Strangers

Warum die Welt eine bessere sein wird, wenn wir unsere Angst vor dem Fremden überwinden
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2021
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-25178-9 (ISBN)
 
Als der amerikanische Journalist Joe Keohane eines Nachts mit einem Taxifahrer ins Gespräch kam, überraschte es ihn selbst, als wie bereichernd er diese Begegnung empfand. Er fing an nachzudenken: Warum rede ich eigentlich so ungern mit Fremden? Und wieso geht das anderen offensichtlich auch so? Basiert diese Zurückhaltung auf Angst, auf Schüchternheit, auf unbegründeten und ungeprüften Vorurteilen? In seinem Buch »Strangers« liefert Keohane nun eine hochspannende Kulturgeschichte des Fremden, von den alten Griechen bis ins Mittelalter, von der Industrialisierung zu erstarktem Rassismus und Nationalismus heute. Welche Vorteile hätte es, wir würden anfangen, die alten Definitionen neu zu denken? Was passiert, wenn wir mit Unbekannten in Kontakt treten und Brücken bauen, statt Gräben zu vertiefen? Die gelingende Gemeinschaft ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer heutigen Zeit. Nach vielen Gesprächen mit Experten und zahlreichen Recherchen ist Keohane überzeugt davon, dass die Welt eine bessere sein wird, wenn wir endlich unsere Angst vor dem Unbekannten überwinden: »Miteinander zu sprechen ist nicht nur eine Frage dessen, wie wir leben wollen - sondern wie wir überleben können
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 3
  • |
  • 3 s/w Abbildungen
  • 1,83 MB
978-3-641-25178-9 (9783641251789)
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Joe Keohane entstammt einer Bestatterfamilie und kam darüber bereits früh in seinem Leben mit ihm unbekannten Menschen in Kontakt. Als Journalist boten sich ihm unzählige Gelegenheiten, die feine Kunst des Sprechens mit Fremden immer mehr zu verfeinern. Heute schreibt Keohane für Esquire, Medium, The New Yorker, Wired und das Boston Magazine. »Strangers« ist sein erstes Buch.

KAPITEL 1
Fremde auf der Schulbank

Ich reise nach London, um eine Fähigkeit neu zu erlernen, die eigentlich zu den menschlichen Grundkompetenzen gehört, und fühle mich unwohl - ein erster Vorgeschmack auf kommende Ereignisse.

Unsere gemeinsame Reise beginnt an einem sonnigen Morgen in einem kleinen Seminarraum der Regent's University in London. Matt vom Jetlag sitze ich auf einem Stuhl und richte mich an meiner dritten Tasse Kaffee auf. Außer mir befinden sich noch vier weitere Personen im Raum, die zum Glück einen etwas wacheren Eindruck machen als ich. Wir sind hier, um zu lernen, wie man mit Fremden spricht. Die Kursleiterin ist eine dynamische Neunundzwanzigjährige namens Georgie Nightingale. Georgie ist Gründerin von Trigger Conversations, einer »Organisation für menschliche Verbindung« in London, die mit ihren Veranstaltungen sinnhaltige Gespräche zwischen Fremden stiften will. Sie war mir von einer renommierten Psychologin empfohlen worden, die ich Ihnen in einem der späteren Kapitel vorstellen werde. Ich rief sie an, und als sie mir sagte, sie plane einen dreitägigen Intensivkurs zum Sprechen mit Fremden, buchte ich umgehend einen Flug. Wenig später landete ich in London, legte mich ein paar Stunden aufs Ohr und schleppte mich dann, vollgepumpt mit Koffein, in den Kursraum.

Georgie gründete Trigger Conversations im Jahr 2016. Sie hatte eine bunte Laufbahn hinter sich. 2014 hatte sie ihr Philosophiestudium abgeschlossen mit einer Magisterarbeit über »Emotionen, Glaubwürdigkeit und Täuschung aus psychologischer und linguistischer Sicht«, wie sie sagt. Die Arbeit weckte ihr Interesse an Sprache und Gesprächen. Nach dem Studium hatte sie ein Praktikum bei einem Start-up gemacht, dann bei verschiedenen Unternehmen als Projektleiterin gearbeitet und einen Ausflug an das Francis Crick Institute unternommen, eine renommierte biomedizinische Forschungseinrichtung. »Das war meine letzte Anstellung«, sagt Georgie. Danach machte sie sich selbstständig.

Sie habe schon immer gern und viel geredet, meint sie, aber Fremden gegenüber sei sie eher schüchtern gewesen. »Das lag auch an der sozialen Scheu. Es ist schließlich nicht normal, Fremde anzusprechen«, erklärt sie. Dazu kam aber auch, dass ihre Gespräche mit neuen Bekanntschaften oft langweilig verliefen und nicht über »Was machen Sie so?« und »Wie war Ihr Tag?« hinausgingen. Sie wollte Menschen zeigen, dass solche Gespräche keineswegs öde oder floskelhaft verlaufen müssen, sondern schillernde, informative und gemeinsame Erkundungsgänge sein können. Nachdem sie Trigger Conversations gegründet hatte, entwarf sie ein kurzes Manifest, in dem sie unter anderem schrieb: »Wir sind Abenteurer in Sachen Konversation. Wir sind Reisende ohne Ziel. Wir erforschen das Unbekannte, ohne jede Erwartung. Jeder von uns ist ein Lehrer, und jeder Mensch ist eine Chance.«

Georgie stellte fest, dass sie ihre Expedition auf besonders fruchtbarem Gebiet begonnen hatte. Großbritannien und insbesondere London sind internationale Vorreiter einer Bewegung, die sich um den Kontakt zwischen Fremden bemüht. Das Land unternimmt nämliche große Anstrengungen im Kampf gegen die landesweite Epidemie der Einsamkeit. In einer aktuellen Erhebung stellte das Rote Kreuz fest, dass sich ein Fünftel der Bevölkerung oft oder immer einsam fühlt. 2018 ernannte die britische Regierung den ersten »Einsamkeitsbeauftragen«, einen hochrangigen Regierungsbeamten, der Maßnahmen zur Stärkung sozialer Beziehungen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts ergreifen soll.

In den letzten Jahren sind zahlreiche Bürgerinitiativen entstanden, die Gespräche zwischen Fremden in Cafés, Pubs oder öffentlichen Verkehrsmitteln anstoßen wollen. Eine dieser Initiativen lässt zum Beispiel in Cafés und Gaststätten Tische reservieren, an denen Fremde ins Gespräch kommen können; diese Einrichtung gibt es inzwischen in mehr als neunhundert Ortschaften Großbritanniens. 2019 startete die BBC eine Serie mit dem Titel Crossing Divides (etwa: »Gräben überwinden«), die Menschen anregen soll, über gesellschaftliche, kulturelle oder ideologische Unterschiede hinweg miteinander zu sprechen. Unter anderem initiierte die BBC einen »Chatty Bus«-Tag, der Fahrgäste von Nahverkehrsbussen zum Plaudern anregen soll, denn der Bus »ist möglicherweise der einzige Ort, an dem wir mit Menschen außerhalb unseres Kokons von Familie, Freunden und Kollegen in Berührung kommen«, wie Projektleiterin Emily Kasriel schrieb.

Das war eine etwas andere Art des Umgangs, als ihn Londoner und Briten sonst in öffentlichen Verkehrsmitteln pflegen.1 Obwohl er sämtlichen britischen Gepflogenheiten widersprach, war der »Chatty Bus« ein voller Erfolg. »Das war die beste Busfahrt meines Lebens«, meinte eine Frau und gestand, dass sie unter ihrer Scheu litt. Einige jedoch, die von der BBC befragt wurden, äußerten sich skeptisch oder gar ablehnend gegenüber Initiativen dieser Art und zweifelten daran, dass das Londoner Temperament für derlei Experimente zugänglich sei. Als ich mich in London mit einem befreundeten Engländer bei einem Bier unterhielt und ihm sagte, dass ich einen Kurs belegte, um mit Fremden zu sprechen, erwiderte er: »Du weißt aber schon, dass wir da weltweit auf dem letzten Platz liegen?«

Georgie war verständlicherweise anfangs nervös, und das nicht nur, weil die Londoner einen Horror davor haben, in der U-Bahn mit ihren Sitznachbarn zu plaudern. Sie fürchtete, dass es keine Kunden für ein Unternehmen gab, das Gespräche zwischen Fremden fördern will, und wenn doch, dass die Teilnehmer es vielleicht ausprobieren, aber gleich wieder aufgeben würden. Während ihrer ersten Veranstaltungen rang sie mit den sozialen Normen und Ängsten, die uns daran hindern, Fremde anzusprechen. Was sollten sie sagen? Wo sollten sie anfangen? Die Leute wussten nicht, »wie sie sein sollten«, erklärt sie. »Wenn man jemanden bittet: >Komm zu einer Veranstaltung für sinnhaltige Gespräche mit Fremden - wir sprechen nicht über Arbeit, wir sprechen nicht darüber, wo wir wohnen<, dann antworten sie: >Worüber soll ich denn dann reden?< Auf einmal wissen sie nicht mehr, was sie sagen können und was nicht.«

Georgie wurde bald klar, dass sich die erste Scheu nicht überwinden lässt, indem sie den Teilnehmern mehr Freiräume gab, sondern indem sie diese Freiräume einschränkte. Sie stellte Gruppen von zwei bis drei Personen zusammen, gab jedem Kärtchen mit konkreten Fragen und ein Zeitlimit. Damit nahm sie ihnen die Vorarbeit ab - wie geht man auf jemanden zu, wie beginnt man ein Gespräch, wie findet man ein Thema. Die Gefahr einer Zurückweisung war gleich null, und man musste sich keine Gedanken darüber machen, wie man ein solches Gespräch wieder beendet. Die Teilnehmer konnten einfach loslegen, und wenn die Glocke ertönte, konnten sie das Gespräch beenden, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. »Das ist unglaublich befreiend«, sagte sie.

Seit der Gründung von Trigger Conversations hat Georgie mehr als hundert Veranstaltungen und zahllose Kurse durchgeführt - mit Fremden, Unternehmen, Gemeinden, Universitäten und Konferenzen in London und in aller Welt. 2020 entwickelte sie beispielsweise ein Programm für das University College in London, um Studenten zu helfen, Bekanntschaften zu schließen und Freunde zu finden - das fällt ihnen nämlich oft schwer, wie wir noch sehen werden. Am Ende der Veranstaltungen sind viele Teilnehmer wie verwandelt - selbstbewusster, neugieriger und vor allem zuversichtlich, dass sie diese Gespräche auch in ihren Alltag einbauen können. »Viele fragen mich: >Wie kann ich das im Alltag machen? Ich will mich mit Fremden unterhalten, aber ich kann Ihnen ja nicht einfach ein Konversationskärtchen in die Hand drücken und sie bitten, ob sie mir eine Frage beantworten wollen?<«

Diese scheinbar angestaute Nachfrage brachte Georgie auf eine Idee. Sie wollte einen Kurs anbieten, in dem Menschen lernen, diese Gespräche auch im Alltag zu führen. Sie besuchte Selbsthilfekurse und beschäftigte sich damit, was alles zu einem scheinbar so einfachen Gespräch mit Fremden gehört. »Wie kann man ein Gespräch führen, das kühl beginnt, und es schnell herzlich machen? Wie stellt man die richtigen Fragen, um eine Verbindung herzustellen, um tiefer zu gehen oder um kreativ und verspielt zu sein? Welche Selbstwahrnehmungen stehen uns im Weg, welche Vorstellungen haben wir von dem anderen, die uns daran hindern, Risiken einzugehen?«

Von vielen ihrer Kursteilnehmer hörte Georgie, das Schwierigste an Gesprächen mit Fremden sei der Anfang: Wie geht man auf jemanden zu, wie vermittelt man ein Gefühl der Sicherheit, wie macht man klar, dass man nichts im Schilde führt, sondern nur freundlich oder interessiert ist? Sie stellte fest, dass ältere Menschen eher bereit sind, ein Gespräch zu beginnen, während jüngere Menschen mehr Vertrauen benötigen. Sie beobachtete, dass eine aufrichtige Antwort auf die floskelhafte Begrüßungsfrage »Na, wie geht's?« eine erste Verbindung zwischen Fremden herstellt, den Boden für ein Gespräch bereitet, weil es Verwundbarkeit und Interesse signalisiert und das Gegenüber ermuntert, ähnlich aufrichtig zu antworten. Bei eigenen Versuchen stellte sie fest, dass die Mehrheit der Menschen tatsächlich auf sie einging und die meisten dieser Interaktionen »sinnhaltig« verliefen, wie sie sagt.

Während sie Ideen sammelte und mit Methoden experimentierte, wurde ihr immer klarer, wie wertvoll der Kontakt zu Fremden sein...

»Keohanes prosaische Erzählweise weiß zu begeistern. [.] Dieses Buch ist daher vor allem eines: gelebte Positivität.«

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