Jugendkriminalität

Eine Explikation kriminogener Faktoren auf der Grundlage ausgewählter Kriminalitätstheorien im Bezugsrahmen des sozialwissenschaftlichen Diskurses, in der Abgrenzung zur Erwachsenenkriminalität und diesbezüglicher polizeilicher Handlungsmöglichkeiten
 
 
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  • 1. Auflage
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  • erschienen am 15. August 2019
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  • 156 Seiten
 
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978-3-7494-2635-5 (ISBN)
 
Diese Masterarbeit befasst sich mit den Ursachen der Jugendkriminalität. Durch die interdisziplinäre Ausrichtung (Kriminologie, Psychologie, Soziologie) können Familie, Schule und Medienkonsum als kriminogene Faktoren gefasst und in einer sozialwissenschaftlichen Analyse soziologisch über die Theorien von Elias und Bourdieu in einer Art Brennglaseffekt zentriert werden. Hierbei zeigt sich die Qualität der innerfamilialen Beziehungen als wesentlicher Indikator abweichenden Verhaltens. Störungen dieses sensiblen Geflechts können bereits in der frühkindlichen Phase zu auffälligem Verhalten führen, welches sich über die Jugend und Jungerwachsenenjahre verstetigt. Die Familie wirkt zudem aufgrund des festgestellten längeren Aufenthalts im Elternhaus (sog. Nesthockerphänomen) intensiv in den Lebenskreis junger Menschen hinein. Im Weiteren können erstaunliche Forschungsergebnisse hinsichtlich kriminogener Wirkungen für den Bereich der Schulkultur sowie für die Mediennutzung präsentiert werden. Die polizeilichen Handlungsmöglichkeiten in der Präventionsarbeit werden durch das Legalitätsprinzip stark eingeschränkt.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,59 MB
978-3-7494-2635-5 (9783749426355)
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Timo Klein, Polizeihauptkommissar, M.A. Kriminologie und Polizeiwissenschaft
Jahrgang 1978
Verwaltungsausbildung in der öffentlichen Verwaltung des Bundes, Grundwehrdienst im Fallschirmjägerbataillon 261, Eintritt in den Polizeidienst des Landes Rheinland-Pfalz im Jahr 2000, Studium zum Diplomverwaltungswirt (FH), verschiedene Verwendungen im Polizeieinzeldienst, kriminologische Tätigkeit + Lehrtätigkeit an der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz ab 2018, Masterstudium an der Ruhr-Universität-Bochum
2 Begriffe und Erläuterungen aus dem Kontext der
Jugendkriminalität

2.1 Kriminalität

Kunz und Singelnstein (2016, S. 7) beschreiben die Kriminalität als "nicht direkt anschaubar oder betastbar", und verweisen erläuternd darauf, dass sie sich "im common sense des Alltagsverständnisses" verberge und demzufolge "für eine wissenschaftliche Bestimmung" die Notwendigkeit der Aufbereitung und Konstruktion gegeben sei (vgl. ebd.). Vorliegend wird diese Konstruktion und Aufbereitung über eine definitorische Beschreibung realisiert und so der Versuch unternommen, die Begrifflichkeit aus dem umgangssprachlichen Alltagsverständnis zu extrahieren und den Bedeutungsgehalt der Kriminalität im Sinne dieser Arbeit freizulegen. Aus der Literatur lässt sich ableiten, dass der Begriff der Kriminalität in der Hauptsache mit der Kategorie des Strafrechts assoziiert wird (siehe hierzu auch Schwind 2016, S. 3). Es muss jedoch mitbedacht werden, dass die Festlegung eines Verhaltens als strafrechtlich relevant, "verhandel- und veränderbar ist und von der jeweiligen Gesellschaft per Gesetzgebungsverfahren, Nicht-Anwendung oder Streichung von Vorschriften [.] definiert wird" (Lüdemann und Ohlemacher 2002, S. 10). Demzufolge kann das Strafrecht durchaus als Momentaufnahme und Bewertungskriterium aktueller kultureller und sozialer Entwicklungen sowie der entsprechenden gesellschaftlichen Übereinkünfte angesehen werden. Nach Schwind (2016, S. 3) umfasst der formelle strafrechtliche Kriminalitätsbegriff diejenigen Handlungen, "die durch ein Strafgesetz mit Strafe bedroht sind". Es bleibt jedoch darauf hinzuweisen, dass sich durch Impulse der gesellschaftlichen Fortentwicklung divergierende Positionen, etwa "zwischen dem Rechtsempfinden breiter Bevölkerungsteile und dem aktuell herrschenden Strafrecht oder unterschiedliche Bewertungen einer Straftat bei verschiedenen Tatbeteiligten" (Suhling und Greve 2010, S. 22), herausbilden können, die eine nähere Deutung des Kriminalitätsbegriffs notwendig machen.

