Tod in Twistringen

 
 
Lago (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Oktober 2018
  • |
  • 168 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95762-129-0 (ISBN)
 
Wie weit geht ein Autor, um einen Bestseller zu schreiben?

Leos Stiefvater ist Schriftsteller. Er nervt zwar manchmal durch Besserwisserei, findet Leo, aber ansonsten ist Marten ein netter Kerl - bis er er eines Tages in dessen Arbeitszimmer einen merkwürdigen Fund macht. Plötzlich muss er sich fragen, wie weit der Mann seiner Mutter bei den Recherchen für seinen neuen Roman "Finish" tatsächlich geht. Die Entdeckung lässt Leo keine Ruhe mehr und er beginnt, seinem Stiefvater nachzuspionieren. Dabei merkt er nicht, dass er damit nicht nur sich selbst, sondern seine ganze Familie in tödliche Gefahr bringt.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 1,05 MB
978-3-95762-129-0 (9783957621290)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2


»Aufstehen, das Frühstück ist gleich fertig!« Durch die geöffnete Tür wirft das Licht aus dem Flur einen schmalen Streifen genau auf Leos Gesicht. Er knurrt und zieht die Bettdecke darüber. Das ist die Reaktion, die seine Mutter erwartet. Sie schließt die Tür, Leo hört ihre Schritte auf der Treppe. Das klackende Geräusch verrät, dass sie schon ihre hochhackigen Schuhe angezogen hat. Sie hat es wohl eilig.

Normalerweise würde er jetzt nach seinem Handy greifen und WhatsApp und Facebook checken. Dann würde er ein Bein bis zum Rand der Matratze bewegen und seinen Körper langsam aus dem Bett schieben, sich anziehen, seine Schultasche packen und sich selbst und die schwere Tasche nach unten in die Küche schleppen. Dort fiele ihm ein, was er alles vergessen hat, er liefe hoch in sein Zimmer, begleitet von den mütterlichen Worten: »Warum packst du deine Tasche denn nicht am Abend, ich habe es dir schon so oft gesagt.«

Heute bleibt er liegen. Dass er Migräne hat, ist nicht ungewöhnlich, niemand wird deswegen misstrauisch werden. Er muss dann mindestens bis zum Nachmittag im Bett bleiben, danach sind die Kopfschmerzen wieder weg. Diesmal allerdings spürt er gar nichts, und wenn alle aus dem Haus sind, wird er aufstehen, um genauer nachsehen, was da im Schreibtisch seines Stiefvaters steckt. Der ist nämlich heute ebenfalls unterwegs, das hat er am Abend zuvor beim Essen erzählt. Die Schule wird Leo nicht vermissen, schade findet er nur, dass er heute nicht aus Versehen ins Bad platzen kann, während sich Nathalie fertig macht. Dass in der Tür innen ein Schlüssel steckt, hat sie wohl noch nicht bemerkt.

Leo hört Schritte auf der Treppe. Sie nähern sich.

»Was ist denn los, warum kommst du nicht?«

»Kopfschmerzen, Mama.« Das reicht schon. Seine Mutter holt Tabletten und ein chinesisches Öl, das er sich auf die Stirn streichen soll. Von unten ruft Marten.

»Jetzt komm, wir müssen los.«

Die Mutter wird hektisch.

»Hier, du weißt ja.« Sie reicht ihm die Blisterpackung und das Ölfläschchen.

»Gute Besserung, und wenn es dir wieder einigermaßen geht, rufst du deine Freunde an wegen der Hausaufgaben.«

»Ja, mach ich.« Leo dreht sich zur Wand und schließt die Augen. Sie streicht ihm kurz über den Kopf, dann wird es wieder dunkel im Zimmer und man hört das klappernde Geräusch ihrer Schritte auf der Treppe. Kurze Zeit später schlägt die Haustür zu. Danach ist es still im Haus. Meist kommt seine Mutter noch einmal zurück, weil sie etwas vergessen hat, deshalb dreht sich Leo auf den Rücken und schließt die Augen. Er schläft ein.

Leo öffnet die Augen. Durch die Spalten im Rollladen dringen schmale Lichtfächer ins Zimmer. Ein Blick auf das Handy. Kurz vor neun. Er hat fast zwei Stunden geschlafen. Leo kann sich nicht erinnern, irgendetwas geträumt zu haben. Er steht auf und schlüpft in die Sachen, die noch vom Abend neben dem Bett liegen. Im Bad riecht es noch streng nach dem Deo, das Jennifer immer benutzt. Aber Leo riecht auch eine zweite, deutlich schwächere Note, die zu Nathalie gehören muss.

Das Haus knarrt. Er hat sich schon oft gefragt, woher die Geräusche kommen, wenn niemand da ist. Das Haus scheint ein Eigenleben zu besitzen. Wenn alle aus der Tür sind, fängt es an, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Einen so unauffälligen Menschen wie Leo kann man schon mal übersehen. Er fühlt sich, als beobachte er jemanden heimlich bei seinen alltäglichen Verrichtungen. Er geht nach unten, um sich etwas zum Frühstück zu besorgen, und bemüht sich dabei, besonders leise aufzutreten. Ohne seine Bewohner wirkt das Haus unnahbar, seine Wände sind kalt. Leo möchte nicht, dass das Haus seine Anwesenheit bemerkt. Im Wohnzimmer dreht er die Heizung auf, dann nimmt er sich eine Banane und denkt nach.

