Ein Elefant für Inspector Chopra

Kriminalroman
 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Februar 2017
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1400-6 (ISBN)
 
Am Tag seiner Pensionierung stolpert Inspector Chopra gleich über zwei mysteriöse Ereignisse: Das erste ist der rätselhafte Fall eines ertrunkenen Jungen, dessen Tod niemanden zu kümmern scheint. Die zweite Überraschung ist ein Babyelefant. Chopra nimmt sich beider an. Ohne seine Polizeimarke, dafür aber mit tatkräftiger Unterstützung von Elefantenbaby Ganesha, sucht er jeden Winkel Mumbais nach dem Mörder des Jungen ab. Er muss bald feststellen, dass sowohl an seinem Fall als auch an seinem neuen Schützling mehr dran ist, als es auf den ersten Blick scheint.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 2,99 MB
978-3-8437-1400-6 (9783843714006)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Vaseem Khan, geboren 1973 in London, sah zum ersten Mal einen Elefanten auf offener Straße im Jahr 1997, als er nach Indien kam, um dort als Unternehmensberater zu arbeiten. Es erschien ihm damals höchst seltsam und diente als Inspiration für seinen ersten
Kriminalroman. 2006 kehrte er nach England zurück und arbeitet seitdem am University College London für die Abteilung Sicherheits- und Kriminalwissenschaften.

DER ELEFANT TRIFFT EIN


Als er das Tor zu seinem Wohnkomplex erreichte, sah Chopra schon wieder eine Menschenmenge vor sich. Düster überlegte er, dass Massenaufläufe der Fluch von Mumbai waren.

Ein Tieflader, dessen Fahrer seelenruhig am Heck lehnte und auf einem Stück Zuckerrohr herumkaute, stand in der Einfahrt.

Chopra bezahlte den Rikschafahrer und betrat das Gelände.

Die Menge teilte sich respektvoll, und dann stand Chopra zwischen seiner Frau, einem kleingewachsenen Mann in Netzhemd und Dhoti-Beinkleid und einem Elefanten.

Einem jungen Elefanten, berichtigte er sich, und noch dazu einem ausgesprochen mickrigen.

Das Tier kauerte auf dem staubigen Boden und schien den Trubel um sich herum gar nicht wahrzunehmen. Die kleinen Ohren klatschten gelegentlich nach einer Fliege. Der Rüssel war unter dem Gesicht zusammengerollt. Um seinen Hals lag ein Stück rostiger Kette, die in der Hand des Mannes im Dhoti endete.

Chopra hätte sich am liebsten verdrückt. In der Hektik des Tages auf dem Revier hatte er die unerfreuliche Nachricht von dem Elefanten fast verdrängt. Sie hatte einfach zu unglaublich geklungen, wie einer der Streiche, für die sein Onkel zeitlebens berüchtigt gewesen war.

Aber es war nicht zu leugnen, dass ein lebendiger, atmender Dickhäuter auf Chopras Türschwelle gelandet war.

»Ah, Chopra, gut, dass Sie endlich kommen«, sagte Mrs Rupa Subramanium stirnrunzelnd. Sie war Präsidentin des Verwaltungsgremiums der kleinen Kolonie. »Wie ich Ihrer Frau gerade zu erklären versuchte, sind Haustiere auf dem Gelände nicht gestattet. Das ist eindeutig in Teil 3, Abschnitt 5, Paragraph 15.5.2 der Hausordnung geregelt, wie Ihnen sicher bekannt ist.«

»Das ist kein Haustier«, widersprach Poppy hitzig. »Das ist ein Familienmitglied.«

Mrs Subramanium war eine hochgewachsene, heuschreckenartige Gestalt im dunklen Sari, die einen strengen Chignon trug. Sie fand diese lächerliche Behauptung unter ihrer Würde und antwortete nicht.

Chopra seufzte innerlich. Mrs Subramanium hatte natürlich recht. Aber er wusste auch, dass seine Frau diese Tatsache niemals akzeptieren würde.

Poppy Chopra war der erste Mensch gewesen, der es je riskiert hatte, Mrs Subramanium als unangefochtener Herrscherin über den Wohnkomplex die Stirn zu bieten. Als sie vor fünf Jahren hier eingezogen waren, mussten sie schnell feststellen, dass die Bewohner in ständiger Furcht vor der alternden Witwe lebten. Mrs Subramaniums Dekrete wurden einfach widerspruchslos hingenommen. Es hatte noch nicht einmal jemand gewagt, um ein Exemplar jener legendären Hausordnung zu bitten, aus der sie unaufhörlich zitierte und die die Grundlage ihres unbarmherzigen Regimes darstellte.

Doch Poppy hatte, wie Chopra schon kurz nach ihrer Hochzeit feststellte, vor nichts und niemandem Angst.

Bald hatte sie selbst Komitees gegründet und die Nachbarn für ihre eigenen Zwecke um sich geschart.

Erst letztes Jahr war es ihr - sehr zu Mrs Subramaniums Verdruss - gelungen, den Verwaltungsrat davon zu überzeugen, die Dachterrassen der drei zwanzigstöckigen Hochhäuser auf dem Gelände für Feierlichkeiten wie Diwali, das hinduistische Lichterfest, oder Silvester zu öffnen. In Mumbai war das vielerorts eine Selbstverständlichkeit, doch Mrs Subramanium hatte jahrelang ihr Veto dagegen eingelegt. Ihre Begründung lautete, dass solche Feste das förderten, was sie als »unangemessenes Benehmen« bezeichnete.

Chopra sah zwischen den beiden Frauen hin und her, während sie sich anfunkelten. Er wusste, mit seiner Ehefrau war nicht zu reden, solange sie in dieser Stimmung war.

Am Ende einigte man sich darauf, dass der Elefant neben dem Wachhäuschen an der Rückseite des Komplexes angepflockt werden sollte. Jedenfalls so lange, bis Mrs Subramanium das Verwaltungsgremium einberufen konnte, um in der Sache eine Entscheidung zu fällen.

Chopra und Poppy wohnten im fünfzehnten Stock des ersten Hochhauses der Siedlung, den »Poomlai Apartments«. Die beiden anderen hießen »Meghdoot« und »Vijay«. Die drei Gebäude waren nach legendären Operationen der indischen Luftwaffe benannt. Der Mangel an Raum in Mumbai ließ der aufblühenden Mittelschicht keine Wahl, als in solchen Hochhausgefängnissen zu wohnen. Die Stadt war ein einziges Ameisengewimmel aus Bauprojekten. Wenn die Wohntürme weiter so in die Höhe schossen, würden sie bald wie ein gigantisches Stecknadelkissen aussehen, stellte Chopra sich vor. Der Gedanke missfiel ihm.

Als er die Wohnungstür öffnete, schlug ihm ein dichter Nebel von brennenden Räucherstäbchen und aromatisiertem Holzrauch entgegen. Ihm wurde schwindelig.

Vom Boden des geräumigen Wohnzimmers aus wandte sich ihm das Gesicht derjenigen Person zu, die er auf der Welt am wenigsten leiden konnte. Sie fixierte ihn mit dem üblichen Missfallen.

»Wo bleibst du denn so lange?«, schnappte Poornima Devi, Poppys Mutter. »Konntest du nicht wenigstens heute ein Mal pünktlich sein?« Die alte Frau - ein spinnenartiges Wesen mit grauem Dutt und weißem Witwensari - blickte ihn finster an. Ihre schwarze Augenklappe verströmte Feindseligkeit.

Chopra hatte sich nie mit seiner Schwiegermutter verstanden. Das schien vielen so zu gehen, und so hatte sie schon vor Jahren ihr Auge bei einer Meinungsverschiedenheit mit einem jungen Hahn verloren. In Chopras Fall lag es allerdings daran, dass er Poornima als Ehemann für ihre Tochter nie gut genug gewesen war.

Als sie angefangen hatte, die Bewerber um die Hand ihrer Tochter auf Herz und Nieren zu prüfen, erfuhr Poornima Devi, dass ein örtlicher Großgrundbesitzer ein Auge auf Poppy geworfen hatte. Dass er etwa dreißig Jahre älter war als sie, dazu noch Witwer und ein berüchtigter Trinker und Frauenheld, schien sie nicht weiter zu kümmern. Sie hätte ihm den Vorzug gegeben. Er war Landbesitzer, nur das zählte.