Schwind beschreibt im Wissen um die dem Zeitgeist geschuldete Volatilität strafrechtlicher Bewertungen die Suche "nach einem zeit- und raum- unabhängigen Verbrechensbegriff" (2016, S. 4), die letztlich in der Definition eines natürlichen Verbrechensbegriffs mündet und in Form der Einengung des strafrechtlichen Verbrechensbegriffs einen Kernbereich von Handlungen umreißt, die unabhängig von kulturellen Eigenbedingungen durch die Jahrhunderte hindurch als verwerflich angesehen wurden10 (vgl. ebd. S. 5). Aus der soziologischen Perspektive hingegen erfährt der formelle Kriminalitätsbegriff eine Ausdehnung hin zu einem materiellen Kriminalitätsbegriff, der über den Kernbereich der Kriminalität und die als strafrechtlich relevant normierten Handlungen hinausgehend, das sozialabweichende bzw.

unerwünschte, jedoch nicht strafwürdige Verhalten mit einschließt (vgl. ebd.). Gleichsam kann von einem kriminologischen Blickwinkel gesprochen werden, da "die Kriminologie einem soziologischen Verbrechensbegriff (Delinquenz, Abweichung), der vom gerade geltenden Strafrecht unabhängig ist" (Neubacher 2017, S. 25) folgt.

Die nachfolgende Abbildung 2 stellt dies einprägsam dar:

Abbildung 211

Als Leitfaden einer perspektivischen Herangehensweise soll vorliegender Arbeit der kriminalsoziologische Zugang bzw. die Standortbestimmung von Lüdemann und Ohlemacher dienen, wonach es gilt, "den jeweiligen 'Stand der Dinge' zu untersuchen, wie er sich aus kodifizierter und gelebter Sicht darstellt" (2002, S. 10).

Hieraus ergibt sich für den Bereich der Jugendkriminalität die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtungsperspektive, die einerseits auf strafbewehrte Handlungsweisen rekurriert und andererseits deren Entstehungsbedingungen, die Vorstufen von Kriminalität und abweichendes Verhalten in den Blick nimmt.

2.2 Jugend

So wie die Kriminalität dürfte auch die Jugend als relativer Begriff aufzufassen sein, der durch Beeinflussung der Bezugsfelder des sozialen und gesellschaftlichen Wandels sowie durch kulturelle und historische Entwicklungen entstand, in der Folge geprägt wurde und daher vor dem Hintergrund des jeweiligen Zeitgeschehens und des wissenschaftlichen Zugangs interpretiert werden muss. Zur Verdeutlichung sei auf Heinz Cornel (2011, S. 455) hingewiesen, der in einer historischen Auseinandersetzung mit dem Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht bemerkte, "dass Erziehung, Jugend und Strafrecht selbst gewordene Phänomene sind, die vor einigen Jahrhunderten nicht nur andere Formen hatten, sondern als solche noch nicht existierten". Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts bildete sich der Gedanke einer Kindheitsphase mit der Notwendigkeit eines Schulbesuchs bzw. der verminderten Erwerbstätigkeit heraus.

