Feminist City

 
 
Unrast Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2021
  • |
  • 193 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95405-074-1 (ISBN)
 
Die Stadt ist ein ständiger Schauplatz des Kampfes zwischen den Geschlechtern. Feministische Fragen nach Sicherheit und Angst, bezahlter und unbezahlter Arbeit, Rechten und Repräsentation demontieren das, was wir für selbstverständlich halten und über Städte und Freiräume zu wissen glauben. Doch vielleicht liegt in der Stadt ja auch unsere beste Chance, neue soziale Beziehungen zu gestalten, die auf Fürsorge und Gerechtigkeit basieren?

Um gemeinsam gerechtere, nachhaltigere und solidarischere Städte zu schaffen, müssen die Barrieren, die Frauen unterdrücken (sollen), überwunden, muss städtischer Raum beansprucht werden. Mit "Feminist City" kartiert Leslie Kern die Stadt aus neuen Blickwinkeln. Sie schreibt über die Freuden und Gefahren des Alleinseins, widmet sich Themen wie Angst, Mutterschaft, Freundschaft und Aktivismus. Sie entwirft einen feministischen, intersektionalen Ansatz, mit dem Städte historisch neu betrachtet werden können und der uns die Augen öffnet für Wege in eine lebenswerte urbane Zukunft.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Münster
  • |
  • Deutschland
Unrast Verlag
  • 1,51 MB
978-3-95405-074-1 (9783954050741)
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Leslie Kern ist assoziierte Professorin für Geografie und Ökologie und Direktorin der Frauen- und Geschlechterstudien an der Mount Allison University. Sie lehrt Geografie mit einem Fokus auf urbane, soziale und feministische Bewegungen. Kern ist die Autorin von »Sex and the Revitalized City: Gender, Condominium Development« und »Urban Citizenship«. Sie schreibt auf ihrem Blog lesliekerncoaching.com und twittert über Feminismus, urbane und akademische Themen unter @LellyK.

Einleitung
Stadt der Männer


Ich habe ein altes Foto von meinem kleinen Bruder und mir am Trafalgar Square in London, auf dem wir von einem Dutzend Tauben umgeben sind. Nach unseren zusammenpassenden Topfhaarschnitten und Schlagcordhosen zu urteilen, schätze ich mal, es ist aus dem Jahr 1980 oder 1981. Vergnügt werfen wir den Tauben Körner hin, die unsere Eltern an einem Automaten gekauft haben. Heutzutage gibt es diese Automaten nicht mehr, weil es strengstens missbilligt wird, die Tauben zu füttern, aber damals war es eines der Highlights unseres Ausflugs zur Familie meines Vaters. Wir waren im Zentrum von allem, unsere Aufregung war unübersehbar. Und in unseren strahlenden Gesichtern erkenne ich den Beginn unserer gemeinsamen, lebenslangen Liebe zu London und dem Stadtleben. Josh und ich kamen im Zentrum von Toronto zur Welt, aber unsere Eltern zogen uns in der Vorstadt Mississauga auf. Obwohl Mississaugas Bevölkerung die Stadt zu einer der größten und vielfältigsten Städte in Kanada macht, war sie in den 1980ern im Wesentlichen eine autozentrierte, vorstädtische Einkaufslandschaft. Mein Bruder und ich zogen beide, sobald es uns möglich war, wieder nach Toronto und ließen die Vorstadt schneller zurück, als wir »Yonge-University-Spadina Line«[1] sagen konnten. Doch unsere Erfahrungen des Großstadtlebens gingen ziemlich weit auseinander. Ich bezweifle, dass Josh jemals beim nach Hause Gehen einen Schlüsselbund so in der Faust hielt, dass die einzelnen Schlüssel aus der Faust herausragten, oder angerempelt wurde, weil er zu viel Platz mit einem Kinderwagen einnahm. Da wir Race, Religion, Bildung, Klassenzugehörigkeit und einen beträchtlichen Anteil unserer DNA teilen, muss ich darauf schließen, dass das Geschlecht den entscheidenden Unterschied macht.

