Nachts sind alle Gedanken grau

Roman
 
 
Periplaneta (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. Januar 2020
  • |
  • 234 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95996-165-3 (ISBN)
 
"Ich will dir etwas erzählen und du darfst nichts sagen, bis ich fertig bin. Sonst kriege ich das nicht hin."
Callie zieht für ihr Studium nach Amsterdam. Sie will dort ein neues Leben beginnen. Doch zwischen Unistress, Nebenjob und neuen Freundschaften muss sie feststellen, dass es nicht so einfach ist, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen - seien es andere Personen oder die eigenen Prägungen und Abgründe. ??Ein dramatische Geschichte über Vergangenheitsbewältigung, Depression und über die Liebe.
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • Für Jugendliche
  • 0,20 MB
978-3-95996-165-3 (9783959961653)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Silvia Klein wurde 1998 in einer Kleinstadt in Bayern geboren. Meistens kommen ihr die besten Ideen auf Reisen. Wenn sie nicht gerade am Schreibtisch sitzt, springt sie gerne durch fremde Städte, übt Yoga, sitzt irgendwo am Wasser oder kauft zu viele Bücher. Momentan lebt und studiert sie in Bayreuth.

Kapitel 2


Der September war wundervoll. Es war noch nicht so dunkel und kalt wie im Winter, stattdessen lag ein Hauch von Sommer in der Luft. An diesem Nachmittag war alles in ein goldenes Licht getaucht. Das Laub war bereits bunt gefärbt und säumte die Straßen. Wesley hatte sich mit Daan, der sein bester Freund war, zum Laufen verabredet. In den Semesterferien konnten sie ihre Läufe so planen, dass sie nicht in den Berufsverkehr gerieten. Tod durch Fahrrad war nicht Wesleys bevorzugte Art, um abzutreten. Er hatte soeben seinem Freund von einem Gespräch mit seinem Studiengangsmoderator am Morgen berichtet. Möglicherweise hatte er im letzten Semester den klitzekleinen Fehler gemacht, zu wenig Zeit in den Vorlesungen zu verbringen - und dementsprechend sahen seine Noten aus. Das wäre kein Problem, wäre da nicht sein Stipendium, das er im Begriff war zu verlieren.

"Und das überrascht dich?", fragte Daan.

"Ich weiß, ich habe es verdient", gab Wesley zu. Er wurde langsamer. Ihre Runde war beinahe zu Ende und es war immer besser, sich auszulaufen.

"Was tust du jetzt?", wollte Daan wissen.

Wesley zuckte mit den Schultern: "Ich habe keine andere Wahl, als manche Vorlesungen noch einmal zu besuchen. Ich brauche das Stipendium, ich kann unmöglich noch mehr arbeiten."

Seit letztem Semester hatte er den Job in einem Café. Blöd nur, wenn man ein Studium hatte, das bereits ein Vollzeitjob war. Er hatte aber leider keine Familie, die ihm sein Leben finanzierte. Genauer gesagt hatte er gar keine Familie. Als Kind hatte er manchmal davon geträumt, dass ein unbekannter, netter Verwandter auftauchte und ihn aus dem Waisenhaus, in dem er seit seiner Geburt gelebt hatte, herausholte. Mittlerweile wäre er schon zufrieden, wenn irgendwo ein Vermögen auf seinen Namen entdeckt wurde. So etwas geschah aber nur in Harry Potter, nicht im echten Leben.

Daan verfolgte das Thema nicht weiter. Er blieb stehen und benutzte eine Bank am Rande des Kanals, um sich zu dehnen. "Möchtest du heute Abend zu uns kommen? Mein Vater wird sowieso zu viel kochen, du weißt, wie er ist. Außerdem freut er sich immer, dich zu sehen."

Wesley überlegte kurz. Er wusste, dass er bei Daan und seiner Familie immer willkommen war. Trotzdem würde er nie ganz dazugehören. Es war in Ordnung, dass er selbst nie so eine Familienidylle gekannt hatte. Nur manchmal, wenn er den Abend bei seinem Freund verbracht hatte, beschlich ihn diese schwere Traurigkeit. Dazu kam, dass er ihre Freundlichkeit nicht ausnutzen wollte und jedes Mal, wenn er ein kostenloses Essen bekam, fühlte es sich für ihn so an. "Nein, danke. Ich muss noch einige Dinge für das neue Semester besorgen", lehnte er deswegen ab.

