Und essen werden wir die Katze

 
 
Kremayr & Scheriau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Oktober 2018
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-218-01149-5 (ISBN)
 
Biografien kann man an- und ausziehen, sich umhängen oder sich daran aufhängen, zumindest literarisch. Meist ist es umgekehrt. Biografien schreiben fest: Afghanischer Flüchtling. Österreichische Sozialhilfeempfängerin. Aber wie lange bleibt der Flüchtling ein Flüchtling? Und warum bleiben der Sozialhilfeempfängerin so viele Türen verschlossen? Nadine Kegele sucht die Leerstellen und Zwischentöne und changiert zwischen Lossagung und Neuschreibung. Sie zerteilt Lebensläufe in ihre Bausteine, baut Collagen aus Wörtern und Bildern - und geht dabei weit über die Genregrenzen hinaus.
Nadine Kegele hört nicht nur den Stimmen genau zu, die sich ihr anvertrauen, sie schaut auch jedem Wort genau auf die Finger. Sie befragt seine vorder- und tiefgründige Bedeutung und erkennt Sprache als hochpolitisches Instrument. Jede Erzählung schärft den Blick auf die Gesellschaft und zeugt von einer großen Lust am Finden und Erfinden.
"Wirf Flugzettel ab wie in dem Märchen vom Krieg, wirf sie in dampfende Küchen, in Krabbelstuben, in die Dauerwellen unter den Trockenhauben der Frisiersalons."
  • Deutsch
  • Wien
  • |
  • Österreich
  • 32,88 MB
978-3-218-01149-5 (9783218011495)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Nadine Kegele, geboren 1980 in Bludenz, lebt in Wien. Bürolehre, zweiter Bildungsweg, Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Gender Studies. Erwerbsarbeiten als Nachtsekretärin, Finanzassistentin, Mediaplanerin, aktuell im Basisbildungstraining mit Geflüchteten an der Volkshochschule Wien. Schreibt für die Straßenzeitung "Augustin". Zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. Publikumspreis beim Bachmannpreis, Jubiläumsstipendium der Literar Mechana, Projektstipendium des Bundeskanzleramts Österreich, Theodor-Körner-Preis. Zuletzt erschienen der Roman "Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause" (2014) und die literarischen Protokolle "Lieben muss man unfrisiert" (2017), die Ö1 2018 als Hörspiel produzierte.

Zet wie Zubaidi


Ich.

Du.

Ich habe braune Augen und schwarze Haare.

Du bist mittelgroß.

Ich hatte 89 Kilo, im Fitnesscenter, jetzt habe ich 100.

Du gehst früh schlafen.

Um neun oder zehn.

Du stehst früh auf.

Um sechs oder sieben.

Du wohnst mit einem Kollegen in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Zimmer, Bad, Stockbett.

Ich war seit vier Jahren nicht mehr daheim.

Du kommst aus Kuwait.

Kuwait hat nicht viel Grün. Gärtner machen die Stadt grün.

Aber außerhalb der Stadt ist Wüste.

Nur wenn es regnet, kommen dort Blumen. Gelbe, weiße. Zwei, drei Monate. Und viele Tiere gibt es in Kuwait.

Möwen. Robben. Und Zubaidi.

Was ist das?

Ein kleiner weißer Fisch. Man isst ihn mit Reis.

Du magst Reis.

I wie Identität


Du erzählst von Kuwait.

Zuerst war Kuwait nicht rich. Dann hat Kuwait nach Öl gebohrt und wurde rich und ein office hat die Einwohner gezählt. Viele Personen sind sich aufschreiben gegangen.

Die Kuwaiti haben eine ID bekommen.

Das ist ein Identitätsdokument, vergleichbar mit einem Pass.

Mit der ID bekommt man Schule, Versicherung, Arbeit.

Du bist kein Kuwaiter.

Ich bin Bidun.

Du giltst als staatenlos.

Die alten Bidun sind oft nach Saudi-Arabien und in den Irak gegangen, wegen dem Essen für ihre Tiere. Schafe, Kamele. Vor der ID waren Grenzen nicht wichtig. Dann sind auch die Bidun zum office gegangen. Die Bidun konnten nicht schreiben. Und das office hat gefragt: »Aus welchem Land kommst du?« Mein Großvater hat gesagt: »Aus Kuwait. Ich bin 50 Jahre hier. Mein Vater, mein Großvater waren schon hier.« Das office hat gesagt: »Nein, du bist nicht Kuwaiti. Geh weg! Nach Saudi-Arabien oder in den Irak!«

E wie Essen


Deine Familie hatte nie Papiere.

Manche Bidun hatten Papiere, weil Kuwait hat Männer für die Armee gebraucht. Aber diese Papiere waren wie die Weiße Karte hier in Österreich.

Sie berechtigt zum Aufenthalt während eines laufenden Asylverfahrens.

1985 war ein Anschlag auf den Scheich. Er ist nicht gestorben, aber viele Bidun von der Armee wurden tot.

Als kleiner Junge hast du das im Fernsehen gesehen.

Ich war traurig. Alle Bidun waren traurig. Niemand wollte mehr eine ID. Nur noch Essen und ruhig sein.

eM wie Müll


1990 war Krieg.

Du warst zehn.

Mein Onkel und Vater haben clean for city gemacht, Müll sammeln für die Stadt, mit einem Auto, orange wie hier. An einem Tag haben sie die irakische Armee kommen sehen und sind gerannt.

Zwei Kollegen wurden gefangen. Und Saddam hat Bomben auf die Ölfelder geworfen. Die Luft war schwarz.

Du hast nichts mehr gesehen.

Nichts! Überall Öl. Und die Tiere vom Meer tot. Kuwait hat mit USA einen contract gemacht und alle Länder hatten ein meeting. 1991 war der Krieg fertig. Wir sind mit der Kuwait-Flagge auf die Straße. Alle waren glücklich. Geflüchtete Kuwaiter sind aus Saudi-Arabien zurückgekommen.

Aber Kuwait hat gesagt: »Die Bidun haben dem Irak geholfen!« Viele Bidun wurden getötet. Und viele sind geflüchtet. Nach England, Kanada, Australien, Saudi-Arabien, Irak. Nach Österreich nicht.

Pe wie Pass


Später hat der Boss vom office für Bidun einen contract mit dem Boss einer Insel gemacht, in Afrika, Komoren. »Gib du mir passports für deinen Staat und ich baue Häuser für dich.« Zu uns Bidun hat das office gesagt: »Du willst Papiere? Nimm dieses passport und du kriegst Aufenthalt, Versicherung und Schule für deine Kinder.« Hättest du den Pass genommen, der für fünf Jahre ausgestellt war, hättest du Kuwait nach fünf Jahren verlassen müssen.

Wir haben ein family meeting gemacht. Wir haben gesagt: »Das machen wir nicht.« Mein Land ist doch Kuwait! Du warst frisch verheiratet.

eR wie Rosen


2014 haben wir eine Demonstration gemacht.

Ihr hattet Fotos vom Präsidenten, vom Scheich, eine Flagge von Kuwait.

Unsere Kinder haben der Polizei Rosen gegeben. Aber - Dann?

Gas, guns und Gummigeschosse. Die Polizei ist mit dem Auto über Menschen gefahren. Fünf Polizisten haben einen Bidun geschlagen. Kinder und Frauen auch. Greif! Hier?

Spürst du? Drei Wunden auf meinem Kopf.

Drei Narben unter deinen Haaren.

Die Polizei ist später nach Hause zu den Bidun. Sie hat Leute eingesperrt, für zehn oder mehr Jahre.

Ohne anzuklopfen ist die Polizei in euer Haus. Sie hatte deinen Namen und ein Foto von dir.

Mein Vater hat gesagt: »Er ist nicht hier.«

Du bist aufs Hausdach geklettert.

Ich bin gerannt.

Ohne Verabschiedung.

Meine Kinder sind jetzt dreizehn, elf und acht.

Als du gerannt bist, waren sie neun, sieben und vier.

Ka wie Kinder


Als du klein warst.

Hat ein Kuwaiti meinem Vater ein Haus gelassen. Er hat gesagt: »Wenn ich tot bin, bleibt diese Familie da drin!« Drei Zimmer, eine Toilette, eine Küche. So groß wie Wohnzimmer und Küche bei dir. Für Bruder, Mutter, Vater, Frau, drei Kinder, mich.

Du hast neben einer großen Moschee gewohnt, und neben dem Elektrizitätswerk für die ganze Stadt.

Die Kabel sind im Boden, nicht in der Luft.

Und neben eurem Haus ist ein Kindergarten, eine Schule, ein Krankenhaus.

Wir haben nicht gehen dürfen.

Einmal bist du gegangen.

Mit meinem Bruder. Wegen meinem Zahn.

Obwohl ihr nicht versichert wart.

Ein Arzt hat gesagt: »Spülen, dann ausspucken.« Ein anderer Arzt hat gesagt: »Aber das sind Bidun!« Der gute Arzt hat gesagt: »Das sind Kinder.«

In Österreich bist du als Erstes in eine Zahnpraxis gegangen.

Drei Zähne hat die Ärztin gerissen. Eine Stunde für einen Zahn. Davor hatte ich zwanzig Jahre lang diesen Schmerz. Zwanzig Jahre Kopfweh.

Danach bist du nicht mehr zu einem Arzt oder einer Ärztin. Fieber oder krank, egal. Ich möchte Österreich nicht viel Geld kosten.

Ha wie Hand


Du hast noch eine Erinnerung.

Ich bin neun Jahre alt.

Du spielst im Hof.

Ich spiele mit einer Katze.

Im Hof ist ein Baum und ein Zaun zum Nachbarn.

Der Zaun ist aus Eisen.

Das Eisen hat Spitzen. Dein Kleid ist weiß.

Das ist das Kleid der Kuwaiti.

Die Katze.

Geht durch den Zaun zum Nachbarhaus.

Du willst über den Zaun klettern, der Katze nach.

Ich bleibe hängen.

An einer Eisenspitze.

Mein Kleid ist kaputt und rot.

Dein Nachbar ruft die Rettung.

Der Fahrer sagt: »Ihn nehme ich nicht mit, er ist Bidun!« Mein Nachbar sagt: »Du nimmst ihn mit, mit meiner ID, und sagst den Namen meines Sohnes!«

Dein Vater, dein Nachbar, sein Sohn sind ins Krankenhaus gekommen.

Mit Blumen. Sie haben gesagt: »Sag nie, nie deinen richtigen Namen!« Aber ich habe ihn gesagt.

Ein Versehen.

Der Arzt hat gefragt: »Was für ein Name? Was sagst du da?« Ich habe gesagt: »Ach nein, falsch .«

Zwei oder drei Monate bist du im Krankenhaus gelegen.

Die Hand war kaputt. Dreimal aufgeschnitten und zusammengenäht. Der Arzt war aus Japan, viele Krankenschwestern waren aus Indien. Das Krankenhaus heißt Mubarak Al-Kabeer...

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