Parole Heimat

Kriegserinnerungen - Stationen einer Flucht nach Leipzig
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 21. April 2020
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  • 176 Seiten
 
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978-3-7504-7978-4 (ISBN)
 
Werner Kleine, geboren 1922 in Leipzig, war 74 Jahre alt, als er dieses Buch über die letzten Tage als Soldat im Zweiten Weltkrieg erstmals veröffentlichte. Dem folgten dann 2003 die Kriegserinnerungen "Alptraum" über die Zeit beim Reichsarbeitsdienst, die Grundausbildung als Soldat und den Einsatz an der Front. Heute, zum Zeitpunkt der Wiederauflage beider Bücher, nunmehr in seinem 98. Lebensjahr, ist er einer der letzten Zeitzeugen dieses Krieges und der Diktatur. In Zeiten, in denen wieder vermehrt Tendenzen zur Vertuschung, Rechtfertigung oder gar Verherrlichung des damals geschehenen Unrechts und der Kriegsgräuel zu vernehmen sind, ist es ihm besonders wichtig, dass die Erinnerungen an die Schrecken des Krieges als eine Mahnung und Warnung an jüngere Generationen weiter bestehen und nicht in Vergessenheit geraten.

"Die Wahrheit ist, zuerst wollte ich ein Held sein, zuletzt, auch im elendigsten Moment, nur noch überleben"
1. Auflage
  • Deutsch
  • 6,31 MB
978-3-7504-7978-4 (9783750479784)
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Werner Kleine wurde 1922 in Leipzig geboren. Wie die meisten seiner Generation, war er gezwungen als Soldat am Zweiten Weltkrieg teilzunehmen. Nach Ende des Krieges arbeitete er zunächst als selbstständiger Handelsvertreter und gründete 1946 eine Großhandlung für Papier, Bürobedarf und Schreibwaren. Nach der Verstaatlichung seiner Firma 1953 floh er in den Westen Deutschlands, von dort emigrierte er nach Venezuela, kehrte aber einige Jahre später nach Deutschland zurück und lebt heute in Meckenheim bei Bonn. Als stets wacher und kritischer Geist veröffentlichte er seine Erinnerungen an Krieg und Naziherrschaft in den zwei Büchern "Alptraum" und "Parole Heimat" als Mahnung an jüngere Generationen. Des weiteren sind erschienen 1998 "Weg von Deutschland" über die Flucht aus der DDR und die Emigration nach Venezuela und 2006" Damals in Leipzig" über seine Kindheit und Jugend in der sächsischen Stadt.

Abschied


Die Zeit lässt sich nicht anhalten. ,,Bitte nicht wieder auf dem Bahnhof", hatte Annlie gesagt. Sie sprach mir aus dem Herzen. Nicht wieder endlose Blicke in tränenverhangene Augen. Nicht das Loslassenmüssen verklammerter Hände. Und nie wieder die quälenden Warteminuten und das stumme Nebeneinander, bevor sich der Zug endlich in Bewegung setzt.

Zu Hause war es nicht einfacher gewesen. Fest aneinandergepresst spürten wir den Schmerz. Ich hörte das leise Schluchzen hinter der Tür und wollte es nicht noch schlimmer machen. Nach der letzten Umarmung vor der Haustür noch einmal umdrehen und winken. Schnell um die Ecke biegen und zum Taschentuch greifen. Der Abschied lag hinter mir.

Nebel. Gelbe Schwaden wogten durch die Straßen. Was die vor der Stadt angesiedelten Chemiewerke, Rüstungsbetriebe und Braunkohlenzechen in den Himmel abließen, vermischte sich zu einem penetranten Gestank.

Der Leipziger Hauptbahnhof wirkt mit seiner gewaltigen Fassade wie ein klotziges Monument. Wer in dieser Stadt geboren wurde oder in ihr lebt, bleibt diesem historischen Denkmal zeitlebens auf individuelle Weise verbunden. Jeder Leipziger erinnert sich an Abreisen und Ankünfte auf einem der sechsundzwanzig nebeneinanderliegenden

Bahngleise. 1914, als mein Vater an die französische Front verladen wurde, war bereits die linke Bahnhofsgaststätte fertiggestellt und in Betrieb genommen worden. Während beider Weltkriege hat man seither von hier aus unzählige soldatische Heerscharen an viele Kriegsschauplätze abtransportiert.

