Reaktive Bindungsstörungen

 
 
Springer (Verlag)
  • erschienen am 29. September 2009
  • |
  • VIII, 135 Seiten
 
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978-3-540-68934-8 (ISBN)
 

Bindungsstörungen und damit verbundene Symptome beeinträchtigen das Leben eines Kindes - bis ins Erwachsenenalter. Welche Kriterien für eine Diagnose erfüllt sein müssen und wie sich diese Störung behandeln lässt, beschreibt der Autor ausführlich und praxisorientiert. Der Band erscheint in der Reihe "Manuale psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter", die konzipiert wurde, um Einzelstörungen klar strukturiert und verständlich zu erklären. Die Reihe bietet insbesondere jüngeren Ärzten und Therapeuten einen Leitfaden für Diagnose und Therapie.

2009
  • Deutsch
  • Heidelberg
  • |
  • Deutschland
Springer Berlin
  • Für Beruf und Forschung
  • |
  • Für höhere Schule und Studium
  • 1,54 MB
978-3-540-68934-8 (9783540689348)
3540689346 (3540689346)
10.1007/978-3-540-68934-8
weitere Ausgaben werden ermittelt
Gedanken zu Beginn.- Ein Blick zurück: Geschichte der Störung.- Worum es geht: Definition und Klassifikation.- Was ist erklärbar? Ätiologie und Entwicklungspsychopathologie.- Der Blick auf das Besondere: Störungsspezifische Diagnostik.- Unterscheiden ist wichtig: Differenzialdiagnostik und multiaxiale Bewertung.- Was ist zu tun: Interventionen.- Der Blick voraus: Verlauf und Prognose.- Was wir nicht wissen: Offene Fragen.

3.1 Umweltfaktoren (Beziehungsumwelt) (S. 34-35)

Schon die Definition der Störung (7 Abschn. 2.1) beinhaltet, dass als wesentlicher ätiologischer Faktor für die Entstehung von Bindungsstörungen in einer pathogenen Fürsorge während der ersten fünf Lebensjahre angesehen wird. Im Folgenden werden zunächst normale Fürsorgecharakteristika von Eltern oder anderen primären Beziehungspersonen aufgezeigt, welche eine gesunde psychische Entwicklung während der ersten fünf Lebensjahre gewährleisten. Einige Autoren haben darauf verwiesen, dass es eine wahrscheinlich biologisch angelegte elterliche Verhaltensdisposition gibt (intuitive Elternschaft), die ein Eingehen auf die wesentlichen biologischen, sozialen und emotionalen Bedürfnisse des Kleinkindes gewährleistet, ohne dass solche elterlichen Verhaltensweisen erlernt werden müssen (Papousek u. Papousek 1983; M. Papousek 1989).

Definition
Intuitive Elternschaft ist ein biologisch angelegtes Erlebens- und Verhaltensmuster, welches es Eltern ermöglicht, entwicklungsgerecht und angemessen auf die biologischen, sozialen und emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen.

Die meisten Mütter und Väter sowie andere Beziehungspersonen haben das Potenzial zur intuitiven Elternschaft, die durch den Aufforderungscharakter in der Begegnung mit dem Säugling oder Kleinkind hervorgerufen wird. Bei einer Minderheit von Menschen entwickelt sich die intuitive Elternschaft nicht oder wird durch traumatische Erfahrungen in der eigenen Kindheit, psychische Erkrankungen oder andere ungünstige psychosoziale Bedingungen gehemmt. Neugeborene erkennen den Geruch und die Stimme der Mutter schon bald nach der Geburt. Außerdem zeigen sich erste Zeichen von Imitationsverhalten (Meltzoff u. Moore 1989, 1994).