»Du hättest die Frau eines Jagirdar sein können, eines Gutsherren«, sagte die alte Frau gebetsmühlenartig zu ihrer Tochter. Gewöhnlich wartete sie damit absichtlich, bis Chopra in Hörweite war. Und seit sie nach dem Tod ihres Ehemanns Dinkar Bhonsle vor drei Jahren zu ihnen gezogen war, kam das natürlich immer häufiger vor.

Wie so oft dachte er darüber nach, dass der Tod doch sehr demokratisch war. Einen noblen, angesehenen und großmütigen Mann wie seinen Schwiegervater nahm er zu sich, während er die giftige Ehefrau zurückließ, über die noch nie jemand etwas Gutes zu sagen gewusst hatte.

Chopra hatte wiederholt versucht, Poppy zu überzeugen, dass ihre Mutter bei ihrem Sohn daheim im Dorf besser aufgehoben wäre. Schließlich war es die Aufgabe des Sohnes, für seine gebrechlichen Eltern zu sorgen, nicht die des Schwiegersohnes. Aber Poppy wollte nichts davon wissen.

»Du weißt doch, was für ein Tunichtgut Vikram ist«, sagte sie. »Er kann kaum auf sich selbst aufpassen, wie sollte er sich da um Mummiji kümmern?«

Chopra zog alarmiert die Stirn in Falten, als seine Schwiegermutter auf ihn zukam. Dann fiel ihm wieder ein, dass die alte Eiferin - mit aktiver Beihilfe seiner Frau - aus Anlass seiner Pensionierung eine spezielle religiöse Zeremonie vorbereitet hatte.

Chopra war von Natur aus kein gläubiger Mensch. Er war schon vor langer Zeit zu dem Schluss gekommen, dass die organisierte Religion die Hauptursache für die Spaltung dieses wunderbaren Landes war. Er betrachtete sich eher als andächtigen Säkularisten. Er behandelte alle Glaubensrichtungen mit demselben Respekt und derselben persönlichen Gleichgültigkeit. Diese noble Einstellung wurde durch die Tatsache kompliziert, dass Poppy ein großer Fan all der prunkvollen und pompösen Dinge war, die mit ihrem Glauben zu tun hatten.

Heute Abend zum Beispiel. Eine Pensionierung war eine Pensionierung, oder nicht? Was hatte Gott damit zu tun?

Chopra warf seiner Frau einen hilflosen Blick zu. Aber Poppy war bei dieser Tortur eine willige Komplizin und lächelte ihn ermutigend an.

Er blieb gerade lange genug, um sich von seiner Schwiegermutter heilige Asche auf die Stirn schmieren zu lassen. Sie stopfte ihm noch ein altbackenes Laddu, eine kugelförmige Süßspeise, so ungnädig in den Mund, dass ihm beinahe ein Zahn abgebrochen wäre. Erst dann gelang es ihm, sich zu entschuldigen.

Er ging hinunter in den Hof, wo sich eine Schar von Kindern um den Elefanten herum versammelt hatte. Er war inzwischen mit einem Vorhängeschloss an einem Metallpfosten neben dem Wachhäuschen hinter den Wohntürmen angekettet. Der Bereich war betoniert und fiel steil bis kurz vor der Ziegelsteinmauer ab, die den Komplex umgab. So entstand ein Graben, der während des Monsuns immer überflutet war. Zu dieser Jahreszeit mussten der bedauernswerte Bahadur und sein Kollege Bheem Singh knietief durch das wirbelnde Regenwasser waten, um zu ihrem Wachhaus zu gelangen.

Das Elefantenkalb hatte sich auf dem Boden zusammengekauert und sah die Kinder mit traurigen Augen von unten her an. Es wirkte erbarmungswürdig und irgendwie unterernährt, fand Chopra. Zerbrechlich war kein Wort, das man normalerweise mit einem Elefanten assoziiert hätte, aber der hier sah definitiv so aus, als müsste er ein bisschen Gewicht zulegen.

Chopra bemerkte, dass die Kleinen eine Reihe von farbigen Kreideringen um das Kalb gezogen hatten. Jetzt begannen sie unter Chopras Augen, es zu umkreisen und zu singen: »Jai, Bal Ganesha! Jai, Bal...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen