Ein Jahr in Singapur

 
 
Verlag Herder
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. April 2013
  • |
  • 192 Seiten
 
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978-3-451-34568-5 (ISBN)
 
Ein Jahr in Singapur, kann das gutgehen? - Von der Wohnungssuche zwischen Hochhausbaustellen und der Kontrolle malariaverseuchter Blumentöpfe über Fußmassagen im Tempel, Vogelgesangswettbewerbe und Begegnungen mit Krokodilen in Stadtrandsümpfen. - Kein Hindernis, in dieser faszinierenden Multikulti-Gesellschaft anzukommen.
  • Deutsch
  • Freiburg im Breisgau
  • |
  • Deutschland
  • 3,68 MB
978-3-451-34568-5 (9783451345685)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Nicola Kaulich-Stollfuß, geboren 1969, studierte an der Freien Universität Berlin, verbrachte mehrere Auslandssemester in Spanien und begann 1998 die Lehrtätigkeit an einer Grundschule in Berlin-Moabit. Im Februar 2010 zog sie nach Singapur.
  • Intro
  • [Impressum]
  • Widmung
  • Prolog
  • Februar - Asia light
  • März - Ein Maulwurf lernt Singlish
  • April - Mit Vogelgesang zur Armenspeisung
  • Mai - Radio Multikulti
  • Juni - Stinkfrucht, Englein und Promille
  • Juli - Am Nabel der Welt
  • August - Selamat Datang - Grüezi mitenand
  • September - Edelweiß und heiße Reifen
  • Oktober - Hoch, höher, am höchsten
  • November - Werden und vergehen
  • Dezember - Santa Claus is coming to town
  • Januar - Drachen, Dollar und Dämonen
  • Epilog

Februar


Asia light

In meinem Fall wiegt der Koffer dreißig Kilo und fügt mir beinahe einen Bandscheibenvorfall zu, während ich ihn an einem kalten Morgen im Februar die vier Treppen unseres Berliner Altbaus hinunterwuchte. Von der Wohnung hier können wir uns nicht trennen. Schließlich sind wir erst vor einem Jahr eingezogen und haben sie uns so richtig gemütlich gemacht. Trotz der frühen Morgenstunde und der fiesen winterlichen Minusgrade ist eine treue Eskorte von Freunden und Kollegen zum Flughafen gekommen, um mich zu verabschieden. Das rechne ich ihnen hoch an, und auf meinem Flug nach Frankfurt schniefe ich beim Frühstückskaffee ein wenig vor mich hin. Dort angekommen habe ich keine Zeit mehr zum Heulen, schließlich muss ich den Flieger nach Singapur kriegen …

Es schließen sich zwölf Stunden in atmosphärischen Höhen über verschiedenen Kontinenten an. Dann landet mein Flugzeug im Morgengrauen endlich auf dem Changi Airport im Osten Singapurs. Ich entfalte nach dem langen Flug selig meine Beine und setze den ersten Fuß auf asiatische Erde. Von nun an gelte ich in Singapur als „Expat“ (Expatriate = Auswanderer) und bei den Asiaten als „Langnase“.

Genau genommen ist dies bereits mein zweiter Besuch auf dem Changi Airport. Vier Monate vorher bin ich zusammen mit Burkhard das erste Mal für zwei Wochen in unser zukünftiges Gastland gereist. Wir wollten testen, wie sich Singapur „anfühlt“, und vor allem hatten wir die Aufgabe, uns dort eine Wohnung zu suchen.

Was die Wohnungssuche anging, griff Burkhards neue Schweizer Firma diesbezüglich hilfreich ein und stellte uns eine Wohnungsmaklerin zur Verfügung. Unsere soll eine Chinesin namens Patricia sein. So klingelt, kaum, dass wir damals in Singapur im Hotel angekommen waren, gleich das Telefon. „This is Patricia, darling!“, meldet sich unsere Maklerin mit einer sehr eigenen, langgezogenen Intonation. Dabei zieht sie das Wort „darling“ so gekonnt mit ihrem eigenen Namen zusammen, dass es sich eher anhört wie „Patriciadarläääng“. Burkhard verkneift sich ein Lachen und verabredet sich mit Patriciadarläääng für 10.00 Uhr in der Hotellobby.

Sechzig Minuten später begrüßt uns eine kleine, schmale Chinesin, die gern und viel mit weit aufgerissenem Mund lacht und immer unter Zeitdruck zu stehen scheint. Auch jetzt fackelt sie nicht lange und verfrachtet uns kurzerhand in ein gemietetes Taxi. Dort bekommen wir von ihr einen Stapel Karteikarten mit diversen Adressen und Quadratmeterzahlen in die Hand gedrückt. Gleichzeitig unterweist uns Patriciadarläääng, dass wir am Zielort auf einen Gegenagenten stoßen werden, der uns die Wohnung selbstverständlich schönreden wird, egal, wie sie aussieht. Auch wenn wir noch so sehr Gefallen an dem Apartment finden sollten, rät sie uns dringend, ein Pokerface aufzusetzen, um den Preis nicht in gigantische Höhen zu treiben. Das Verhandeln sollen wir ihr überlassen. Wir versprechen, unser Bestes zu geben, und los geht’s.

Die erste Wohnung liegt im 19. Stock eines modernen Hochhauses. Patriciadarläääng scheint nicht gewusst zu haben, dass dieses direkt an einem Verkehrsknotenpunkt liegt, registriere ich verwundert. So erhebt sich der Wohnblock inmitten tosenden Verkehrs. Es handelt sich bei diesem Hochhaus um eine typische Wohnanlage, die Condominium, kurz Condo, genannt wird (von lateinisch „con-dominium“ = „gemeinsames Eigentum“). Dies ist eine der Hauptwohnarten für Expats in Singapur. Zuerst passieren wir, vom Verkehrslärm begleitet, einen Swimmingpool, der allen Hausbewohnern zur Verfügung steht, wie wir von unserer Maklerin erfahren. Dann fahren wir mit dem Fahrstuhl in den 19. Stock, wo wir nun vom chinesischen Gegenagenten begrüßt werden. Vor der Wohnung ziehen wir uns nach asiatischer Sitte die Schuhe aus und betreten nun zum ersten Mal singapurische Wohnlandschaft. Das Apartment ist noch an eine chinesische Familie vermietet, die sich eigens für die Besichtigung um den Wohnzimmertisch versammelt hat. Wir grüßen freundlich zurück und durchschreiten nun ihre hundertzwanzig Quadratmeter. Während uns der Gegenagent in gebrochenem Englisch die angeblichen Vorteile des Apartments anpreist, registriere ich belustigt die Zeichen und Gesten, die mir die chinesische Oma hinter seinem Rücken macht. Sie versucht uns unmissverständlich klarzumachen, dass wir in dieser Wohnung aufgrund des tosenden Verkehrslärms nie und nimmer des Nachts ein Auge zumachen werden. So viel ist klar! Ich halte ihr hinter dem Rücken des Agenten verschwörerisch den Daumen hoch, als Zeichen, dass ich verstanden habe. Diese Wohnung ist ganz sicher nicht das Ziel unserer Träume. Es wäre ja auch zu großes Glück gewesen, gleich bei der ersten Besichtigung einen Treffer zu landen. So verabschieden wir uns höflich, und weiter geht’s zum nächsten Condo.

Das ist diesmal nicht an einem Hauptverkehrsknotenpunkt gelegen, und ich schöpfe Hoffnung. Auch hier passieren wir zunächst den Swimmingpool und gelangen zusammen mit Patriciadarläääng und dem Gegenagenten mit dem Fahrstuhl in den 24. Stock des modernen Komplexes. Das Apartment ist unbewohnt und begrüßt uns mit angenehmer, dämmriger Kühle. Voller Freude registrieren wir eine saubere, helle Küche, den großen Wohn- und Essbereich, ein Arbeitszimmer und zwei geschmackvolle Bäder. Dann betreten wir das geräumige Schlafzimmer. Während Burkhard und ich uns noch fragen, woher auf einmal der unbeschreibliche Lärm kommt, hat Patriciadarläääng schon die schweren dunklen Vorhänge vor den Fenstern aufgezogen: Entgeistert starren wir auf das höhlenartige Gerippe einer zwanzigstöckigen Großbaustelle, auf der gerade Hochbetrieb herrscht! Um diese bräuchten wir uns nicht weiter zu kümmern, erklärt uns der Gegenagent freudestrahlend. Schließlich würde in Singapur Tag und Nacht auf den Baustellen gearbeitet, und somit dürfte sich auch unsere hier in spätestens vier Monaten erledigt haben und wieder Ruhe einkehren! Vier Monate lang schlaflose Nächte? Burkhard und ich wechseln einen entsetzten Blick. Wir sind uns einig: auf keinen Fall! Also wieder rein ins Taxi und auf zum nächsten Condo.

Der Gegenagent ist jetzt eine Frau, die aussieht wie eine chinesische Barbiepuppe. An ihr scheint alles künstlich zu sein: ihre aufgehellte gelockte Haarmähne, die langen Plastikwimpern und der für eine Asiatin gigantisch große Busen. In der Tat berichtet sie uns ungefragt, dass sie sich heute noch ein wenig unpässlich fühle. Schließlich hätte sie sich gerade erst vor wenigen Tagen die obere Lidfalte umoperieren lassen. Während sie uns nun auf beachtenswert hohen Absätzen vorausstöckelt, werden wir von Patriciadarläääng schnell aufgeklärt, dass das chinesische Schönheitsideal anstelle von schmalen, mandelförmigen nun mal eher große, runde Augen vorsehe, wie wir Europäer sie im Allgemeinen zu besitzen pflegen. Aha! Das denken wir auch, als wir das Apartment besichtigen. Auch hier zeigt sich wieder das für singapurische Wohnungen gängige Prinzip: Betritt man die Wohnfläche, fällt man zunächst (ähnlich wie in Amerika) in einen großen Wohn- und Essbereich. Hier schließt sich direkt die Küche an, häufig offen konzipiert und nur durch einen Tresen vom Wohnraum getrennt. Sie umfasst am Ende stets einen kleinen Waschküchenbereich, manchmal noch eine Toilette, aber immer einen „Bomb Shelter“. Zunächst halten wir den für eine gemauerte Vorratskammer, da fensterlos und den Maßen nach so beschaffen, dass man mühelos vier schmale Regale in ihr unterbringen könnte. Stattdessen werden wir von der Barbiepuppe aufgeklärt, dass er stahlträgerdurchzogen und erdbebensicher konzipiert sei. Somit könnten wir in ihm auch eventuelle Angriffe aus Malaysia unbeschadet überstehen. Ich staune sehr: Zwar wusste ich, dass Singapur und sein malaiischer Nachbar sich nicht wirklich grün sind und hin und wieder Streitigkeiten aufkommen; nach Aussage der Maklerin scheinen wir uns aber sogar im Kriegsgebiet zu befinden. Burkhard erklärt mir diesbezüglich, das sei völliger Quatsch. Ansonsten hat auch dieses Apartment einen kleinen Flur mit diversen Zimmern sowie zwei weitere Bäder zu bieten. Ein Balkon ist leider nicht vorhanden, aber auch nicht weiter nötig. Schließlich führt direkt an den Fenstern unten wieder eine Hauptstraße vorbei. Vier Spuren in jede Richtung zählen wir. Das macht zusammen achtmal lauten, stinkenden, singapurischen Straßenverkehr. Seufz! Irgendwie hatten wir uns das mit der Wohnungssuche einfacher und beschaulicher vorgestellt.

Patriciadarläääng aber kennt keine Gnade. Sie ist noch nicht fertig für heute. Es gilt, vier weitere Wohnungen zu besichtigen. Auch bei denen wird sich leider zeigen, dass sie entweder einen schmuddeligen Küchenbereich, Hochhausbaustellen vor dem Wohnzimmerfenster, verdächtige Baugruben in der Nachbarschaft oder lärmverstopfte Kreuzungen vor der Haustür aufzuweisen haben. Inzwischen fangen all diese Wohnungen an, vor unseren Augen zu einem verwirrenden Einheitsbrei zu verschwimmen. Das ist letztlich aber auch egal; denn wir sind uns einig: Wir wollen keine von ihnen. Außerdem sind wir jetzt erschöpft, müde und hungrig. Patriciadarläääng sieht ein, dass für heute Schluss sein muss, und verabredet sich mit uns für den nächsten Tag.

Auch an diesem und am übernächsten Tag wird es uns gleich ergehen. Jeweils sieben Wohnungsbesichtigungen stehen auf dem Programm. Nach unserem deutschen Empfinden sind all die gezeigten Apartments absolut indiskutabel. Ich fange an, langsam richtig frustriert zu sein, sehe ich mich doch in einem dieser elendig lauten, von Baustellen umzingelten Hochhausklötze die...

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