Ein Hund im Winter

Roman
 
 
Page & Turner (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. November 2011
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-07082-3 (ISBN)
 
Wie mein Hund das Weihnachtsfest gerettet hat

Winter in Kansas: Das Schicksal meint es nicht gut mit dem dreizehnjährigen George McCray. Sein Vater stirbt bei einem Unfall, seine Mutter zieht gemeinsam mit Georges Schwestern nach Minnesota. George bleibt allein zurück auf der Farm seiner Großeltern, die viel zu alt und gebrechlich für die harte Arbeit sind. Bald schon muss der Junge die Verantwortung eines erfahrenen Erwachsenen übernehmen, und in dunklen Stunden fühlt er sich oft einsam und überfordert.

Doch dann begegnet ihm eines Tages Tucker, der Irish Setter des stets betrunkenen Nachbarn Frank Thorne. Als dieser wenig später ins Gefängnis muss, kümmert sich George um den Hund. Schon bald spürt er, dass Tucker ihm bedingungslos zur Seite steht, und die Treue und Liebe des Hundes lassen ihn endlich wieder neuen Mut fassen. Und dank Tucker darf es dann sogar richtig Weihnachten werden .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,54 MB
978-3-641-07082-3 (9783641070823)
3641070821 (3641070821)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Greg Kincaid arbeitet im Hauptberuf als Rechtsanwalt. Der fünffache Vater lebt zusammen mit seiner Frau und zwei Hunden auf einer Farm in Kansas und engagiert sich bei verschiedenen sozialen Projekten und in der Tierhilfe. »Ein Hund unterm Weihnachtsbaum« ist bereits der vierte Roman über die Familie McCray und ihre Hunde.

VIER


Unsere Familie besaß und bewirtschaftete McCrays Milchhof, der erst an meinen Vater übergegangen wäre, wenn er gelebt hätte, und dann an mich. Ein Stadtmensch mag sich unter einem Milchhof vielleicht etwas beinahe Malerisches vorstellen, aber in Wahrheit vereinte er wohl die härtesten Aspekte des Landlebens. Es war eine gewaltige Aufgabe, Milchvieh mit Futter und Wasser zu versorgen - und dann hatte man die Tiere noch nicht einmal gemolken.

Während der Sommermonate weideten unsere Kühe auf den Wiesen rund um unsere Farm. Aber um einen maximalen Milchertrag zu erzielen, fütterten wir unserer kleinen Herde das ganze Jahr über Kraftfutter zu. Dieses Körnerfutter musste angebaut, geerntet und gelagert werden. Während des Sommers legten wir auch große Heuvorräte an - Gras, das geschnitten, getrocknet und zu Ballen zusammengeschnürt wird -, um damit im Winter, wenn die Wiesen und Felder brach lagen, die Kühe zu füttern.

Es ist auch keine leichte Aufgabe, eine Herde zu tränken. Milchkühen muss Wasser in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Jede Kuh trinkt pro Tag hundert bis zweihundert Liter Wasser, je nach Wetter. An einem heißen Augusttag braucht selbst eine kleine Herde viertausend Liter Wasser.

Leider gab es in den 60er-Jahren in den ländlichen Gebieten von Kansas noch so gut wie keine Wasserversorgung. Die Farmer mussten ihre eigenen Quellen auftun. Uns standen zwei zur Verfügung: unser See, eigentlich war es nur ein etwa ein Hektar großer Teich, und das Regenwasser, das vom Dach durch die Regenrinnen tropfte und in großen unterirdischen Zisternen aus Beton gesammelt wurde. Wenn die Zisternen austrockneten, was oft passierte, mussten wir Wasser in der Stadt kaufen und auf die Farm bringen.

Niemand sollte so hart arbeiten müssen, aber Grandpa hatte, wie die meisten Kleinbauern, einen Nebenjob, um Geld heranzuschaffen. Wenn er sich nicht um die Äcker kümmerte, die Kühe molk oder seine beiden alten Zugpferde, die Kaltblüter Dick und Dock, versorgte, arbeitete er als Straßenwart, von denen es in der Gegend nur drei gab. Im Sommer glättete er die geschotterten Straßen und besserte Schlaglöcher aus, im Winter musste er die Straßen vom Schnee befreien. Straßenräumdienst und Landwirtschaft ließen sich gut miteinander vereinbaren. Im Sommer gab es auf der Farm mehr zu tun und auf den Straßen weniger. Im Winter lag auf der Farm weniger Arbeit an, dafür mussten normalerweise die Straßen öfter geräumt werden. Da diese Aufgabe körperlich weniger anstrengend war, hatte Grandpa vorgehabt, damit seinen Ruhestand zu bestreiten. Zumindest war das bis zu jenem Tag im Juni sein Plan gewesen.

