Das Kreuz des Südens

Historischer Roman
 
 
Silberburg (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Januar 2019
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8425-1790-5 (ISBN)
 
1786: Herzog Karl Eugen von Württemberg lebt in Saus und Braus. Um den Bau neuer Schlösser und seine Mätressen finanzieren zu können, verkauft er seine Untertanen als Soldaten. 3000 Unglückliche werden landauf, landab mit allen Tricks gepresst und schließlich per Schiff nach Südafrika verfrachtet. Darunter Lotte, eine junge Magd. In ihrer Not lässt sie sich, als Mann verkleidet, in Ludwigsburg anwerben. Ein gefährliches Unterfangen .
  • Deutsch
  • Tübingen
  • |
  • Deutschland
  • 0,50 MB
978-3-8425-1790-5 (9783842517905)
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Sabine Kaufmann wuchs am Bodensee auf, studierte Neuere und Neueste sowie Alte Geschichte. Von Karlsruhe aus war sie viele Jahre als Journalistin unterwegs, drehte und produzierte Filme fürs Fernsehen mit den Schwerpunkten Geschichte und Gärten. Heute lebt und arbeitet sie in Zürich.

2


Im Garten von Schloss Hohenheim


Nichts, er sah überhaupt nichts, durch seine schwarze Augenbinde drang kein Licht, er fühlte sich hilflos, fast ein wenig kläglich. Mit ausgestreckten Armen trippelte er vorwärts, lief ins Leere, seine Fußspitze ertastete den kiesbedeckten Weg - eine Mulde, über die wäre er beinahe gestolpert. Von hinten spürte er eine Berührung an der Schulter, er drehte sich hastig danach um, hüpfte von einem Bein aufs andere, wieder eine Berührung, noch eine, er drehte sich im Kreis, schneller und schneller. Ihm wurde schwindlig, Schweißperlen standen auf seiner Stirn, dass er nichts erkennen konnte, machte ihn ärgerlich. Fast hätte es ihm die Spielerei verleidet, als er samtweiche Haut spürte; er ertastete volle, geöffnete Lippen, die auf der Innenseite feucht waren. Hatte er soeben die Spitze einer Zunge berührt? Oder war es nur eine wunderbare Täuschung? Seine Hände glitten abwärts, streiften ein weites Dekolleté, der üppige Busen und die schmale Hüfte darunter erregten ihn. Obwohl blind, sah er ihr Antlitz genau vor sich. Ihrem lockigen, braunen Haar, der hohen Stirn, die Klugheit ausstrahlte, dem lieblichen Kinn, ihrer natürlichen Schönheit war er verfallen. Als er den weichen Leib an sich zog, durchfuhr ihn ein Beben. In dem Moment löste jemand die Augenbinde und sein Franzele strahlte ihn an. Eine unbestimmte Zahl Hofdamen stand im Halbrund um sie herum, kicherte und applaudierte. Herzog Karl Eugen stieß einen langen, tiefen Seufzer aus, seine Arme fielen schlaff an ihm herunter.

»Ich bin so neugierig, sehen wir uns die Arbeiten am Schloss an? Wie weit sind sie wohl seit unserem letzten Besuch vorangekommen?« Franziska von Leutrum sprühte vor Lebendigkeit.

