Ventadorn

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Juni 2020
  • |
  • 508 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-2932-5 (ISBN)
 
Im Jahr 2044 ist jede Form von Werbung verboten, bis auf eine: Brandhailer. Menschen, denen Werbebotschaften direkt ins Unterbewusstsein gesendet werden, damit sie anderen auf scheinbar natürliche Weise Produkte empfehlen. Hinter dem Brandhailer-Programm steckt die geheimnisumwitterte Wirtschaftsorganisation Ventadorn, die im Gegenzug Heilung selbst schwerster Krankheiten verspricht. Ein verhängnisvolles Angebot in Zeiten längst kollabierter Gesundheitssysteme.

Während eine junge Frau entscheiden muss, ob sie an Krebs sterben oder ihr Unterbewusstsein verkaufen will, untersuchen zwei Hamburger Kommissare einen rätselhaften Selbstmord und eine Gruppe hoffnungsloser Idealisten stellt sich der Übermacht Ventadorns. Es ist beinahe zu spät, als sie merken, dass ihre Schicksale miteinander verbunden sind.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,66 MB
978-3-7519-2932-5 (9783751929325)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Thomas Knüwer arbeitet seit mehr als 13 Jahren in der Werbe- und Kommunikationsbranche, wo er Kampagnen für Marken wie Netflix, DAZN, Bionade, Zalando und Google verantwortet.

»Ventadorn« ist sein erster Roman. Zu seinen literarischen Vorbildern gehören die Science-Fiction- und Fantasy-Autoren Dan Simmons, Neal Stephenson und Neil Gaiman.

Folgen Sie Thomas Knüwer auf www.ventadorn.de oder Instagram: @thomas_knuewer

2


Das Bild schmerzte in ihren Augen. Cel konnte kaum glauben, dass Dr. Kumar, ein wohlhabender, gut ausgebildeter Mediziner, derart schlechten Geschmack hatte. Vielleicht war es ein Geschenk gewesen, dachte Cel, und er hatte es nur aus Höflichkeit aufgehängt. So oder so, es blieb eine mittelschwere künstlerische Katastrophe. Zigarrenförmige Pinien unter einem viel zu blauen Himmel voll flauschiger Schäfchenwolken, die jedem Kinderbuchillustrator die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten.

Oder meint er das ironisch?

War Toskana-Trash gerade der heißeste Scheiß und Cel hatte nichts davon mitbekommen? Sie nahm sich vor, ihren Style-Feed zu checken, sobald sie wieder draußen war.

»Frau Begam?«

Dr. Kumar sah sie über den Schreibtisch aus recyceltem Glas erwartungsvoll an. Cels Hände klebten am Kunstleder ihres Stuhls.

»Haben Sie mich verstanden?«

Cel musterte den perfekt frisierten Arzt mit der demonstrativ sorgenvollen Mine.

Ob Mediziner das Übermitteln schlechter Nachrichten im Studium lernen? Oder ist das Learning by Doing?

»Frau Begam?«

»Mh?«

»Es ist äußerst wichtig, dass Sie verstehen, was ich sage. Ich weiß, dass diese Nachricht ein Schock für Sie ist. Jeder würde so reagieren.«

Die Worte des Arztes flatterten wie Laub durch Cels Kopf.

»Ich hatte gehofft, bessere Nachrichten für Sie zu haben. Doch leider war die histologische Untersuchung der Gewebeprobe eindeutig. Der Tumor ist ein sogenanntes invasiv duktales Karzinom, das über die Milchgänge hinausgewachsen ist.«

Dr. Kumar faltete die Hände auf dem Glastisch und sah Cel eindringlich in die Augen.

»Der pathologische Befund hat zudem ergeben, dass der Tumor in den Lymphknoten Krebszellen ausgestreut und erste Fernmetastasen gebildet hat.«

Es wollte nicht in ihren Kopf. Cel fühlte sich wie ein Kind, dem ein Nachhilfelehrer vergeblich Bruchrechnen beizubringen versuchte.

