Totensee

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2015
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97134-8 (ISBN)
 
Auf dem Grund eines Badesees wird ein alter Mercedes entdeckt, darin die sterblichen Überreste zweier Menschen. Als sich herausstellt, dass das junge Paar seit den Achtzigerjahren verschwunden ist, stehen Steffen Horndeich und seine Kollegin Margot Hesgart von der Darmstädter Mordkommission vor vielen offenen Fragen. Doch dann wird in einem stillgelegten Zivilschutzbunker eine weitere Leiche gefunden - ein Mann aus Berlin wurde erschossen. Wo zunächst kein Zusammenhang scheint, entdeckt Horndeich schon bald eine Parallele. Und er bemerkt: Erst vor wenigen Tagen hatte er selbst mit dem Mann gesprochen .
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
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  • 2,16 MB
978-3-492-97134-8 (9783492971348)
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FREITAG, 19. SEPTEMBER


»Notruf Polizei Darmstadt, Süllmeier.« Süllmeier sah auf die Uhr. Kurz vor sechs. Bald wäre die Nachtschicht in der Polizeieinsatzzentrale endlich vorbei. Manchmal, so wie heute, verfluchte er es, den Lehrgang zur Arbeit in der Einsatzzentrale zusätzlich absolviert zu haben. Wenn Not am Mann war, wurde er immer wieder eingesetzt - und er hasste diese Nächte mit dem Headset auf dem Kopf.

»Da sind zwei Leichen in dem Auto.«

»Mit wem spreche ich bitte?«

»Das tut nichts zur Sache.«

»Nennen Sie mir bitte Ihren Namen.«

»Ich sagte schon, der ist jetzt nicht wichtig. Aber da sind die beiden Leichen in dem Mercedes.«

Süllmeier tippte: Junger Mann, zwischen zwanzig und dreißig. »Herr .«

». auf dem Rücksitz. Haben Sie was zu schreiben?«

»Ja natürlich.«

»Ich gebe Ihnen jetzt die Koordinaten durch, wo Sie die Leichen finden.«

Süllmeier sah auf das Display: Die Telefonnummer stammte von einem Handy. Wahrscheinlich hatte der Schlaumeier »Rufnummer unterdrücken« eingestellt, nicht wissend, dass das bei eingehenden Notrufen nichts brachte: Die Nummer wurde immer angezeigt. Deshalb hakte Süllmeier auch nicht weiter nach. »Okay, schießen Sie los.«

»Nördliche Breite 49 Grad, 53 Bogenminuten und dann noch 54,22 Sekunden. Östliche Länge: acht Grad, 44 Minuten und 8,81 Sekunden.«

Süllmeiers Frau hatte ihren Mann oft gefragt, wieso er dieses blöde Geocaching als Hobby betreibe, bei dem er völlig belanglosem Krimskrams quer durch die Natur nachspürte. Spätestens jetzt konnte Süllmeier das seiner Frau erklären: Ohne seine Grundkenntnisse in Navigation, zu denen auch gehörte, Koordinaten nach Längen- und Breitengraden unterscheiden zu können, inklusive der feineren Einteilungen in Bogenminuten und Bogensekunden, wäre für ihn die Beschreibung des Unbekannten am Telefon nur ein böhmisches Dorf gewesen. Süllmeier lächelte.

»Haben Sie das?«, fragte der Fremde.

»Ja, habe ich«, antwortete der Polizeikommissar. Er wollte gerade dazu ansetzen, den Mann noch einmal nach seinem Namen zu fragen, als er ein Klacken in der Leitung vernahm. Der Kerl hatte das Gespräch beendet.

Süllmeier überlegte kurz. Dann entschied er sich dafür, zunächst die Koordinaten zu überprüfen. Er gab sie in das Kartensystem des Polizeirechners ein und staunte nicht schlecht. Der Ort befand sich tatsächlich innerhalb der Stadtgrenzen Darmstadts. Süllmeier hatte erwartet, dass die Angaben ihn zu einer Stelle irgendwo im Wald führen würden. Dem war aber nicht so. Die Koordinaten zeigten mitten ins Wasser des Badesees Grube Prinz von Hessen.