"Wie du meinst, aber lass dich mal wieder blicken."

Insgeheim beschloss Wesley, das noch eine Weile aufzuschieben.

Es war noch dunkel, als Wesley am nächsten Morgen aufwachte. Kurz zog er es in Erwägung, sich noch einmal umzudrehen und weiterzuschlafen. Doch er wusste, dass das aussichtslos war. Es grenzte bereits an ein Wunder, dass er durchgeschlafen hatte und nicht wie so oft jede Stunde aufgewacht war. Auf Zehenspitzen verließ er das Zimmer und ging in die Küche. Zum Glück war seine Freundin bereits an seinen inexistenten Schlafrhythmus gewöhnt. Wesley setzte sich an das Fenster und sah nach draußen. Er liebte diese Stunden, wenn die ganze Welt noch schlief und er sich fühlte, als wäre er der einzige Mensch auf Erden. Es hatte etwas Beruhigendes, Friedliches. In diesen Momenten fühlte er sich sicher, als könnte ihm nichts und niemand etwas anhaben.

Einige Stunden später war die Sonne aufgegangen und er hörte tapsende Schritte, als Joela aufwachte und zu ihm lief. Sie streckte sich und gähnte demonstrativ. Wesley musste lächeln. Sie war die verschlafenste Person, die er kannte. Ihre Augen sahen immer noch so aus, als würde sie träumen. "Guten Morgen", begrüßte er sie und gab ihr einen schnellen Kuss.

"Wie lange bist du schon wach?", fragte sie, als sie sich neben ihn setzte.

"Ein paar Stunden", antwortete Wesley. "Möchtest du einen Kaffee?"

Sie brauchte mehr als einen, um wach zu werden. Er konnte das eklig bittere Gebräu nicht ausstehen, hatte sich aber angewöhnt, immer etwas für seine Freundin in der Wohnung zu haben. Schweigend trank Joela ihren Kaffee, während er auf die Tischplatte starrte. Sie war frühestens in einer halben Stunde ansprechbar. Das war ihm recht, er war kein Fan von ausladenden Gesprächen am Morgen. "Irgendwelche besonderen Pläne?", fragte sie schließlich.

Es war der letzte Tag, bevor das neue Semester begann. Wesley hatte bereits alles besorgt, was er dafür benötigte. Er hatte vor, sich mit Daan im Fitnessstudio zu treffen, aber das war es auch schon. "Nein", antwortete er deshalb.

"Was hältst du davon, einen Film anzusehen?"

Er zog die Augenbrauen hoch: "Wenn du mir versprichst, dass ."

". es keiner dieser Filme ist, bei denen man schon am Titel erkennt, wie er endet. Ich weiß." Spöttisch lächelte Joela ihn an.

Gegen seinen Willen musste Wesley lachen. Joela war einer dieser Menschen, in deren Gegenwart man sich einfach gut fühlen musste. Sie lachte viel, nahm alles mit Humor und ihre Fröhlichkeit war ansteckend. Außerdem mochte Wesley die Variante von sich selbst, die er bei ihr war. Alles war einfacher, unkomplizierter mit ihr.

