Versteckt

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Mai 2013
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09301-3 (ISBN)
 
Gib acht, wer dich findet!

Dead River ist kein Ort für junge Leute. Die Hitze und die Langeweile legen sich über sie und saugen das Leben aus ihnen heraus. Auf verzweifelter Suche nach einem Adrenalinkick streifen Dave und seine Freunde durch das Dorf. Ein verlassenes Haus wird schließlich zu ihrer Spielstätte. Doch Freunde können gefährlich sein. Und das Spiel wird blutiger als geplant ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,71 MB
978-3-641-09301-3 (9783641093013)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jack Ketchum ist das Pseudonym des ehemaligen Schauspielers, Lehrers, Literaturagenten und Holzverkäufers Dallas Mayr. Er gilt heute als einer der absoluten Meister des Horror-Genres. 2011 wurde er zum Grand Master der World Horror Convention ernannt. Er erhielt fünfmal den Bram Stoker Award, sowie 2015 den Lifetime Achievement Award der Horror Writers Association. Jack Ketchum verstarb am 24. Januar 2018 in New York City, New York.

2

Sie hat mir von Anfang an Angst gemacht. Eigentlich gilt das für alle drei. Zum einen waren sie reich, und mit reichen Jugendlichen in meinem Alter hatte ich keine Erfahrung.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass es keinen ärmeren Bezirk im ganzen Land gibt als Washington County. Das Durchschnittseinkommen ist ungefähr so niedrig wie in, sagen wir, Appalachia. Jeder, den ich kannte, lebte von der Hand in den Mund. Und plötzlich kommen diese drei reichen Kids in Caseys wunderschönem altem weißem 54er Chevy-Cabrio oder Stevens blauem Chrysler Le Baron angefahren. Als ob Dead River kein altes, trauriges Kaff, sondern Scarsdale oder Beverly Hills wäre. Ich hatte keine Ahnung, was sie in diesem Teil von Maine verloren hatten. In Mount Desert traf man vielleicht solche Leute. Aber hier in Dead River? Ich wusste, dass ihre Familien befreundet waren und aus Boston kamen. Vielleicht hatten ihre Eltern den grandiosen Einfall gehabt, dass man hier gut Urlaub machen könnte, und deshalb waren sie hier. Die drei hatte jedenfalls niemand gefragt.

So viel war sicher: Besonders toll fanden sie es nicht. Es machte sie verrückt.

Und das machte mir so richtig Angst.

Man musste sie sich ja nur mal ansehen. Besonders Casey. In ihren Augen lag eine verächtliche, schamlose Unverfrorenheit.

Rücksichtslosigkeit. Leichtsinn. Das macht mir Angst. Sogar heute noch.

Allein das hier aufzuschreiben ist irgendwie leichtsinnig. Denn damit kommt alles wieder hoch, alles, was ich so lange verdrängt habe. Nicht nur das, was geschehen ist. Sondern auch, was ich für Casey empfunden habe und immer noch empfinde. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, aber ich werde es rausfinden.

Und zwar jetzt.

Woher ich weiß, dass sie verrückt war? Da war die Sache mit dem Auto.

Es geschah im Juni, ziemlich sicher an einem Samstag oder Sonntag, weil Rafferty und ich freihatten. Soweit ich mich erinnere, war es ungewöhnlich heiß für die Jahreszeit, daher kauften wir bei Harmon's ein Sixpack und fuhren zum Strand.

In der Umgebung von Dead River gibt es nur einen guten Sandstrand, ansonsten ist überall Kies. Oder es geht gleich zehn Meter die Klippen runter. Daher trifft man an heißen Tagen auch jeden, den man kennt, an diesem Strand. Weil wir in diesem Jahr erst zwei, drei wirklich schöne Tage hatten, war sie natürlich auch da. Weit weg von uns, bei dem Trampelpfad, der auf die Klippe führt. Alle drei waren dort.

Zuerst bemerkten wir sie gar nicht. Raffertys Interesse galt in erster Linie Lydia Davis, die ein paar Meter entfernt von uns auf einem Handtuch lag. Ich hatte ein Auge auf ein paar Touristinnen geworfen. Manchmal, wenn der Wind über die Klippen strich, wehten ein paar Musikfetzen aus ihrem Radio zu uns herüber, das war alles. Der Strand war ziemlich belebt, und es gab viel zu sehen.

Dann ging dieses Mädchen an mir vorbei zum Wasser hinunter. Ich konnte ihr Gesicht nur ganz kurz sehen.

Das Meer war selbstverständlich noch viel zu kalt. Nicht mal die kleinen Kinder gingen rein. Vor dem späten Juli oder August kam keiner auf die Idee, hier zu schwimmen. Ich beobachtete, wie sie zitternd zurücksprang, als die erste Welle über ihre Füße rollte. Sie trug einen atemberaubenden schwarzen Bikini. Aus irgendeinem Grund war sie schon tief gebräunt. Selbst auf die Entfernung konnte ich erkennen, dass sie eine Gänsehaut hatte.

Ich sah zu, wie sie wieder ins Wasser stieg. Bald reichte es ihr bis zu den Waden.

Rafferty beobachtete sie ebenfalls. »Mehr Herz als Verstand«, sagte er.

»Aber hübsch«, fügte ich hinzu.

»Das auch.«

Dann sprang sie in die Fluten.

Es war ein sauberer, kraftvoller Sprung. Als sie prustend wieder auftauchte, sah sie in unsere Richtung. Ihr langes, glattes dunkles Haar fiel von dem spitzen Haaransatz nach hinten über ihre Schultern.

Da wusste ich sofort, dass sie keine Einheimische war.

Ihr Gesicht war so nackt, so rein und stark und gesund, dass sie unmöglich hier geboren sein konnte. Nicht in Dead River.

Wir gehören hier nämlich alle zum selben Schlag. Oder zumindest in eine von zwei Kategorien:

Entweder ist man so arm und verkümmert und jämmerlich wie die verwachsenen Zwergpinien, die sich verzweifelt an die felsigen Klippen klammern. Oder man ist rank und schlank wie die Ausläufer, die im Frühling aus dem Boden schießen und die Pinien zu ersticken drohen - so wie Rafferty und ich.

Dieses Mädchen dagegen war nirgendwo einzuordnen. Sie kam aus gutem Hause, hatte einen wohlgeformten Körper, den sie mit lässiger Kraft bewegte. Und eine Haut, von der die meisten Frauen nur träumen können. Sie tauchte so geschmeidig wie ein Seehund auf und lachte - bei einer Wassertemperatur, die eigentlich nur Seehunde aushalten können.

Dann öffnete sie die Augen. Und das war eine weitere Offenbarung.

Ihre Augen waren derart hellblau, dass man sie zunächst für farblos hätte halten können. Totenaugen, hätte mein braunäugiger Vater dazu gesagt. Unergründlich. Wie die Farbe des ruhigen, flachen Meeres an einem Korallenstrand. Sie nahmen das Licht nicht auf, sie reflektierten es.

Es musste unwahrscheinlich kalt sein. Sie tauchte unter, rollte einmal herum und sah wieder in unsere Richtung. Nur der Kopf und der Hals ragten aus dem Wasser. Sie zitterte, hatte die Lippen geöffnet und blinzelte, als wäre sie blind. Obwohl ich im warmen Schein der Sonne saß, spürte ich die Kälte, die sie fühlen musste, bis in die Knochen.

Es heißt, dass man durch sehr kaltes Wasser in Ekstase geraten kann. Doch vorher kommt der Schmerz.

Ihre Gesichtsmuskeln verkrampften sich. Sie hatte definitiv Schmerzen.

Als sie wieder ans Ufer watete, beobachtete ich die Tropfen, die an ihrer Haut hinunterliefen. Bis auf die Farbe ihres Schamhaars ließ der Bikini keine Fragen offen. Sie war kräftig, das war offensichtlich.

