Kämpfen

Roman
 
 
Luchterhand Literaturverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Mai 2017
  • |
  • 1280 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10209-8 (ISBN)
 
Die Rücksichtslosigkeit anderen - aber vor allem sich selbst gegenüber. Die Radikalität des Ansatzes. Die schwindelerregenden Wechsel zwischen kleinsten Details und großen Gedanken. Die essayistischen Passagen zu Themen der Kunst- und Literaturgeschichte. Und diesmal auch: die berührende Schilderung einer Krankheit und Ehekrise. In "Kämpfen", dem fulminanten Abschluss des sechsbändigen autobiographischen Projektes von Karl Ove Knausgård, findet sich alles, was schon die ersten fünf Bände zu einem Ereignis machte, und geht noch einmal weit darüber hinaus. Geschrieben nach dem sensationellen Erfolg der Vorgängerbände in Norwegen, dem darauf folgenden Skandal auf Grund der Preisgabe von vermeintlich Intimem, radikalisiert Knausgård seine schonungslose Methode noch einmal und treibt sie bis zu einer äußersten Schmerzgrenze. Ein künstlerischer Triumph, ein Vordringen zum Kern des Menschlichen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Luchterhand
  • 1,28 MB
978-3-641-10209-8 (9783641102098)
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Karl Ove Knausgård wurde 1968 geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiographischen Projektes wurden weltweit zur Sensation. Sie sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. 2015 erhielt Karl Ove Knausgård den WELT-Literaturpreis, 2017 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Er lebt in London.

Ich legte mich aufs Bett und blieb reglos liegen. Es war plötzlich die einzige Möglichkeit. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wieso oder wie es sich anfühlte, denn seit damals sind anderthalb Jahre vergangen, und ich habe diese explosionsartigen Angstgefühle nicht mehr. Ich kann sie verstehen, sehr gut sogar, aber ich kann diese Gefühle nicht wieder zum Leben erwecken. Wenn ich diese Mails heute lese, packt mich ein großes Unbehagen, denn sie bestätigen etwas, das ich immer gewusst, immer gefühlt habe, doch im Vergleich zu ihrer damaligen Kraft sind sie lediglich ein Schatten. Damals, in diesen Augusttagen 2009, haben sie mich vollkommen paralysiert. Hätte ich die geringste Ahnung gehabt, dass mich eine derartige Wut erwartet, hätte ich mich darauf vorbereitet und so den Effekt abgefedert, oder - das war das Wahrscheinlichste - den Roman schlichtweg nicht geschrieben. Doch während der Arbeit daran hatte ich mir niemals eine derartige Reaktion vorgestellt, nicht ein einziges Mal.

Im Flur klingelte das Telefon.

Es musste Gunnar sein.

Ich konnte jetzt nicht mit ihm reden. Es wäre so wie damals gewesen, wenn ich als kleiner Junge etwas falsch gemacht hatte und hörte, wie Vater unten die Tür öffnete. Jetzt kommt er. Jetzt kommt er.

Vielleicht war es aber auch Geir Gulliksen oder Geir Berdahl, denn auch sie hatten die Mail bekommen.

Ich stand auf und lief in den Flur. Als ich beim Telefon war, hatte es aufgehört zu klingeln. Ich hob den Hörer und rief die entgangenen Nummern auf.

»10« stand auf dem Display.

Was bedeutete, dass der Anrufer eine unterdrückte Nummer hatte. Geir Angell hatte eine unterdrückte Nummer, vermutlich war er es gewesen. Ich riss gern den Witz, dass nur die Polizei und er mit unterdrückten Nummern telefonierten. Aber es war nicht nur ein Witz, denn irgendwo tief in mir wartete ich noch immer auf einen Anruf der Polizei.

Ich nahm das Telefon mit auf den Balkon und rief Geir an.

»Ja, hallo, hier ist Gunnar«, meldete er sich. »Ist dort mein falscher und freundloser Neffe? Wie kannst du es wagen, hier anzurufen?«

»Hast du gerade angerufen?«, fragte ich ihn.