Der Leipziger Hauptbahnhof 1944

Die Reichsbahn hatte mit Wirkung vom 24. Januar 1945 den Verkehr aller D- und E-Züge endgültig eingestellt. Im überfüllten Personenzug nach Dresden war deshalb kein Sitzplatz zu bekommen. Es dauerte seine Zeit, bis die Wagen bedächtig aus dem Bahnhof zuckelten.

Auf den Tag genau zwei Jahre vorher war ich zum Fronteinsatz in einen nach Orel2 fahrenden Güterwagen verstaut worden.

Es schien, als sei der letzte Januartag für mich schicksalhaft. Militärisch korrekt hieß es in meinen Fahrtpapieren: "Der Gefreite Werner Kleine wurde am 31. Januar 1945 zu seinem Ersatztruppenteil nach Bautzen in Marsch gesetzt." Ein Lungenschuss, den ich am 1. Mai1944 vor Witebsk bekam, hatte mich fünf Monate vor der Front bewahrt. Die geruhsame Zeit in einer Landesschützen-Einheit war nun vorüber. Die Bewachung englischer und französischer Kriegsgefangener hatte viel Zeit für das Privatleben belassen.

Die schönsten und wichtigsten Ereignisse jenes Zeitabschnittes waren meine Verlobung mit Anneliese Guth am 7. September 1944, der am 6. Januar 1945 rasch die Hochzeit folgte. Für den eilig anberaumten Termin sprach vieles. Annelieses bereits avisierte Einberufung als "Wehrmachtshelferin" konnte verzögert werden, und für mich gab es sieben Tage Heiratsurlaub. Hinzu kam zur Bewirtung von Gästen das sogenannte Führerpaket, das Kaffee und Lebensmittel-Raritäten enthielt.

Trübe Gedanken überfielen mich, während der Zug ratternd in seiner Schiene stampfte und an den Fenstern die gespenstische Ruinenlandschaft der Vororte vorbeihuschte.

Zurückgeblieben war, was mir am Herzen lag. Neben Annlie, meiner attraktiven Frau, meine Mutter und meine Schwester Uschi. Vater war 1944, im einundfünfzigsten Lebensjahr, wieder einberufen worden. Sehr nahe standen mir auch meine Schwiegereltern und deren zweite Tochter Ursula.

Im Vergleich zu meiner letzten Reise von Leipzig nach Bautzen hatte sich aber nicht nur mein Familienstand geändert, sondern gravierend auch die Entfernung zur Front.

Damals, am 28. Februar 1944, lag meine Kampfeinheit, das zur 56. Infanteriedivision gehörende Regiment 171, südlich der Stadt Witebsk noch weit in Russland. Heute war die militärische Lage im Osten entschieden bedrohlicher. Seit Beginn ihrer Großoffensive am 12. Januar hatten die Sowjets Warschau überrollt und bereits zehn Tage später Insterburg und Allenstein erobert. In Ostpreußen waren die deutschen Truppen abgeschnitten. Knapp hieß es in der Verlautbarung des gestrigen Wehrmachtsberichtes: Sowjetische Truppen dringen in Pommern ein. Und während dieser Bahnfahrt sickerte durch, dass Königsberg von sowjetischen Verbänden eingeschlossen wurde. Für die Deutschen war die Front nicht mehr imaginär. Beim Umsteigen in Dresden waren große Plakate mit Durchhalteparolen und Erschießungsdrohungen gegen Deserteure nicht zu übersehen. Über Lautsprecheranlagen wurde die Wende des Krieges durch den kurz bevorstehenden Einsatz von "Wunderwaffen" angekündigt. Der ,,Endsieg" sei greifbar nahe. Im Abteil wurde von geheimnisvollen Todesstrahlen mit vernichtender Wirkung für alle Lebewesen gesprochen. Niemand schien es ernst zu nehmen. Ich war fest entschlossen, auch die letzte Phase des Krieges zu überleben.

Bautzen


Die ostsächsische Stadt empfing mich unfreundlich. Feldgendarmen, im Landserjargon "Kettenhunde" genannt, machten Razzia auf Fahnenflüchtige. Zwei Männer in Zivilsachen wurden mit Knüppelschlägen und Fußtritten traktiert und in Fesseln aus dem Bahnhofsgelände geführt.

