Der Anhalter

Thriller
 
 
Edel Elements (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2017
  • |
  • 219 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96215-052-5 (ISBN)
 
Kalifornien: Der Anhalter Jessy Johnson macht eine zufällige Bekanntschaft mit fünf Studenten. Fernab jeglicher Zivilisation möchten die jungen Leute ein Wochenende in der Ruine einer christlichen Mission verbringen. Ausgelassen und in Partylaune laden sie Jessy dazu ein. Doch schon am nächsten Tag bereut dieser seine Entscheidung. Was wie ein unerwartetes Abenteuer beginnt, entwickelt sich zu einem wahren Albtraum, denn am nächsten Morgen sind die Autoreifen zerstochen und eine Person aus der Gruppe wird vermisst. Nur wenig später taucht die übel zugerichtete Leiche des Verschwundenen auf und es wird schnell klar, dass ein Mörder sein Unwesen in der Ruine treibt. Ein nervenzerreißender Katz - und Maus-Spiel beginnt und der Verdacht erhärtet sich, dass einer von ihnen der Mörder ist...

1.


Es war nur ein Zufall, dass ich der Gruppe begegnet bin. Nennen wir es Schicksal, Fügung, höhere Gewalt oder Verkettung von Zufällen. Wir alle waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, und es war auch nur ein Glücksfall, dass wir uns alle auf Anhieb so gut verstanden. Sie waren in meinem Alter, in Partylaune und bekifft. Sie machten einen Abstecher in die Wüste. Das nannten sie einen Wochenendausflug anderer Art. In gewisser Weise retteten sie mir dadurch das Leben, zumindest aber befreiten sie mich aus einer misslichen Lage. Sie nahmen mich mit, als ich in der kalifornischen Wüste feststeckte.

Und ich kann eins sagen: Das war kein Zuckerschlecken. Es war heiß und glühend. Meine Augen tränten, meine Kehle war ausgetrocknet, meine Haut gerötet und der Staub blähte meine Lungen auf. Ich musste husten, husten wie ein Irrer. Das einzige schattige Plätzchen, das ich noch bis vor Kurzem nutzen konnte, war der Sonne gewichen. Der Schattenspender war ein rostfarbener Fels gewesen, groß und schmal. Unter diesem hatte ich gesessen und auf das nächste Auto gewartet. Das Dumme war nur, dass seit einer Ewigkeit kein Auto mehr vorbeigekommen war. Und eine Ewigkeit kann in einer Wüste zur reinsten Hölle werden. Sekunden vergingen, Minuten vergingen, Stunden vergingen und mit jedem Atemzug wurde die Hitze unerträglicher. Zu allem Überfluss ging mir langsam das Wasser aus. Wassernot in einer Wüste kann ziemlich schnell tödlich enden. Es verhält sich nämlich so: Ab einem Wasserverlust von 0,5 bis drei Prozent spürt man Durst. Ab zehn Prozent kommt es zu Sprachstörungen und unsicherem Gang. Innerhalb von drei bis vier Tagen rafft es einen dahin. Diese Zeitspanne ist aber natürlich temperaturabhängig. In der Wüste kann man schon innerhalb eines Tages verdursten. Keine guten Aussichten also. Echt beschissene Aussichten, wenn ich es so primitiv ausdrücken darf.

Um den Grund zu nennen, wieso ich überhaupt in der Wüste feststeckte, muss ich auf vorherige Ereignisse zurückgreifen. Das werde ich auch tun, denn sie sind in diesem Fall sehr bedeutend. In dem besagten Sommer fuhr ich als Anhalter nach L.A. Ich war einundzwanzig Jahre alt. Eigentlich ging ich nur nach L.A., weil ich mich dort als Schauspieler versuchen wollte. Ich dachte, ich könnte eine Rolle in einer Soap ergattern und in einer Serie wie zum Beispiel "Beverly Hills 90210" spielen, neben Jason Priestley und Luke Perry. Das wäre doch was. In Hollywood ganz groß rauskommen. Einen Haufen Kohle verdienen, verstehen Sie?

Ja, ich weiß, das klingt ziemlich naiv. Doch zu jener Zeit war es mir todernst damit. Sogar das College hatte ich dafür aufgegeben. Der Grund für diesen ganzen Umschwung war der, dass ich nur kurz zuvor dem Tod von der Schippe gesprungen war. Um genauer zu sein: Mich wollte jemand töten. Ich wusste auch wer, doch ich wusste nicht warum. Aber dazu später. So weit will ich noch nicht ausholen.

Die Geschichte ist nämlich etwas komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Seit dem kleinen Unfall litt ich nämlich unter Amnesie. Ich glaube, das nennt man retrograde Amnesie. Das Wort retrograde stammt aus dem Lateinischen, habe ich mir sagen lassen, und es heißt so viel wie: retro = rückwärts. Das liegt dann vor, wenn Personen nicht mehr in der Lage sind, sich an Ereignisse zu erinnern, die vor der Verletzung liegen. Der Gedächtnisverlust bezieht sich zumeist auf einen kurzen Zeitraum (nicht in meinem Fall) vor einem bestimmten Ereignis.

Um es klar auszudrücken; ich hatte ein ganzes Jahr verloren. In meinem Fall hieß es, dass mein zweites College-Jahr vollkommen ausgelöscht war. Ich wusste also nicht, was ich in diesem Jahr getrieben hatte und auch nicht mit wem.

Nur eine riesige Wunde an meiner rechten Schläfe erinnert mich an das Drama. Ein ganzes Jahr hatte ich verloren. Das Einzige, an das ich mich bewusst erinnern konnte, war das Krankenhaus. Mein Körper war an unzählige lebenserhaltende Maschinen angeschlossen gewesen. Unter großer Anstrengung piepsten und surrten sie, als wollten sie alles geben, um den letzten Lebensfunken zu erhalten, der noch in mir steckte.

Meine Mutter wachte täglich an meinem Bett. Als ich aus dem Koma aufwachte, schaute sie mich an, als sei ich Jesus, der gerade von den Toten auferstanden war. Im Prinzip war ich das auch. Ich hatte einige Wochen im Koma gelegen. Aus diesem Koma hätte ich eigentlich nicht mehr erwachen sollen, aber nur, wenn es nach den Ärzten gegangen wäre. Diese hatten mich schon längst abgeschrieben, dennoch war ich aufgewacht. Und nicht nur das; mir ging es relativ gut, den Umständen entsprechend. Von der Amnesie abgesehen, war ich wirklich gut drauf. Ich meine damit, dass ich zu keinem Pflegefall wurde. Ich musste nicht gefüttert werden, und Windeln musste mir auch keiner wechseln.

Doch eine Sache war mir geblieben. Seit dem Unfall litt ich von Zeit zu Zeit unter gemeinen Kopfschmerzen. Erst fing es als Pochen in der Schläfe an (an dieser Stelle habe ich diese riesige Narbe, ich versteckte sie damals aber immer ganz geschickt unter meinen Haaren). Im Prinzip schien das Pochen ganz harmlos, doch kurz darauf wurde das Pulsieren schlagartig wild. Ein gewaltiger Schmerz hämmerte gegen meine Schädeldecke. Schwarze Punkte tanzten dabei vor meinen Augen und die Welt um mich herum verschwamm. Migränegeplagte kennen diesen Zustand sicherlich nur zu gut, nur dass mein Zustand zehnmal schlimmer war.

Für wirklich schlimme Schmerznotfälle hatte ich ein paar Wunderpillen dabei. Ein sehr starkes Schmerzmittel, das ich aus dem Krankenhaus hatte (ehrlich gesagt hatte ich drei Schachteln aus dem Hospital einfach mitgehen lassen). Der Nachteil meiner Wunderpillen war nur der, dass man von diesen Dingern unheimlich müde wurde. Nicht für jede Gelegenheit zu empfehlen.

Nach dieser ganzen Geschichte beschloss ich, ein neues Leben anzufangen. Im Prinzip war mir ja ein neues Leben geschenkt worden. Eine Art Wiedergeburt. Jemand da oben hatte gesagt: "Er soll leben!" Dann war mir eine Hand auf meine kalte Stirn aufgelegt worden, und ich lebte.