Zwischen zwei und siebenMonaten zeigen Säuglinge in Phasen von Wachheit und Interaktionsbereitschaft ein typisches Interaktionsverhalten in Form von Lächeln, Vokalisationen und lustvoller Körperbewegung. In dieser frühen Phase kommt es für die Eltern zunächst darauf an, dem Säugling einen sicheren Halt zu gewähren, auf Unlustsignale zu reagieren und körperliche Bedürfnisse zu befriedigen (Winnicott 1953, 1956, 1960). Außerdem ist es wichtig, auf das emotionale Interaktionsangebot des Säuglings zu reagieren, es zu spiegeln, sich auf den Affekt des Säuglings einzustimmen (Stern 1984, 1985) und mit ihm in den als Dialog bezeichneten lustvollen emotionalen Austauschprozess zu treten (Spitz 1945, 1963).

Experimente (»Still face«, Erstarren des mütterlichen Gesichts) haben gezeigt, dass der Säugling, wenn die Elternfigur nicht wie erwartet auf das emotionale Interaktionsangebot eingeht, mit Unlust, Protest und depressivem Affekt reagiert (Tronick et al. 1986). Mit solchen Reaktionen ist in hohem Maß zu rechnen, wenn ein Säugling beispielsweise vorwiegend von einer depressiven Mutter betreut wird.

Während dieser Zeit lässt sich der Säugling zwar in der Regel leichter von den Eltern und vertrauten Betreuungspersonen trösten. Grundsätzlich ist er aber auch bereit, sich von nicht oder weniger vertrauten Personen beruhigen zu lassen und mit ihnen in einen lustvollen Dialog zu treten. Zwischen sieben und neun Monaten entwickelt der Säugling in der Regel eine Abneigung gegenüber unvertrauten Personen (»Fremdeln«, Spitz 1967) und reagiert auf Trennungen von vertrauten Bezugspersonen mit Angst und Protest (Trennungsangst). Ab diesem Zeitpunkt ist ein spezifisches Bindungsverhalten zu beobachten. Am Ende des ersten Lebensjahres bauen Kleinkinder Bindungsverhalten gegenüber Eltern- oder anderen Betreuungsfiguren auf, mit welchen sie über ein gewisses Quantum an Interaktionserfahrungen verfügen. Abhängig von der das Kleinkind typischerweise umgebenden Beziehungsumwelt (Kleinfamilie, Mehrgenerationenfamilie, Kinderkrippe etc.) bildet sich eine relativ kleine Gruppe von Personen, die dem Kleinkind vertraut sind und es trösten, unterstützen, pflegen und schützen können. Für diese Eltern- und Betreuungspersonen ist es wichtig, eine möglichst kontinuierliche Beziehung zum Kind zu entwickeln, die von Verlässlichkeit geprägt ist. Sind Trennungen unumgänglich (Krippenbetreuung, Krankheit der Eltern etc.), ist der Aufbau von Beziehungen zu möglichst konstanten Ersatzbezugspersonen essenziell. Die Bereitschaft, sich auf Ersatz-Bezugspersonen einzulassen, und die Anzahl von möglichen Personen, zu denen ein Kind eine verlässliche Beziehung aufbauen kann, sind interindividuell unterschiedlich. Wichtig ist in dieser Zeit, Trennungsreaktionen des Kindes ernst zu nehmen, den damit verbundenen Stress durch tröstendes Verhalten zu regulieren und abhängig von der Reaktionsweise des Kindes die Betreuungspersonen möglichst konstant zu halten.

Im zweiten und dritten Lebensjahr wächst das Kind nach und nach in die symbolischeWelt hinein, was sich vor allem in der Sprachentwicklung, aber auch in der Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen durch spielerischen Umgang zu meistern, äußert. Nach wie vor erlebt das Kind Trennungen als Stress und zeigt auch oftmals gegenüber einer wiederkehrenden Elternfigur Wut, Protest und ambivalentes Verhalten. Jetzt kommt es für die Eltern darauf an, auch mit diesen Wutreaktionen des Kindes zurechtzukommen, also nicht mit eigener übermäßiger Aggressivität zu reagieren. Die Eltern sollten dem Kind mit einer betroffenen, aber dennoch beruhigenden Haltung bei der Regulation seiner Emotionen behilflich zu sein.

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