Zwischen Rheinbrücke und Golden Gate Bridge

Ein deutsches Kriegskind in den USA
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. November 2018
  • |
  • 264 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7481-3568-5 (ISBN)
 
Heinz Knopp erlebte als Kind den Zweiten Weltkrieg in Arzheim, heute ein Stadtteil von Koblenz. Hunger und Angst waren damals seine ständigen Begleiter. Seine heimlichen Helden waren die Figuren in den Geschichten, die er las: Old Shatterhand, Indianer, Cowboys. Und so wurde ihm das Nachkriegsdeutschland zu eng und das Land der unbegrenzen Möglichkeiten zum Ort der Freiheit und der Abenteuer. Mit 18 emigrierte er in die USA. Endlich fühlte er sich frei. Das Abenteuer konnte beginnen.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,39 MB
978-3-7481-3568-5 (9783748135685)
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In spannenden Geschichten erzählt Heinz Knopp sein Leben in den USA als Bäcker, beim Militär, als Immobilienmakler. Und wie es schließlich dazu kam, dass er wieder am Rhein landete ...

1


Der schrille Klang des Weckers riss mich aus einem tiefen Schlaf. Montagmorgen, fünf Uhr. Ich hasste Montage. Denn in Koblenz wartete meine Lehrstelle als Bäcker auf mich. Fünf Kilometer lagen zwischen dem Dorf meiner Kindheit, Arzheim, und der Hölle. In Koblenz würde ich die ganze Woche verbringen. Zehn bis zwölf Stunden Drecksarbeit am Tag, dafür bekam ich "Kost und Logis", eine Mark pro Woche und reichlich Prügel. Hunger war der Hauptgrund, warum ich diesen Beruf gewählt hatte. Obwohl der Krieg schon seit acht Jahren vorbei war, mangelte es immer noch an Nahrung. Mit meinen vierzehn Jahren wog ich gerade mal siebenundvierzig Kilo.

Schon war ich mit dem Rad den Berg hinunter und kam in Ehrenbreitstein an. Vor mir lagen der Rhein und links die Pfaffendorfer Brücke, die zu meiner Arbeitsstelle führte. Auf der rechten Seite des Rheins ging es nach Bonn, Köln, hinaus in die weite Welt, die Freiheit.

Es war zwanzig nach fünf, um sechs musste ich beim Bäcker sein. Da schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, begeisterte mich, gab mir Mut, war meine Erlösung. Ich hatte mein Vaterland-Fahrrad und konnte fahren, wohin immer ich wollte. Vielleicht sogar nach Bremerhaven. Dort würde ich mich auf ein Schiff schleichen und als blinder Passagier nach Amerika fahren, wie es meine Helden in den Abenteuerbüchern taten. Heute könnte endlich mein eigenes Abenteuer beginnen. Und schon wäre ich ein Held. Ich bog nach rechts ab.

Mit dem kühlen Morgenwind im Rücken begleitete ich den Rhein. Der Fluss war ein Teil von mir. In den vierzehn Jahren meines Lebens hatte ich ihn oft gesehen, seinen Geruch in der Nase und mehr als genug von seinem Wasser geschluckt, wenn ich mal wieder von Ehrenbreitstein zum Deutschen Eck geschwommen war. In meinen Adern floss Rheinwasser.

Es war bereits Nachmittag, als ich in Bonn ankam. Ich hatte Hunger und Durst. Dass ich mich mit Essen und Trinken versorgen musste auf meinem Weg, diese Kleinigkeit hatte ich total vergessen. Ganze vierzig Pfennig hatte ich in meiner Hosentasche, das reichte für eine Cola. Was tun? Ich konnte mich noch gut an die Zeit direkt nach dem Krieg erinnern, als mein Vater und ich hamstern gegangen waren bei den heimischen Bauernhöfen und die Brotkrusten einsammelten, welche die Bauern für uns aufbewahrten, weil sie diese nicht kauen konnten. Betteln kannte und konnte ich. Nur drei Haustüren weiter kassierte ich ein doppeltes Brot mit Margarine von einer älteren Frau, die mich an meine Oma erinnerte.