Er benutzte dazu eine große Maschine, die man heute als Straßenhobel bezeichnen würde. Damals jedoch nannte man sie bei uns in Kansas »Maintainer«. Grandpa hatte sogar einen offiziellen Titel: »Senior Maintainer«, aber manche Leute sagten nur »Maintainer« oder »Big Bo McCray« zu ihm. Für mich war er einfach Grandpa.

Wenn ich von der Schule nach Hause kam, wartete eine Reihe von Aufgaben auf mich, die ich vor dem Abendessen erledigen musste. Auch meine Schwestern hatten solche Listen, aber als sie aufs College gingen, fiel ein Großteil ihrer Aufgaben mir zu. Zuerst musste ich die Nachzügler finden und zur Scheune hinauftreiben. Wenn alle Rinder in der Scheune waren, schloss ich ein großes Eisentor, das den Hof von den Wiesen und Feldern trennte, die unsere Farm umgaben. Dann schüttete ich das Futter in die Futtertröge und vergewisserte mich, dass die Kühe genug Wasser hatten, während eine nach der anderen gemolken wurde. Das Wasser wurde von elektrischen Pumpen aus den Zisternen in große Aluminiumtanks gepumpt, die neben der Scheune standen.

Während Grandpa und mein Vater die Kühe molken, kümmerte ich mich um die übrigen Tiere auf der Farm - Schweine, Hühner und Pferde. Außerdem musste ich den Stall von Dick und Dock ausmisten. Glücklicherweise grenzte er direkt an eine Koppel, wo sie sich die meiste Zeit aufhielten und deshalb auch den Großteil ihres Mistes hinterließen.

Das Melken am Morgen war damit nicht zu vergleichen. Die Arbeitsschritte waren dieselben, aber sie mussten in der Dunkelheit ausgeführt werden. Die Prozedur begann um halb fünf Uhr morgens. Ich bezweifelte, dass ich um diese Uhrzeit fähig war, mir die Zähne zu putzen, geschweige denn einen sinnvollen Beitrag zum Melken der Kühe zur leisten.

Ich war von dieser Arbeit immer verschont geblieben, damit ich mich auf die Schule konzentrieren konnte. Niemand erwartete ernsthaft von einem Kind, um diese Zeit aufzustehen. Jetzt hatte ich den Eindruck, als würde eine weitere Regel, auf die ich mich verlassen hatte, einfach außer Kraft gesetzt. Das warf mich noch mehr aus der Bahn. Höchstwahrscheinlich kämpften Großvater und ich mit der gleichen Frage: Wie um alles in der Welt sollten wir die ganze Arbeit ohne die Hilfe meines Vaters schaffen? Für ihn war die Antwort einfach. Wir würden härter arbeiten. Für mich war die Sache nicht ganz so einfach.

Zum einen fühlte ich einen gewissen Groll über die zusätzliche Arbeit, die mir aufgebürdet wurde, aber in Wahrheit war das morgendliche Melken nicht das eigentliche Problem. Als ich in die Werkstatt hinüberging, um die Ölkanne aus dem Werkzeugschrank zu holen, begann dieses Gefühl in mir zu gären.

Nachdem ich die Angeln geölt und meine Hühner versorgt hatte, stand ich an der Hintertür und starrte nach Süden über die Wiese. Ich beobachtete, wie die letzten Herbstblätter wie kleine gelbe Fallschirme von den Zweigen einer alten Eiche zu Boden segelten. Der Herbst war vorbei, nun kam der Winter.

Der Wind wurde stärker, und ich musste meine Jacke zuknöpfen. Wie ich so dastand, grübelte ich, was mich außer dem Wind noch beunruhigte.

Die simple Bitte meines Großvaters, ihm bei der Arbeit zu helfen, die getan werden musste, hatte erneut an meinem Kummer gerührt. Ich setzte mich auf die Stufen, die zur hinteren Veranda hinaufführten, und streichelte Thornes Hund. Als ich mit meinen Fingern durch sein Fell strich, empfand ich einen gewissen Trost.

