht ist, was ich machen will, dann wird sein, was ist.«

Er wollte diesen Adam einzig und ewig machen, unsterblich und allein. Denn zwei gibt es nur dort, wo es kein ewiges Leben gibt, das heißt, wo das eine stirbt und das andere aus dem einen hervorgeht. Gott war stolz auf Adam.

Und als sich Adam zu seiner vollen Größe erhob, erschraken die Engel. Die einen meinten, da erhebe sich einer gegen Gott, und sie rüsteten sich zum Angriff. Die anderen meinten dasselbe und wollten desertieren. Und eine dritte Gruppe hatte einfach nur Angst und versteckte sich.

Aber Gott sagte: »Niemand, der mich liebt, braucht sich vor Adam zu fürchten. Aber wer mich nicht liebt, der muß sich von nun an doppelt fürchten.«

Da begaben sich Engel und Erzengel auf ihre Plätze. Und sie warteten ab. Die Engel schauten auf die Erzengel, und die Erzengel schauten auf Gott. Da meldete sich die Erde zu Wort, zum ersten und zum letzten Mal.

Sie murrte, sie sagte zu Gott: »Wie soll ich dieses Wesen ernähren?«

»Er wird sich von deinen Früchten ernähren.«

»Gut, sein Leib wird sich von meinen Früchten ernähren«, sagte die Erde. »Aber wovon wird sich seine Seele ernähren? Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich weiß nicht, wie man eine Seele ernährt.«

Da erfand Gott den Schlaf.

»Ich weiß nicht, ob die Seele je hungrig werden wird«, sagte Gott, »aber wenn, dann wird sie der Schlaf ernähren.«

Dann war ein halber Tag vergangen, und der Leib Adams hatte Hunger. Und Adam aß. Zu Mittag aß er die halbe Erde leer. Und am Abend hatte er schon wieder Hunger.

»Wenn er am Abend die andere Hälfte leer ißt«, sagte der Erzengel Michael zu Gott, »dann wird er übermorgen verhungern.«

»Was soll ich tun?« fragte Gott.

»Mach ihn kleiner«, riet Michael.

Da nahm Gott so viel Erde von Adams Körper, bis er kleiner war als ein Baum. Und was machte er mit dem übriggebliebenen Lehm? Den deponierte er draußen vor dem Paradies, gleich neben dem Tor.

Dann ließ Gott die Engel antreten, und er sagte zu ihnen: »Seht her! Dieser da ist mein Liebling! Ihn habe ich geschaffen. Ich! Ich möchte, daß ihr vor ihm niederkniet. Ich möchte, daß er euch mehr gilt, als ihr euch geltet. Ihr sollt wissen, er steht über euch. Kniet euch nieder vor ihm!«

Die Engel schauten auf die Erzengel, und die Erzengel schauten sich gegenseitig an. Und dann blickten alle auf Michael. Und Michael beugte sein Knie vor Adam. Gabriel folgte. Und Raphael und Uriel, sie knieten sich nieder vor Adam.

Aber da war einer der Erzengel, Samael hieß er, der sagte zu Gott: »Einen Augenblick! Natürlich werde ich mich vor deinem Geschöpf niederknien. Aber wäre es nicht peinlich, für dich peinlich, wenn wir uns jetzt alle vor Adam niederknieten, und dann stellte sich heraus, er ist immer noch nicht ganz fertig. Dann müßten wir uns noch einmal vor ihm niederknien. Eine Korrektur hast du bereits an ihm vornehmen müssen, hast ihn kleiner gemacht. Woher soll ich wissen, ob du ihn vielleicht nicht wieder völlig umbaust?«

»Was willst du, Samael?« fragte Gott.

»Man sollte ihn testen«, sagte Samael.

»Wie meinst du das?«

»Er ist aus Dreck gemacht, ich bin aus Licht gemacht. Es könnte doch sein, daß Licht doch besser ist als Dreck.«

»Teste ihn, Samael!« sagte Gott.

»Ich?« sagte Samael, nun doch verlegen.

»Ja, du!« sagte Gott.

»Und wie soll ich ihn testen?«

»Angenommen, Adam weiß etwas, was du nicht weißt.«

»Was ist dann?« fragte Samael, und er zwinkerte unsicher.

»Machen wir es so«, sagte Gott »drei Versuche. Wenn Adam dreimal etwas weiß, was du nicht weißt .«

»Dann beuge ich vor ihm mein Knie«, ergänzte Samael das Wort Gottes.

»Nein«, sagte Gott, »dann brauchst du dich erst gar nicht niederzuknien. Dann wird dich Michael nach draußen begleiten, und du sollst dorthin gestürzt werden, wohin vor dir Luzifer gestürzt wurde.«

Da konnte Samael nicht mehr widersprechen.

Gott befahl, daß sich Adam und Samael nebeneinanderstellten. Dann rief er die Tiere herbei.

»Jedes dieser Tiere hat einen Namen. Aber die Namen sind noch nicht ausgesprochen. Sie ruhen in den Tieren. Weißt du die Namen?« fragte er Samael.

Gott stellte ein Tier vor Samael hin, ein kleines Tier mit langen Ohren und einem Stummelschwanz. Samael meinte, er könnte den Namen im Kopf ausrechnen. Er zählte die Haare des Tieres und rechnete und rechnete, maß die Länge der Ohren. Aber er konnte nicht herauskriegen, wie das Tier hieß.

Er mußte eingestehen: »Ich weiß es nicht.«

Und Gott sagte zu Adam: »Probier du es!«

Aber Gott war parteiisch. Er stellte die Frage an Adam so, daß der erste Buchstabe der Frage auch der erste Buchstabe des Tieres war.

Er sagte: »H-h-h-ast du eine Ahnung, Adam, wie dieses Tier heißt?«

Und Adam sagte: »Das ist der H-h-hase.«

Und dann führte Gott ein zweites Tier vor. Es war größer, ging auf vier Beinen, hatte zwei Höcker auf dem Rücken. Und Samael wußte den Namen auch dieses Tieres nicht.

Und Gott sagte zu Adam: »K-k-k-annst du mir den Namen dieses Tieres sagen, Adam?«

Und Adam sagte: »Das ist das K-k-k-amel.«

Das dritte Tier, das Gott aus der Schar der Tiere holte, war klein, und es summte, und es hatte Flügel, die waren durchsichtig. Und Samael wußte den Namen nicht.

Und Gott sagte zu Adam: »B-b-bist du in der Lage, Adam, den Namen dieses Tieres zu nennen?«

Und Adam antwortete: »Das ist die B-b-biene.«

So hat Adam etwas gekonnt, was Samael nicht konnte.

Und Gott sagte zu Samael: »Wir haben eine Abmachung getroffen. Jetzt werde ich dich in die Hölle stürzen.«

Und er gab Michael den Befehl, Samael aus dem Paradies zu führen. Michael führte Samael aus dem Paradies. Als sie draußen vor dem...

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