Wolfsegg

Roman
 
 
Penguin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-24427-9 (ISBN)
 
Kraftvoll, archaisch, düster - ein Ausflug in die Abgründe der menschlichen NaturEin enges Tal irgendwo in den Bergen: Die 15-jährige Agnes, die so gern ein »Autoschrauber« hätte werden wollen, muss erfahren, wie brutal das Leben sein kann. Wenn die eigene Familie verachtet wird. Wenn jeder jeden kennt und mit jedem eine Geschichte hat. Da stehen dem Missbrauch die Türen weit offen, da wird vertuscht und betrogen, denunziert und getötet, ohne dass der Himmel ein Einsehen hätte. Als der Vater totgeschlagen und die Mutter elendig verreckt ist, hat Agnes nur noch einen Gedanken: Sie muss die »Kleinen«, Bruder und Schwester, vor dem Heim retten, in dem sie einst gelitten hat. Peter Keglevics dramatischer Roman über Agnes und ein namenloses Tal in den Alpen ist eine Geschichte von alttestamentarischer Wucht - so zärtlich und so brutal erzählt, wie das wohl nur ein Österreicher kann.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Penguin
  • 0,64 MB
978-3-641-24427-9 (9783641244279)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Peter Keglevic, geboren 1950 in Salzburg und gelernter Buchhändler, ist ein erfolgreicher TV-Regisseur, ausgezeichnet u.a. mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis. Seit über 20 Jahren hat er für »Laufen für den Führer« und die Lebensgeschichte von Harry Freudenthal recherchiert. »Ich war Hitlers Trauzeuge« ist sein erster Roman.

1


Es war der letzte Mittwoch im Mai, und der Vormittag war mit Tests und Aufgaben ausgefüllt. Logik, Persönlichkeit, Intelligenz. Jetzt stand auf der Schultafel das Aufsatzthema: Ich. Meine Familie. Meine Wünsche.

Die Berufsberaterin vom Arbeitsamt sah die Schüler eindringlich an. Acht Jungen und sieben Mädchen, fünfzehn bis siebzehn Jahre alt. Es war eine kleine Abschlussklasse dieses Jahr.

»Schreiben Sie ehrlich auf, was Sie denken. Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund. Je ehrlicher Sie sich, Ihr Umfeld und Ihre Wünsche beschreiben, desto leichter fällt es uns, Sie einem Beruf zuzuführen, der zu Ihnen passt. Sie haben fünfundvierzig Minuten Zeit. Schreiben Sie: jetzt.«

Die Berufsberaterin bediente einen Tischgong. Einige legten los, als wollten sie endlich alles abschütteln. Andere grübelten mit schiefem Mund und geblähten Nasenlöchern.

Das Mädchen, das allein in der letzten Reihe saß, starrte eine Weile vor sich hin. Dann begann es zu schreiben:

Ich heiße Agnes, nach der heiligen Agnes, was die Reine heißt, wie meine Mutter mir erklärt hat. Insgeheim nenn ich mich aber Nessie. Wie das Ungeheuer, das plötzlich aus seinem See hochsteigt und alle zu Tode erschreckt. So wünsche ich mich manchmal auch. Aber meine Mutter will nicht, dass wir Kinder, die Karoline, der Lorenz und ich, Spitznamen haben . In der Schule rufen sie mich trotzdem Nessie oder auch Agi, was sich aber oft wie Maggi anhört . In fünf Monaten, Ende Oktober, werde ich sechzehn.

Agnes war schmal mit knochigen Schultern, klein und wog vielleicht so viel wie eine Zwölfjährige. Ihr widerspenstig gelocktes Haar war dunkelbraun.

Sie blinzelte mehrmals, ihre Gedanken schwammen fort. Die Klassenfahrt nach Wien. Darüber hätte sie gerne geschrieben. Letzten April. Es war der obligatorische Ausflug in die Hauptstadt, den jede Schulklasse aus den Bundesländern hinter sich bringen musste. Parlament, Burgtheater, Schloss Schönbrunn. Großartig war das gewesen. Die Kapuzinergruft, in der die Habsburger in bombastischen steinernen und bronzenen Särgen lagen, hatte sie am meisten beeindruckt. Dass diese ohne Herz und ohne Eingeweide in der ewigen Ruhe eingemauert waren - das war spektakulär. Für zwei Euro hatte sich Agnes eine Broschüre gekauft, in der alles geschrieben stand. Herz und Eingeweide waren den Kaiserlichen nach dem Tod herausgeschnitten worden, ohne Rücksicht, ob sie ein gutes oder ein schlechtes Leben geführt hatten. Die Organe wurden in Seidentücher gehüllt, in Silberbehältnissen in Spiritus eingelegt, die dann zugelötet wurden. So standen nun die Herzen im Herzgrüftl, einer Nische der Loretokapelle, wie Mamas eingekochte Marmelade und das Russenkraut im Kellerregal.

Agnes überlegte, wie sie das in ihrem Aufsatz unterbringen konnte, fand aber keine Lösung. Sie hätte auch gerne geschildert, wie sie sich auf der Heimfahrt im Bus schlafend gestellt hatte. Durch die Wimpern hatte sie beobachtet, wie in der Sitzreihe auf der anderen Seite der Hubsi der Margit die Hand unterm Kleid in die Unterhose geschoben hatte. Wenig später hatte er die Hand wieder herausgezogen, sich über die Sitzlehne zum Robert gebeugt und ihm den Zeigefinger unter die Nase gerieben. Gefeixt hatten die beiden. Margit hatte zu ihr hingeschaut und dabei ihren Monsterbusen zurechtgeschoben. Ich krieg jeden, hatte ihr Blick gesagt. Auch den Jo Weis! Darauf kannst du Gift nehmen! Das war das Schlimmste, was Agnes sich vorstellen konnte. Ihre Augenlider zuckten. Alle konnte Margit haben, aber nicht den Jo! Der Jo war für sie bestimmt. Bis in den Tod. Da war Agnes sich sicher. »Wusst ich doch, dass du dich schlafend stellst«, hatte Margit zu ihr herübergerufen, »du kleine Spannerin.«

Agnes beugte sich wieder über das fast leere Blatt und konzentrierte sich. Mit einem Mal fiel es ihr leicht, etwas niederzuschreiben.

Mein Bruder Lorenz ist zwölf und geht in die zweite Klasse Hauptschule. Meine Schwester Karoline ist sieben und geht in die erste Volksschulklasse. Manchmal, wenn ich nichts anderes zu tun hab, kümmere ich mich um die Geschwister und helfe ihnen bei den Schularbeiten. Oder spiel mit ihnen. Karo spielt am liebsten Vater-Mutter-Kind und ist dann immer die Mutter und ich muss das Kind sein .

Die Woche davor, am Mittwochmorgen, war Agnes mit dem Fahrrad den Schotterweg zur Bundesstraße hochgefahren. Hinten saß Lorenz auf dem Gepäckträger und vorne, auf dem Lenker, die kleine Schwester. Das letzte Stück war so steil, dass Lorenz abspringen und das Fahrrad mit anschieben musste. Es hatte schon über zwanzig Grad, dabei war es erst Mitte Mai, und der helle Schotter reflektierte so gleißend, dass sie mit zusammengekniffenen Augen oben ankamen.

Direkt an der Einfahrt zur Bundesstraße lag die Haltestelle für den Bus zwischen Eisenstein und Cronberg. Stumm hatten sie im Schatten des Holunderbusches gewartet, der über das Wartehäuschen wucherte, und Karoline hatte ihre Nase in die weißen Dolden gesteckt. »Hm, riecht nach Honig und Limonade!« Ein Pick-up mit Anhänger war von der Bundesstraße auf den Schotterweg zu ihnen hinunter abgebogen. Der Mobile Viehhändler stand an der Wagentür. Beunruhigt sah Agnes ihm nach. Als die Kleinen sie fragend ansahen, zuckte sie nur gleichgültig mit den Schultern.

Der Bus kam. Agnes fuhr Lorenz durchs Haar, was ihm vor den Schulkameraden, die durch die Scheibe feixten, peinlich war. Karoline küsste sie auf die Wange.

Der Bus fuhr ab, und Agnes rollte auf dem Schotter bergab. Ihr Zuhause war ein bescheidener Tagelöhnerhof, ein Stück außerhalb des Städtchens Eisenstein und abseits der Bundesstraße. Hinterwald hieß die Flur, und die dort unten wohnten wurden gern als Hinterwäldler hingestellt. Wie die Waldners hinter vorgehaltener Hand.

Der Hof lag in der Senke am Bach, der hier eine weite Schleife zog und von Weiden gesäumt war. Im heißen Sommer war es ein angenehm kühler Fleck, im Herbst und im Winter ein klammes und eisiges Loch. Im Frühjahr stieg das Schmelzwasser oft bis an die Stufen des Hauses, vor zwei Jahren war es sogar bis in die Wohnküche geschwappt.

Ein kleines Wohnhaus, zwei Schuppen - einer fürs Holz und die Geräte, der andere für die Tiere. Sieben Ziegen, sechs Hühner, ein Hahn. Eine Sau.

Agnes sah, wie sich der Vater mit dem Viehhändler einig wurde. Handschlag. Der Viehhändler zählte die Scheine ab. Bedrückt sah Agnes zu, wie der Viehhändler drei Ziegen zum Anhänger zog. Stupsi, Crissi, Paula.

»Schau mich nicht so an! Woher soll's denn kommen.« Der Vater hatte sie stehen gelassen und war ins Haus gegangen.

Mein Vater ist der schönste Mann im Tal. Er ist Förster und Jäger und versorgt für die Adelsfamilie Mosheim die riesigen Wälder, die sich vom Streitkogel bis zum Steinernen Meer erstrecken. Im Wald ist er für alles verantwortlich, für den Baumschlag, für die Setzlinge und für die Jagd. Wenn eine Jagd vorbereitet wird, dann betteln ihn alle an, dass er sie mitnimmt. Du, Wenzel, sagen sie, vergisst mich eh' nicht! Jaja!, sagt er dann, ich weiß schon, auf wen ich mich verlassen kann! Immer ist er lustig mit uns und hat ein freundliches Gesicht, obwohl er so viel zu tun hat. Und mit mir redet er über die wichtigen Sachen, weil ich seine Große bin und schon alles versteh.

Der Viehhändler hatte versucht, die bockigen Ziegen auf dem Anhänger zu verfrachten.

»Ja, hilf halt!«

Agnes ging ihm zur Hand, kraulte den Ziegen den Hals, weil sie das mochten und auch gleich beruhigte.

Die Briefträgerin knatterte mit dem gelben Moped heran.

»Aha. Is' schon so weit.« Sie kramte in der Tasche und reichte Agnes die Post. Gratiszeitung, Werbung. Und einen Brief, mit dem winkte die Briefträgerin wichtigtuerisch.

»Vom Arbeitsamt. Steht nie was Gutes drin.«

Agnes ging ins Haus. Die Wohnküche war der größte Raum. Hier hielten sie sich meistens auf. Am liebsten zwängten sie sich zu fünft auf das große, tiefe Sofa, das der Vater einmal vom Schloss mitgebracht hatte. Die von Mosheim hatten es aufs Osterfeuer werfen wollen. Dann tobten sie auf dem Sofa herum, bis schließlich der Vater sie alle im Arm hielt.

Die Schlafkammer der Kinder ging von der Wohnküche ab, das Schlafzimmer der Eltern auch. Ein kleines Bad. Das Klo. Unter der Küchendecke war die zugeklappte Luke zum winzigen Dachboden. In der Nacht, wenn alles still war, konnte Agnes dort oben die Siebenschläfer herumrennen hören. Einmal hatte sie leise die Luke geöffnet und mit der Taschenlampe hineingeleuchtet - von den Siebenschläfern natürlich keine Spur! Kaum lag sie aber wieder im Bett, ging dort oben die Party wieder richtig los.

Der Vater hatte das Frühstücksgeschirr in die Abwasch geräumt. Mit dem Kopf deutete er zum Badezimmer. Durch die halb offene Tür sah Agnes ihre Mutter vor dem Waschbecken sitzen. Unendlich langsam zog sie sich den Bademantel von der Schulter.

Agnes gab dem Vater den Brief. Er riss ihn gleich auf. Fragend sah sie ihn an. Der Vater wandte sich ab und setzte sich an den Tisch. Sein Rücken war wie ein zugefallener Kistendeckel.

Agnes ging ins Bad. Über dem Waschbecken wusch sie der Mutter die Haare. Die Mutter blieb ganz stumm, obwohl anfangs das Wasser viel zu kalt war.

Das sagt auch immer meine Mutter: Agnes, meine Große, auf dich ist Verlass. Wenn ich vier Wochen verreisen tät, würd's keiner merken, weil du den Laden alleine schaukelst. Aber das sagt sie nur im Spaß, weil in Wirklichkeit könnten wir gar nicht ohne die Mutter. Schon weil sie uns...

»Wuchtig, intensiv und hoch spannend - das ist der neue Roman des österreichischen Autors Peter Keglevic: "Wolfsegg".«
 
»Von allem etwas, vor allem aber ist Keglevics Roman bei aller Grausamkeit und allem Elend ein wunderschönes, sprachlich verzauberndes und ruhig erzähltes Buch.«
 
»Normalerweise macht ein Kritiker wa¨hrend des Lesens Notizen. Es war unmo¨glich, so tief war man in 'Wolfsegg' drinnen.«
 
»Schon ab den ersten Seiten stockt einem der Atem. Äußerst lesenswert!«
 
»Ein großer Geschichtenerzähler!«
 
»Mit dem heuer erschienenen Roman 'Wolfsegg' [.] beweist er erneut sein Gespür für packende Stoffe, die in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lassen.«
 
»Ein Buch, das mit jeder Zeile Herzklopfen bereitet.«
 
»Eine kraftvolle kleine Heldin, deren Schicksal noch lange nachklingt.«
 
»Ob literarisch oder filmisch, Keglevic widmet sich immer wieder dem Erforschen von Abgründen des menschlichen Seins.«

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

15,99 €
inkl. 5% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen