Feuerherz

Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Februar 2017
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1551-5 (ISBN)
 

»Kettus Sprache ist so rau und unwirtlich wie die Landschaft am Polarmeer.« Tages-Anzeiger

Lappland um 1930. Irga, die Tochter des Weißen Generals, flieht durch die eisige Winternacht auf Skiern bis nach Russland. Seit sie sich mit einem Kommunisten eingelassen hat, schwebt sie in Lebensgefahr. Sie ist schwanger und flüchtet zu ihrem Geliebten. Ihr Weg führt sie weit in den Norden und Osten, bis hin zu den brutalen Vorkuta-Gulags, zur Wolga und schließlich nach Kazan, zum Volk der Mari. Mit sich trägt sie ein Geheimnis, das ihr wichtiger ist als ihr eigenes Leben.

Russland, 2015. Die Finnin Verna hat ihren lange vermissten Vater gesucht, doch sie kommt zu spät: Er ist tot. Verna versucht herauszufinden, was ihm zugestoßen ist. In einem kleinen Mari-Dorf trifft sie eine alte Frau, die ihr hilft, aber gleichzeitig etwas vor ihr zu verbergen scheint.

Zwei starke Frauen und ein Volk, das sich gegen alle Widerstände zu behaupten versucht. Ein großer, sprachgewaltiger Roman, der von der Macht der Liebe über alle Grenzen hinweg erzählt.

»Die Poetin des Ungestümen.« Hufvudstadsbladet

»Katja Kettus Sprache hält die Welt in Atem und hebt das Werk auf eine Ebene, die ihresgleichen sucht. Dieser Roman ist ein großartiges Beispiel für die magische Kraft der Literatur.« Kaleva

»Feuerherz ist ein ungestümer Roman im selben Stil wie Wildauge. Zweifellos einer der interessantesten Romane des Jahres.« Helsingin Sanomat

1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,67 MB
978-3-8437-1551-5 (9783843715515)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Katja Kettu, Jahrgang 1978, ist eine der wichtigsten Autorinnen Finnlands. Ihr preisgekröntes Debüt Wildauge stand wochenlang auf Platz 1 der finnischen Bestsellerliste. Der Roman erschien in 20 Sprachen und wurde verfilmt.

Petsamo 1937


Irga

Ich bin die Tochter des Weißen Gottes, und mich werdet ihr nicht kriegen. Auf meinen Skiern laufe ich am Hang des Jungfernbergs entlang um mein Leben und um das Leben meines Kindes. Die Spürhunde kläffen unten im Tal, die Rufe der Verfolger schallen herüber: »Da läuft die Hure! Die will zu den Russkis flüchten!«

Die Stimme kann ich nicht erkennen, aber sie gehört einem von Vaters Befehlsempfängern aus der glorreichen Horde der Schlächter, die zum Spaß auf Skolten und schwangere Mädchen ballern.

»He, Irga, komm zurück! Was wird dein Vater sagen!«

Aus den Rufen höre ich die Angst heraus. Tja, was wird der Kommandant der Grenztruppen, der Weiße General Henrik Malinen, sagen, wenn sein Nesthäkchen zu großem Abenteuer die Grenze überschreitet?

»Ihr Fötentöter.« Ich spucke hinter mich und lege noch Tempo zu.

Im Norden heult das Eismeer seine Frühjahrsbrunst hinaus, die Schneebühne ist von Sonnenschein und prallen Weidenkätzchen vergoldet. Meine Skibindungen aus Weidenzweigen knarren bei jedem Abstoßen, und die Schneeteller schluchzen. Der Wollrock raschelt an den Schenkeln, als ich den Hang hinunter auf das Eis des Jauruflusses sause, zu der steilen Felswand, wo der Schnee von der Wärme schon dunkel geworden ist. Ich kann die Strömung unter dem Eis spüren und zögere einen Augenblick. Wer zu Beginn des Tauwetters darüberläuft, der ist nicht ganz bei Trost. Aber jetzt gibt's einen Grund. Ich hab es eilig. Von jenseits der Anhöhe dringt das klagende Heulen eines Wolfs herüber, und darauf antwortet das Rudel von weiter her am Fuß des Fjälls. Von hier sind es noch fünf Kilometer bis zur russischen Grenze, und es wird bald dunkel.

Die Kerls hinter mir scheuen sich, das Eis zu betreten. Denn alle erinnern sich an den Fall der im Russinnen-Fluss ertrunkenen Kinder - es heißt, ihretwegen flackern auf der Landenge manchmal die Leidensfeuer.

