Zwischen den Ferien

Schicksalstage eines Lehrers
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. August 2020
  • |
  • 332 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-7483-7 (ISBN)
 
Oberstudienrat Uli Wagner ist am Ende; die Sommerferien sind es auch. Nach einer gescheiterten Expedition, knapp dem Tod entronnen, trifft ihn beim Betreten seiner Wohnung der finale Schlag: In einem Brief teilt ihm seine letzte Eroberung mit, dass sie ihm, dem "Abenteurer mit Pensionsanspruch", den Laufpass zugunsten seines Kollegen Grundmann gibt. Fassungslos betäubt sich Wagner mit einigen Flaschen Rotwein. Nach dem totalen Absturz trifft ihn am nächsten Morgen der erste Schultag, wie immer, unvorbereitet.
Wagner hangelt sich von Tag zu Tag durch das Schuljahr. Er verwendet all seine Energie darauf, um sich auf seine nächste Expedition in die Berge vorzubereiten und - ganz Macho - erneut eine Frau zu erobern. Mit seinen verstaubten Unterrichtsmethoden ragt er wie ein Fossil in die neue Zeit. Indessen versucht Schulleiter Dr. Burger das Kollegium des rauch- und zeitweise alkoholfreien Gymnasiums zu pädagogischen Höchstleistungen anzutreiben; schließlich hat der Kultusminister seinen Besuch angekündigt. Glücklicherweise verfügt er über etliche Spitzenkräfte - wenn da nur nicht seine Problembären wären. In deren Arbeitsalltag stört vor allem eines, das bringt ein pensionierter Kollege auf den Punkt: "Der Schüler ist das eigentliche Problem am Unterricht. Ohne ihn funktioniert Schule tadellos."
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,50 MB
978-3-7519-7483-7 (9783751974837)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Bernd Kern, geboren 1955 in Offenburg, hat von 1983 bis 2019 an einem Konstanzer Gymnasium Deutsch und Geographie unterrichtet.Seine Leidenschaft für das Schreiben hat er bislang als freier Mitarbeiter des Südkurier ausgelebt. In seinem Erstlingswerk verarbeitet er neben seiner Erfahrung aus einem halben Jahrhundert in der Schule (als Schüler und Lehrer) auch vielfältige Eindrücke, die er auf verschiedenen Expeditionen zu den Bergen dieser Welt gewonnen hat.

Die Klassenkonferenz


Ach, was muss man oft von bösen
Kindern hören oder lesen!

Wilhelm Busch, Max und Moritz

Vier anstrengende Schulwochen waren mittlerweile vergangen und Wagner spürte, wie sein Akku jetzt schon fast leer war. Wieder einmal zeigte sich, dass die Doppelbelastung von Beruf und Haushalt ihn auszuzehren drohte. Als alleinlebender Mann war Wagner außerdem gezwungen, selbst einzukaufen, selbst zu kochen und selbst zu putzen. Da blieb dann kaum noch Zeit, den Unterricht vorzubereiten, geschweige denn für die nächste Expedition zu trainieren. Ob sein oberster Dienstherr eigentlich wusste, dass er mit dieser übermenschlichen Unterrichtsverpflichtung Wagners Erschöpfungstod im Gebirge billigend in Kauf nahm?

Und es kam noch schlimmer: Wieder einmal entzog man Uli Wagner einen Teil seiner ohnehin viel zu knapp bemessenen unterrichtsfreien Zeit, denn heute Nachmittag war zu seinem großen Verdruss eine Klassenkonferenz anberaumt worden. Erst gestern hatte er sein Aufbautraining einer endlos langen Sitzung am Nachmittag opfern müssen. Er arbeitete nämlich seit dem Schuljahresbeginn in einem Ausschuss mit, dessen Ziel es war, ein Arbeitszeitkonto für das Kollegium aufzubauen, um die Arbeitsbelastung möglichst gerecht auf alle Schultern zu verteilen. Eigentlich hatte er sich erhofft, dass er am Schluss möglichst viel von seinem Pensum auf seine Kolleginnen und Kollegen abwälzen konnte.

