Engelsmorgen

 
 
cbj (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. September 2011
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-05662-9 (ISBN)
 
Himmlische Liebe, ewige Gefühle

Die Hölle auf Erden. Das ist es für Luce, wenn sie von ihrer großen Liebe, dem gefallenen Engel Daniel, getrennt sein muss. Seit einer Ewigkeit suchen sie nacheinander, und nun, da sie sich endlich gefunden haben, muss Daniel sie schon wieder verlassen. So lange, bis er die Unsterblichen besiegt hat, die Luce töten wollen. Daniel versteckt Luce in Shoreline, einem Internat an der kalifornischen Küste. Dort lernt Luce, die furchterregenden Schatten, die sie seit frühester Kindheit umgeben, zu kontrollieren und mit ihrer Hilfe in die Vergangenheit zu blicken. Doch je mehr Luce dadurch über ihre und Daniels frühere Leben erfährt, desto mehr ahnt sie, dass er ihr etwas verschweigt - etwas Wichtiges und sehr Gefährliches...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,65 MB
978-3-641-05662-9 (9783641056629)
3641056624 (3641056624)
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Prolog

Neutrale Gewässer

Daniel schaute auf die Bucht hinaus. Seine Augen waren so grau wie der dicke Nebel, der die gegenüberliegende Küste von Sausalito einhüllte. So grau wie die aufgewühlte See, deren Wellen an den Kiesstrand zu seinen Füßen schlugen. Keine Spur von Violett schimmerte in diesem Moment in seinen Augen, das spürte er ganz deutlich. Dafür war er zu einsam, dafür war sie zu weit weg.

Er schlang die Arme fest um sich, aber es hatte keinen Zweck. Vom Wasser wehte ein kalter, beißender Wind. Auch seine dicke schwarze Marinejacke schützte ihn nicht dagegen. Wenn er auf der Jagd war, fror es ihn immer.

Nur eines hätte ihn wärmen können - doch sie war nicht da. Wie gern hätte er jetzt seine Lippen auf ihre gedrückt. Für einen kurzen Moment stellte er sich vor, er würde die Arme um ihren Körper legen, würde sich zu ihr hinunterbeugen, um sie zu küssen. Aber es war gut, dass Luce nicht da war. Was sie zu sehen bekäme, würde sie zu Tode erschrecken.

Das heisere Blöken und Bellen der Seelöwen, die sich hinter ihm an der Südküste von Angel Island drängten, klang so, wie er sich fühlte: innerlich zerrissen, einsam und ohne Hoffnung, dass jemand seine verzweifelten stummen Rufe hörte.

Niemand außer Cam.

Er kauerte vor Daniel und befestigte einen rostigen Anker an der wie ein nasser Sack daliegenden Gestalt zu ihren Füßen. Sogar bei der Verrichtung einer so finsteren Tätigkeit sah Cam noch gut aus. Seine grünen Augen funkelten, seine kurz geschnittenen Haare glänzten schwarz. Es lag an dem Waffenstillstand, der die Gesichter der Engel immer zum Leuchten brachte, ihren Haaren einen ganz anderen Glanz verlieh, ihre makellosen, muskulösen Körper noch männlicher machte. Waffenstillstand war für die Engel, was Strandurlaub für die Menschen war - die reinste Erholung.

Obwohl Daniel jedes Mal innerlich stöhnte, wenn er ein Menschenleben beenden musste, wirkte er nach außen hin wie jemand, der gerade von einer Woche Urlaub in Hawaii zurückkam: entspannt, erholt, braun gebrannt.

Cam zurrte einen komplizierten Knoten fest und sagte: »Typisch Daniel. Tritt vornehm zur Seite und lässt mich die Drecksarbeit machen.«

»Was redest du da? Ich habe ihn schließlich erledigt.« Daniel sah auf den toten Mann hinunter, auf seine borstigen grauen Haare, auf die weiße Stirn, auf die knotigen Hände und billigen Gummigaloschen, auf die klaffende dunkelrote Wunde quer über seiner Brust. Daniel ergriff ein Schauder, ihn fror bis auf die Knochen. Wenn das Töten nicht notwendig wäre, um Luce immer wieder zu retten, würde er nie mehr eine Waffe erheben. Niemals mehr einen Kampf kämpfen.

Es war nicht richtig gewesen, dass sie diesen Mann getötet hatten. Irgendetwas sagte ihm, dass das ein Irrtum und Fehler war. Ein unbestimmtes, verstörendes Gefühl.

»Sie umzulegen, macht ja noch Spaß.« Cam schlang das Seil um die Brust des Mannes und verknotete es unter den Achseln. »Die Leichen dann für immer im Meer verschwinden zu lassen, das ist eine Plackerei.«

Daniel blickte auf den blutrot gefärbten Stock, den er vor Kurzem noch in der Hand gehalten hatte. Cam hatte bei dieser Wahl kichern müssen, aber die Wahl der Waffe spielte überhaupt keine Rolle. Daniel konnte mit allem töten.

»Beeil dich«, blaffte er. Der Spaß, den Cam am Blutvergießen hatte, ekelte ihn an. »Die Zeit verrinnt. Ebbe ist gleich vorbei.«

»Und wenn wir es nicht ordentlich machen, auf meine Weise, dann wird die nächste Flut Slayer sofort wieder an Land spülen. Du bist zu unbeherrscht, Daniel, das war schon immer so. Denkst du jemals einen Schritt voraus?«

Daniel schaute wieder aufs Wasser hinaus, auf die grauen Wogen mit ihren schmutzigen Schaumkronen. Vom Pier in San Francisco glitt ein Katamaran auf sie zu. Der Anblick dieses Schiffs hätte früher alle möglichen Erinnerungen in ihm wachgerufen. An unzählige Schifffahrten, die er in unzähligen Leben mit Luce unternommen hatte. Und wie glücklich er immer mit ihr gewesen war. Aber jetzt - da sie sterben konnte und womöglich nie mehr wiederkam, weil diesmal in ihrem Leben alles anders war und keine weiteren Wiedergeburten mehr stattfinden würden - war Daniel sich nur allzu schmerzhaft bewusst, wie blank Luces eigenes Gedächtnis war. Diesmal ging es um alles, es war der letzte Versuch. Für sie beide. Für alle und jedermann eigentlich. Deshalb kam es darauf an, dass Luce sich erinnerte, nicht er. Wenn sie überleben sollte, müssten viele, so unzählig viele Wahrheiten ans Licht gebracht werden; aber sachte, damit sie all diese Schrecken überlebte. Bei dem Gedanken, was sie alles würde erfahren und lernen müssen, verkrampfte sich Daniel.

Wenn Cam wirklich glaubte, dass Daniel nicht an den nächsten Schritt dachte, irrte er sich gewaltig.

»Du weißt, dass es nur einen Grund gibt, warum ich immer noch hier bin«, sagte Daniel. »Wir müssen unbedingt über sie reden.«

Cam lachte. »Das hab ich mir gedacht.« Ächzend hievte er sich die triefende Leiche über die Schulter. Der tote Mann in seinem Marineanzug war wie ein Bündel verschnürt. Auf die Brust hatte Cam einen schweren Anker gebunden.

»Der war schon ein wenig verknöchert, findest du nicht auch?«, fragte Cam. »Ich finde es fast etwas beleidigend, dass die Ältesten uns keinen Auftragskiller geschickt haben, der eine etwas größere Herausforderung dargestellt hätte.«

Danach ging er wie ein Kugelstoßer ein wenig in die Knie, drehte sich drei Mal um die eigene Achse, um etwas Schwung zu holen, und schleuderte den toten Mann dann in hohem Bogen weit aufs Meer hinaus.

Mehrere Sekunden lang schwebte der Leichnam über den Wellen, bevor der Anker ihn nach unten zog . tiefer . immer tiefer. Mit einem mächtigen Aufspritzen versank er im dunkelgrauen Wasser. Im nächsten Moment war nichts mehr zu sehen, alles war wie vorher.