Die Villa lag kurz vor dem Ende des Seiterswegs. Beneidenswert, dachte Margot Hesgart, Polizeihauptkommissarin bei der Mordkommission in Darmstadt. Nicht, dass sie mit ihrem Häuschen im Komponistenviertel unzufrieden gewesen wäre, aber diese Luxusvillen übten schon eine Faszination auf sie aus. Zumal man durch die Gartentürchen hinter dem Haus direkt zur Rosenhöhe und dem Oberfeld gelangte, Spazierwiese und Refugium seit jeher.

Vor der Doppelgarage stand ein Landrover neueren Baujahrs, und schon der erste Blick auf den Wagen offenbarte, dass jemand sehr großzügig die Häkchen auf der Liste der Sonderausstattungen verteilt hatte. Dazu passte auch das Kennzeichen, das den Besitzer als Inhaber diplomatischer Vorrechte auswies. Allein die Dreckspuren an den Radkästen - für gewöhnlich eher Adelstitel eines echten Geländewagens - wirkten deplatziert.

Bernd Süllmeier war etwa zehn Jahre jünger als Margot. Sie hatte den Kollegen der Schutzpolizei in den vergangenen Jahren an unterschiedlichen Tatorten immer wieder getroffen. Süllmeier war so groß, dass er aus reiner Vorsicht immer ein wenig den Kopf einzog, wenn er durch einen Türrahmen ging. Margot schätzte ihn auf knapp zwei Meter. Er hatte direkt bei ihr angerufen, nachdem er den seltsamen Anruf entgegengenommen hatte, und ihr mitgeteilt, dass er den Eigner des Handys ausfindig gemacht habe und ihm jetzt einen Besuch abstatten werde. »Ich habe nicht den Eindruck, dass der Kerl am Telefon nur einen schlechten Witz machen wollte«, hatte er gesagt.

Er hatte den Namen des Handybesitzers - Jonathan Wiesner - sofort durch den Polizeicomputer gejagt, aber keinen Treffer gelandet. Als er den Namen jedoch in die Suchmaschine des Internets eingegeben hatte, fand er schnell ein Bild des jungen Mannes: Wiesner war vierundzwanzig Jahre alt, studierte in Darmstadt Elektrotechnik, und - wohl der wichtigste Hinweis - er war Hobbytaucher. Den Kommentaren auf seiner Facebook-Seite nach nicht einmal ein schlechter.

Margot hatte ohnehin Bereitschaftsdienst, war wenige Minuten vor Süllmeiers Anruf aufgestanden und hatte sich entschlossen, Süllmeier zu begleiten. Der drückte nun auf den messingfarbenen Klingelknopf, der unter dem gravierten Schild mit dem Schriftzug des Nachnamens prangte.

Wenig später tönte aus der Gegensprechanlage: »Ja bitte?«

Margot sprach: »Kriminalhauptkommissarin Hesgart und Polizeikommissar Süllmeier - dürften wir bitte mit Ihnen sprechen?«

Ein deutliches Knacken war in der Gegensprechanlage zu vernehmen, dann herrschte Stille.

Margot wartete fünfzehn Sekunden, dann drückte sie den Klingelknopf erneut. In dieser Stellung beließ sie den Daumen, bis nach etwa fünfzehn Sekunden abermals die Stimme aus dem kleinen Lautsprecher ertönte: »Ich muss Ihnen nicht aufmachen.«

»Nein, das müssen Sie natürlich nicht. Wir können uns gern auch durch die Gegensprechanlage unterhalten. Es würde Ihnen und uns die Sache nur wesentlich vereinfachen, wenn Sie jetzt einfach die Tür öffnen und wir von Angesicht zu Angesicht über die beiden Leichen in dem Mercedes reden könnten.«

Wieder das nun schon vertraute Knacken. Dann die ebenfalls vertraute Stille.

Margot seufzte. Und brachte ihren Daumen wieder in Position.

