Jugendgewalt im städtischen Raum

Strategien und Ansätze im Umgang mit Gewalt
 
Rainer Kilb (Autor)
 
VS Verlag für Sozialw.
erschienen am 1. Februar 2009 | 190 Seiten
 
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978-3-531-91432-9 (ISBN)
 
Jugendgewaltdelikte sind als Phänomene im städtischen Raum sehr ungleich verteilt. Auch die Herkunftsorte der Täter konzentrieren sich in spezifischen städtischen Arealen. Welchen Einfluss üben die verschiedenen großstädtischen Quartiere hierbei aus? Gibt es Zusammenhänge zwischen Architektur und Städtischer Entwicklung und Planung und dem Gewaltphänomen im Jugendalter?
Mit Hilfe eines typologischen Konzeptes werden die Zusammenhänge von städtischen Strukturen und jeweils spezifischen Auswirkungen auf jugendliche Lebenslagen und entsprechende jugendkulturelle Erscheinungsformen untersucht und erklärt. Außerdem werden Strategien und Ansätze im Umgang mit Gewalt auf ihre Relevanz und Wirksamkeit in den jeweiligen städtischen Strukturtypen betrachtet. Dabei werden die stadtstrukturellen Unterschiede mit jeweils spezifischen methodischen Ansätzen im Gewaltumgang in Verbindung gestellt.

Dr. Rainer Kilb ist Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Hochschule Mannheim (Fakultät für Sozialwesen).
weitere Ausgaben werden ermittelt
1 - Inhalt [Seite 5]
2 - Einleitung [Seite 8]
3 - 1 Jugend und Gewalt - ein Themenklassiker der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen 1 Jugend und Gewalt [Seite 11]
4 - 2 Welche Befunde existieren zur Erklärung von Gewalt? [Seite 18]
5 - 3 Über den möglichen Zusammenhang von städtischem Umfeld, Baustruktur und Gewalttätigkeiten Jugendlicher [Seite 53]
6 - 4 Grundlagen einer sozialraumorientierten pädagogischen Arbeit im Umgang mit Konflikten und Gewalt [Seite 120]
7 - 5 Allgemeine Aspekte von Methoden und Ansätzen des Umgangs mit Konflikten und Gewalt [Seite 138]
8 - 6 Sozialräumliche Konzepte und Strategien im Umgang mit Gewalt [Seite 155]
9 - Literatur [Seite 183]
"3 Über den möglichen Zusammenhang von städtischem Umfeld, Baustruktur und Gewalttätigkeiten Jugendlicher (S. 53-54)

"Zu allen Zeiten und in allen Städten haben übrigens Jugendliche aus dem gleichen Wohnquartier Banden gebildet und mit denen anderer Nachbarschaften Kämpfe ausgetragen. Dabei handelte es sich um natürliche Gesellungsvorgänge in der Protestphase der Pubertät. Erst bei Zielsetzungen wie denen der jugendlichen Gangs, die New Yorks Untergrundbahnen unsicher machen, hat der Unfug einen Destruktionsgrad angenommen, der ernsthaft gefährlich ist und prognostisch im Hinblick auf diese Zeichen der Verwahrlosung beunruhigen muss. Denn hier organisiert sich die nicht sozial integrierte und infantil bleibende bedenkenlose Aggressivität - ein Gradmesser für schlechten 'Communityspirit'"" (Mitscherlich 1965: 113).

Alexander Mitscherlich beschäftigt sich bereits 1965 in "Die Unwirtlichkeit unserer Städte"" mit damals aufkommenden Aggressivitäten jugendlicher Bewohner der ersten deutschen Trabantenstädte, die sich von ihrer Baustruktur her nicht grundsätzlich von den französischen Banlieues unterscheiden. Mitscherlich ist neben einzelnen Soziologen der Chicagoer Schule sowie den beiden französischen Soziologen Dubet und Lapeyronnie (1994) der einzige namhafte Wissenschaftler, der einen direkten Bezug zwischen Architektur und Stadtplanung einerseits sowie dem Ausbrechen von so genannter "bedenkenloser"" Gewalt andererseits konstatiert.

Die eigentlichen Gründe für diese Vorgänge sieht Mitscherlich in den Zerstörungen des über Jahrhunderte gewachsenen Verbundsystems Stadt und in den räumlichen Trennungen der einzelnen städtischen Funktionen. Trotz solcher städtebaulicher Entwicklungen sind die von Mitscherlich befürchteten Phänomene in den meist in den 1970er Jahren unter dem Begriff der "Neuen Stadt"" entstandenen Trabantenstädten im Gegensatz etwa zu dem französischen Pendant so nicht aufgetreten.

Auch existieren in den verschiedenen Phasen städtebaulischer Quartiersgründungen und nachfolgender Entwicklungen ebenso wie durch die Formen und Strukturen einer Erstbelegung ganz unterschiedliche Phänomene der sozialen Interaktion. Mitscherlichs Annahme orientierte sich an den sozialen Zuständen einer solchen Gründerphase, in der oft Hunderte, sich in der Einzugsphase fremde Familien und Neubewohner in einem relativ kleinen Zeitkorridor an einem spezifischen Ort zusammenzogen und ohne ein bestehendes Gerüst traditioneller sozialer Strukturen und eingeübter Sozialtechniken im Umgang miteinander auskommen mussten. Solcherart Anfangsphasen waren immer schon durch teilweise turbulent verlaufende Positionierungs-, Vernetzungs- und Verortungsprozesse geprägt und galten z. B. auch zur Gründerzeit des 19. Jahrhunderts als unruhige stadtatmosphärische Zeiten.

Würde man allein die morphologischen Gegebenheiten eines städtischen Areals, also etwa die Bauweise selbst, den Verdichtungsgrad, die baulichen Anordnungen, die räumlichen Strukturen von Wohnungen, den baulichen Zustand von Räumen, Häusern und Quartieren, das Vorhandensein einer zeitgemäßen Infrastruktur, die Versorgung mit Grünflächen und Frischluftzufuhr oder die ästhetische Gestaltung von Haus- und Freiflächen zum Ausgangspunkt der Betrachtung einer möglichen Impulswirkung auf gewalttätige Aktivitäten machen wollen, würde man eine zunächst rein statische Kulisse mit einem am Ende einer Prozesskette stehenden, durch komplexe Einwirkungen und biografische Entwicklungen entstandenen Verhaltensphänomen in einen kausalen Kontext stellen.
Sämtliche diese Prozesskette ebenfalls mit gestaltenden Einflussfaktoren würden dabei ausgeklammert bleiben. Deshalb soll es hier darum gehen, einerseits diese 'statische Kulisse' in ihren unterschiedlichen Funktionen auf soziale Prozesse zu thematisieren und speziell die vermittelnden, fördernden und auch hemmend-verhindernden Impulse für gewaltaffine Verhaltensmuster herauszuarbeiten. Dies kann selbstverständlich nur gelingen, wenn andere Einflussfaktoren mit in einen solchen Entstehungskreislauf oder -prozess integriert werden."

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