Andrea - Briefe aus dem Himmel

Eine Mutter nimmt Abschied von ihren Kindern
 
 
Eden Books - Ein Verlag der Edel Germany GmbH
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Mai 2018
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95910-168-4 (ISBN)
 
Eine Mutter nimmt Abschied - der Krebs ist stärker. Im Mai 2017 hat Andrea (31) ihren Kampf gegen die Krankheit verloren. Sie wusste: Sie hat nur noch ein Jahr. Unheilbar, der perfide Krebs. Andrea nutzte die wenige Zeit auf ihre Art und hinterließ zwei persönliche Vermächtnisse: Heimlich schrieb sie zum einen im Kinderzimmer ihrer Tochter Nele dutzende Briefe, bastelte liebevolle Geschenke. Jeder Brief eine Seite lang, adressiert an ihre beiden Töchter. Briefe, die weit in die Zukunft reichen: Bis zum 18. Lebensjahr zum Geburtstag ein paar liebe Zeilen. Mama Andrea schreibt darin über alles, was sie persönlich fühlte - in ihrer Kindheit, ihrer Jugend, als junge Mutter. Zum anderen wünschte sie sich einen Song, der ihren Namen trägt. Dutzende Briefe und ein Lied als Zeitraffer ihres viel zu kurzen Lebens. Andrea will damit bleiben, für immer. Sie starb am 7. Mai 2017.
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»Krebs kündigt sich nicht an. Er kommt wie ein ungebetener Gast.«


Der 14. April 2016 ist ein grau-trüber Donnerstag. Nur ab und zu blitzt die Sonne durch die tiefliegenden Wolken. Ich fahre pünktlich mit meinem schwarzen VW Käfer aus dem Leipziger Südwesten los. Bis Röcken in Sachsen-Anhalt sind es zwanzig Autominuten. Ein kurzes Stück Autobahn, dann auf der Landstraße einmal links abbiegen.

Tatsächlich - da steht »Röcken« auf einem Wegweiser. Nie zuvor hatte ich von diesem kleinen Ort im südlichen Sachsen-Anhalt gehört. Nur wenige Meter nach dem Ortseingangsschild ist die »Friedrich-Nietzsche-Gedenkstätte« ausgeschildert. Nietzsche, der große Philosoph, er wurde in Röcken geboren und liegt hier auch begraben. Ich erinnere mich an Fragmente aus meinem Studium: Er bekämpfte den Pessimismus und war Verfechter einer lebensbejahenden Grundeinstellung. Lebensbejahend, denke ich, wie passend. Mir fällt ein alter Nietzsche-Spruch ein: »An Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen.« Lieber nicht mehr helfen, wo man nicht mehr helfen kann? Aufgeben als einzige Alternative? Nietzsche, Röcken, Andrea. Ein Zeichen, ein Zufall?

Ich suche verzweifelt Andreas Adresse. Zwei Mal fahre ich daran vorbei, ohne sie zu entdecken. Es fehlt die Hausnummer. Schließlich finde ich einen kleinen Parkplatz vor einer Gaststätte, die seit langem geschlossen ist. Die Fenster sind mit Pappe verklebt, das vergilbte blauweiße Parkschild »Nur für Gäste« an der steinernen Außenwand wirkt absurd. Ich steige aus und hänge mir meine schwarze Fototasche um. Darin meine Kamera, mehrere Objektive, Notizblock und Stift. Mein Reporterbesteck.

Bis zur Hofeinfahrt von Andrea sind es keine hundert Meter. Es beginnt zu nieseln. Ich laufe schneller. Meine Tasche über der linken Schulter ist schwer, pendelt und schwenkt aus beim Gehen. Die Hofeinfahrt zu Andrea zieht sich, ein holpriger, unebener Weg. Die Kieselsteine unter meinen Schuhen knirschen. Schließlich sehe ich den alten Bauernhof. Andreas Vater Tilo hat ihn vor Jahren gekauft. Aus roten Backsteinen und mit spitzem Dach erbaut, ein mächtiges Gebäude. Die Vorderwand, der Giebel, sticht ins Auge - frisch hergerichtet und mit hellem Putz. Ein Foto davon habe ich auf der Hilfe-für-Familie-Bendrick-Seite gesehen. Autos nahezu aller Marken überschwemmen den Hof, eine Blechkarawane, so weit das Auge reicht. Von siebziger Oldie-Baujahren bis heute. Andreas jüngerer Bruder Matthias besitzt hier eine Autowerkstatt. Sie liegt Andreas Wohngebäude direkt gegenüber. Ich gehe deshalb nach links zur nagelneuen weißen Eingangstür. Sie ist unterteilt in sechs Glasscheiben und wirkt wie ein implantierter Fremdkörper mitten im uralten Gestein. Ich klingele und warte. Es dauert eine Weile, und als ich gerade überlege, noch einmal den namenlosen Klingelknopf zu drücken, höre ich Geräusche hinter der Tür. Jemand kommt eine knarrende Holztreppe hinab. Langsam, sehr langsam. Die Tür öffnet sich und Andrea steht vor mir.