Eigentlich hatte ich schon immer von der Schauspielerei geträumt. Ich sah gut aus und hatte in der Schule Theater gespielt. Natürlich sollte das nicht heißen, dass ich jetzt ein toller Schauspieler werden würde. Viele Leute sehen gut aus, haben in der Schule Theater gespielt und sind trotzdem keine Schauspieler (oder sie sind Schauspier, aber keine guten). Meine Eltern wollten jedoch, dass ich das College besuche, und meinen Eltern widersprach man nicht. Sie wollten, dass aus mir ein zweiter Einstein wird. Toll, ganz toll. Jetzt litt ich unter Amnesie und meine Kopfschmerzen trieben mich zum Wahnsinn. Das alles wäre nicht passiert, hätte ich auf mein Gefühl gehört.

So viel dazu, wieso ich überhaupt unterwegs war. So viel zu meinem alten Leben.

Mein neues Leben fing mit der Reise nach L.A. an.

Ich stieg also von einem Auto ins andere und streckte stundenlang meinen Daumen raus. Manche Fahrer hielten an und manche nicht. Aber als Anhalter darf man sich nun mal nicht beklagen. Es war ja nicht grade so, als hätte ich eine Reise gebucht. Nein. Man streckte einfach den Daumen raus und hoffte, dass jemand anhält. Ich glaube, die Fahrer sind im Allgemeinen etwas vorsichtiger geworden. Bei den ganzen Verrückten, die sich auf der Welt tummeln, ist das nicht weiter verwunderlich. Die Hälfte davon fährt per Anhalter.

Doch in manchem Auto sitzt schon mal ein Durchgeknallter hinter dem Lenkrad. Meine letzte Mitfahrgelegenheit war so einer. Tja, und genau aus diesem Auto musste ich fliehen. Klingt dramatisch? War es auch. Mehr dazu jetzt. Das war nämlich der Grund, wieso ich in der Wüste gelandet war.

Der letzte Fahrer war ein fetter, übel riechender Klops gewesen. Er passte kaum hinter das Lenkrad. Schwitzte so stark, dass ihm der Schweiß flutartig über den Körper rann. Zudem stank er nach kaltem Rauch, Talg und nach . Urin. Ich weiß ja nicht, wann er das letzte Mal die Unterhose gewechselt hatte, aber es musste schon sehr lange her gewesen sein.

Na ja, man darf sich als Anhalter ja nicht allzu viel beklagen. Das erwähnte ich bereits. Ich war froh, dass überhaupt jemand angehalten hatte. Er stimmte zu, mich die nächsten hundert Meilen mitzunehmen (ich konnte leider nicht ahnen, dass die nächsten hundert Meilen durch die Wüste führten). Während der Fahrt unterhielten wir uns ziemlich sporadisch. Im Grunde waren es wirklich belanglose Sachen. Das meiste davon habe ich wieder vergessen. Nach etwa fünfundfünfzig Meilen passierte es dann. Ich glaube, er hatte nur gewartet, bis wir weiter in der Wüste waren, damit ich nicht auf die Idee kam, aus dem Auto zu fliehen (genau in diesem Punkt hatte er sich geirrt).

Er drehte sich plötzlich zu mir um und fragte, ob ich ihm einen Gefallen tun würde. Seine Augen blitzten dabei glasig auf und auf seiner Stirn hatte sich noch mehr Schweiß gebildet.

Eigentlich hätten in diesem Augenblick bei mir die Alarmglocken läuten sollen, doch sie taten es nicht. "Was für ein Gefallen soll es denn sein?", fragte ich interessiert. Na ja, ich hatte schon bei meiner ersten Mitfahrgelegenheit erlebt, dass mich der Fahrer um einen Gefallen bat. Es war eine Art Tilgung für die Fahrt gewesen. Ich sollte ihm die Koffer ins Motel tragen, da er irgendetwas mit dem Rücken hatte. Das tat ich dann natürlich, ohne mit der Wimper zu zucken.

Doch diese Gefälligkeit überschritt meine kühnste Fantasie (und ich besitze wirklich eine sehr rege Fantasie). Der fette Klops grinste. Es war ein fettes, breites Grinsen. Er hatte plötzlich ein echt komisches Grinsen drauf. Wenn Spinnen lächeln könnten, würden sie...

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