Der Herzog nickte ihr wohlwollend zu und gewann seine innere Fassung zurück. Franziska war sein Augenstern und der Neubau des Schlosses Hohenheim ein tatkräftiger Beweis seiner Liebe. Er ergriff ihre Hand und zusammen schlenderten sie die Jägerallee des jüngst angelegten Schlossparks hinauf. Von den italienischen Pappeln, die man hier erst vor kurzem eingepflanzt hatte, ging eine wohltuende Kühle aus. In der Ferne hüteten Hirtenmädchen eine Herde Merinoschafe. Welch grandioser Einfall, in dem weitläufigen Landschaftspark ein württembergisches Dörfle errichten zu lassen. Wie oft hatte er sein Franzele zu dieser originellen Idee beglückwünscht? Die bäuerliche Idylle war perfekt, die Gipser und Maurer hatten ganze Arbeit geleistet. Inmitten strohgedeckter Fachwerkhäuser stand ein Dorfbrunnen, aus dem Mägde Wasser schöpften. Eine Meierei bot winzige Becher mit vergorener Milch feil, die säuerlich roch. Käselaibe türmten sich vom Boden bis zur Decke und hübsch bemalte Butterfässchen zierten die Auslage. Im Rathaus residierte ein Schultheiß und an einem künstlich angelegten Wasserlauf war sogar eine Mühle in Betrieb.

Franziskas Lieblingsort war die etwas abseits gelegene Köhlerhütte, die von außen einem Bretterverschlag glich, innen aber mit gelben Seidentapeten ausgestattet war und ihr als Bibliothek diente. Überall wimmelte es von Bauersleuten, die Rechen oder Sensen geschultert hatten, eine Magd trieb eine Schar Gänse vor sich her. Sobald die Bauern seiner Durchlaucht gewahr wurden, zogen sie ihre Kappe und verbeugten sich tief, die Bauersfrauen machten einen Knicks und verharrten mit gesenktem Blick, bis der Herzog an ihnen vorübergeschritten war. Kein Zweifel, als einziger deutscher Landesfürst konnte er mit Versailles, seinen Gärten und dem Hameau de la Reine von Marie-Antoinette wetteifern.

»Wie schön wäre es doch, wenn das Dörfle jeden Tag mit Leben erfüllt wäre«, sagte Franziska.

»Dein Wunsch ist mir Befehl, die Bauern der Umgebung sollen sich täglich im Dörfle einfinden, oder besser noch: Die Damen und Herren am Hofe verkleiden sich als Müller, Magd, Bauer oder Hirtenmädchen und tun hier Dienst.« Bei diesem Einfall huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

Sie schlugen einen schmalen Weg ein, der durch ein schattiges Wäldchen führte. Unter Ahornbäumen erhoben sich antike Ruinen. Moosbewachsene korinthische Säulen stellten einen verfallenen Jupitertempel dar. Selbst das Grab Kaiser Neros, ein Gefängnis und ein römisches Bad hatte er errichten lassen. Der Park war eine Melange aus pittoreskem Dorf und römischer Ruinenlandschaft, er versinnbildlichte den Sieg der Tugendhaftigkeit über den Sittenverfall Roms.

Durch die Blätter einer Rotbuche erspähten sie den noch unvollendeten Westflügel des Hohenheimer Schlosses. Es sollte größer, schöner, moderner werden als jeder Bau, den der Herzog je zuvor in Auftrag gegeben hatte. Entsprechend der zeitgenössischen Mode favorisierte er klare Linien statt barocken Pomps, was nicht bedeutete, auf Bequemlichkeit zu verzichten. Das Landgut hatte er bereits vor Jahren Franziska geschenkt und das neue Schloss sollte ihrer beider Zuhause, ihre gemeinsame Zuflucht werden.

Doch so schön er sich das neue Schloss mit Säulen und einer gläsernen Kuppel auch erträumte, die Sache hatte einen Haken, einen gewaltigen Haken. Die Landstände weigerten sich, die aufgelaufenen Rechnungen zu bezahlen. Diese vermaledeiten Landstände, dachte er, dauernd rieben sie ihm unter die Nase, dass sein Hofstaat, vom einfachen Lakaien bis zum Oberhofmarschall, seine Reisen, Schlösser, seine luxuriösen Extravaganzen und nicht zu vergessen seine Liebschaften horrende Summen verschlangen.

Karl Eugen setzte sich auf eine Schaukel, die auf einem Spielplatz vor der Schlossbaustelle stand. Das Franzele berührte ihn an der Schulter und gab ihm von hinten einen leichten Schubs.

Selbst wenn das Volk ihn dafür verachtete: Seine rauschenden, zur Legende gewordenen Feste hatte er bis ins Letzte ausgekostet. Die herrlichsten Bilder stiegen in ihm hoch. Zu seinem fünfunddreißigsten Geburtstag hatte der Sprengmeister vierzehntausend Raketen entzündet, die als Palmen, Pfauenschwänze und Pyramiden den Himmel illuminiert hatten. Opern, Theaterspektakel, Soireen, eine Festivität hatte die andere gejagt. Meist ersann er die Abläufe seiner Vergnügungen selbst, darin war er meisterlich, unübertroffen. Die Maskenbälle und mittelalterlichen Reiterspiele, denen der Hofadel jedes Mal entgegenfieberte, waren spektakulär, ausgeklügelt bis ins Detail. Nicht umsonst hatte Casanova seinen Hof als den brillantesten von ganz Europa gerühmt. Er schaukelte höher und höher, kam dem hellblau leuchtenden Himmel, den dieser heiße Junitag hervorzauberte, immer näher. Ein Glanzstück seiner Vergnügungen war eine Schlittenfahrt gewesen, die er mitten im Sommer arrangiert hatte. Den Weg von Schloss Solitude nach Ludwigsburg ließ er damals mit Salz bestreuen. Schiffsladungen voller Salz hatten seine Kammerdiener aus italienischen Salinen herbeigeschafft. Den Schlitten, in dem er mit einer Mätresse saß, zogen vier weiße Hirsche vorbei an einer Allee blühender Orangenbäume. Die Raffinesse seines Einfalls beflügelte ihn immer wieder aufs Neue, ließ seinen Puls auch jetzt nach oben schnellen. Er fühlte sich, als könnte er fliegen. Beim Auf- und Abschwingen sah er das treuherzige Lächeln seiner Begleiterin, die etwas zur Seite getreten war und ihm mit ihren Blicken folgte. Die Landstände sollten seiner großen Liebe auf immer dankbar sein, schließlich hatte sie durch ihr geduldiges, liebreizendes Wesen sein gieriges Blut besänftigt, seine Leidenschaften gezähmt. Plötzlich erkannte er etwas weiter entfernt zwei Gestalten, die sich langsam dem Spielplatz näherten, und sein Glücksgefühl endete abrupt.

Er ließ die Schaukel ausschwingen, stieg herab und noch außer Atem murmelte er: »Ich hatte Sie völlig vergessen.« Karl Eugen zog die Falten seines Rocks glatt, der beim Schaukeln in Unordnung geraten war, und mit einer Geste deutete er dem ersten Minister des Staates und dem Generalmajor an, ihm zu folgen.

Vor dem »Wirtshaus zur Stadt Rom«, den Namen hatte Karl Eugen sich für die Lokalität in seinem Park selbst ausgedacht, war bereits alles für die Audienz unter freiem Himmel arrangiert. Der Schaumwein, der in langen Gläsern perlte, die kleinen Häppchen aus Wildpastete und geräuchertem Saibling konnten ihn nicht darüber hinwegtrösten, dass er sich lästigen Amtsgeschäften widmen musste. Erhitzt ließ er sich auf die samtenen Polster eines goldlackierten Sessels fallen. Diener in Livree eilten umher und versuchten in vorauseilendem Gehorsam die Mimik seiner Gesichtszüge, jede Bewegung seines Körpers zu deuten.

»Geld, immer fehlt es an Geld.« Karl Eugen blies die Backen auf, seine spröde Haut wölbte sich nach außen wie bei einem quakenden Frosch. Er hielt die Luft an, dabei stach das Weiß seiner Augen hervor, dann presste er die Luft mit einem leisen Pfeifton heraus. »Jedes Mittel ist mir recht, wenn es nur frisches Geld in meine Kasse spült.«

Staatsminister Eberhard von Kniestedt, der es ohne...

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