Gesättigt und mit frischen Kräften strampelte ich weiter. Mein nächstes Ziel war Köln, dann Münster, Osnabrück, Quakenbrück. Diese Strecke war ich schon einige Male mit dem Zug gefahren, wenn es in den Sommerferien zu meinen Tanten Mia und Emma ging. Sie waren eine gute Anlaufstelle, denn bei ihnen in Quakenbrück wollte ich übernachten, mich satt essen und am nächsten Morgen weiter Richtung Bremerhaven radeln. Ich war überzeugt von meinem Plan. Bald würde ich in Amerika landen.

Die Dunkelheit kam früher, als es mir lieb war. Das Radfahren wurde jetzt gefährlich. Köln war noch in weiter Ferne, also entschloss ich mich, die Nacht auf der Rheinwiese zu verbringen. Die Kälte und den harten Boden nahm ich kaum zur Kenntnis. Meine Jacke diente als Kopfkissen. Ich fühlte mich so frei, das erste Mal in meinem Leben. Trotzdem dachte ich an meine Eltern und den Lehrmeister. Würden sie mich vermissen? Bekäme ich Prügel, wenn meine Flucht nicht erfolgreich sein würde? Oder noch schlimmer: Musste ich zurück zur Lehrstelle bei dem verhassten Bäcker? Nein, ich würde nie wieder dorthin zurückgehen, da war ich mir sicher. Amerika war mein Ziel und ich würde es schaffen, genauso wie meine Bücher-Helden.

Das Tuckern eines vorbeifahrenden Schiffes riss mich aus einem tiefen Schlaf. Die Sonne zeigte sich auf der anderen Seite des Flusses. Mein lieber Rhein! Bevor ich meine Reise fortsetzte, wollte ich ihn noch einmal so richtig erleben. Ich ging zum Ufer und wusch mich. Das kühle Wasser fühlte sich gut an auf meiner Haut, es erfrischte mich und gab mir Kraft. Also auf nach Köln. Dort würde ich den Rhein verlassen und mich Richtung Münster halten.

Kaum hatte ich nach ein paar Betteleinheiten Brot und Wasser gefrühstückt, machte ich gute Fortschritte auf der Strecke. Köln war für mich schon immer eine tolle Stadt gewesen, mit dem Dom und der Altstadt, und dann war da auch noch der 1. FC Köln mit dem Nationalspieler Hans Schäfer. Ich sah in der Stadt den großen Bruder von Koblenz. Aber jetzt war ich auf einer Mission und hatte Eile. Es würde keine Zeit sein, durch die Straßen zu bummeln.

Am Abend landete ich in der Nähe der Domstadt und verbrachte die Nacht in einem Schrebergarten. Zu meiner Freude gab es hier eine Bank und freigiebige Apfelbäume. Es war meine Lieblingssorte: Augustäpfel. Sie waren saftig und hatten einen etwas säuerlichen Geschmack. Am folgenden Morgen unternahm ich wieder erfolgreich meine Betteltour und radelte anschließend an Köln vorbei Richtung Münster. Über den Autoverkehr machte ich mir keine Gedanken, denn ich war Profi mit dem Rad. Als Bäckerlehrling war es eine meiner täglichen Aufgaben, mit dem Fahrrad Brot und Brötchen an die Kunden zu liefern. Im Stadtverkehr von Koblenz war das nicht einfach. Mittlerweile hatte ich ziemlich viel Übung.

Am dritten Abend erreichte ich den Rand von Remscheid. Von der Stadt hatte ich noch nie gehört. Mitten in einer idyllischen Landschaft stand ein Bauernhof. Als die Bäuerin mir die Tür öffnete, fühlte ich sofort ihre Wärme. Ihr gutmütiges Lächeln gab mir Mut und Sicherheit. Ich wusste sofort: Sie ist Mutter. Eine lange Kittelschürze mit einigen Flecken verhüllte ihren etwas beleibten Körper. Sie war mittleren Alters und hatte ihre grauen Haare zu einem dicken Knoten geflochten. Ich sagte, dass ich auf dem Weg sei, meine Tanten in Quakenbrück zu besuchen, und fragte, ob es möglich sei, in der Scheune zu übernachten, und ob ich etwas Essen haben könnte. Sie schaute mich etwas irritiert an und musterte mich von oben bis unten, als ob sie sagen wollte: "Was will denn dieser kleine Kerl in der großen weiten Welt?" Zu meiner Überraschung lud sie mich aber dann zum Abendessen mit ihrer Familie und den Hofarbeitern ein.

Ich saß an einer langen Tafel, zusammen mit zwölf fröhlichen, hungrigen Seelen, wie eine große Familie. Sie gaben mir das Gefühl, als ob sie mich schon ewig kennen würden und ich dazugehörte. Wir genossen Kartoffelsalat mit hausgemachter Blut- und Leberwurst. Diese kleinen Ringwürste hatte ich bis jetzt nur in Schaufenstern von Metzgerläden gesehen. In der Koblenzer Gegend nannte man sie Heinzelmännchen, ich vermute, weil sie so klein waren. Ich konnte es kaum glauben. Noch nie in meinem ganzen Leben schmeckte mir ein Essen so gut. Die nächste Überraschung war, dass sie mir das Zimmer ihres Sohnes anbot. Sie erklärte mir, dass er in einer anderen Stadt lebe, dort zur Schule gehe und nur am Wochenende nach Hause komme. Dann gab sie mir ein Handtuch und Seife und zeigte mir, wo der Waschraum war.

Ich war total erschöpft, als ich im Bett lag, doch mein Kopf war wie ein Karussell. Ich dachte an meine Eltern, an die Kollegen und an meinen Chef. Vermissten sie mich? Ich war in Remscheid, allein auf weiter Flur.

Es hätte auch ganz anders werden können. Keine Bäckerei, kein prügelnder Chef. Denn als meine Berufswahl anstand, wollten meine Eltern nicht, dass ich zum Bäcker ausgebildet werde und außer Hause lebe. Sie beschlossen, ich sollte Autosattler erlernen. Es war eine der wenigen Lehrstellen im Handwerksbereich, die zur Verfügung standen. Ich wusste gar nicht, was ein Autosattler machte. Post- oder Bahnbeamter wäre ihnen am liebsten gewesen, aber diese Berufe waren reserviert für Kinder, deren Väter im Krieg gefallen waren, und außerdem war mein Abgangszeugnis nicht gut genug. Wenn schon nicht Beamter, dann wenigstens ein guter Handwerksberuf, lautete ihr Credo.

Die Autosattlerfirma befand sich in Koblenz in der Nähe der Friedrich-Ebert-Straße und bestand aus einem Meister sowie zwei Gesellen. Der Besitzer, Mr. Coney, ein großer, imposanter Mann mit einer fetten Zigarre im Mund, erklärte meinen Eltern und mir die Bedingungen: zwei Wochen Probezeit und sechs Mark die Woche. Ich könne sofort anfangen.

Schon mein erster Tag war ein Desaster. Die große Wanduhr ging einige Minuten nach und ich bekam den Auftrag, die Zeiger richtig zu stellen. Ich stand auf einem Stuhl, als ich versuchte, die Zeit zu korrigieren, verlor meine Balance und die Uhr plumpste zu Boden. "Über zehn Jahre hängt sie an der Wand", schimpfte Meister Strack, "und du berührst sie nur einmal, und schon ist sie kaputt!"

Stifte nannte man uns abschätzig statt Lehrjungen, und so wurde ich auch behandelt. Disziplin und Gehorsam sollte ich haben, und so nebenbei diente ich auch als Blitzableiter, wenn in der Firma irgendetwas schiefging. Nur ein paar Tage später passierte schon das nächste Missgeschick. Ich wurde in den Keller geschickt, um Klebestoff...

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