Wenn wir erwachsen sind, vergessen wir die Wirren der Pubertät. Je öfter wir mit einem Problem oder einem Gefühl konfrontiert werden, umso besser können wir damit umgehen. Aber ich war erst dreizehn Jahre alt, und das alles verwirrte mich. Die meisten Menschen schaffen es nicht auf Anhieb. Ich war da keine Ausnahme. Das Schicksal zwang mich zu der falschen Einstellung. Wenn man weiß, wie sich die falsche Einstellung anfühlt, ist das schon der erste Schritt, eine bessere zu erkennen, wenn sie sich anbietet.

In meinem jugendlichen Alter besaß ich diese Weitsicht noch nicht. Bis wir eine gewisse Reife erreicht und die Fähigkeit entwickelt haben, unsere Probleme objektiver zu beurteilen, sind wir unvermeidlich in einer selbstbezogenen, oberflächlichen Haltung gefangen. Das macht die Teenagerjahre so schwierig.

Ich haderte an jenem Nachmittag vor allem mit der Ungerechtigkeit meines Schicksals. Immerhin hatte ich meinen Vater verloren. Auf der Suche nach einem Weg durchs Leben hatte ich mich vor allem an ihn gehalten. Er war der unerschütterliche Wachposten auf dem Gipfel des Berges, an dem ich mich auch im größten Sturm orientieren konnte. Wenn ich stolperte und fiel, war er es, der mich in seinen starken Armen auffing, mehr als jeder andere.

Insgeheim hatte ich aber einfach Angst, auch wenn ich es nicht zugeben wollte. Mein Großvater erwartete von mir, dass ich die Arbeit eines Erwachsenen übernahm - ich hatte ohnehin schon an einem einzigen Nachmittag nach der Schule mehr Verpflichtungen als die meisten meiner Freunde aus der Stadt in einem ganzen Monat -, und ich wollte mich noch nicht von meiner Kindheit verabschieden.

Ich fing an, mich zu bemitleiden, was für ein hartes Leben ich auf der Farm hatte. Und jetzt würde alles sogar noch schlimmer werden.

Vielleicht war es Trauer, vielleicht schlechte Laune, oder vielleicht war ich einfach nur ein Teenager, der über sein Selbstmitleid hinwegkommen musste. Ob gerechtfertigt oder nicht, jedenfalls fand ich es ungerecht, dass ich meine eigenen Aufgaben erfüllen musste und noch die Hälfte von denen, die mein Vater erledigt hatte. Und jetzt, wo Thorne im Gefängnis saß, musste ich mich auch noch um diesen Hund kümmern. Ich fragte mich, was man mir eigentlich noch alles aufbürden würde und ob ich in irgendeiner verdammten Angelegenheit auch einmal mitreden durfte. Niemand fragte mich je nach meiner Meinung, ich bekam einfach Anweisungen, was ich zu tun hatte.

Wie ich so auf der Veranda saß und Thornes Hund streichelte, überkam mich ein tiefes Gefühl der Sinnlosigkeit. Meine Mutter hatte Recht - dieses Leben auf dem Land war hart -, und in Minnesota würde für mich vieles einfacher werden.

Mom hatte mir immer wieder angeboten, ein Busticket zu schicken, falls ich es mir anders überlegen sollte und noch vor dem Ende des Schuljahres zu ihr nach Minnesota kommen wollte. Das klang immer verlockender. Wer konnte mir schon einen Vorwurf machen, dass ich die Zeit mit meiner eigenen Mutter verbringen wollte?

Als ich daran dachte, wie es wäre, wieder bei ihr zu sein, schien in meinem Kopf etwas wieder einzurasten, wie ein Zahlenschloss bei der richtigen Kombination. Ich konnte klarer über meine Lage nachdenken. Über die Trauer um meinen Vater hatte ich verdrängt, wie sehr ich meine Mutter und meine Schwestern vermisste. Der Gedanke an Minnesota war für mich plötzlich so verlockend, wie er es für meine Mutter gewesen sein musste.

Der Hund legte seinen Kopf auf mein Bein und schien endlich müde zu sein. Ich stand auf, kehrte dem herrlichen Sonnenuntergang den Rücken zu und ging missmutig ins Haus. Ich war vollkommen verwirrt....

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