Milas Lied

 
 
Ravensburger Buchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. Oktober 2011
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-473-38426-6 (ISBN)
 
Ich hätte sie beschützen müssen. Ich habe sie losgelassen. Ich habe sie verraten. Ich habe sie verloren. Meine schöne, seltsame Mila. Einem Mädchen wie Mila ist Rike noch nie begegnet. Bis tief in die Nacht spielt Mila Gitarre in U-Bahnen, Kneipen und Parks. Verloren wirkt sie manchmal, fremd und zerbrechlich. Doch sobald sie anfängt zu singen, scheint Mila unbesiegbar zu sein. Rike ahnt bald, dass ihre Freundin nicht nur zwei Gesichter, sondern auch ein Geheimnis hat .
Aufl.
  • Deutsch
  • Ravensburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,68 MB
978-3-473-38426-6 (9783473384266)
3473384267 (3473384267)
weitere Ausgaben werden ermittelt
  • Intro
  • Impressum
  • Ich hätte sie.
  • Theo hatte gesagt.
  • Heute vor einem.
  • Robert kam aus.
  • Anetschka hat von.
  • Das neue Jahr.
  • Wenn du liebst.
  • Ich wischte mir.
  • Es gibt kein.
  • Nach dem obligatorischen.
  • Um jedes wahre.
  • Das Eisbärenmädchen ließ.
  • Solnyschko.
  • Niemand verstand hier.
  • Vielleicht werde ich.
  • Keine Ahnung, wann.
  • Anetschka, heute habe.
  • Donnerstagnachmittag schrieb ich.
  • Ihn zu küssen.
  • Du musst das.
  • Warum versuchen ständig.
  • Das Licht im.
  • Anetschka schickte immer.
  • Mila kam spielend.
  • Über den dicken.
  • Es war unmöglich.
  • Mila, Mila, duscha.
  • Ich bekam keine.
  • Ihr Bett ist.
  • Aus einer Nacht.
  • Es ist nicht.
  • Es war wohl.
  • Wenn ich jemals.
  • Danke, meiner wunderbaren.
  • Autoreninformation

Theo hatte gesagt, ich sollte gefälligst aufhören, mich vor dem Leben zu fürchten. Damit meinte er die Stadt, in der ich seit drei Monaten wohnte und in der ich nur noch nicht angekommen war.

Ich hatte mich nach einem Ort gesehnt, an dem ich endlich niemanden mehr mit Namen kannte, an dem ich jemanden kennenlernte, weil ich es wollte, und nicht weil ich ihn täglich an der einzigen Haltestelle traf, die es gab. Davon abgesehen hatte es mir jeden Morgen die Kehle zugeschnürt, wenn ich aus dem Wohnzimmerfenster meiner Eltern sah. Die Blumenkübel in Terrakotta-Optik wären noch zu ertragen gewesen, der Porzellanreiher hingegen, der über den Teich mit Vaters Goldfischen wachte, verursachte mir regelmäßig Übelkeit. So kam ich nach Berlin.

Als ich klein war, war unser Garten ein ganz normaler Garten gewesen. Mit Unkraut und Sandkiste. Das war, bevor ich in der Sandkiste eine tote Maus fand, bevor mein Vater meine Mutter betrog und bevor meine Eltern beschlossen, aus Liebe zu ihrer Tochter zusammenzubleiben.

Mein Vater und ich bestatteten die arme Maus in einer feierlichen Zeremonie unter den Himbeersträuchern, aber in der Sandkiste wollte ich trotzdem nicht mehr spielen. Kurz darauf verschwanden erst die Sandkiste und dann mein Vater. Seltsamerweise sind diese Ereignisse in meiner Erinnerung bis heute untrennbar miteinander verbunden.