"Was zum Teufel ist das?" Entsetzt blickte Wesley auf die Szene vor ihm. Das hier war einmal ein gemütliches Café gewesen, mit kleinen runden Holztischen und bequemen Stühlen. Jetzt war er sich nicht sicher, was es sein sollte. Irgendjemand hatte dem Ganzen eine Generalüberholung gegeben. Das Holz war durch Glas ersetzt worden. Es sah furchtbar aus. Normalerweise steckte Lexie hinter sämtlichen Veränderungen des Cafés. Sie war genauso alt wie er, hatte aber einiges mehr vorzuweisen. Dieses Café hatte sie vor zwei Jahren ins Leben gerufen, anscheinend war es immer ihr Traum gewesen. Wie sie es schaffte, den Laden am Laufen zu halten und nebenbei noch erfolgreich zu studieren, war ihm ein Rätsel. Lexie hatte schon die ein oder andere verrückte Idee gehabt. Manche davon wie die vegane Regenbogentorte wurden ein Hit, andere nicht. Vor einigen Monaten hatte es eine Musicalwoche gegeben, in der nur Broadway-Songs gespielt worden waren. Das war definitiv zu viel tragische Musik und Wesley war froh gewesen, als dieser Alptraum vorbei gewesen war. Aber dieses Mal war sich Wesley hundertprozentig sicher, dass seine Chefin nichts damit zu tun hatte. Schließlich hatte sie Geschmack und diese Möbel waren schrecklich. Sie sahen billig aus und noch dazu wirkten sie nicht besonders stabil. In einem der Tische entdeckte er sogar einen Sprung. Wesley traute sich nicht, sich hinzusetzen, und wartete somit stehend auf Lexie. Als die durch die Tür trat, fragte er sich wieder, wie eine Frau, die wie ein lebendes Kunstwerk aussah, für so eine Inneneinrichtung verantwortlich sein konnte. Ihre Haare waren ein Meer aus Türkis- und Blautönen und er war sich ziemlich sicher, dass er soeben einen Blick auf ein neues Tattoo an ihrem Handgelenk erhascht hatte. Er hatte sie einmal gefragt, was die Geschichte zu ihrer ungewöhnlichen Haarfarbe war. Es gab immer eine Geschichte. Sie hatte geantwortet: "Ich werde sowieso angestarrt, dunkle Haut ist ja ach so exotisch. Jetzt haben die Leute immerhin einen Grund, mich anzustarren, und ich sehe dabei noch gut aus." Lexie kombinierte Farben, Muster und Stile, an die sich kein anderer getraut hätte. Sogar Wesley, der nichts lieber mochte, als eine einfache blaue Jeans und einen simplen Pullover, musste zugeben, dass alles an ihr gut aussah.

"Was zum Teufel ist das, Lexie?", fragte er sie.

"So schlimm?"

"Ja, wenn man Augen im Kopf hat."

Stöhnend schmiss Lexie ihre schwarze Handtasche auf einen der Stühle: "Tut mir leid. Nichts hiervon ist freiwillig."

"Dir ist klar, dass auch Joris Lieblingshocker verschwunden ist?"

Joris war der dritte Kollege. Es gab noch ein paar Aushilfen, doch die kamen und gingen, typisch bei Studentenjobs. Sie drei waren die Einzigen, die konstant dabei waren, und übernahmen die meisten Schichten. In diesem Moment trat Joris durch die Tür. "Du bist zu spät", stellte Lexie fest.

"Zeit ist ein soziales Konstrukt, das rein gar nichts bedeutet."

"Alles ist ein soziales Konstrukt, Joris", antwortete Lexie lapidar.

Erst jetzt schien er die Veränderung zu bemerken. Joris' Augen weiteten sich. Er ließ einen Blick durch den Raum schweifen, dann drehte er sich zu Wesley und Lexie um, sah ihnen nacheinander fest in die Augen und fragte drohend: "Wer hat meinen Stuhl ersetzt? Wer auch immer es war, der ist tot."

Wesley zuckte mit den Schultern und meinte zu Lexie: "Ich habe doch gesagt, er dreht durch."

Joris zeigte mit dem Finger auf ihn: "Das ist ein schlechter Streich! Nein, es ist nicht einmal ein Streich, es ist ein Fehler."

"Hey, ich habe hiermit nichts zu tun", protestierte Wesley. "Ich bin genauso geschockt wie du. Ich habe zwar keine emotionale Verbindung zu einem Stuhl, aber diese Möbel sind mir nicht geheuer."

"Die Ironie, dass ausgerechnet du über Möbel urteilst, ist dir aber schon bewusst, oder?", meldete sich Lexie zu Wort. Wesley schnitt eine Grimasse. Er hatte einmal - und nur einmal - den Fehler gemacht, die beiden nach der Arbeit zu sich nach Hause einzuladen. In seiner Wohnung befand sich eine kleine Küchenzeile,...

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