Kein Kraut gegen die Liebe

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Juli 2015
  • |
  • 496 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98236-8 (ISBN)
 
Die Innenausstatterin Jennifer soll ein Nobelrestaurant im beschaulichen Ballyfergus einrichten. Ihr Auftraggeber: der charmante Ben. Das Aussehen des jungen Mannes, sein Auftreten und vor allem seine warmherzige Ausstrahlung - Jennifer ist vom ersten Moment an hingerissen. Doch die alleinerziehende Mutter zweier erwachsener Kinder macht sich nichts vor: eine Beziehung mit einem 16 Jahre jüngeren Mann? Allein der Gedanke ist absurd! Oder?
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 1,31 MB
978-3-492-98236-8 (9783492982368)
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Erin Kaye wurde 1966 in Larne, Nordirland, geboren, als Tochter eines polnisch-amerikanischen Vaters und einer anglo-irischen Mutter. Sie arbeitete viele Jahre erfolgreich in der Finanzwirtschaft, ehe sie sich dem Schreiben widmete. Heute lebt sie mit ihrem Mann, den beiden Söhnen und Hund Murphy in North Berwick an der schottischen Ostküste. Nach »Wunderherzen« ist »Kein Kraut gegen die Liebe« ihr zweiter Roman auf Deutsch.

1


Jennifer bemerkte ihn sofort, als sie durch die Tür des Lemon Tree am belebten Donegall Square in Belfast City trat. Das im Lokal herrschende Stimmengewirr vermischte sich mit der Popmusik, die im Hintergrund lief, irgendwo klingelte ein Telefon, und auf der offenen Metalltreppe dröhnten die Schritte der Angestellten, die leichtfüßig nach oben und unten flitzten. Er stand hinter der hell erleuchteten Bar, hielt den Kopf gesenkt und lauschte mit verschränkten Armen aufmerksam einem schwarz gekleideten Kellner. Die Ärmel seines rosaroten Hemds waren hochgekrempelt, die Unterarme blass und kräftig behaart. Über seinen muskulösen Schultern spannte der Stoff ein wenig, während die untere Körperhälfte, die in schwarzen Jeans steckte, schmal, fast schon mager wirkte. Er musste gute zehn Jahre jünger als sie sein. Jennifer, die hinter ihrer Freundin herging, war überrascht von der plötzlichen Sehnsucht, die sein Anblick in ihr weckte. Sie errötete und wandte sich ab.

Eine Kellnerin in enger Hose, die ihr Tablett wie einen Brustharnisch an den Oberkörper gepresst hielt, führte sie an einen Tisch. Sie drückte Jennifer eine Speisekarte in die Hand, sobald diese auf einem der Bugholzstühle Platz genommen hatte. Jennifer schlug sie auf und versuchte, sich auf die Worte zu konzentrieren, die vor ihren Augen tanzten. Was dachte sie sich bloß dabei, einen Kerl anzuschmachten, der so viel jünger war als sie? Einen, der sie ohnehin keines Blickes würdigen würde? Und wenn doch - das wusste sie genau - würde sie auf der Stelle Reißaus nehmen. Sie hatte vergessen, wie man flirtete. Und alles andere auch. Es war drei Jahre her, dass sie mit einem Vertreter des anderen Geschlechts auf Tuchfühlung gegangen war.

»Ich weiß, es ist erst Freitagmittag, aber ich finde, du brauchst einen Geburtstagscocktail«, stellte ihre beste Freundin Donna, eine vollschlanke Blondine, fest.

Jennifer nickte lächelnd und beschloss, Donnas Gesellschaft zu genießen und ihr ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Das gebot schließlich schon der Anstand. Außerdem gingen sie nur genau zwei Mal im Jahr, jeweils an ihren Geburtstagen, schön essen, es war also durchaus etwas Besonderes. So oft kamen sie nicht raus aus Ballyfergus, der etwa 25 Kilometer entfernten Kleinstadt, in der sie beide lebten.

»Das Essen soll hier hervorragend sein«, bemerkte Donna, die sich ein beneidenswert jugendliches Aussehen bewahrt hatte, obwohl auch sie schon über vierzig war. »Wir haben Anfang September, da sollte es bereits Austern aus Donegal geben, nicht? . Mal sehen, ob schon welche auf der Karte stehen«, fuhr sie fort, ohne die Antwort abzuwarten.

Die Getränke kamen, und nachdem sie etwas zu essen bestellt hatten, nahm Jennifer einen Schluck von ihrem preiselbeerroten Cocktail. Sie lauschte lächelnd, während Donna von einer lustigen Begebenheit in der Klinik erzählte, in der sie arbeitete - offenbar hatte sich eine der Empfangsdamen kürzlich nach einer durchzechten Nacht in eine Topfpflanze übergeben. Jennifer hielt den Blick auf ihre Freundin geheftet. Doch sosehr sie sich auch bemühte, den Mann hinter der Bar zu ignorieren, registrierte sie aus den Augenwinkeln doch jede seiner Bewegungen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie sich, jünger zu sein und von einem Mann wie ihm begehrt zu werden, noch einmal ganz von vorn anzufangen.

»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte sich Donna schließlich. »Du wirkst so abwesend.«

Jennifer lief rot an und senkte den Kopf, sodass ihr das dunkle, glatte Haar ins Gesicht hing. »Entschuldige, ich . Das ist der erste Geburtstag, an dem ich mich so richtig alt fühle. Das ist mir noch nie passiert.«

Als sie den Blick durch das Restaurant schweifen ließ, fiel ihr auf, dass sie in ihren schicken Outfits und den hochhackigen Schuhen fehl am Platz wirkten zwischen all den anderen Gästen, die legere Sommerklamotten trugen. Selbst ihre Drinks waren ein Beweis dafür, dass sie einer anderen Generation angehörten. Sie sah an sich hinunter und kam sich in ihrem engen schwarzen Bleistiftrock und dem schwarzen Jersey-Top mit der Satin-einfassung total overdressed vor.

»Du bist nur so alt wie der Mann, nach dem es dich gelüstet«, winkte Donna mit einem anzüglichen Grinsen ab, was Jennifer nur ein müdes Lächeln entlockte. »Die große Krise kommt doch eher am vierzigsten Geburtstag, nicht am vierundvierzigsten. Mit Mitte vierzig sollte Frau ja allmählich alle Programmpunkte abgehakt haben«, fuhr sie etwas ernster fort und ließ die zahlreichen Armreifen an ihrem Handgelenk klimpern wie Gefängnisketten. »Sie sollte eine Familie und einen tollen Job haben, ein positives Selbstbild und jede Menge Selbstvertrauen, eine unersättliche Libido - ach ja, und einen stattlichen Kerl, der sich um ebendiese kümmert.« Donna gluckste und legte eine kurze Kunstpause ein. Sie spielte nicht ohne Grund alljährlich die weibliche Hauptrolle in dem Stück, das der Theaterverein zu Weihnachten aufführte. »Und ich würde mal sagen, bis auf den stattlichen Kerl hast du alles.«

»In unserem Alter ist es nicht leicht, jemanden kennenzulernen.« Jennifer fasste sich in den Nacken und war kurz überrascht, als sie ins Leere griff. Sie hatte sich noch nicht an ihren neuen Haarschnitt gewöhnt, den sie sich heute Vormittag hatte verpassen lassen. In einem für sie höchst untypischen Anfall von Verrücktheit hatte sie dem Friseur gestattet, mit ihrem schlaffen, halblangen Haar zu machen, was er wollte. Das war eine kluge Entscheidung gewesen: Der hinten angestufte Bob wirkte flippig und modern, und vorne waren die Haare gerade noch so lange, dass die Frisur feminin wirkte. Jennifer war zwar sehr zufrieden damit, aber ihre Laune hatte sich dadurch auch nicht gebessert. »Manchmal glaube ich, es wird nie mehr passieren.«

»Aber natürlich wird es das!«, widersprach Donna.