»Ich muss nicht mit Ihnen sprechen!«, gellte die Stimme aus dem Lautsprecher.

»Und ich muss meinen Daumen nicht von der Klingel nehmen«, antwortete Margot gelassen.

Zehn Sekunden später ertönte der Türsummer, der das Gartentürchen öffnete und den Weg zum Haus freigab.

»Sie machen das ganz schön geschickt«, sagte Süllmeier.

Üblicherweise tätigte Margot solche Besuche gemeinsam mit ihrem Kollegen Steffen Horndeich. Allerdings hatte der keine Bereitschaft. Sollte sich dieser Besuch hier als Flop erweisen, hätte sie ihn nicht umsonst aus dem Bett gescheucht. Und wenn da was dran war an der Geschichte von den Leichen, dann wäre Horndeich ohnehin in anderthalb Stunden im Büro.

Margot und Süllmeier mussten noch einige weitere Sekunden vor der Haustür ausharren, bevor auch diese geöffnet wurde. Die Tür führte in einen großzügigen Flur. Der Boden war gefliest, die Wände mit Rauputz versehen. Unter einem Rokoko-Spiegel stand ein antikes Flurschränkchen. Die Garderobe schien mit ihrem glänzenden Messing anzudeuten, dass sie eigentlich lieber aus Gold gewesen wäre. Und zwei Schwerter an der Wand unterstrichen die Dekadenz der Hausbesitzer.

Der junge Mann, der nun die Treppe herunterschritt, passte so gar nicht ins Bild. Er war barfuß, trug eine Jeans um die hagere Taille und ein schlabbriges, ausgewaschenes T-Shirt mit der Aufschrift Yo, Mr. White!. Ein Haargummi hielt die Haarpracht im Zaum, wobei Margot sofort erkannte, dass große Teile zu Dreadlocks gefilzt waren. Mr. White konnte glatt als eurasischer Bob Marley durchgehen.

»Wie haben Sie mich gefunden?«, fragte der junge Mann; die Überraschung, die sich in seinem Gesicht abzeichnete, war offensichtlich echt.

»It's a kind of magic«, intonierte Bernd Süllmeier leise den alten Queen-Song und schnippte mit den Daumen - etwas, was Margot ihm gar nicht zugetraut hätte.

Ein zweiter Mann kam die Treppe herab. Er schien ungefähr im gleichen Alter zu sein. Auch seine Statur war schlank. Er trug ebenfalls Bluejeans und ein gleichfalls graues T-Shirt, das sich nur im Aufdruck unterschied. Das Bild zeigte das Phantombild eines Mannes mit Sonnenbrille und schwarzem Filzhut, dazu die Überschrift Heisenberg, wobei die ersten beiden Buchstaben in einem grünen Quadrat abgebildet waren; He, wie beim Symbol des Elements Helium im Periodensystem. Doch wenn Margot sich recht erinnerte, war Heisenberg der Name eines berühmten Physikers.

»Ich hab dir gleich gesagt, das ist 'ne saudumme Idee, dass du die Bullen von deinem Handy aus anrufst!«

Mr. White wandte sich an Heisenberg: »Ich hab keine Ahnung, wie die auf uns kommen konnten!«

Süllmeier seufzte. »Wenn ich das kurz erklären dürfte: Sie haben die Rufnummer Ihres Handys unterdrückt, und das funktioniert auch, wenn Sie mit anderen Netzteilnehmern telefonieren. Das funktioniert aber nicht, wenn Sie eine Notrufnummer wählen. Könnte ja sein, dass Sie überfallen worden sind und nichts mehr sagen können. Dann ist es gut, wenn wir wissen, wem das Handy gehört. Oder Sie melden eine Leiche und haben keine Lust, Ihren Namen zu nennen. Auch so ein Fall, in dem das ganz praktisch sein kann. Hier sind wir also. Und würden gerne wissen, was es mit den Leichen im Badesee auf sich hat.«

Besser hätte Margot es auch nicht formulieren können.

Wenig später saßen sie im Wohnzimmer der Dachgeschosswohnung der Villa. Außer...

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