»Hallo Andrea, ich bin Karsten Kehr«, stelle ich mich vor. Sie nickt, lächelt zurück und sagt knapp: »Komm bitte rein! Wir gehen nach oben, da haben wir es gemütlich!«

Wir steigen dreizehn Stufen hinauf zu ihrer Wohnung. Ich folge ihr, mein Blick streift gerahmte Familienfotos, die im schmalen Aufgang hängen.

Andrea trägt blaue Hauspantoffeln, eine rote Jeans, einen schwarzen Pullover. Ihre Haare sind kurz, ein frisch nachgewachsener zarter Flaum. Die Folgen der Chemotherapie, vermute ich. Das Laufen fällt ihr schwer, oben angekommen ist sie außer Atem. Sie nimmt sich dennoch zusammen, lehnt sich kurz an, schnauft tief durch und weist auf den Eingang zur Küche. »Die Küche ist der Mittelpunkt unserer Familie. Da können wir ungestört reden.« In den anderen Zimmern entlang des Flurs ist es lauter, denn Nele und Mia, ihre kleinen Töchter, sind zuhause.

Andrea macht für mich Kaffee, für sich Tee. »Mit Milch und Zucker?«, fragt sie.

»Ohne alles«, sage ich.

Es riecht frisch tapeziert. Durch die neuen Fenster überblickt man den weiten, geräumigen Hof. Alles wirkt nichtig und klein von hier oben, wie eine friedliche Spielzeugwelt. Ich schaue Andrea zu, einer jungen Frau, hager, drahtig, mit wachen blauen Augen, die jeden Handgriff bedächtig ausführt. Sie ist gezeichnet von ihrem dunklen Schatten, ihrer schweren Erkrankung.

»Wie bist du denn auf uns und unsere Situation gekommen?«, will sie noch einmal wissen und dreht ihren Kopf in meine Richtung. Das Wasser wird schnell heiß und brodelt. Sie übergießt ihren Teebeutel, es duftet nach Minze.

»Über eure Facebook-Seite«, antworte ich. »Ihr braucht doch Hilfe auf eurer Baustelle. Und vielleicht kann ich das durch meine Arbeit unterstützen. Öffentlichkeit hilft. Je mehr Menschen von dir erfahren, umso mehr sind in der Lage, dir zu helfen. Die beste Absicht verpufft, wenn sie keiner kennt. Wie ich es schon am Telefon sagte.«

Andrea gießt heißes Wasser in meine Kaffeetasse. Nun riecht es in der Küche nach einer Mischung aus Minze und Kaffee.

Wir sitzen uns am neuen stämmigen Küchentisch gegenüber, Andrea auf einem robusten Stuhl aus Holz, mit einer Maserung, die Jahresringen ähneln. Sie beobachtet, wie ich meinen Notizblock aufschlage und mit meiner rechten Hand die Seiten glattstreiche.

»Wie alt bist du jetzt, Andrea?«, beginne ich nüchtern zu fragen.

»Ich bin dreißig«, antwortet sie und wiederholt es zischend: »Dreißig! Dreißig Jahre!«

Sie macht eine kleine Pause. Dann sagt sie: »Ich weiß, für viele Frauen ist dreißig ein prekäres Alter. Die unbeschwerte Jugend, die Leichtigkeit des Seins, scheint vorüber. Für mich ist das okay. Drei Jahrzehnte sind doch eine lange Zeit. Wie viele Menschen werden im Zeitraum von dreißig Jahren geboren und wie viele sterben? Und wie viele müssen vor ihrer Zeit gehen? Wenn auch nicht jeder mit einer klaren Ansage wie bei mir.«

Sie wendet sich kurz ab, um mich danach wieder fest anzuschauen. »Am 21. Mai werde ich einunddreißig Jahre. In gut einem Monat. Für andere huscht das schnell vorüber, sie reden dann davon, mit flinken Schritten auf die Vierzig zuzugehen, ab sofort nur noch Ü-30-Partys besuchen zu können und sehen das als Alarmzeichen. Eine Freundin meinte mal: >Weißt du, Andrea, bis zum dreißigsten Lebensjahr bauen dich deine kleinen Männchen im Körper auf und danach fällt der Startschuss für den langsamen Abbau. Sie legen den Schalter einfach um.< Das empfand ich damals als Witz. Es gibt Menschen, die merken nicht, wenn ihr Abbau beginnt. Ich habe nie meine ersten grauen Haare gezählt oder neue Falten unter einer Extraschicht Make-up versteckt. Ich gehöre zu jenen, denen ihr wahres Alter egal ist. Unser Körper ist eine Hülle, mehr nicht.«

Und nach einer nachdenklichen Pause: »Für mich hingegen bedeutet ein Monat eine unendlich lange Zeit. Meinen Geburtstag, und wenn es nur noch dieser eine sein sollte, den möchte ich unbedingt erleben.«

Mit diesem Hinweis lenkt Andrea das Gespräch selbst auf ihre schwere Krebs-Erkrankung, die inzwischen unheilbar und durch Chemotherapien höchstens noch zu lindern ist.

Ihr Leidensweg begann im sonnigen August 2013. »Zuvor hatte ich starke Kopf- und Halsschmerzen, ­fühlte mich antriebslos, niedergeschlagen, schlapp und abgespannt. Meine jüngste Tochter Mia war erst im Mai geboren worden. Auch während der Schwangerschaft fühlte ich Ungereimtheiten. Das wollte ich mir nicht eingestehen. Schwangere denken nicht an sich selbst, sie handeln nur für das ungeborene Leben. Meine eigene Gesundheit stand hintenan.«

Sie denkt kurz nach. »Weißt du, der Krebs kündigt sich nicht an. Er kommt auf leisen Sohlen. Wie ein ungebetener, aufdringlicher Gast, der auf einmal an deinem Tisch sitzt und trotz Aufforderung nicht mehr gehen will. Von diesem Moment an bist du nicht mehr allein. Die Krankheit hat sich dazugesellt und du musst verdammt aufpassen, dass sie nicht dein Leben bestimmt - wie eine lästige Sucht, der du irgendwann nicht mehr Herr wirst.«

Sie beschreibt ihre damalige Situation: »Meine Nele - sie ist sechs Jahre älter als ihre Schwester - kam gerade in die Schule. Ich sehe sie noch voller Stolz mit ihrer Zuckertüte, umringt von ihren Freundinnen, die sie aus dem Kindergarten kannte, auf dem Schulhof stehen. Also viel Freude, Trubel und Ablenkung um mich herum. Genau in dieser Phase mitten im August nach ausgiebigen Untersuchungen im Krankenhaus Weißenfels fiel meine Diagnose, die mich umwarf: Nasen-Rachen-Krebs. Auch mein mehrmaliges, erstauntes, ungläubiges Nachfragen änderte an dieser Diagnose nichts. Ich wollte es nicht wahrhaben. Dieses beklemmende Gefühl der Hilflosigkeit in diesem Moment, wenn die Worte des Arztes nur noch verzerrt ankommen - das werde ich niemals vergessen! Man möchte sich am liebsten die Ohren zuhalten, sich in den Arm zwicken, um aufzuwachen, damit der Albtraum endet. Doch er endet nicht, er nimmt erst seinen Anfang.«

Andrea schaut nach unten und umfasst ihre Tasse fester, während sie den Teebeutel in das heiße Wasser tunkt. Trotz und Verbitterung sprechen aus ihren Worten. Sie verzieht ihr Gesicht für eine Sekunde. Als würde sie sich ekeln vor sich selbst und dem gerade Gesagten. Der »Nasen-­Rachen-Krebs« geht ihr dennoch leicht und leise über die Lippen. Als spreche sie über eine lästige Erkältung, die vergessen und verschleppt wurde. Die eben zäh ist und nicht so leicht wieder verschwindet. Die aber wieder vergeht, weil alle Krankheiten in diesem jungen Alter vergehen, meistens von allein. Sie verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Jedem ist das klar, weil doch ein Organismus in den besten Jahren alles...

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