Muslimaniac

Die Karriere eines Feindbildes
 
 
Edition Körber (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 6. September 2021
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-89684-590-0 (ISBN)
 
Musliminnen und Muslime bleiben fremd in unserer Gesellschaft, denn sie werden zu Fremden gemacht. Sie sollen Loyalität unter Beweis stellen, sich integrieren und anpassen, sich zu Rechtsstaat und Demokratie bekennen, den Schritt aus der Tradition in die Moderne machen und sich "nach westlichem Vorbild" weiterentwickeln. Die Liste an Forderungen ist lang, doch das Versprechen auf Gleichheit und Gerechtigkeit löst sich nicht ein.

Ozan Zakariya Keskinkılıç erzählt so ehrlich wie sarkastisch von eigenen Erfahrungen und schaut tief hinab in historische Abgründe. Aus dieser Analyse gesellschaftlicher Missstände entwickelt der Politikwissenschaftler und Lyriker eine poetische Vision: Sie zeigt uns, wie wir als Gesellschaft mit Pluralität, mit Widersprüchen und Ambivalenzen umgehen können.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,27 MB
978-3-89684-590-0 (9783896845900)
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Ozan Zakariya Keskinkılıç ist Politikwissenschaftler, freier Autor und Lyriker. Er studierte in Wien und Berlin und lehrt und forscht an Berliner Hochschulen. 2021 wurde er als Mitglied der Expertenkommission gegen antimuslimischen Rassismus im Land Berlin berufen. Regelmäßig nimmt Keskinkılıç Stellung zu tagespolitischen Themen, u. a. auf ZEIT Online, zdf heute und in der Süddeutschen Zeitung. Neben wissenschaftlichen und journalistischen Arbeiten publiziert Keskinkılıç Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Einleitung: Unter Verdacht


Alles schien darauf angelegt, mich zum Schweigen zu bringen und von dem abzulenken, der ich war, mich zu jemand anderem zu machen. Damit begann mein lebenslanger Kampf gegen die Launenhaftigkeit und Heuchelei einer Macht, deren Autorität sich ausschließlich auf ihre ideologische Selbstdarstellung stützte, der zufolge sie moralisch handele, im guten Glauben und mit den besten Absichten.

- EDWARD W. SAID, Am falschen Ort

Auf meinem Rechner sammele ich schon seit einigen Jahren Zuschriften »besorgter Bürgerinnen und Bürger«, die in mir so etwas wie den Pressesprecher der »islamischen Welt« sehen. Anders kann ich mir die Vielzahl von Nachrichten nicht erklären, die mich regelmäßig per E-Mail, über Social-Media-Kanäle, manchmal sogar ganz traditionell auf dem Postweg erreichen. Da ist zum Beispiel Herr A. Er schickt mir eine selbst erstellte Excel-Liste diverser Gräueltaten, die von Musliminnen und Muslimen weltweit begangen wurden oder begangen worden sein sollen, penibel sortiert nach Datum, Ort und Ausmaß der Brutalität. Er bittet mich um Stellungnahme bis zur kommenden Woche.

Meistens sind die Nachrichten kurz und knackig. »Ich werde dir 9/11 niemals verzeihen«, schrieb mir ein Unbekannter auf Facebook. Bis dato wusste ich noch nicht, dass ich höchstpersönlich für die Anschläge auf das World Trade Center verantwortlich war, und erschrak für einen Moment über die Hinterlistigkeit, mit der ich sogar mich selbst betrog. Einige Zeitgenossen fordern mich auf, das Land zu verlassen, am besten bis morgen. Anderen reicht diese Vorstellung nicht, sie wünschen mir gleich den Tod.

Zum Glück gibt es mitunter kreative und einfallsreiche Zuschriften, die mich manchmal sogar zum Lachen bringen. Vor zwei Jahren erreichte mich in meinem Hochschulpostfach ein handschriftlich verfasster Brief von Herrn F., der sich als FDP-Mitglied vorstellte. Er begann den Brief damit, mehrfach zu betonen, dass er Afghaninnen und Afghanen Deutschunterricht gibt und zwar kostenlos. Herr F. schrieb, dass er weltoffen ist. Dass Hass und Gewalt durch nichts zu rechtfertigen sind. Das klang alles sehr schön. Doch meine langjährige Erfahrung als unbezahlter Pressesprecher der »islamischen Welt« lehrte mich, dass nach der Mitteilung solch aufopfernder Gesten am Anfang eines Briefes das Aber nicht weit entfernt sein kann.

Und tatsächlich, da kam die Einschränkung schon im nächsten Satz. Die Grenzen der Toleranz des Herrn F. waren nämlich nun erreicht. Er störte sich generell an den Muslim:innen. In seinem Brief beklagte er, dass das Kopftuch Alltag geworden sei und dass die Liste an Gewalttaten, die diese Menschen begehen, gar nicht in seinen Brief passen würde. Dafür hätte er auch keine Zeit. Aber mir eigens ein Bild zu malen, dafür schon. Dem Brief war eine selbst gemalte Zeichnung beigelegt. Sie zeigt eine Frau, einmal in Niqab und einmal in Burka. Dunkle Wassermalfarben auf DIN A4. Die Notiz zum Kunstwerk lautet: »Diese Dame hätte ich so nicht gewählt - es ist Frau Bundeskanzlerin Merkel.«

Das Bild habe ich eingerahmt und über meinen Schreibtisch gehängt. Es erinnert mich daran, dass die »Islamisierung Deutschlands« ganz nach Plan verläuft. Den Eindruck haben jedenfalls nicht wenige Menschen im Land. Einmal abgesehen von PEGIDA, den Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes, und der Alternative für Deutschland (AfD), fühlt sich fast die Hälfte »durch die vielen Muslime hier (.) manchmal wie ein Fremder im eigenen Land«1. 27,4 Prozent - in Ostdeutschland sogar 40,2 Prozent - plädieren dafür, Musliminnen und Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland zu verbieten. Der Vorwurf lautet Unterwanderung und Überfremdung. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Einwanderungsverbot, weil muslimisch.

Zwanzig Jahre nach der Geburtsstunde der »Leitkultur-Debatte« und zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Hetzschrift, Sie wissen welche, steht die Warnung vor »dem« Islam als Gefahr für Gesellschaft, Demokratie und Rechtsstaat auf der Tagesordnung. Über die Kultur und Religion der Anderen wird leidenschaftlich debattiert und gestritten, in der medialen Berichterstattung und auf Demonstrationen gegen Migration und Asyl, in Polit-Talkshows über Terror und Gewalt, in wissenschaftlichen Studien über vermeintlich integrationsunwillige muslimische Jugendliche oder ganz beiläufig auf der familiären Weihnachtsfeier und in der Supermarktschlange.

Der Islam weckt Misstrauen. Er symbolisiert das Fremde, mit ihm ist eine Liste unzähliger Defizite assoziiert, die es zu korrigieren oder abzuwehren gilt. Er funktioniert wie eine Mülltonne, in die Probleme entsorgt werden können, um den Rest der Gesellschaft von seiner Verantwortung freizusprechen und das eigene Gewissen reinzuwaschen. Die Sozialpädagogin und Rassismusforscherin Iman Attia spricht deshalb auch von einer »Muslimisierung« gesellschaftlicher Probleme und Debatten. Sie schreibt: »Indem politische, gesellschaftliche und soziale Phänomene zunehmend mit >der Religion< der anderen verknüpft werden, können eigene Anteile an diesen Phänomenen und am problematischen Verhältnis zueinander geleugnet werden. (.) Die Lage der Anderen wird mit deren >Kultur< begründet, die wesentlich durch >ihre Religion< geprägt sei, >der Islam< sei für desolate Zustände verantwortlich und gefährde darüber hinaus >uns<.«2

Kein Wunder also, dass einige meinen, sie würden Sexismus, Homofeindlichkeit, Antisemitismus, Gewalt und Terror abschaffen, indem sie gegen »den« Islam auf die Barrikaden gehen und die Einwanderung von »den« Musliminnen und Muslimen und »den« Geflüchteten ablehnen. Oder indem sie Frauen mit Kopftuch die Ausübung des Lehrerinnenberufs untersagen und gegen den Bau einer Moschee in ihrem Stadtviertel protestieren. Nicht gerade überzeugende Maßnahmen für mehr Demokratie, Freiheit und Sicherheit.