»Ja, sicher«, sagte er. »Du hast miese Laune, oder?«

»Mies ist nicht der richtige Ausdruck. Hast du die E-Mail gelesen?«

»Ja, klar. Zumindest hat dein Onkel einen erfrischenden Ton!«

»Tja.«

»Ich habe laut gelacht.«

»Glaub ich sofort.«

»Komm schon. Er ist wütend auf dich. Das ist nicht schwer zu verstehen. Aber das ist auch alles. Du hast wirklich nichts falsch gemacht.«

»Natürlich. Und er will vor Gericht gehen. Ich zweifele nicht eine Sekunde daran.«

»Aber das ist doch fantastisch! Du solltest hoffen und beten, dass er so etwas Dämliches tut! Du wirst steinreich werden! Alle werden deine Bücher kaufen, wenn es zu einem Prozess kommt! Das geht direkt in die Literaturgeschichte ein. Du wirst Millionär. Ein besseres Szenario ist kaum vorstellbar.«

»Für mich schon.«

»Ach, komm! Was hast du getan? Du hast ein Buch über dein Leben geschrieben, so wie du es siehst. Das ist ein Freiheitsprojekt. Freiheit ist etwas, das man sich nimmt. Wird einem die Freiheit erteilt, ist man ein Sklave. Du wolltest über dein Leben schreiben, so wie es ist. Das hat einen Preis. Den Preis siehst du jetzt. Du hast auf deinen Onkel keine Rücksicht genommen, also bist du rücksichtslos gewesen. Das sind die Unkosten. Ja, er ist wütend auf dich. Ja, das kann ich verstehen. Er hat das Recht, auf dich wütend zu sein - aus seiner Sicht. Aber mehr steckt nicht dahinter. Verstehst du? Du hast nichts Falsches über ihn geschrieben. Du hast über deinen Vater geschrieben. Das ist dein Recht, das ist dein verdammtes Erbe, das ist das, was er dir hinterlassen hat. Niemand kann dir das streitig machen. Sie können wütend werden, sie können toben, sie können dich und deine Familie schikanieren, aber dann ist auch Schluss. Du hast nichts Falsches getan. Ich erteile dir die vollständige Absolution. Schade übrigens, dass ich kein katholischer Priester bin.«

»Ja.«

»Was, >ja<? So ist es. Reiß dich zusammen, Mann. Du wirst reich. Du solltest über all das hier lachen.«

»Es gibt nichts zu lachen.«

»Aber sicher! Als ich diese E-Mail gelesen habe, verstand ich auch endlich, woher das alles kommt. Du bist nicht der einzige Verrückte in deiner Familie. Ihr alle seid es. Dein Vater, dein Onkel und du.«

Ich sagte nichts. Sein Versuch, mich aufzumuntern, half natürlich nicht, aber ich war dennoch froh, dass er es versuchte. Wir redeten noch eine Weile über die Mails und die neue Situation, die sie geschaffen hatten. Geir meinte, ich sollte mich mit der Situation anfreunden. Moral hätte noch nie etwas Eigenes geschaffen, nur Dinge abgelehnt, die geschaffen werden. Das Geschaffene sei das Leben. Und warum Nein zum Leben sagen?

Geir war durch und durch Nietzscheaner. Er sah die Dinge von außen, das war seine Stärke, aber das bedeutete auch, dass er außerhalb stand. Ich befand mich mittendrin, und wenn es etwas gab, worin ich keinen Trost fand, dann in Vitalismus, denn das war identisch mit einer Grenzüberschreitung, und wenn es hier um etwas ging, dann war es im grundlegenden Sinn um die Furcht vor Grenzüberschreitungen.

Während ich mit ihm redete, hörte ich im Telefon das Signal eines eingehenden Anrufs. Ich ignorierte es beim ersten Mal, als ich es aber zum zweiten Mal hörte, sagte ich zu Geir, dass ich auflegen und den Anruf annehmen müsse.

Zunächst stand nur eingehender Anruf auf dem Display. Ich hob nicht ab, es hätte irgendjemand sein können. Doch dann erschien die Nummer. Sie kam aus Oslo. Gunnar hätte durchaus in Oslo sein können, aber die Möglichkeit war gering, außerdem glaubte ich die ersten drei Zahlen wiederzuerkennen, sie gehörten zum Verlag Oktober.

Ich drückte auf die grüne Taste und hob den Hörer ans Ohr, gleichzeitig öffnete ich die Tür und ging ins Wohnzimmer.

»Hallo«, meldete ich mich und ging aufs Fenster zu.

»Hallo, hier ist Geir Berdahl.«

»Hallo.«

»Ich habe gerade eine E-Mail von deinem Onkel erhalten.«

»Dachte ich mir«, sagte ich.

Er lachte auf. Ich blieb vor dem Fenster stehen und lehnte die Stirn gegen das kühle Glas.

»Starker Tobak.«

»Ja.«

»Wir müssen das vernünftig handhaben.«

»Ja.«

Ich trat ans Bücherregal und betrachtete die Titel.