In der Kaserne angekommen, meldete ich mich bei Hauptfeldwebel Müller. Er befand sich in einem Raum voller Tabakschwaden, in dem selbst sein Schreibtisch keine festen Konturen mehr hatte. Im positiven Sinn vertrat Müller den militärischen Imperativ: Befehl und Gehorsam, Pflichttreue und Kameradschaft. Hunderte von Ab- und Neuzugängen hatten seinem phänomenalen Personengedächtnis nichts anzuhaben vermocht. Er erkannte mich sofort: ,,Ihnen scheint es ja bei uns zu gefallen", begrüßte er mich mit einem Anflug von Spott. Der Qualm im Raum schluckte das Ritual der Ehrenbezeigung, so dass ich mir das Hochreißen des rechten Armes zum ,,Führergruß" ersparte. Die nach dem misslungenen Attentat auf den "größten Feldherrn aller Zeiten" erfolgte Abschaffung des traditionellen Militärgrußes (Anlegen rechten Hand an die Mütze) musste den Portepeeträger Müller tief in seiner Berufsehre getroffen haben.

,,Gefreiter Kleine meldet sich beim Ersatztruppenteil zurück!" Der straffe Meldeton hat ihm sicher gefallen. Humorvoll, organisationsbegabt und korrekt, ein verständnisvoller Vorgesetzter, war dieser Mann als Spieß die ideale Besetzung. Zu Hauptfeldwebel Müller konnte man auch mit seinen persönlichen Problemen kommen.

Mich erwartete der übliche Ablauf. Anmeldung beim Schreibstubenbullen und Zuteilung einer Stube mit Neuzugängen. An das stupide Kasernengebrüll (,,Kompanie aufstehen!"), die Trillerpfeife und das Nachfassgeschrei des U. v. D. (,,Aufwachen, raus, bewegt euch!") hatte man sich erst wieder zu gewöhnen. Es klingt einfacher, als es ist, aber ich war zu keinem Zeitpunkt bereit, mit der üblichen militärischen Dressur auch meine Persönlichkeit im Kasernenhof abzugeben.

Das bewährte organisatorische Schema, nach dem ein Soldatenleben im Krieg ablief, kannte ich aus eigenem Erleben schon recht gut: Ausbildung, Fronteinsatz, Verwundung, Lazarett, Ersatztruppenteil, Genesungsurlaub, Verwundeten-Sammelstelle Hoyerswerda. Ärztliche Begutachtung zwecks Feststellung des Tauglichkeitsgrades. Kriegsverwendungsfähig bedeutete Abstellung zu einer Marscheinheit mit anschließender Verladung zum Fronteinsatz. Garnisonsverwendungsfähig/Heimat versprach für begrenzte Dauer ruhigen Dienst bei einem Landesschützen-Bataillon. Dienstunfähig war gleichbedeutend mit Entlassung vom Wehrdienst und gelang allenfalls bei Vorzeigen des Kopfes unter dem Arm.

dass ich nach jeder Verwundung zur Gefangenenbewachung nach Leipzig abgestellt wurde, verdankte ich hier in Bautzen meinem hilfsbereiten Lehrer Paul Flämig. Als Major und stellvertretender Kommandeur eines Lagers in Hoyerswerda, in dem 5000 kriegsgefangene französische Offiziere einsaßen, kannte er die Ärzte der Sammelstelle von gemeinsamen Kasino-Abenden. Da gab es keine Probleme, meine Heimatwünsche zu erfüllen. Hauptfeldwebel Müller kannte mich seit den Kämpfen um Bolchow im Juli 1942. Damals war er Zugführer und ich Richtschütze eines schweren Maschinengewehres (SMG). Deshalb gewährte er mir eine gewisse Narrenfreiheit. Sie erleichterte meinen Entschluss, am Dienstbetrieb nicht mehr teilzunehmen.

Das Kasernenleben hatte sich kaum verändert: Aufstehen, Frühsport, Antreten, Exerzieren, Gefechtsübungen. Geblieben war der vertraute Geruch von Bohnerwachs in den Stuben und auf den Korridoren. Verschwunden, das heißt aufgelöst und zum Fronteinsatz gebracht, das Musikkorps. Auf dessen Tschingderassabum konnte leicht verzichtet werden.

Hauptfeldwebel Müller drückte den Rücken durch, so dass seine Orden wippten und das Goldene Verwundetenabzeichen funkelte. Sein Ton war zackig: ,,Funktionsträger weggetreten!" Zu meiner Überraschung winkte er mir zu, mit den anderen loszurennen, als gehöre ich zu deren Haufen. So gewährt man einem Frontkameraden Freiheit. Klappte alles wie aus...

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