Mittlerweile verfluchte er jedoch den Tag, an dem er sich freiwillig in dieses Gremium gemeldet hatte. Seither brütete seine Arbeitsgruppe über irgendwelchen ausgeklügelten Modellen, um möglichst jede Tätigkeit aufzulisten, welche im weitesten Sinn mit der Schule zu tun hatte. Da führte ein junger Kollege ins Feld, man solle ihn von der ersten Unterrichtsstunde verschonen, weil er diese benötige, um seine zwei kleinen Kinder vollständig anzukleiden. Eine andere Kollegin beanspruchte die Befreiung von der Pausenaufsicht als Ausgleich für die zeitraubenden Fahrten zur Kindertagesstätte und zurück. In der letzten Sitzung war Wagner der Kragen geplatzt:

"Wenn das so ist, dann fordere ich einen späteren Unterrichtsbeginn für Nassrasierer wie mich. Das ist nämlich derart zeitintensiv, was sich natürlich meine jungen Kollegen mit ihren Dreitagebärten überhaupt nicht vorstellen können."

Vor einigen Jahren dachte Wagner schon, der Vollbart im Kollegium sei vom Aussterben begriffen: Der letzte Bartträger stand kurz vor der Pensionierung. Mittlerweile aber schienen seine neu hinzugekommenen Kollegen sich allesamt auf einen Vollbart verständigt zu haben und wer dies nicht tat, kultivierte zumindest seinen Dreitagebart. Die konnten alle bis zur letzten Minute im Bett ausharren, während er jeden Morgen beim Blick in den Spiegel den niemals endgültig zu besiegenden Feind vor sich sah, den er gründlich bekämpfen musste, bis kein ganzes Härchen mehr im Gesicht übrig blieb. Das kostete Zeit und wurde nicht vergütet, während Heike Mattern wegen ihres Winzlings erst am späten Morgen erscheinen konnte. Zuvor musste sie offenbar einen erbitterten Kampf gegen überquellende Babywindeln führen. Wie er dieses Gefeilsche um Stundennachlass hasste.

Und heute war schon wieder ein Nachmittag futsch, für nichts und wieder nichts. Nach und nach tröpfelten die in der Klasse unterrichtenden Lehrkräfte ein und setzten sich an einen der Tische, welche in Hufeisenform im Klassenzimmer der 10b angeordnet waren. Als Letzter erschien Karlheinz Kammerer:

"Entschuldigung, ich habe gerade noch mit Stuttgart telefoniert."

Damit stellte er klar, wer hier an der Schule wirklich wichtig war. Uli Wagner hatte noch nie mit einer Stadt und schon gar nicht mit der Landeshauptstadt telefoniert. Der zu spät Gekommene genoss sichtlich die bedeutungsschwere Stille, die er durch seine Entschuldigung erzeugt hatte. Der Klassenlehrer der 10b, Leon Adam, ergriff das Wort:

"Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich darf euch zu unserer Klassenkonferenz begrüßen. Ich weiß, dass ihr bis über beide Ohren mit Arbeit zugedeckt seid, aber hier muss zeitnah und entschlossen gehandelt werden. Damit alle auf dem gleichen Stand sind, fasse ich die ungeheuerlichen Vorfälle vom letzten Donnerstag kurz zusammen:

Unsere Kollegin Heike wollte in der dritten Stunde in ihrer 9a eine Englischarbeit schreiben lassen. Offenbar hatten einige Schüler für diese Arbeit überhaupt nichts gelernt. Zwei Mädchen kontaktierten deshalb Konrad Büchner und Philipp Karcher aus der 10b und stachelten deren Ehrgeiz an, diese Klausur zu verhindern. Leider konnten wir den Schülerinnen auch im strengsten Kreuzverhör nicht entlocken, welchen Preis sie den beiden Burschen dafür in Aussicht stellten."

Grundmann raunte seinem Banknachbarn etwas ins Ohr und grinste dabei süffisant. Leon Adam blickte strafend in Grundmanns Richtung und fuhr dann fort:

"Fünf Minuten nach Beginn der besagten Stunde kletterten Konrad und Philipp aus dem benachbarten Klassenzimmer im dritten Stock durch das Fenster und hangelten sich anschließend auf dem schmalen Sims hinüber zum Klassenzimmer der 9a. Ein Ausrutschen hätte wohl ihren sicheren Tod bedeutet! Dort saßen alle Schüler über ihrer Englischklausur. Das Fenster war kurz zuvor von einer der beiden Neuntklässlerinnen geöffnet worden, angeblich weil die Luft im Raum zu stickig war.