Ich höre Rufe: »Postój, geh nicht weiter! Wir tun dir nichts!«

Ich drehe mich nicht um. Aus meinen Nasenlöchern steigt Dampf, der Fellski glänzt, im Mund habe ich den Geschmack von Metall. Auf der Brust spüre ich warm die quadratische Karte, die Wolfszahn den Rentier-Skolten für mich mitgegeben hat und auf der geschrieben steht: »Mílaja Írgotschka! Kommen Sie hierher, eine bessere Welt aufbauen! Ich besorg Ihnen Pass und Visum.« Ich denke an die Tintenschnörkel und die hartknochigen Hände, die sie gemalt haben. Bald werden deren schlanke Finger mich liebkosen.

Meistens ist es schwierig, zu erklären, warum man fortgeht. So wie auch die Frage zu beantworten, warum Irga Malinen, Tochter des Weißen Generals, hier auf ihren Skiern ins Land der Räte unterwegs ist. Ein Grund ist meine deutliche Auflehnung, ein Wutanfall, der mich überkam, aber so ist nun mal meine Natur. Vor einer Woche, an meinem fünfzehnten Geburtstag, hat mein pápotschka vergessen, am Türpfosten anzuzeichnen, wie viel ich in einem Jahr gewachsen bin. Bei Sisko hat er sehr wohl daran gedacht und sich wortreich damit gebrüstet, was er doch für ein prachtvolles, rassereines Mädchen zustande gebracht habe, und das, obwohl seine Mutter aus einer Sippe stammte, die den Bäumen opferte.

»Dieses Mädel wird das schlechte Erbe abschütteln und anstatt lappländische Feuer anzuzünden, das elektrische Licht einschalten!«

Das machte mich so wütend, dass ich hinter die Sauna gehen, auf eine Rentierklaue beißen und heulen musste. Sisko, immer nur Sisko. Seit der Olympiade in Berlin ist dieses hinterfotzige Biest der Liebling und Augenstern meines Vaters, seit sie durch Schmu in die Nationalmannschaft der Turnerinnen gewählt wurde und mit Reichskanzler Hitler höchstpersönlich Tee trinken durfte. Das falsche Luder. Seither denkt Vater an nichts anderes mehr. Und alle hat sie mit ihren heimlich gebrannten Seidenlocken bezirzt. Und sie hatte reichlich Verehrer.

Aber als Wolfszahn von jenseits der Fjälls kam und sich in Hetes Kate niederließ, um seine Agitationsreden zu halten, da beschloss ich, den nehme ich. Und, oh Wunder, Wolfszahn wollte mich.

Wolfszahn hatte einen Mund mit weichen Lippen, zwischen denen sich der linke Eckzahn hervorschob, und das ließ ihn herrlich grausam aussehen. Seine Geschichten glaubte ich natürlich nicht. Wir hatten zu Hause die Angst vor dem Russki und dem Kommunismus so gründlich mit der Muttermilch eingesogen, dass wir über die komischen Reden, die das Murmansk-Radio sonntags zur Kirchzeit sendete, nur lachen konnten. Trotzdem überraschte ich mich dabei, dass ich an mehreren Sonntagen zu Hetes Kate lief, und das ist kein Wunder, denn niemand beaufsichtigte mich. Und irgendwie fand ich auch Gefallen daran. In eine Decke aus Rentierfell gewickelt dort zu sitzen, aus einem Holzbecher Rentiermilch zu schlürfen, Wolfszahn zu beobachten und zuzuhören, wie die Roten meinen Vater in die unterste Hölle wünschten. Wie bessere Propheten schwärmten sie vom Wunderland des Kommunismus und vom Paradies der Werktätigen. Dort, jenseits der Grenze, lachten die Leute angeblich darüber, dass wir hier Muckefuck tranken. An den Frauen wabbelte der Hüftspeck, es gab Traumwecken aus purem Weizen, und die Kolchoskuh muhte mit prallem Euter - komm und nuckle! Jemand war mit einem Eissegler zu den Russkis abgehauen und gleich zum Kommissar des Gebiets Murmansk avanciert.

»Wie soll der denn über die Grenze gekommen sein?«, wagte ich zu zweifeln.

»Das is doch ganz einfach«, blaffte Hetes Alte.

Die Skoltlappen überschritten regelmäßig die Grenzen, wenn sie dem Zug ihrer Rentiere folgten. Auch für andere Leute würde das leicht sein. Einfach ein Heureuter als Mast in den Schlitten, ein Flachmann als Reiseproviant in die Manteltasche, und auf geht's! So würde die Fahrt wie im Flug vergehen, denn Richtung Sowjetland wehten immer günstige Winde, so dass auch die Bäche unter den Moosbülten ihre Fließrichtung änderten, weil sie ihr Wasser nicht aus dem Paradies herauslassen wollten.

»Is das wahr?«, fragte ich aus dem Hintergrund der großen Stube.

Wolfszahn lachte und schob mir seine warme Hand unter den Rock.

»Dir würde es dort gefallen. Komm ins Dorf Moskova zum Tanzen. Da ist jeden Abend ordentlich was los.«

Er kitzelte mich so, dass ich ganz schwach wurde, in Hetes Pfahlspeicher schob er noch vor dem Konfirmationssommer seinen Schwanz in mich und rammelte mich so heftig, dass ich lachen musste. Mir gefielen sein keuchendes Flehen und die ins Rentierfell gebissenen Schreie, verdammt, Irga, du hast die Herrlichste von der Welt. Ich versprach, ihn zu besuchen, wenn ich die Zeit fände. Wir trennten uns in bestem Einvernehmen, im Zeichen des gemeinsamen Geheimnisses und künftiger schweißiger Sonntage. Aber dann wurde es mir morgens immer so übel. Ich tat, was Sisko als Frau von Welt mir beigebracht hatte. Man muss auf ein Getreidekorn pinkeln, und wenn es anfängt zu keimen, dann weiß man, dass es schiefgegangen ist. Das Korn keimte. Ich erzählte es Sisko, und die posaunte es gleich bei der nächsten Sitzung von Lotta Svärd aus, dass Irga mit einem Russki gehurt hatte. Das meinem Vater zu erzählen wagte niemand, aber natürlich würde es früher oder später herauskommen, und die Gemeindehebamme war nicht bereit, mir zu helfen.

»Mit dem Russenagitator hast du dich eingelassen«, warf Anselmi mir vor. »Jetzt werden deine Sünden gezählt!«

Auch der bettelarme Knecht Anselmi war schon um meine Lapplandstiefel herumgekrochen, hatte nach meinem Rock gefasst und mich, die Tochter des Weißen Generals, angefleht, ich möge ihn erhören. Das wusste Anselmi noch sehr genau und sah, dass auch ich mich daran erinnerte. Die Scham trieb dem Jungen das Blut in die Wangen, und ich versuchte, den richtigen Zug zu machen: »Und wenn ich das nun meinem Vater sage?«

Anselmi erschrak. »Kein Wort wirst du Drecksstück ihm sagen!«

Mein Versuch war missglückt. Sie zwangen mich, das Kleid bis zu den Hüften hochzuheben und die Zunge gegen eine vereiste Eisenstange zu drücken, so dass sie daran festfror, dann befahlen sie mir rückwärtszukriechen. Mit einem Ledergürtel schlugen sie auf meine Schenkel ein, als ich das tat, aber der Fleischfetzen wollte einfach nicht abreißen. Da nahm Jaakkima Alakunnas das Lappenmesser und trennte mir mit einem Hieb die Zunge ab. Ein großes Stück löste sich, dass das Blut nur so spritzte, aber das machte mich eher wütend, als dass es mich erschreckte.

»Christusteufel, was hast du nur getan?«, heulte Anselmi auf.

Ich riss mich los und rannte über die vereiste, tragende Schneedecke nach Hause. Jemand krächzte hinter mir her: »Wir kriegen dich noch, du Russenhure!«

Ich hockte den ganzen Abend im Stall, drückte mir einen Torfmoosumschlag auf die geschwollene Wange und überlegte. Wegen des tragenden Harsches hatten meine Stiefel keine Spuren im Schnee hinterlassen. Aber die Männer würden sich denken können, wohin ich gegangen war, und mir am Morgen auf Skiern nachsetzen. Oder sie gehen zu Hetes Hütte und stecken ihm die Bude überm Kopf an. Und früher oder später finden sie hierher. Sie wissen, dass Vater irgendwo in Pummanki auf Inspektionsreise ist und Sisko bei den Cousinen übernachtet.

Ich begann zu packen. Die rot-schwarzen Beingamaschen und den Lammfellmantel, auch einige Markstücke mit Loch, die von deutschen Touristen stammten. Die Postkarte von Wolfszahn schob ich mir unter das Unterhemd nahe zum Herzen. Dann dachte ich über Mitbringsel nach. In Vaters Arbeitszimmer rollte ich so viele Landkarten zusammen, wie ich mich nur traute, die hatte Wolfszahn...

'Kettus Sprache ist so rau und unwirtlich wie die Landschaft am Polarmeer.'

Russland, 2015 und Lappland, 1930er. Zwei starke Frauen suchen nach der Wahrheit über ihre Herkunft und nach ihrem Platz im Leben.
Irga, genannt 'Wildvogel', flieht vor den Bewohnern ihres Heimatdorfs, die sie bedrohen, weil sie sich mit einem Kommunisten eingelassen hat. Schwanger und auf sich alleine gestellt bringt ihr Weg sie in die entlegensten Winkel, bis in die Gulags weit im Nordosten. Jahrzehnte später endet ihr langer Weg beim Volk der Mari.
Achtzig Jahre später sucht Verna ihren Vater. Die Spur führt auch sie zu den Mari .

'Katja Kettus Sprache hält die Welt in Atem. Dieser Roman ist ein großartiges Beispiel für die magische Kraft der Literatur.' Kaleva

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