Jennifer griff nach ihrem Cocktail, legte den Kopf in den Nacken und leerte das Glas in einem Zug. Nicht sehr damenhaft. Hoffentlich hatte der Mann hinter der Bar es nicht bemerkt. »Tja, wie es aussieht, werde ich wohl bis ans Ende meiner Tage allein in meinem Haus herumhocken. Matt hat sich landesweit um eine Stelle als Jungkoch beworben, und er sagt, er sucht sich eine eigene Wohnung, sobald er eine gefunden hat. Ich will nicht, dass er auszieht.«

Es war natürlich unfair, von ihren Kindern, die alt genug waren, um ihr eigenes Leben zu führen, zu erwarten, dass sie ihr Gesellschaft leisteten. Aber sie konnte einfach nicht anders. Nachdem sie jahrelang zu dritt unter einem Dach gewohnt hatten, war Jennifer einfach daran gewöhnt, dass sie immer da waren. »Mir graut schon jetzt davor. Es war schlimm genug, dass Lucy zum Studieren nach Belfast gezogen ist. Und bei der momentanen Wirtschaftslage ist es höchst unwahrscheinlich, dass Matt einen Job in Ballyfergus bekommt . Er hat sich sogar in Dublin beworben«, fügte sie mit düsterer Miene hinzu.

»Also, vielleicht beruhigt es dich ja, wenn ich dir sage, dass er da unten wohl kaum eine Stelle bekommen wird. Dublin geht es wirtschaftlich doch kein bisschen besser. Was man so hört, steigt die Zahl der Auswanderer wieder - angeblich gehen die jungen Leute scharenweise nach Amerika.«

Jennifer riss erschreckt die Augen auf. Und das sollte sie beruhigen? Was, wenn Matt ebenfalls auswandern musste, um Arbeit zu finden? Auf verträumte junge Menschen, die nicht viel hatten, wirkte die Vorstellung, in ein anderes Land zu ziehen, verlockend, und es war einfach, den vielen zu folgen, die vor ihnen bereits diesen Weg gegangen waren.

»Er kann doch nicht ewig zu Hause wohnen, Jennifer«, sagte Donna, und ein Lächeln huschte über ihr breites, ehrliches Gesicht. »Er muss auf eigenen Beinen stehen und seinen Weg gehen, wie alle Kinder.«

Jennifer zuckte die Achseln. »Ich weiß. Und ich gönne es ihm ja auch. Es ist nur .« Sie stockte und suchte nach den richtigen Worten für ihre Melancholie. »Die Aussicht, zum ersten Mal seit Jahrzehnten allein zu wohnen .« Sie schüttelte den Kopf.

»Lucy wird doch weiterhin jedes Wochenende kommen, oder?«

»Schon«, räumte Jennifer gezwungenermaßen ein. Aber es würde einfach nicht mehr dasselbe sein wie früher, als noch beide Kinder bei ihr gewohnt hatten.

»Und Muffin hast du schließlich auch noch«, erinnerte Donna sie heiter, und Jennifer schenkte ihr ein Lächeln. Für Donna war das Glas stets halbvoll. Jennifer kannte niemanden, der so optimistisch und fröhlich war wie sie, und schon deswegen liebte sie sie. Sie setzte eine gespielt grimmige Miene auf. »Muffin ist ein Hund, Donna.«

»Tja, meine Liebe, du kannst es dir nicht leisten, wählerisch zu sein.«

Jennifer lachte, dann wurde sie wieder ernst. »Matts Pläne haben jedenfalls dazu geführt, dass ich mein Leben mal gründlich überdacht und mich gefragt habe, ob das wirklich schon alles war.«

Donna nickte ernst und sagte: »Klingt nach einem akuten Fall von ENS.«

»Was?«

»ENS. Das Empty-Nest-Syndrom.«

Die Kellnerin brachte das Essen, und Donna bestellte zwei Gläser Weißwein. Jennifer betrachtete den hübsch angerichteten Caesar Salad, den sie bestellt hatte. Ihr war der Appetit vergangen.

»Ist ja auch kein Wunder«, fuhr Donna fort und nahm Messer und Gabel zur Hand. Sie hatte keine Kinder, aber sie war Psychologin und wusste, wovon sie sprach. »Los, hau rein!« Sie schob sich ein Stück Lachs in den Mund, kaute kurz und sagte dann mit vollem Mund: »Du brauchst bloß mal etwas Abwechslung vom Alltag, Jennifer. Dir ist die Lebenslust abhandengekommen, aber das lässt sich ändern. Du...

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