Die Vereinbarkeit von häuslicher Pflege und Beruf

Studien zur Gesundheits- und Pflegewissenschaft
 
 
Hogrefe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Oktober 2013
  • |
  • 312 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-456-75144-3 (ISBN)
 
In Deutschland pflegen etwa 4 Millionen Menschen einen nahen Angehörigen. Viele von ihnen sind erwerbstätig ('working carers') und müssen die häusliche Pflege und ihren Beruf unter einen Hut bringen. Wie dies erwerbstätigen Pflegenden gelingt und vor welchen Herausforderungen sie stehen, ist Thema dieses Buches.Mit repräsentativen Umfragedaten wird untersucht, welche Konsequenzen die Pflege auf die Erwerbsbeteiligung hat und welche sozialen Gruppen besoders von dem Vereinbarkeitsdilemma betroffen sind. Qualitative Interviews mit Erwerbstätigen, die für einen pflegbedürftigen Angehörigen sorgen, vertiefen den Blick. Die Schilderungen zeigen einerseits, dass Beruf und häusliche Pflege nicht immer im Widerspruch stehen. Anderseits wird deutlich, welchen Preis die Doppelbelastung haben kann. Am Ende gibt dieses Buch Impulse, wie Gesellschaft, Politik und Unternehmen die Vereinbarkeit von Plfege und Beruf unterstützen können.
1., Aufl.
  • Deutsch
  • Bern
  • |
  • Deutschland
  • 2,54 MB
978-3-456-75144-3 (9783456751443)
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1 Einleitung


Frau Ritter1 pflegt ihre 87-jährige demenzkranke Mutter. Die Mutter lebt nebenan in ihrer eigenen Wohnung. Sie kann zwar viele Dinge des Alltags noch alleine verrichten, braucht aber Anleitung und Unterstützung. Oft macht sie Dinge, die sie in Gefahr bringen. Einmal hätte die Mutter fast die Wohnung angezündet, als sie vergessen hatte, einen Braten aus dem Backofen zu holen. Seitdem ist der Backofen vom Strom getrennt. Frau Ritter meint, dass eigentlich immer jemand bei ihrer Mutter sein müsste. Sie selbst kann das zeitlich nicht arrangieren, schon wegen ihrer Arbeit nicht. Sie ist selbstständig und arbeitet auf Provisionsbasis. Ihre Arbeitszeit richtet sich nach den Kunden, die Termine liegen oft am Abend und an den Wochenenden. Die Brüder von Frau Ritter leisten kaum Unterstützung bei der Pflege. Auf die Frage, warum sie die Pflege ihrer Mutter übernommen hat, antwortet sie: „Ich bin die einzige Tochter, ganz einfach.“ Frau Ritters Mutter ist in Pflegestufe 1 eingruppiert und bezieht Pflegegeld. Die Nutzung von Pflegediensten kommt nicht in Frage, da Frau Ritters Mutter fremde Personen im Haus ablehnt und das Angebot zu teuer ist. Ein Heimaufenthalt wurde auch ausgeschlossen. Frau Ritters Mutter will nicht ins Heim, und Frau Ritter möchte ihrer Mutter einen Heimaufenthalt nicht zumuten. Eine Verwandte, die als Altenpflegerin in einem Pflegeheim arbeitet, meint mit Blick auf die Situation in den Pflegeheimen: „Wir geben unser Bestes, aber ich würde niemanden freiwillig da hinschicken.“ Frau Ritter hat kaum freie Wochenenden. Die Kontakte zu Freunden haben sich reduziert, und Frau Ritter würde auch gerne häufiger ihre Kinder und den Enkel sehen. Fehlende Ruhepausen, Termindruck und die schwierige Pflegesituation der Mutter sind für Frau Ritter sehr belastend und wirken sich negativ auf ihre Gesundheit aus.2

Frau Ritters Alltag ist exemplarisch für Hunderttausende, die meist kaum beachtet einen Verwandten oder Bekannten pflegen. Laut Pflegestatistik bezogen im Jahr 2007 rund 2,25 Millionen Menschen in Deutschland Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung. Etwa 1,54 Millionen. dieser Personen leben in Privathaushalten und werden in der Regel von Familienmitgliedern versorgt (Statistisches Bundesamt, 2009b). Es gibt außerdem hilfs- und pflegebedürftige Personen, die keinen Anspruch auf gesetzliche Pflegeleistungen haben. Sie sind in der Pflegestatistik gar nicht erfasst. Eine Hochrechnung für Deutschland im Jahr 2002 kam auf fast 3 Millionen hilfsbedürftige Menschen (Infratest Sozialforschung, 2003, 7), die sind meist ausschließlich auf die Unterstützung von Angehörigen angewiesen.

Viele der pflegenden Angehörigen sind erwerbstätig und müssen Beruf und Pflege in Einklang bringen. Die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf befasst sich jedoch in erster Linie mit erwerbstätigen Eltern. Vor welchen Herausforderungen berufstätige Pflegende stehen wird wenig beachtet. Besonders bedeutsam wird das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege vor dem Hintergrund der demografischen und sozialen Veränderungen. Mindestens drei gesellschaftliche Entwicklungen haben eine große Tragweite für die Pflege: der demografische Wandel, die „Feminisierung“ des Arbeitsmarktes und veränderte Lebensweisen und Wertvorstellungen in der Familie.

Demografischer Wandel

Die Alterung der Bevölkerung ist kein neues Phänomen, sie vollzieht sich in einigen Staaten Europas seit mehr als 100 Jahren (Kaufmann, 1960; United Nations, 1956). Die Brisanz der aktuellen demografischen Veränderungen liegt in der Dynamik und der spezifischen Art des Bevölkerungswandels. Drei Aspekte sind charakteristisch: Nationale Bevölkerungen werden voraussichtlich zum ersten Mal unabhängig von Epidemien, Naturkatastrophen oder Kriegen schrumpfen (Kaufmann, 2005). Es gibt zweitens zum ersten Mal überproportional viele alte Menschen im Vergleich zu jungen Menschen. Im Jahr 1871 kamen im damaligen deutschen Reichsgebiet auf eine Person über 60 Jahre fünf Personen unter 20 Jahren. Im Jahr 1998 war das Zahlenverhältnis der beiden Altersgruppen in der Bundesrepublik Deutschland nahezu ausgeglichen (1:1,02). Prognosen zufolge werden 2030 in Deutschland doppelt so viele Menschen über 60 Jahre leben als jüngere Menschen im Alter unter 20 Jahren (European Union, 2008; Flora, Kraus & Pfenning, 1987). Drittens kommt hinzu, dass es durch den Rückgang der Fertilität seit Mitte der 1960er Jahre einen Kontrast zwischen den geburtenstarken Jahrgängen vor 1965 (Babyboomer) und den geburtenschwächeren Jahrgängen danach gibt. Für diese beiden Kohorten sind die sozialen Folgen des demografischen Wandels besonders ausgeprägt. Neben dem lang anhaltenden Prozess der Alterung der Bevölkerung gibt es zusätzlich also eine „demografische Welle“ durch die Babyboomer.

Besonders die hochbetagten Menschen werden zahlreicher. Der Anteil der über 80-jährigen Menschen an der Gesamtbevölkerung hat sich zwischen 1970 und 2005 mehr als verdoppelt, während der Anteil der über 65 Jahre alten Menschen im selben Zeitraum nur um das 1,36-fache stieg. Schätzungen zufolge setzt sich der Trend des schnelleren Zuwachses hochbetagter Menschen fort. Im Jahr 2040 werden voraussichtlich mehr als zehn Prozent der Bevölkerung über 80 Jahre alt sein. Im Jahr 2005 waren es gerade 4,3 Prozent (European Union, 2008).

Mit dem hohen Alter nimmt das Pflegerisiko zu. Im Jahr 2005 erhielten 1,4 Prozent der 60- bis 65-Jährigen Leistungen der sozialen Pflege Versicherung. Bei den Menschen im Alter zwischen 75 und 80 Jahren waren es 8,4 Prozent und bei den 85- bis 90-Jährigen 34,3 Prozent (European Union, 2008; Statistisches Bundesamt, 2007, eigene Berechnungen).

Es wird jedoch auch von einem sinkenden Pflegerisiko ausgegangen. Menschen werden nicht nur älter, sie bleiben auch im Alter länger gesund (Fries, 1980). Der Pflegebedarf wird deshalb nicht proportional zur steigenden Zahl älterer Menschen zunehmen, sondern durch das geringere Pflegerisiko im Alter gebremst. Trotzdem muss insgesamt mit einem deutlichen Anstieg der Zahl der pflegebedürftigen Personen gerechnet werden (vgl. Abschnitt 4.4).

Im Gegenzug sinken die Pflegepotenziale durch Familienangehörige spätestens ab 2025. Bis dahin übernehmen die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre die Pflege für die durch Wirtschaftskrise und Krieg kleinen Geburtskohorten der vor 1940 geborenen Elterngeneration. Ab 2025 werden dann die so genannten Babyboomer in das Alter kommen, das mit einem erhöhten Pflegerisiko verbunden ist. Für sie tragen vor allem Personen aus den geburtenschwächeren Jahrgängen der nach 1970 Geborenen die Pflegeverantwortung. Dieser Trend wird durch die längere aktive und gesunde Phase im Alter gemildert, sodass (Ehe)Partner wahrscheinlich häufiger und länger an der Pflege beteiligt sein werden, als es heute der Fall ist. Im Jahr 2002 waren 28 Prozent der Hauptpflegenden von Leistungsbeziehern der gesetzlichen Pflegeversicherung (Ehe)Partner (Infratest Sozialforschung, 2003, 19). Ihr Anteil wird vermutlich steigen. Schätzungen zufolge wird es trotzdem zu einem zunehmend unausgewogenen Verhältnis von Pflegebedarf und familiärem Pflegepotenzial kommen (vgl. Abschnitt 4.4).

Feminisierung des Arbeitsmarkts

Die zweite gesellschaftliche Veränderung ist die so genannte Feminisierung des Arbeitsmarkts (Rubery, Smith, Fagan & Grimshaw, 1998). Zwischen 1991 und 2008 stieg der Anteil der erwerbstätigen Frauen im Alter zwischen 40 und 49 Jahren um neun Prozentpunkte auf 78 Prozent, der Anteil von Frauen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren um 18 Prozentpunkte auf 68 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2010). Unsichere Familienverläufe, bessere Qualifikationen und das veränderte Selbstverständnis von Frauen erhöhen die Erwerbsorientierung von heute jungen Frauen, sodass in Zukunft voraussichtlich die Erwerbsquoten älterer Arbeitnehmerinnen weiter ansteigen werden (Enquete-Kommission Demografischer Wandel, 2002). Auch von politischer Seite wird eine verstärkte Erwerbsbeteiligung gefordert und gefördert. Die Europäische Sozialagenda aus dem Jahr 2000 benannte z. B. als zentrales Ziel mehr und bessere Jobs und setzte ambitionierte Beschäftigungsquoten insbesondere für Frauen fest (European Commission, 2000). Mit der European Employment Strategy (European Commission, 2010) wird diese Zielsetzung bis zum Jahr 2020 fortgeschrieben.

Die zunehmende Zentrierung der mittleren Lebensphase auf die Erwerbsarbeit und der neu definierte Standard der (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit beider Partner schränkt die Zeit für die Familie ein. Durch die veränderten Erwerbsmuster von Frauen und durch das gleichzeitig kaum veränderte Engagement von Männern bei der Haus- und Familienarbeit wird die Balance zwischen Beruf und Familie zunehmend problematisch (Hook, 2006).

Für die Pflege bedeuten diese Entwicklungen, dass Pflegepotenziale in der Familie nicht nur aufgrund demografischer Entwicklung schwinden, sondern auch durch die verstärkte Arbeitmarkteinbindung potenzieller Pflegepersonen. Denn gerade die Frauen zwischen 40 und 64 Jahren sind bisher am häufigsten an der Pflege eines Angehörigen beteiligt (vgl. Abschnitt 4.2.2).

Veränderte Lehensweisen und Wertvorstellungen

Die dritte gesellschaftliche Entwicklung, die sich auf die Pflege auswirkt, besteht in den veränderten Lebensweisen und sich wandelnden Wertvorstellungen über die Familie. Zum einen leben ältere Menschen häufig autonom und getrennt von ihren Familien, was als „Singularisierung des Alters“ bezeichnet wird. Zwischen 1970 und 1988 stieg der Anteil von Über-65-Jährigen in Einpersonenhaushalten in...

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