Nach ein paar Wochen tauchte mein Vater wieder auf und ließ an der Stelle, wo meine Sandkiste gestanden hatte, einen Teich ausheben. Er wurde zum Inbegriff dessen, was ich heute als das Ende meiner unbeschwerten Kindheit bezeichnen würde. Für meine Mutter hingegen wurde der Garten zu einer Art Obsession. Je häufiger sie sich mit meinem Vater stritt, umso schöner wurde unser Garten. Irgendwann kam der Reiher und ich stellte meine Mutter zur Rede. Sie berichtete mir vom Seitensprung meines Vaters und erklärte, dass man für die Familie Opfer bringen müsse. Das klang irgendwie logisch, aber da ahnte ich auch noch nicht, dass ich das Opfer sein könnte. Das ist inzwischen sechs Jahre her. Meine Abneigung gegen Goldfische habe ich immer noch nicht überwunden.

Ich saß auf dem Fensterbrett und schaute zu, wie Raketen die Hauswand gegenüber bunt färbten. Plötzlich knarrte meine Tür. Theo.

Auf dem Handteller balancierte er eine Untertasse, die ihm als Aschenbecher diente, in der anderen Hand hielt er eine Flasche Bier. In seinem Mundwinkel klemmte eine Zigarette. Nicht unbedingt die optimalen Voraussetzungen, um ein Gespräch zu beginnen.

»Müssen wir schon los?«, fragte ich.

Theo nickte und ein Klumpen Glut fiel auf den Dielenboden.

Sein Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen. Er mochte es, mich in Panik zu versetzen. Das gehörte zu seinem »Projekt Rike«, in dem es darum ging, mich großstadttauglich zu machen.

Lektion1: Die Großstadt ist ein wildes Raubtier. Du kannst sie nicht zähmen. Du musst lernen, schneller zu werden als sie.

Ich fand es aus verschiedenen Gründen gut, Theos Mitbewohnerin zu sein. Gut fand ich zum Beispiel, dass man es mir nicht ansah. Jedenfalls nicht, wenn wir so wie an diesem Abend zusammen in der U-Bahn standen.

Man hätte denken können, wir seien befreundet, man hätte sogar denken können, wir seien ein Paar, und ganz nebenbei strahlte etwas von Theos Gelassenheit auf mich ab. Wir waren keine Freunde.

Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass ich in diesem Augenblick eigentlich viel lieber auf meinem Hochbett gelegen hätte. Mit einer Wärmflasche unter den Füßen und einer 200-Gramm-Tafel Vollmilchschokolade an Bord. Wäre mir eine Wahl geblieben- ich hätte dieses Schiff süßer Seelentröster definitiv erst im neuen Jahr wieder verlassen und auch nur mit der Gewissheit, dass der Bruch mit sämtlichen Zutraulichkeiten einen Sinn hatte.

Theo betrachtete mich im fahlen Licht der U2, als könnte er meine Gedanken lesen. Wie ein besorgter, großer Bruder sah er mich an und das gefiel mir überhaupt nicht. Es war mir unangenehm, dass mein Anblick ihm offensichtlich ein Gefühl von Verantwortung aufdrängte. Theo gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die sich ständig Sorgen macht, und er sollte meinetwegen auch nicht damit anfangen.

Alles an ihm erweckte den Anschein sorgloser Lässigkeit. Seine kurz rasierten Haare, der Dreitagebart, seine Klamotten- wie angeboren sahen die aus. Ich konnte mir nicht vorstellen, Menschen wie Theo je in einem Klamottenladen anzutreffen. Oder in einer Drogerie. Mit so profanen Dingen wie Rasierschaum in der Hand.

Als ich vor drei Monaten bei ihm auftauchte, um mich für das WG-Zimmer zu bewerben, war sofort klar, dass das mit Theo anders laufen würde als mit den Jungs, die ich bisher kannte. Er öffnete die Tür in Unterhose, fragte, ob ich Friederike sei, und winkte mich herein. Ich zögerte. Meine Mutter hatte mich vor dieser Stadt gewarnt. Vor allem vor den vielen Drogenabhängigen und den Künstlern. Emotionale Verwahrlosung, eine ungewollte Schwangerschaft und der frühzeitige Abbruch meines Hochschulstudiums waren mir vorhergesagt worden. Meine Mutter ist eben eine sehr fantasievolle Frau, nicht nur, wenn es um ihren Garten geht.

Ich betrat den schmalen Flur.

»Kaffee?«

»Gerne.«

Zu den von mir wohlsortierten Sätzen, die meine absolute Tauglichkeit als WG-Mitglied unter Beweis stellen sollten, kam ich gar nicht. Theo wollte lediglich wissen, ob mir mein Zimmer gefiele und ob ich irgendwelche Fetische habe. Frage eins war schnell beantwortet. Das Zimmer war traumhaft. Es war groß, hell und leer. Weder meine Mutter noch mein Vater würden verhindern können, dass ich die Wände bunt anmalte. Frage zwei konnte ich nicht so schnell beantworten, da ich nicht mal genau wusste, was Theo mit Fetisch meinte. Das hieß dann wohl nein.

»Okay«, sagte Theo, während wir in meinem zukünftigen Zimmer standen und ich in Gedanken bereits Möbel rückte. »Das hier ist ein Männerhaushalt und ich will, dass das so bleibt.«

Ich sah ihn irritiert an. »Ich bin aber eine Frau.« Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich ihn darauf aufmerksam machen musste.

»Nee, du bist mein neuer Mitbewohner.«

Komplimente klingen anders, ich weiß.

Wir standen immer noch in der U-Bahn, als Theos Handy klingelte.

»Hi, Robert- zehn Minuten- Scheiße- alles klar- tschau.«

»Was ist los?«, fragte ich.

»Robert wollte nur wissen, wo wir bleiben. Im Blauen Salon ist die Hölle los. Sie gehen schon mal rein.«

Die Hölle. Ich sollte den ersten Tag des neuen Jahres in der Hölle verbringen.

»Ach so«, sagte ich und tastete in der Jackentasche nach dem Wohnungsschlüssel. Ich spürte das kühle Metall und wurde ruhiger. Ich wusste, in der obersten Schublade meines Schreibtisches lag noch der Unterleib eines Schokoladenweihnachtsmannes.

Wir fuhren in die nächste U-Bahn-Station ein. Ich schaute auf die Uhr. Knapp fünfzig Minuten bis Mitternacht. Ich stellte missmutig fest, dass es nicht der Gedanke an etwas Süßes war, der sich geräuschvoll durch meinen Magen fraß. Es war etwas anderes. Etwas, was in diesem Augenblick genauso wenig in meinen Bauch gehörte wie ein Schokoladenweihnachtsmann.

Melancholie.

Na schön, stellen wir uns den Tatsachen. Dieses Jahr war ein Desaster gewesen. Hinter mir lagen eine versaute Abifeier, eine verkorkste Führerscheinprüfung und zwei Todesfälle. Mein Exfreund Moritz hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als auf der großen Abschlussparty vor meinen Augen mit einer anderen rumzuknutschen. Mein Fahrlehrer war Choleriker. Die Tatsache, dass ich mich während jeder Fahrstunde fast übergab, brachte ihn zur Weißglut. Ich bin mir sicher, es lag an dem Duftbäumchen, Sorte »New Car«, das am Innenspiegel baumelte.

Und die Todesfälle? Im September nahm sich mein Wellensittich das Leben. Das einzige Wesen, das mich bedingungslos liebte, abgesehen von meiner Mutter, stürzte sich eines Abends in das Bierglas meines Vaters. Als wir es bemerkten, war Tobi längst ertrunken. Ich trug ihn in einem Pappkarton in den Garten zu den Himbeerbüschen und rammte wie betäubt den Spaten in die steinharte Erde.

Im Oktober starb Janis Joplin. Okay, das ist jetzt vierzig Jahre her, aber Janis ist inzwischen so eine Art große Schwester für mich geworden. Manchmal ist es eben so, man hört eine Stimme und hat das Gefühl, den Menschen zu der Stimme zu kennen- nicht bloß seinen Namen oder die Namen seiner Alben, sondern seine Art, Dinge zu betrachten. Ich habe irgendwann aufgehört, Biografien über Janis zu lesen. Ich hatte den Eindruck, dass ich sie weder bei Wiki noch in irgendwelchen Büchern finden würde, sondern nur in ihren Songs.

Janis konnte sehr wütend sein, das gefiel mir. Am liebsten mochte ich es, wenn sich ihre Wut mit meiner verbündete- gegen meine Eltern und gegen triste Sonntagabende mit...

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