Leo öffnet mit einer Hand die Tür von Martens Arbeitszimmer, in der anderen hält er die Kamera. Sie ist ausgeschaltet. Er braucht sie nur, um den Beweis zu filmen. Wenn er denn etwas findet. Auf dem Computer hat er sich vorhin noch einmal angesehen, wo der Finger aufgetaucht war. Er muss es irgendwie schaffen, das linke Fach des Schreibtischs zu öffnen. Dieses Möbelstück beeindruckt ihn immer wieder. Es ist eindeutig der Oberboss in der Rangliste aller Möbel im Haus. Dunkel und massiv beherrscht es das Arbeitszimmer. Würde es losmarschieren, könnte es leicht alle Hausbewohner zerquetschen.

Leo achtet darauf, beim Durchqueren des Zimmers die Papiere nicht durcheinander zu bringen, um keine Spuren zu hinterlassen. Aus dem Schrank im Flur hat er sich Handschuhe geholt. Die Lederhandschuhe seiner Mutter passen ihm gut. Er hockt sich vor den Schreibtisch. Natürlich ist das Fach abgeschlossen, das hatte er sich schon gedacht. Er hat ein paar Schraubenzieher aus dem Keller mitgebracht und stochert nun damit im Schloss herum. Im Film springt so ein Schloss dann immer ganz einfach auf. Aber offenbar nur im Film.

Er überlegt. Wenn er den großen Schraubenzieher als Hebel benutzt, könnte er die Tür vielleicht aufstemmen. Aber erstens macht sie einen sehr stabilen Eindruck, zweitens würde Marten das sofort bemerken. Zwischen Wand und Schreibtisch ist nicht genug Platz für ihn. Leo zieht an einer Ecke des Möbels, zunächst leicht, dann mit aller Kraft, doch der Schreibtisch rührt sich keinen Millimeter, als sei er einbetoniert. Hinter dem Schreibtisch, vor dem Fenster, ist der Abstand größer. In diese Lücke würde er passen. Leo beschließt, über den Tisch zu klettern. Dazu muss er zuerst alles aus dem Weg räumen. Kann er sich merken, wo jede einzelne Mappe, jedes Papier seinen Platz hat? Er hofft, dass auch Martens Gedächtnis nicht so gut ist.

Der Weg ist frei. Leo kriecht auf den Knien über die Tischplatte. Zu spät merkt er, dass er die Kamera vergessen hat. Mist. Dann eben ohne. Er versucht, von oben in der dunklen Spalte etwas zu erkennen. Keine Chance, er muss weiter hinunter, um hineinsehen zu können. Wenn er sich in die Lücke zwischen Tisch und Fenster quetscht, kann er sich nicht mehr bücken, um die Rückseite des Faches zu überprüfen. Es hilft nichts, er muss mit dem Kopf voran abtauchen. Leo schiebt sich vorwärts, tastet die Rückwand des Schreibtisches ab. Nichts. Noch ein Stück. Jetzt hängt fast sein ganzer Oberkörper zwischen Schreibtisch und Fenster. Er stützt sich mit einer Hand ab, um nicht komplett hineinzurutschen. Endlich sieht er das Loch in der Rückwand, in dem seine Kamera den Finger erspäht hatte. Es ist leer. Leo ist enttäuscht und wundert sich darüber. Eigentlich sollte er doch erleichtert sein.

»Leo, was machst denn du da?«

Erschrocken will er sich hochziehen und rutscht dabei tiefer in die Lücke. Zappelnd sucht er nach Halt, Papiere flattern vom Schreibtisch.

»Leo, bist du das?« Es ist Nathalies Stimme. Sie ist näher gekommen. Leo wird rot. Wenigstens kann sie sein Gesicht nicht sehen.

»Geht es dir gut? Kann isch dir elfen?« Leo würde nur zu gern ablehnen. Er braucht aber nicht lange, um seine Optionen durchzugehen.

»Ja, das wäre nett«, sagt er und muss niesen. Er merkt, wie zwei Hände seinen linken Unterschenkel greifen und ihn nach oben ziehen. Ein paar Sekunden später kann er sich aufrichten. Leo dreht sich um. Nathalie lehnt sich halb über den Schreibtisch und lacht amüsiert. Verlegen senkt er den Blick, der an ihrem Ausschnitt hängen bleibt. Nathalies Busen hüpft im Takt ihres ausgelassenen Gelächters.

»Was . was machst du denn schon hier?« Leo weiß, dass er besser keine so dummen Fragen stellen sollte, doch ihm fällt nichts anderes ein. Nathalie streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»In der Schule ist jetzt Gottesdienst«, antwortet sie, »isch glaube nicht an so was, desalb bin isch frü-er gegangen.«

Leo spürt noch immer die Hitze auf seinen Wangen.

»Jennifer kommt erst in zwei Stunden«, sagt Nathalie, »Was machen wir zwei denn so lange?«

Leo beißt sich auf die Lippen. Er muss jetzt irgendetwas Intelligentes von sich geben, um seine Scharte auszuwetzen. Doch da ist nur Watte in seinem Kopf und der Ausschnitt von Nathalies Bluse.

»Du bist süß, wenn du rot bist«, sagt sie. Danke, denkt Leo, sehr hilfreich. Er spürt, wie ihm das Blut in den Kopf schießt. Sie wird noch glauben, ich hätte Fieber.

»Weißt du was?« Nathalie beißt sich auf den Fingernagel. »Du könntest mir doch mal das Aus zeigen, wie wäre das? Also, so rischtig, von oben bis unten?« Dabei zeigt sie mit der linken Hand erst an die Decke, dann auf ihre Füße. Leo folgt mit dem Blick ihren Gesten und ärgert sich schon wieder über seine Dummheit. Ich benehme mich wie ein Fisch im Aquarium, denkt er. Nathalies Füße stecken in...

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