Konrad und Philipp warfen nahezu gleichzeitig zwei Stinkbomben von außen durchs geöffnete Fenster und verschwanden wieder. Bei dem Gestank, der sich rasch verbreitete, kam eine Fortsetzung der Klausur natürlich nicht mehr in Betracht.

Pech für die beiden Missetäter: Mittlerweile war unser Kollege Karlheinz Kammerer in deren Klassenzimmer eingetroffen. Der zog nämlich jedem der beiden, sobald er durchs Fenster hereingestiegen war, die Sturmhaube vom Kopf. Tja, da hatten sich die Jungs wohl verkalkuliert: Nicht immer telefoniert unser Kollege zu Beginn einer Unterrichtsstunde ausgiebig mit dem Kultusministerium."

Allgemeines Gelächter folgte auf diese Pointe, auch Kammerer verzog sein Gesicht zu einem gequälten Grinsen.

"Soweit die nüchternen Fakten", fuhr Adam fort, "Dass es sich genau so zugetragen hat, geht aus meinen intensiven Befragungen in beiden Klassen hervor. Letztendlich blieb den Beschuldigten nichts anderes übrig, als ihre Schandtat zu gestehen. Und nun bitte ich um eure Meinung, wie wir mit den beiden verfahren sollen

Wagner war wild entschlossen, für die angeklagten Übeltäter leidenschaftlich Partei zu ergreifen. Zum einen imponierte ihm als Bergsteiger deren waghalsige Kletterpartie und zum anderen erfüllte es ihn mit reiner Schadenfreude, dass es sich beim Opfer der Stinkbombenattacke um Heike Mattern handelte. Allein durch deren körperliche Anwesenheit im Lehrerzimmer fühlte sich Wagner bis aufs Blut provoziert. Für ihn war sie eine jener berechnenden Frauen, die mit dem Satz Ich bin alleinerziehende Mutter! jede Form schulischer Verpflichtung auf den Rest des Kollegiums abzuwälzen wusste.

Ihr Stundenplan war auf die Bedürfnisse ihrer Kinderfrau zugeschnitten worden, nur um im Stundenplanzimmer ihre gefürchteten Heulkrämpfe und Zusammenbrüche zu vermeiden, wenn ihr nicht jeder Sonderwunsch erfüllt worden war. So pflegte man ihr unter anderem stets in Englisch drei Parallelklassen zuzuteilen, damit sie eine vorbereitete Stunde gleich dreimal verwerten konnte. Aus Solidarität mit ihrem kleinen Racker teilte Heike Mattern oft tagelang dessen Krankenbett. Dabei nahm sie ohne Rücksicht in Kauf, dass auch Wagner sie im Unterricht vertreten musste. Er geriet dadurch in seiner Expeditionsvorbereitung in einen lebensgefährlichen Rückstand. Wenn sie morgens zur großen Pause in das Lehrerzimmer stürmte, schien sie allgemeinen Dank zu erwarten, dass sie es einmal wieder trotz widriger Umstände geschafft hatte, sich für den Unterricht freizueisen. Und nach der fünften Stunde verließ sie fluchtartig die Schule, um ihre schon ungeduldig wartende Kinderfrau abzulösen und sich höchstpersönlich wieder ganz ihrem Lebensentwurf Maximilian zu widmen.

Zu Wagners Leidwesen hatten die beiden Stinkbomben ihr eigentliches Ziel verfehlt. Wie er in der folgenden Debatte erfuhr, war die eine knapp an Heike Mattern vorbeigeflogen und an der Wand zerplatzt, die andere war immerhin auf dem Pult zerschellt, sodass Heike Matterns Bluse wenigstens einige Spritzer der stinkenden Flüssigkeit abbekommen hatte. Diese kleinen Spritzer zeigten jedoch große Wirkung. Anscheinend ließ sich das kontaminierte Kleidungsstück nur durch eine teure Spezialreinigung wieder in einen tragbaren Zustand versetzen. Noch schlimmer als ihre stinkende Bluse war vermutlich die Tatsache, dass Heike Mattern nun mindestens eine neue Klausur konzipieren musste, denn eigentlich wollte sie diese wie üblich im unmittelbaren Anschluss auch noch in der Parallelklasse verwenden.

Petra Gehring-Schüsselhard ergriff das Wort:

"Wie ihr alle wisst, bin ich sowohl Streitschlichterin als auch eure Beauftragte für Chancengleichheit. Was ich sage, hat also doppeltes...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

7,49 €
inkl. 5% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen