Proust 1913

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. September 2013
  • |
  • 128 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85097-0 (ISBN)
 
Eine Reise durch Marcel Prousts Jahr 1913: ein Jahr, das die Welt verändert. In den Künsten wird das Zeitalter der Moderne eingeläutet, und im November erscheint der erste Band von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - ein Jahrhundertroman. Vor dem Hintergrund von Futurismus, Picassos kubistischen Collagen, Simultanismus oder der Eröffnung des Théâtre des Champs-Elysées geht der renommierte Proust-Kenner Luzius Keller Monat für Monat auf eine Reise durch Prousts Jahr 1913 - und zeichnet ein sehr persönliches Bild des großen Schriftstellers.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 4,42 MB
978-3-455-85097-0 (9783455850970)
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Luzius Keller wurde 1938 geboren und lebt in Zürich. Er ist emeritierter Professor für die Geschichte der französischen Literatur von der Renaissance bis zur Gegenwart und ein ausgewiesener Kenner Prousts. Unter anderem hat er die Frankfurter Ausgabe der Werke von Marcel Proust und für Hoffmann und Campe die Marcel Proust-Enzyklopädie herausgegeben.

Januar


Das früheste datierbare Schriftzeugnis des Jahres 1913 ist ein Brief von Anfang Januar an Madame Straus. Proust kennt die Adressatin – verheiratet in erster Ehe mit dem Komponisten Georges Bizet und Mutter seines Schulfreundes Jacques Bizet, verheiratet in zweiter Ehe mit dem Bankier Émile Straus – seit seiner Schulzeit. Er bleibt ihr zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden. Auch im Jahr 1913 ist sie ihm Ratgeberin in allen möglichen (und unmöglichen) praktischen (und unpraktischen) Fragen.

Mme Straus

Der Brief beginnt wie so viele Briefe Prousts mit einer Floskel: »Ich habe Ihnen tausend Dinge zu schreiben, aber ich habe ›das Jahr derart schlecht begonnen‹, dass ich weder kommen noch telephonieren konnte.« (XII, 21) Schließlich ist in dem Brief im Wesentlichen von nur drei Dingen die Rede: einem Chauffeur (Corentin), den Madame Straus Proust empfohlen hat, den er aber nicht anstellen kann, da er schon einen anderen (Odilon Albaret) beschäftigt, von Prousts Buch (»von meinem Buch kann ich nichts berichten«) und von einem Zigarettenetui, das er herstellen lässt, um es Calmette, dem Chefredakteur von Le Figaro, zu schenken. Von diesem Geschenk wird noch die Rede sein; ebenso von Chauffeuren, die sich im Wissen um Prousts Schwäche für Automobile und deren Fahrer, die »mécaniciens«, wie sie damals genannt wurden, an ihn wenden. In der zweiten Jahreshälfte wird sich Proust ebenso sehr um einen »mécanicien« (Alfred Agostinelli) kümmern wie um sein Buch. Zuerst aber zum Buch.

»mon livre«


Blenden wir noch einmal zurück: Anfang 1913 ist es fünf Jahre her, dass Proust von Madame Straus als Neujahrsgeschenk fünf schicke Notizbüchlein erhalten hat. In seinem Dankesbrief vom 2. Februar 1908 schrieb er: »Ihre kleinen Agenden sind reizend, und der Gedanke, dass sie von Ihnen kommen verleiht ihnen so viel Poesie! Ich bin entzückt und danke Ihnen von ganzem Herzen. Es geht mir weniger gut, deshalb komme ich Sie nicht besuchen. Und ich möchte mich an eine längere Arbeit machen …« (VIII, 39). Das hat Proust auch tatsächlich getan, und die Anfang 1908 erwähnte »längere Arbeit« wird im Lauf der Jahre zu dem Anfang 1913 erwähnten »Buch«. Von einem eigentlichen Buch kann allerdings erst seit dem 14. November 1913 gesprochen werden. Der Weg dahin ist lang. Die ersten Spuren legt Proust in einer der kleinen Agenden. Diese wurde 1972 unter dem Titel Carnet de 1908 erstmals veröffentlicht: Notizen zu Gelesenem und Geschriebenem, Träume, Szenarien, Namen, Redewendungen. Daneben publiziert Proust in Le Figaro eine Reihe von Pastiches, und in einem Brief an Louis d’Albufera von Anfang Mai 1908 erwähnt er nicht eine, sondern acht Arbeiten, an die er sich gemacht hat: »eine Studie über den Adel, einen Pariser Roman, ein Essay über Sainte-Beuve und Flaubert, ein Essay über die Frauen, ein Essay über die Päderastie (nicht leicht zu publizieren), eine Studie über Kirchenfenster, eine Studie über Grabplatten, eine Studie über den Roman […]«. (VIII, 112113) Dass er einiges geschrieben hat, darauf deutet eine Notiz in der kleinen Agenda (Sommer 1908), in der die »pages écrites«, die bereits geschriebenen Kapitel, aufgelistet sind. Zwei dieser Kapitel kreisen um »le côté de Villebon et le côté de Méséglise«, die Gegend von Villebon und die Gegend von Méséglise. Offensichtlich sind die gegenüber Louis d’Albufera etwas angeberisch angegebenen Arbeiten und die in der Agenda festgehaltenen Kapitel Teile jener gegenüber Madame Straus angekündigten »längeren Arbeit«. Das gilt auch für die im Herbst immer häufiger werdenden Notizen über Sainte-Beuve und die Entwürfe – bald in Form eines kritischen Essays, bald in Form eines Gesprächs mit der Mutter –, in denen Proust die Methode Sainte-Beuves zu widerlegen sucht und die 1954 unter dem Titel Contre Sainte-Beuve veröffentlicht wurden. Was – so lautet Prousts These – in der Literatur zähle und worauf der Literaturkritiker deshalb achten müsse, ist nicht die äußerliche, biographische Person eines Autors, wie sie sich ihren Zeitgenossen gegenüber darstellt, sondern dessen innere Person, die Persönlichkeit, wie sie im Werk zum Ausdruck käme. Weil er dieses Gesetz nicht befolgte, verherrliche Sainte-Beuve drittrangige Autoren, verkenne aber die großen Dichter seiner Zeit: Baudelaire, Balzac, Stendhal, Flaubert etc. Als Vorspann zu dem Gespräch mit der Mutter über Sainte-Beuves Methode öffnet Proust – gleichsam als Anschauungsunterricht – die Tür zu der inneren Welt: Träume, Träumereien, Gedanken, Empfindungen, Sinneseindrücke, Erinnerungen, Reisewünsche. In den ersten Monaten des Jahres 1909 fügt sich Entwurf an Entwurf, und je länger Proust weiterschreibt, desto mehr entfernen sich die Entwürfe von der biographischen Sphäre (Mutter, Vater, Reynaldo Hahn, Venedig, Bretagne) und entwerfen fiktionale Szenarien (Combray, ein Seebad namens Querqueville, die Guermantes, die Verdurins, junge Mädchen am Strand, Swann). Als Proust sich im Juni 1909 vornimmt, das überquellende Material zu einer zusammenhängenden Fassung zu formen, wird der Vorspann für ein Gespräch mit der Mutter zur Ouvertüre eines Romans. Unter dem Titel »Contre Sainte-Beuve. Souvenir d’une Matinée« bietet Proust das Werk, das vorläufig nur aus einem nicht abgeschlossenen Manuskript besteht, dem Mercure de France an. Ohne Erfolg, doch Calmette lässt ihn auf eine Veröffentlichung im Feuilleton von Le Figaro hoffen. Ende des Jahres ist ein erster Teil des Werks ins Reine geschrieben und abgetippt. Proust schickt das Typoskript, gebunden zu drei Heften, der Redaktion von Le Figaro. Ohne Erfolg: Im Juli 1910 holt er das Typoskript wieder ab. Doch in der Zwischenzeit hat er unablässig weitergeschrieben – an allen Teilen seines Romans: zuerst an der Schlussszene, dann an den Aufenthalten in einem Seebad an der Kanalküste oder in Venedig und an den großen Szenen in der Welt der Guermantes. Am 24. April 1910 schreibt er an Madame Straus: »Sie wissen ja (ich habe es Ihnen oft genug gesagt), dass ich daran bin, ein langes Werk zu beenden.« (X, 80) Von beenden kann keine Rede sein; das Werk wächst und wächst. Im Juli 1912 spricht Proust von »sieben-, acht- oder neunhundert Seiten«, im Oktober dann schon von ungefähr 1250 Seiten. Längst hat er die Hoffnung aufgeben müssen, sein Werk in einem einzigen Band zu veröffentlichen. Das Typoskript des ersten Teils ist auf 712 Seiten angewachsen. Dieses unterbreitet er im Oktober 1912 dem Verlag Fasquelle mit dem Vorschlag, das Werk in zwei Bänden zu veröffentlichen. Erster Band: »Le Temps perdu«; zweiter Band: »Le Temps retrouvé«; Haupttitel: »Les Intermittences du cœur«. Im November übergibt Proust ein weiteres Exemplar des Typoskripts dem Verlag der Nouvelle Revue Française mit einem dreibändigen Vorschlag: Haupttitel: »Les Intermittences du cœur«; erster Band: »Le Temps perdu«; zweiter Band: »L’Adoration perpétuelle« (oder vielleicht »À l’ombre des jeunes filles en fleur«); dritter Band: »Le Temps retrouvé«. (XI, 286) Ende Dezember lehnen sowohl Fasquelle wie auch die Nouvelle Revue Française ab.

In dieser ungemütlichen Situation also befindet sich Proust Anfang 1913, als er Madame Straus schreibt, er könne von seinem Buch nichts berichten. Auf Anraten von Louis de Robert schickt er jetzt sein Typoskript an den Verlag Ollendorff. In allen Fragen, die sein Buch betreffen, ist der 1911 für seinen Roman Le Roman d’un malade mit dem Prix Femina ausgezeichnete Romancier Louis de Robert (18711937) im Jahr 1913 Prousts wichtigster Ratgeber und Briefpartner. In praktischen Fragen nimmt Proust gerne die Ratschläge de Roberts an, in stilistischen und thematischen Belangen hört er zwar höflich zu, verlässt sich aber schließlich nur auf sich selbst. Seine Erinnerungen an Proust 1913 hat de Robert 1925 unter dem Titel Comment débuta Marcel Proust veröffentlicht. Trotz der Fürsprache de Roberts lehnt Ollendorff Mitte Februar ab. Dann gelangt Proust durch Vermittlung von René Blum an den Verleger Bernard Grasset, der dank eines bedeutenden Kostenbeitrags des Autors einwilligt. Am 11. März wird der Vertrag unterschrieben. René Blum, Chefredakteur der Zeitung Gil Blas, den Proust seit 1902 kennt, ist auch der Vermittler, als es drei Jahre später gilt, den Vertrag mit Grasset wieder aufzulösen.

Wir wissen heute, wie Prousts Manuskript in den vier Verlagshäusern beurteilt wurde. Für Fasquelle hatte Jacques Madeleine einen ausführlichen Lektoratsbericht erstellt, der bei aller Achtung vor gelungenen Details und merkwürdigen, ja bemerkenswerten Dingen in die Schlussfolgerung mündet, es handle sich im Ganzen um einen »cas intellectuel extraordinaire«. Gemeint ist zweifellos ein pathologischer Fall. Bei der Nouvelle Revue Française war André Gide mit der Prüfung des Manuskripts beauftragt. Die Legende will, dass er es ungeöffnet zurückgeschickt habe, sah er doch in Proust, dem Autor von Les Plaisirs et...

»Fein ausgestattetes Bändchen,
das durch dieses für Proust einschneidende Lebensjahr führt. (...)
Keller zählt zu den deutschsprachigen Forschern, von denen sich sogar
Proustiens etwas sagen lassen.«
 
»Kein Proust-Kenner wird sich
dieses überraschende Kleinod entgehen lassen wollen.«
 
»Der beste deutschsprachige
Proust-Kenner.«
 
»Doch einer, der so viel weiß
wie Luzius Keller, kann das Große und das Kleine, die Kunst und den Alltag, die
voneinander nicht zu trennen sind, zu einer kleinen großen
Marcel-Proust-Erzählung zusammenfügen.«
 
»Elegant, schnörkellos,
kenntnisreich ohnehin.«

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