Ungebührliche Frauen


Frauen wurden schon immer als Problem für die moderne Stadt angesehen. Während der industriellen Revolution wuchsen die europäischen Städte schnell und ein chaotischer Mix von sozialen Klassen und Immigrant*innen tummelte sich auf den Straßen. Die viktorianischen Gesellschaftsnormen dieser Zeit sahen strikte Grenzen zwischen Klassen und eine strenge Etikette vor, die dazu da war, die Unschuld von hoch angesehenen weißen Frauen zu schützen. Diese Etikette wurde durch den zunehmenden Kontakt zwischen Frauen und Männern und zwischen Frauen und den städtischen Menschenmassen durchbrochen. »Der Ehrenmann und, schlimmer noch, die Edeldame, waren gezwungen, auf die niederen Ränge zu treffen und wenig feierlich und ungeschützt gestoßen und geschubst zu werden«, schreibt Kulturhistorikerin Elizabeth Wilson.[2] Das »umkämpfte Terrain« des viktorianischen Londons habe Frauen Raum gegeben, damit sie »sich als Teil einer Öffentlichkeit behaupten konnten«, insbesondere was die Debatten zu Sicherheit und sexueller Gewalt angeht, erklärt Historikerin Judith Walkowitz.[3] Doch diese chaotische Übergangszeit bedeutete, dass es immer schwieriger war, den sozialen Status zu erkennen, und eine Dame auf der Straße musste befürchten, die schlimmste aller Beleidigung zu erfahren: irrtümlich für eine >Prostituierte< gehalten zu werden.

Diese Bedrohung der vermeintlich natürlichen Rangunterschiede und der wankenden Barrieren der Standesehre bedeutete, dass für viele Zeitgenoss*innen das Stadtleben an sich eine Gefahr für die Zivilisation darstellte. »Der Status der Frauen«, erklärt Wilson, »wurde zum Maßstab für Urteile über das Stadtleben.«[4] Die sich ausweitenden Freiheiten von Frauen trafen also auf die moralische Panik vor allen möglichen Dingen, von Sexarbeit bis hin zu Fahrrädern. Das umliegende Land und die neuerdings expandierenden Vororte stellten sicher, dass es einen geeigneten Rückzugsort für mittlere und obere Schichten und, was am wichtigsten war, Sicherheit und weiterhin Respekt für Frauen gab.

Während einige Frauen vor dem Chaos geschützt werden mussten, galt es, andere Frauen wiederum zu kontrollieren, umzuerziehen und vielleicht sogar zu verbannen. Die wachsende Aufmerksamkeit gegenüber dem Stadtleben machte die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse sichtbarer und immer weniger annehmbar für die Mittelklasse. Natürlich waren es die Frauen, denen man die Schuld dafür gab, da sie ja in die Stadt gekommen waren, um Arbeit in Fabriken und als Haushaltshilfen zu finden, und so, laut Engels, die Familie »auf den Kopf gestellt« hätten. Der Zugang von Frauen zu bezahlter Arbeit bedeutete für sie ein wenig Unabhängigkeit und natürlich weniger Zeit für häusliche Verpflichtungen in ihrem eigenen Zuhause. Armen Frauen wurde häusliches Versagen vorgeworfen und dass ihre Unfähigkeit, ihr Zuhause sauber zu halten, die >Demoralisierung< der Arbeiterklasse befördere. Diese Demoralisierung äußerte sich in Form von schlechten Angewohnheiten und anderen Arten von problematischen privaten und öffentlichen Verhaltensweisen. All das wurde als zutiefst unnatürlicher Zustand erachtet.

Natürlich war das größte soziale Übel die Prostitution, denn sie besaß das Potenzial, die Familie zu zerstören, die Fundamente der Gesellschaft zu erschüttern und Krankheiten zu verbreiten. Im damaligen Verständnis, bevor die Keimtheorie aufkam, nahm man an, dass Krankheiten durch von Luft übertragene Miasmen entstehen, die durch giftige Abwassergerüche übertragen werden. Das Konzept eines >moralischen< Miasmas tauchte ebenfalls auf: die Vorstellung, dass man sich durch bloße Nähe zu denjenigen, die sie in sich trugen, mit der Verderbtheit anstecken konnte. Schriftsteller*innen dieser Zeit waren entsetzt über die alltägliche Anwesenheit der >Straßenprostituierten<, die ganz offen ihrem Tagesgeschäft nachgingen und anständige Männer in eine lasterhafte Welt verführten. Auch Frauen waren »permanent der Verlockung ausgesetzt und, einmal >gefallen<, war eine Frau, so dachten viele Reformer, zu einem Leben zunehmender Erniedrigung und einem frühen und tragischen Tod verurteilt.«[5]

Viele Leute, etwa Charles Dickens, betrachteten die Emigration dieser >gefallenen Frauen< in die Kolonien als Lösung für das Problem, denn dort hätten sie die Möglichkeit, irgendwann vielleicht einen von den vielen übrig gebliebenen Siedlern zu heiraten, sodass ihre Ehre wiederhergestellt wäre. Dort wiederum lieferte die Notwendigkeit, weiße Siedlerinnen vor der Gefahr des >Eingeborenen< zu beschützen, eine Begründung für die Bekämpfung und Vertreibung Indigener[6] Bevölkerungen in den sich verstädternden Gebieten. Berühmte Romane aus dieser Zeit schildern sensationelle Geschichten von Entführungen, Folterungen, Vergewaltigungen und Zwangsverheiratungen von weißen Frauen durch räuberische, rachsüchtige >Barbaren<. Diese neuen befestigten Siedlerstädte manifestierten die Transformation von unzivilisiertem Grenzgebiet in Zivilisation und die Unschuld und Sicherheit der weißen Frauen würde diese Metamorphose vervollständigen.

Auf der Kehrseite wurden Indigene Frauen als Gefahr für diese städtische Entwicklung gesehen. Ihre Körper trugen die Fähigkeit, die >Barbarei< zu reproduzieren, welche die Kolonisator*innen eindämmen wollten. Sie hatten in ihren Gemeinschaften wichtige Positionen der kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Macht inne. Die Entmachtung dieser Indigenen Frauen durch die Einführung europäischer patriarchaler Familien- und Regierungssysteme und die zeitgleiche Entmenschlichung dieser Frauen als primitiv und promiskuitiv legten den Grundstein für die legalen wie geografischen Prozesse der Enteignung und Vertreibung.[7] So war die Degradierung und Stigmatisierung von Indigenen Frauen Teil des Urbanisierungsprozesses. In Anbetracht der heutigen, außergewöhnlich hohen Zahl der Gewalttaten gegenüber Indigenen Frauen und Mädchen in den Kolonialstädten der Siedler*innen ist offensichtlich, dass diese Einstellungen und Praktiken ein dauerhaftes, verheerendes Erbe hinterlassen haben.

Spulen wir vorwärts in die heutige Zeit: Bemühungen, Frauenkörper zu kontrollieren, um Maßnahmen der Stadtentwicklung voranzutreiben, sind alles andere als Vergangenheit. In der jüngsten Geschichte haben wir beobachten können, wie Frauen of Color und Indigene Frauen, die Sozialhilfe erhalten oder in anderer Weise als vom Staat abhängig angesehen werden, zu Sterilisationen gezwungen oder genötigt wurden. In den 1970er- und 1980er- Jahren kursierte das rassistische Klischee der Schwarzen >Welfare Queen<[8] als Teil des Narrativs der scheiternden Städte. Es wurde zudem mit der moralischen Panik vor Teenagerschwangerschaften und mit der Annahme in Verbindung gebracht, dass Teenie-Mütter sich einreihen würden in die Liste der besagten Sozialhilfebetrügerinnen und kriminell veranlagte Kinder zur Welt bringen würden. Gegenwärtige Bewegungen zur Bekämpfung von Sexarbeit sind in >Anti-Menschenhandels-Kampagnen< umbenannt worden, in denen der Menschenhandel zu einer neuen Form von sexualisierter städtischer Bedrohung wird. Leider wird Sexarbeiter*innen, die nicht von Menschenhandel betroffen sind, wenig Respekt und Unterstützung im Rahmen dieser neuen Agenda zugestanden.[9] >Anti-Adipositas-Kampagnen< haben es auf Frauen als Individuen und Mütter abgesehen, da ihre Körper und die Körper ihrer Kinder als Symptome moderner städtischer Probleme, etwa die Abhängigkeit vom Auto und Fastfood, angesehen werden.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Körper von Frauen immer noch als Ursprung für oder Zeichen von städtischen Problemen betrachtet werden. Während junge...

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