Kindermund

 
 
Insel (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Januar 2013
  • |
  • 267 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-458-73077-4 (ISBN)
 
Kindermund ist Pola Kinskis Autobiografie ihrer Kindheit und Jugend. Sie erzählt, wie es war, die Tochter des Enfant terrible des deutschen Films zu sein, und sie rechnet ab, so unsentimental wie schonungslos: mit einem, für den es als selbstverständlich galt, sich über alle Grenzen hinwegzusetzen, und der es skrupellos in Kauf nahm, das Leben des eigenen Kindes zu zerstören.
2. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 1,35 MB
978-3-458-73077-4 (9783458730774)
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Pola Kinski wurde als erstes Kind des Schauspielers Klaus Kinski in Berlin geboren.
Schon als kleines Mädchen tritt sie im Theater auf und übernimmt Rollen in Fernsehproduktionen;
später besucht sie die Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München und hat Engagements
in Theater und Film. Pola Kinski lebt in Berlin.

Mit Mama bei Großvater in der Praxis zu wohnen, finde ich schön. Dort ist jetzt mein Zuhause. Außerdem kommen immer viele Menschen, die von Großvater geheilt werden wollen. Oft sitze ich still in einer Ecke und lausche den Geschichten, die sie sich erzählen: von ihren Krankheiten, ihren Leiden. Vom 80. Geburtstag des Schwiegervaters im Schrebergarten-Vereinslokal. Dass mindestens neunzig Gäste da waren, von der einzigen Cousine aus Regensburg bis zum Urenkel aus Kanada. Dass man sich vor den Verwandten in Grund und Boden schämt, weil manche Pächter ihre Gärten zu einem Saustall verkommen lassen. Zum Beispiel der komische Neue. Er soll keine Frau haben, hat sich herumgesprochen. Man hört immer nur Männerstimmen aus der Hütte. So mancher Nachbar ist in der Dunkelheit schon am Garten entlanggeschlichen. Aber es war weder etwas zu sehen noch zu verstehen. Ob der lange geduldet wird vom Verein? Und was es alles zu essen gab: Schweinshaxen, Spanferkel, Knödel, Sauerkraut. Vor allem viel Fleisch! Wer sich von wem getrennt hat und dass die blonde Frau aus Polen, die kürzlich eine so wunderbare Hochzeit gefeiert hat, ihren Mann jetzt schon mit seinem Kollegen betrügt. Aber das darf keiner wissen. Dass das Enkelchen was ganz Besonderes ist, weil es mit zehn Monaten schon fast läuft, und dass Mutti mit ihren bandagierten Beinen kaum mehr gehen kann, obwohl sie das doch müsste wegen ihrer Thrombosen! Ihnen zuzuhören ist so spannend, wie ein Märchen vorgelesen zu bekommen.

Aber das Schönste in meinem Leben ist, mit Mama im selben Zimmer schlafen zu dürfen. Die Betten sind so aneinandergestellt, dass wir Kopf an Kopf liegen. Wir fassen uns an den Händen und schlafen ein. Ich lasse Mamas Hand die ganze Nacht über nicht los.

Wir leben zu dritt von dem Geld, das mein Großvater als Arzt verdient. Deshalb muss Mama ihm Praxis und Haushalt führen, und ich bin viel allein. Aber Fahrradfahren auf der Terrasse macht mir großen Spaß. Oder ich streune allein durch unser Viertel. Kaum trete ich auf die Straße, bekomme ich Hunger. Geld habe ich keines, deshalb lasse ich in den Geschäften anschreiben. Mama hat beim Bäcker und beim Metzger klargestellt, dass sie für meine Schulden nicht mehr aufkommen wird. Trotzdem bestelle ich weiterhin mit der Behauptung, meine Mutter würde alles bezahlen. In der Bäckerei riecht es nach Honig und Nüssen. Die Frau des Bäckers sieht aus, als wäre sie in einen Bottich mit Mehl gefallen. Nur ihre hellblauen Augen sind rot umrandet, sonst ist alles an ihr weiß. Sie lächelt schüchtern und ein bisschen traurig, während sie die Brezel in eine Serviette wickelt und mir über die Theke reicht. »Hier, schenk ich dir! Lass es dir schmecken!«, sagt ihre warme Stimme. Dafür mag ich sie.

Beim Metzger muss ich mich meistens anstellen, er hat immer viel Kundschaft. Hier drin ist es kalt, ich friere. Den Geruch nach rohem Fleisch mag ich nicht. Ich bohre meine Nase in den Stoff meines Mantelärmels. Die Frauen vor mir hören nicht auf zu bestellen: noch eine Blutwurst, einen Ring Lyoner, 300 Gramm Fleischkäse, Bierschinken, Schweinemet … »Muss das ein fettes Schwein gewesen sein, genau wie die Mami«, ruft eine Stimme durch den Raum. Ich drehe mich um. Ein kleiner Junge deutet mit ausgestrecktem Zeigefinger zur Wand hinter der Theke. Lange dicke Würste hängen dort in einer Reihe an Haken. Schlagartig verstummen Stimmen und Geräusche. Die Verkäuferinnen, die eben noch mit den Hausfrauen tratschend Würste hobelten und Schinkenscheiben aufeinanderklatschten und in Päckchen wickelten, versinken hinter dem Ladentisch. Nur vereinzelt ist unterdrücktes Kichern zu hören, und die Rücken vor mir zittern. Mein Blick wandert zu der Mutter des Jungen. Sie ist groß, dick, und ihr Gesicht ist rot wie eine Tomate. Der Junge und ich schauen uns an, wir verstehen nicht, was so komisch sein soll. Die Mutter sieht wirklich aus wie ein Schwein. Mir gefallen die weizenblonden Haare des Jungen. Er beachtet mich nicht weiter. Langsam normalisiert sich die Situation. Die Verkäuferinnen tauchen wieder auf, eine wischt sich die Tränen von den Wangen, eine andere richtet ihre Frisur. Das Gesicht der Mutter glüht immer noch. Der Verkauf geht weiter. Ich kann ein paar Schritte nach vorne rutschen und nähere mich der Theke. Die Metzgerin steht da wie eine Säule. Auch sie ist fett. Als sie mich erkennt, fischt sie ein Wiener Würstchen aus dem Haufen, wuchtet ihren massigen Leib zu mir herunter und grinst mich breit und schmierig an: »Na, ob die Mutti das bezahlt?« Die Wurst steckt in ihren fettig glänzenden Fingern. Ich ekle mich, trotzdem greife ich danach. Der Mund der Frau ist riesengroß und fleischig. Er erinnert mich an die Nacktschnecken, auf die ich trete, wenn ich im Regen barfuß durchs Gras laufe. Die Härchen auf meinen Armen stellen sich auf. Jedes Mal stelle ich mir vor, eine Nadel in diese prallen Lippen zu stechen. Sie platzen auf, und das Innere quillt hervor wie aus einer Blutwurst. Ich laufe schnell aus dem Geschäft in unseren Hof zum verfallenen Haus. Die Fenster sehen aus wie Brunnenlöcher. Vereinzelt ragen Glaszacken aus den morschen Holzrahmen. Zersplitterte Scheiben knirschen unter meinen Schuhen. Ich horche durch ein Fensterloch ins Dunkel. Kein Laut ist zu hören. Dann lege ich mein Essen aufs Fensterbrett und klettere ins Innere. Sehr vorsichtig, damit ich mich nicht schneide. Einen Moment lang verhalte ich mich vollkommen ruhig, höre auf zu atmen, lausche nochmals in die Stille. Nichts! Ich rieche und schmecke den modrigen Geruch nach Keller und feuchten Mauern. Die Steintreppe nach oben ist teilweise zerstört. Ich muss mehrere kaputte Stufen überspringen. Mein Ziel ist ein großer leerer Raum im zweiten Stock. Dort haben sie einen Korbstuhl zurückgelassen. Das Holz ist aufgequollen, er sieht verkrüppelt aus. Tapetenreste, leere Flaschen und unendlich viele Zigarettenkippen liegen auf dem Boden verstreut. Ich komme oft hierher. Beim ersten Mal habe ich den Stuhl vor ein Fenster gezogen. Seitdem ist er nicht bewegt worden. Das merke ich daran, dass am Boden um den Stuhl herum weiße abgeblätterte Farbteilchen liegen. Ich setze mich. Das Korbgeflecht ächzt, noch mehr Farbreste rieseln zu Boden. Ich beiße in die Wurst. Sie schmeckt so köstlich, ich muss sie auf einmal in den Mund stecken. Dann kommt die Brezel dran. Ich schließe die Augen und stelle mir den Geschmack von kalter Milch dazu vor. Dann würde es noch besser schmecken. Von diesem Platz aus kann ich auf unsere Terrasse schauen, sie liegt genau gegenüber: Ich sehe die Glastüren zu den Zimmern. In einer Ecke stehen verlassen und verrostet der runde Eisentisch und Stühle. Tauben laufen darauf herum. Sie scheißen auf die Platte. Deshalb setze ich mich nie dorthin. Einziger Schmuck auf dem Tisch ist ein großer runder Topf, in dem Schnittlauch wächst. Wenn Mama zu viel abschneidet, sieht er aus wie ein Igel. Die hässlichen Tauben hüpfen, zucken und picken wie immer. Aber mein Fahrrad überstrahlt alles. Durch die Scheibe kann ich Mama in der Küche erkennen. Sie läuft hin und her. Manchmal habe ich das Gefühl, sie sieht mich an. Aber das bilde ich mir wohl ein. Das große Doppelfenster hoch oben in der Wand neben der Küchentür macht Mama Angst. Sie fürchtet, ein Einbrecher könnte nachts vom Treppenhaus auf die Terrasse springen, ins Schlafzimmer schleichen und uns alle ermorden. Im Bett überfällt auch mich diese Angst. Dann darf ich nicht einschlafen, ich muss wach sein, wenn der Mörder kommt. Wenn ich schlafe, spüre ich nicht, wenn er mich tötet, und das möchte ich nicht. Niemand weiß, dass ich hier bin, keiner kennt dieses Versteck. Vor der Dunkelheit hier drin fürchte ich mich nicht.

Ich sehe mich auf der Terrasse Fahrrad fahren. Elegant, aufrecht wie eine Zirkusartistin, mit seitlich ausgestreckten Armen. So als hätte ich nie etwas anderes gemacht, rolle ich über die Tauben, es knirscht, wenn ich sie zerquetsche. Viele liegen schon plattgewalzt auf dem Beton. Hin und her und her und hin, immer wieder. Ich muss sie alle erwischen. Alle! Erst als die letzte nur noch schwach am Boden zuckt, lehne ich befriedigt mein Rad ans Geländer. Mama stürzt aus der Küche und schlägt mir ins Gesicht. Aber ich spüre ihre Schläge nicht. Ich sitze auf dem Korbstuhl und lächle.

Die Katze vom Dach ist wieder da. In letzter Zeit taucht sie hier häufiger auf. Wunderschön und stolz steht sie im Türrahmen. Vielleicht kommt sie von weit her, weil sie die Wurst gerochen hat. Ihr Fell schimmert silbergrau. Heute will ich sie unbedingt anfassen. Ich versuche mich wie eine Katze zu bewegen, schleiche langsam auf sie zu. Sie fixiert mich aus eisblauen Augen. Kaum strecke ich die Hand aus, schlüpft sie davon. Sofort laufe ich ihr nach, die Treppe hinunter, über den Hof zu einer hohen Mauer. Sie springt mit einem Satz hinauf und schaut mich provozierend an. Ich klettere auf eine Mülltonne, ziehe mich mit aller Kraft an der Wand hoch. Doch die Katze wartet schon auf der Rückseite des Hofes auf einem Garagendach auf mich. Als ich von der Mauer springe, knickt mein Fuß um. Ein grell weißer Blitz schießt durch meinen Körper. Der Schmerz jagt mir Tränen in die Augen, aber ich schlucke sie hinunter, ich muss weiter. An der Garagenwand ist eine Eisenleiter angebracht, an der ich hochklettern kann. Doch als ich oben ankomme, ist die Katze verschwunden. Sie grinst mich von einem Autodach aus an. Ich verfolge sie über Kisten, Mülltonnen, Mauern in fremde Höfe. Sie wartet den Moment ab, bis ich sie fast berühre, dann entwischt sie. So lockt sie mich immer weiter von zu Hause fort. Hier bin ich noch nie gewesen. Aber ich will wissen, wo sie wohnt, ob sie jemandem gehört. Irgendwann lasse ich mich erschöpft auf den Boden fallen. Als das Vieh merkt, dass ich nicht mehr kann,...

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