Diese Phase expandierte und entwickelte sich in Anlehnung an das in der zeitgenössischen Literatur beschriebene Bild des Jünglings klassenspezifisch am Ende des Jahrhunderts zu einer Jugendphase (vgl. ebd., S. 464). Diese Sichtweise auf die Herausbildung des Jugendbegriffs wird bei Roland Anhorn (2011, S. 25) gar als "'Erfindung' der Lebensphase 'Jugend'" bezeichnet. Dieser Auffassung ist insoweit zuzustimmen, als der Autor die "'Jugend' als eigenständige, von Kindheit und Erwachsenenalter abgegrenzte Lebensphase [ansieht], deren 'Einzigartigkeit' und besondere Bedeutung in spezifischen - eben jugendtypischen - Problemen, Krisen und Herausforderungen begründet ist (die wiederum auf alterstypische, vor allem intraindividuelle physiologische, kognitive, emotionale und soziale Veränderungen zurückgeführt werden können)" (ebd. S. 26). Die angesprochene Vulnerabilität wird im Fortlauf der Arbeit mit den Mitteln der kriminologischen Bezugswissenschaften12 untersucht.

Der Beschäftigung mit dem Thema Jugend und Kriminalität kann überdies eine tiefergehende gesellschaftswissenschaftliche Relevanz zugewiesen werden, weil in Anlehnung an Briesen und Weinhauer (2007, S. 13f.) aus der Analyse Erkenntnisse gewonnen werden, die über den Untersuchungsgegenstand hinausreichen und "der Blick auf Delinquenz als eine Art Sonde fungiert, die über staatlichgesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen informiert" (ebd., S. 14). So kann auch Breuer (1998, S. 169) interpretiert werden, der der Jugend gegenüber der Erwachsenenwelt eine höhere Suggestibilität zuweist und sie als "verschärfend konturierendes Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft" (ebd.) ansieht, sodass dem Untersuchungsgegenstand Jugend des weitrechenden Erkenntnisgewinns wegen soziologisches Interesse zukommt.

Die vorgenannten Bezugsfelder des sozialen und gesellschaftlichen Wandels entfalten ihre Wirkung mithilfe und durch den Prozess der Sozialisation. Jutta Ecarius et al. (2011, S. 9) sehen die Sozialisation als zentralen Prozess an, der die Integration des Individuums in die Gesellschaft beschreibt. Die Sozialisationsprozesse können jedoch nicht ohne Bezug zu Lebenslauf und Lebensphasen bearbeitet werden (vgl. ebd.). Vorliegend wird der Sozialisationsprozess deshalb thematisiert, weil Kriminalität als Folge eines fehlgeleiteten, gehemmten oder anderweitig gestörten Integrationsprozesses des Individuums in die Gesellschaft entstehen kann. Laubenthal (2015, S. 105) etwa beschreibt die "Kriminalität gerade bei jüngeren Menschen als eine normale Begleiterscheinung des Sozialisationsprozesses".13 Aus diesem Begründungszusammenhang heraus ergibt sich die in dieser Arbeit realisierte Betrachtung der Familie und der Schule als wesentliche Sozialisationsinstanzen und Gestalter des Sozialisationsprozesses, insbesondere in Bezug auf kriminalitätsbegünstigende oder protektive Wirkungen. Weiterhin wird der sozialisationstheoretische Ansatz durch die ausgewählten Kriminalitätstheorien dargestellt bzw. in Erörterung der Theorien einer näheren Überprüfung unterzogen.

2.3 Delinquenz und abweichendes Verhalten

Kunz und Singelnstein (2016, S. 26) verweisen auf die "Ablösung der Bezeichnungen 'Krimineller' und 'Kriminalität' durch den Begriff des 'abweichenden' oder devianten14 Verhaltens. Damit soll von einer einseitig negativen, stigmatisierenden Wertung Abstand genommen und ein unbefangener, sich moralischer Parteinahme enthaltender Zugang erleichtert werden." Abweichendes Verhalten ist demnach "nur im Verhältnis zu seinem gesellschaftlichen Kontext" (ebd., S. 253) existent und umfasst im kriminologischen Verständnis als Jugenddelinquenz "nicht nur Verstöße gegen materielles Strafrecht, sondern auch sonstige abweichende Verhaltensweisen" (Schulz, o. J, o. S.). Die Beschreibung als Jugenddelinquenz ermöglicht daher eine gedankliche Entkoppelung von strafrechtlichen Begrifflichkeiten, die stigmatisierend wirken können und den Besonderheiten der Jugend nicht gerecht werden (vgl. ebd.). Als eine Implikation, die sich aus der Bewusstwerdung über die Lebensphase der Jugend ergeben hat, kann daher die Anpassung des...

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