Sie schlenderte direkt an mir vorbei.

Ich sah ihr hinterher. Ihr Blick wanderte hierhin und dorthin, dann kehrte sie zu ihren Freunden zurück. Hatte sie mich tatsächlich angesehen? Das wäre zu schön, um wahr zu sein.

Rafferty hatte sie bestimmt keines Blickes gewürdigt. Er wirkte nicht besonders anziehend auf Frauen. Mit Anfang zwanzig wurde er immer noch von starker Akne geplagt. Er hatte Motorölflecken an den Händen und ein vom Whiskey gerötetes Gesicht. Ich war zwar auch nicht der Schönste, aber wenigstens hatte ich keine glasigen Augen. Außerdem war ich einigermaßen in Form - das bin ich heute noch -, und vor zwei Jahren waren die wenigen Pickel verschwunden, die mich die Pubertät hindurch bis zu meinem achtzehnten Geburtstag gequält hatten. Also kam nur ich infrage.

Das hoffte ich zumindest.

Bei der Vorstellung schnürte sich meine Kehle zusammen - gar kein unangenehmes Gefühl, fast als würde sich dort eine Schlange behaglich zusammenrollen. Ich trank ein Bier, aber das Gefühl blieb.

Ich konnte nicht einfach sitzen bleiben. Ich wollte zu ihr hochschlendern und sie anquatschen. Dummerweise war ich ziemlich schüchtern.

Außerdem spielte ich nicht annähernd in ihrer Liga.

Ich arbeitete in einer Sägemühle.

Ich verkaufte Holzlatten und Kiefernholzbretter und Spanplatten an Hand- und Heimwerker.

Das College hatte ich erst mal auf Eis gelegt, und dort konnte es von mir aus auch bleiben. Klar, ich las viel und hatte ganz gute Zeugnisse, aber auf Schule hatte ich noch weniger Lust als auf Dead River. Das sollte sich später ändern, doch damals war ich mit drei fünfzig die Stunde und einer Kellnerin namens Lyssa Jean ganz zufrieden. Ein nettes Mädchen.

Nach diesem Tag am Strand haben wir uns allerdings nie wieder getroffen. Nicht ein einziges Mal. Tut mir leid, Lyssa Jean.

Ich hielt noch eine Stunde durch und hoffte darauf, dass sie noch mal schwimmen ging. Vergebens. Rafferty redete inzwischen mit Lydia Davis, und ich wurde ungeduldig.

Erst wenn die Touristen kamen, taute Lydia auf. In der Nebensaison war sie mit Abstand das hübscheste Mädchen, das Dead River zu bieten hatte. Dann konnte man ihr den ganzen Abend über Drinks spendieren und erhielt grade mal ein Lächeln dafür. Sobald sie Konkurrenz witterte, wurde sie erheblich netter.

Rafferty wollte deshalb noch bleiben und die Gunst der Stunde nutzen. Er grinste sie mit schiefen Zähnen an.

Irgendwann reichte es mir.

Rafferty hatte mich zwar in seinem Wagen mitgenommen, aber ich konnte jederzeit per Anhalter zurückfahren. Ich packte meine Sachen zusammen, zog Jeans, Hemd und Turnschuhe an und ging zum Trampelpfad hoch.

Auf dem Weg kam ich an ihnen vorbei. Ein großer, dünner Junge mit dunkler Haut, dunklen Haaren und einer spitzen, geraden Nase. Und eine hübsche Blondine - etwas zu füllig für meinen Geschmack, aber trotzdem ein echter Hingucker. Sie war ein paar Jahre jünger als der Typ, fast noch minderjährig, und trug einen winzigen gelben Bikini.

Das Handtuch des anderen Mädchens war leer.

Auf dem Trampelpfad sah ich mich noch mal um. Sie war nirgendwo zu sehen. Drei Meter vor dem oberen Rand der...

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