»Das Wichtigste ist, dass wir gemeinsam einen Therapieplan entwickeln, der auf Sie zugeschnitten ist. Das wird kein einfacher Weg, Frau Begam. Daher fangen wir am besten mit dem schwierigsten Teil an: der Finanzierung.«

Lohnt es sich überhaupt noch, grüne Bananen zu kaufen?

Cel biss die Zähne zusammen und legte das Obst demonstrativ in ihren Korb.

Bleib cool, Cel. Bleib cool.

Seit sie die Praxis verlassen hatte, bewegte ihr Körper sich im Autopiloten, während Sorgen wie Geier über ihrem Kopf kreisten. Die Welt war stehen geblieben. Cel hatte das Gefühl, in einer gallertartigen Masse gefangen zu sein, die die Zeit aussperrte. Der schlechteste Trip aller Zeiten. Und das ganz ohne Drogen.

Zu Hause angekommen, verstaute sie die Einkäufe in den Küchenschränken und räumte auf. Das schmutzige Glas mit den Resten ihres morgendlichen Vitaminshakes stand noch immer in der Spüle. Dankbar für jegliche Art von Ablenkung überlegte Cel, per Hand zu spülen, fand jedoch weder Spülmittel noch Schwamm. Genervt warf sie das Glas in die Spülmaschine.

»Gute-Laune-Tee«, brummelte sie in die leere Küche.

Während der Vollautomat den Tee aufbrühte, ließ Cel sich auf ihren einzigen Küchenstuhl fallen. Sie sah aus dem Fenster. Die Sonne war hinter der dichten Wolkendecke verschwunden, eine Gruppe Tauben saß gurrend auf dem Dach des Nachbargebäudes. Cel liebte ihre winzige Dachgeschosswohnung, auch wenn das Schleppen der Einkäufe in den fünften Stock eine regelmäßige Tortur war. Der Aufzug war seit Ewigkeiten defekt und Transportdrohnen konnte sie sich nur selten leisten. Doch der allmorgendliche Sonnenaufgang über den Dächern Hamburgs war eine angemessene Entschädigung.

Vor ihr auf dem Küchentisch lag Dr. Kumars ePaper mit dem Therapieplan. Die Diagnose leuchtete in gelben Buchstaben, sachlich beschrieben, mit all den grausamen Details. Darunter befanden sich Links zu Spezialisten, privaten Krankenhäusern und Selbsthilfegruppen. »Nur Mut!« stand in pinken Lettern neben dem Bild einer nackten Frau, die eine Hand auf ihre Brust gelegt hatte. Die gesamte untere Hälfte des interaktiven Papiers nahmen blinkende Finanzierungsangebote in Beschlag. Cel wusste nicht, welche Hälfte des Blattes trauriger war.

Die Tauben flogen davon. Cel seufzte. So lange sie denken konnte, war sie mit ihrem Leben zufrieden gewesen. Als begeisterter Single kostete sie alle Freiheiten aus, die ihr das moderne Leben in der Stadt bot. Die Möglichkeiten waren unbegrenzt, weswegen sie nie das Bedürfnis verspürt hatte, sich länger zu binden. Monogamie war ein Trend des vergangenen Jahrhunderts; das Angebot war zu vielfältig, um sich selbst zu limitieren. Nur Idioten beschränkten sich im größten Süßwarenladen aller Zeiten auf Gummibärchen. Cel erfreute sich an stetig wechselnden Liebhabern, Flirts und One-Night-Stands - nacheinander, nebeneinander, zu zweit, zu dritt, hetero, gay oder bi. Hauptsache es machte Spaß. Selbst Cels Job bei Supervoodoo, einem App-Entwickler für Smartlenses, trug zu ihrer allgemeinen Zufriedenheit bei. Die Arbeit war nicht die Erfüllung all ihrer Träume, machte aber Spaß und bezahlte die meisten Rechnungen. Als Frontend-Programmiererin mit einigen Jahren Erfahrung konnte sie sich ein halbwegs sorgenfreies Leben in der Stadt leisten. Zumindest bis jetzt.

Während der künstliche Vanilleduft des Gute-Laune-Tees die Küche füllte, strich Cel mit der Hand über die blinkenden Finanzierungsangebote. Die Diagnose war schrecklich - Krebs, Endstadium, Metastasen im ganzen Körper. Doch die Kosten waren weit schlimmer. Zu wissen, dass es Heilung gab, die sie sich vielleicht nicht leisten können würde, war die größte Qual. Nicht Gott, Schicksal, Glück oder die Wunder der modernen Medizin entschieden über ihr Leben, sondern ihr Kontostand. Sie hatte nicht einmal genügend Erspartes, um die ersten Medikamente zu zahlen, ganz zu schweigen von der eigentlichen Therapie. Daher hatte Dr. Kumar ihr zu einer Behandlungsfinanzierung geraten. Das Problem war nur, dass kaum jemand eine solche Finanzierung bewilligt bekam. Fast alle fielen durch die Bonitätsprüfung. Nur wer über einige Sicherheiten oder Eigenkapital verfügte, bekam einen Kredit. Wer nichts zu bieten hatte, bekam auch nichts. So einfach war das. Und selbst wenn man einen Kredit bekam, bedeuteten die häufig lebenslangen Wucherraten meist ein Leben in finanzieller Abhängigkeit und Armut. Über ihre Smartlenses browste Cel durch ein paar solcher Schicksals- und Erfahrungsberichte. Sie schloss die Augen. Mehrmals täglich flogen Touristen zum Mond, intelligente Roboter und Drohnen erledigten die Drecksarbeit, damit die Menschen in Ruhe feiern konnten. Nahrungsmittel, die gesünder waren als das, was die Natur anbot, konnten jederzeit bequem von zu Hause gedruckt werden. Doch wurde man krank, musste man entweder zahlen oder sterben.

Cel musste auf eine Finanzierung hoffen. Die Alternative war der Tod. Ihre Chancen standen nicht allzu schlecht, hatte Dr. Kumar gesagt. Sie hatte einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei Supervoodoo, der eventuell als Sicherheit angerechnet werden konnte, kaum Schulden und ein paar hundert Crypto-Kuai auf der Bank. Keine Reichtümer, aber immerhin. Eine Mischung aus Vorahnung und Glück hatte sie vor vielen Jahren in eine Branche getrieben, die noch immer größtenteils von Menschen ausgeübt und einigermaßen fair bezahlte wurde. Mobile Engineering mit Schwerpunkt UX Architecture.

Die stetig zunehmende Automatisierung hatte menschliche Arbeitskräfte in vielen Bereichen überflüssig gemacht. Das neue Wohnhaus in ihrer Nachbarschaft wurde von nur einem einzigen Menschen überwacht, den Rest erledigten vollautomatisierte Baudrucker, eine Handvoll Drohnen und autonome Baufahrzeuge. Menschliche Taxi-, Bus- und LKW-Fahrer hatte Cel zuletzt gesehen, als sie noch zur Schule gegangen war. Heute fuhren und flogen ausnahmslos autonome Fahrzeuge über die Straßen, Tunnel und durch die Lufträume der Stadt.

Viele von Cels Schulfreunden hatten nie einen Job gefunden. KIs, Maschinen und Roboter erledigten ihre Arbeit günstiger, schneller und zuverlässiger. Zudem ohne Urlaub, Pausen oder Gewerkschaften. Cels beste Schulfreundin war von einem Tag auf den anderen nicht mehr in die Schule gekommen, weil sie wegziehen musste. Die Stadt war zu teuer für ihre Eltern geworden. Immerhin musste niemand hungern, da billige Lebensmitteldrucker einfache Nahrung günstiger als sauberes Wasser zur Verfügung stellten Das größte Problem dieser Generation von Arbeitslosen war Langeweile; das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Erst vor wenigen Monaten hatte Cel einen ehemaligen Klassenkameraden in einer Bar getroffen, der es lallend auf den Punkt gebracht hatte: »Es ist ganz einfach, Cel. Ich bin zu nutzlos zum Arbeiten und zu satt zum Sterben.« So wie er füllten viele die Leere in ihrem Leben mit Alkohol oder Drogen. Andere setzten ihrem Leben einfach ein Ende. Doch die meisten ergaben sich ihrem Schicksal. Man nannte sie Dix.

Cel konnte sich nicht...

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