Der Islam ist der Sündenbock unserer Zeit, er ist wie ein verzerrtes Spiegelbild, in dem sich Europa selbst idealisiert: rational, modern, egalitär und entwickelt.

Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob der Islam zu Deutschland gehört, ohne zu verstehen, dass die Leidenschaft, mit der das geschieht, bereits beweist, wie abhängig das Land von »seinen Fremden« geworden ist. Ohne Islamdebatte kein Deutschland mehr. Und wer dazugehören will, betreibt »Islamkritik«, das gehört zum guten Ton. Mich hat das Wort schon immer irritiert. Es klingt so, als gäbe es »den« Islam als absolute Kategorie, eine Art Bauklotz, mit klaren Ecken und Kanten, in eindeutiger Farbe und immer gleichem Muster. Er muss kritisiert und korrigiert werden, dieser Islam, weil er sonst nicht zu den restlichen Bauklötzen passen würde, weil das Haus sonst zusammenbricht. Islamkritik, das heißt: Kritik am Islam ist überlebensnotwendig.

Während Islam und Kritik wie Pech und Schwefel aneinanderkleben, genießt das Christentum ein unsichtbares Privileg. Das Wort Christentumkritik gibt es nicht mal. »Das« Christliche verkörpert Menschenwürde und Nächstenliebe. Es wird mit Europa und Demokratie verknüpft. »Der« Islam bildet seine Antithese. Dem positiven Christlich-Europäischen steht das negative Islamisch-Orientalische gegenüber. Deshalb muss es offensichtlich das Wort Islamkritik geben, genauso wie den »politischen Islam«3.

Einen solchen Straftatbestand forderte der österreichische Kanzler Sebastian Kurz wenige Tage nach dem islamistischen Angriff in Wien im November 2020, »um gegen diejenigen vorgehen zu können, die selbst keine Terroristen sind, aber den Nährboden für solche schaffen«. Als dann auch noch im selben Twitter-Thread von der »Einführung eines Imame-Registers« die Rede war,4 lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Das klingt nach Gesinnungsstrafrecht für Musliminnen und Muslime. Da müssten doch Alarmglocken läuten. Ich will mir nicht vorstellen, wie leicht ein Straftatbestand »politischer Islam« missbraucht werden kann. Ohnehin fehlt dem Begriff jede definitorische Trennschärfe.

Manch ein Experte behauptet, dieser ominöse politische Islam wäre eine viel gefährlichere Ideologie als der Wahabismus oder der Salafismus.5 Gefährlicher deshalb, weil seine Anhängerinnen und Anhänger sich tarnen, Integration nur vorspielen, sich bewusst distanzieren, sich nett und freundlich geben, aber in Wirklichkeit andere Pläne verfolgen würden. Wer so etwas sagt, lädt die Gesellschaft dazu ein, in allen Muslim:innen heimliche Islamist:innen zu vermuten. Mit einem solchen Pauschalverdacht, wie er in den letzten Jahren öfters laut wird, schert man alle über einen Kamm, die die gesellschaftliche und politische Bühne als Muslim:innen betreten.

Und tatsächlich: Im Juni 2021 stellte die umstrittene »Dokumentationsstelle Politischer Islam« in Österreich eine »Islam-Landkarte« vor. Über 600 Moscheen, islamische Gemeinden und Einrichtungen wurden kartografiert. In den Kurzbeschreibungen werden u. a. auch ethnische Zugehörigkeiten und weltanschauliche Ausrichtungen verzeichnet. Das alles soll angeblich Transparenz schaffen, fördert in Wirklichkeit aber nur Misstrauen. Rechtsextreme nutzten das Serviceangebot für ihre Zwecke. Sie montierten Warnschilder vor mehreren Moscheen in Wien mit der Aufschrift »Achtung! Politischer Islam in deiner Nähe«. Und an die Tür einer Moschee in Salzburg schmierte jemand: »Der Führer ist wieder zurück«. Trotzdem hält die österreichische Regierung weiterhin an diesem Projekt fest. Um die Sicherheit von Muslim:innen geht es wieder einmal nicht.

Längst wird...

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