»Wir kommen deinem Onkel so weit wie möglich entgegen. Wir müssen uns einen Handlungsspielraum verschaffen. Er darf die Sache auf keinen Fall vor Gericht bringen. Es ist doch kein Problem für dich, all die Namen zu ändern, die mit der Familie deines Vaters zu tun haben?«

»Nein«, antwortete ich und ging auf die andere Wand zu, drehte um und ging wieder zurück. »Nein, nein. Ich habe ihm das doch schon in der Mail angeboten, die ich ihm geschickt habe.«

»Gut. Dann sage ich ihm, dass wir sämtliche Namen ändern. Und das Umfeld anonymisieren, soweit es sich machen lässt.«

»Ja.«

»Ich nehme Kontakt zu einer Anwaltskanzlei auf, mit der wir zusammenarbeiten. Nur, damit du Bescheid weißt. Wir müssen uns absichern, dass unser Vorgehen legal ist, weißt du.«

»Ja.«

»Aber er ist ziemlich wütend, was?«

»Das kann man wohl sagen.«

Ich ging in die Küche und schaute auf die Schränke über der Spüle, einer stand offen, ein Brett, auf dem normalerweise Gläser standen, war beinahe leer. Die Spülmaschine musste voller Gläser sein.

»Könnte aber auch sein, dass er dich nur ein bisschen erschrecken will«, fuhr Geir fort.

»Das hat er geschafft.«

»Na gut, Karl Ove. Du arbeitest einfach weiter an dem Buch, so gut du kannst. Ich melde mich, sobald ich etwas von den Anwälten gehört habe.«

»Okay.«

»Tschüss.«

»Tschüss«, erwiderte ich und legte auf. Ich ging zurück ins Wohnzimmer, dann über den Flur ins Badezimmer, wo ich den Hahn aufdrehte und mir die Hände mit heißem Wasser wusch. Ich trat auf den Balkon, wusste aber, dass ich dort nicht allein sitzen und rauchen konnte, es war zu leer und zu still, also holte ich das Telefon, das ich auf den Küchentisch gelegt hatte, und rief Linda an.

»Hallo!«, meldete sie sich.

»Du hörst dich an, als wärst du glücklich«, sagte ich und ging ins Wohnzimmer, ans Fenster. »Bist du schon da?«

»Nein, ich sitze noch im Zug. Ich habe ein bisschen geschlafen. Und jetzt lese ich. Und du?«

»Es geht mir nicht besonders gut, nein. Ich habe eine E-Mail von Gunnar bekommen. Er ist unglaublich wütend. Er ist fast verrückt vor Wut.«

»Oje«, sagte sie. »Was schreibt er?«

»Du kannst es lesen, wenn du zurück bist. Er will das Erscheinen des Buches verhindern und notfalls vor Gericht gehen.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Es ist schrecklich, wie du dir sicher denken kannst.«

»Ja, ich höre es an deiner Stimme. Möchtest du, dass ich wieder nach Hause komme? Es ginge.«

»Nein, nein. Nein. Absolut nicht. Nein, daran darfst du nicht einmal denken. Du hast die paar Tage für dich verdient. Es läuft gut hier. Es war nur ein Schock. Das geht vorbei. Ich habe eben mit Geir Berdahl vom Verlag telefoniert, sie schalten ihre Anwälte ein und versuchen, die Sache so gut wie möglich zu regeln. Ich bin in guten Händen. Es läuft gut.«

»Sicher?«

»Ja.«

»Okay.«

»Ich wollte es nur loswerden. Sonst geht es gut. Ich rufe heute Abend an, dann können...

»Ganz egal, ob auf Internet-Stammtisch-Niveau oder im Feuilleton: Knausgård wühlt auf. Knausgård erzürnt und begeistert.«
 
»Knausgård macht das Ungesagte in einer entzauberten, um sich selbst kreisenden Gesellschaft, die keine echten Probleme hat und doch täglich kämpfen muss, unprätentiös sichtbar.«
 
»Man wird süchtig nach dieser klaren Sprache, diesen genauen Beobachtungen, diesen leichthändig eingestreuten Kurzessays und genialen Wendungen.«
 
»Mehr als in den anderen Büchern fallen in >Kämpfen< der Schreibprozess und die erzählte Zeit zusammen, erzählt dieser sechste Band von seiner eigenen Entstehung.«
 
»Niemand sonst schreibt so schonungslos ehrlich über sich selbst. Über Niederlagen, Erfolge, Ängste, Krankheit und Karriere.«
 
»Rücksichtslos und radikal, schwindelerregend und überbordend ist sein Stil. Im hektischen Wechsel lösen sich Miniaturen und Großaufnahmen ab.«

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