Cam wischte sich die Hände ab. »Ich glaub, das war gerade ein neuer Rekord.«

Sie glichen sich in so vieler Hinsicht. Aber Cam war von bösartiger Natur, er war ein Dämon, und das befähigte ihn zu schändlichen Taten, ohne danach Gewissensbisse zu verspüren. Daniel dagegen wurde davon geplagt. Und noch etwas quälte ihn, nämlich die Liebe.

»Du nimmst den Tod von Menschen zu sehr auf die leichte Schulter«, sagte Daniel.

»Der Kerl hat es verdient«, sagte Cam. »Du solltest das alles etwas sportlicher sehen, Mann!«

Das war der Moment, in dem Daniel die Beherrschung verlor. »Das ist für mich kein Spiel«, fuhr er Cam an.

»Und genau deshalb wirst du sie verlieren.«

Daniel packte Cam am Kragen seines stahlgrauen Trenchcoats. Am liebsten hätte er ihn ins Wasser geschleudert, wie Cam es soeben mit dem Toten getan hatte.

Kalter Wind fuhr zwischen sie, die Wellen schlugen weiter ans Ufer.

»Mach mal locker«, sagte Cam und schob Daniels Hände weg. »Du hast viele Feinde, Daniel. Aber ich zähle im Augenblick nicht dazu. Denk an den Waffenstillstand.«

»Ein Waffenstillstand zwischen uns«, sagte Daniel. »Achtzehn Tage, in denen die anderen versuchen werden, sie zu töten.«

»Achtzehn Tage, in denen du und ich alle ihre Feinde nacheinander kaltmachen.«

Ein Waffenstillstand dauerte immer achtzehn Tage, das war so Brauch unter den Engeln. Achtzehn war im Himmel die göttliche Glückszahl: die lebensspendende Vereinigung der zwei Sieben (der sieben Erzengel und der sieben Kardinaltugenden), ergänzt durch die Warnung der apokalyptischen Reiter. In manchen Sprachen der Sterblichen war die Achtzehn gleichbedeutend mit Leben - obwohl sie, wie jetzt in ihrem Fall, genauso gut auch Tod bedeuten konnte. Luces Tod.

Cam hatte recht. Die Nachricht von ihrer Sterblichkeit machte in den Himmelssphären allmählich die Runde und damit würde sich auch die Zahl ihrer Feinde von Tag zu Tag vermehren. Sich verdoppeln und vervielfachen. Miss Sophia und ihre Kohorten, die Vierundzwanzig Ältesten von Zhsmaelin, waren immer noch hinter Luce her. Daniel hatte inmitten der Schatten, die von den Verkündern an diesem Morgen geworfen worden waren, einen Blick auf die Ältesten erhaschen können. Er hatte einen Moment lang aber auch noch etwas anderes geschaut - eine andere, noch viel dunklere Finsternis, Machenschaften von einer Düsternis, dass er sie erst gar nicht zu deuten gewusst hatte.

Ein einzelner Sonnenstrahl durchbrach die grauen Wolken und in Daniels Augenwinkel schimmerte etwas auf. Er wandte sich dorthin, kniete nieder und sah einen Pfeil im nassen Sand stecken, dünner als ein normaler Pfeil, von mattem Silber, mit geschwungenen eingravierten Ornamenten. Als er ihn berührte, fühlte er sich warm an.

Daniel stockte der Atem. Es war Äonen her, seit er einen Sternenpfeil gesehen hatte. Seine Finger zitterten, als er ihn vorsichtig aus dem Sand zog. Er passte höllisch auf, dass er nicht die tödliche Spitze berührte.

Nun wusste er, woher diese andere Finsternis am Morgen gekommen war. Diese Botschaft war noch schrecklicher, als er befürchtet hatte. Er wandte sich zu Cam, den federleichten Pfeil zwischen den Fingern balancierend. »Er hat nicht allein gehandelt.«

Cam erstarrte beim Anblick des Pfeils. Er beugte sich fast ehrfürchtig über ihn, streckte die Hand aus und berührte ihn genauso vorsichtig wie Daniel. »Eine so wertvolle Waffe zurückzulassen. Die Outcasts müssen total überstürzt aufgebrochen sein. Offensichtlich wollten sie nichts wie weg.«

Die Outcasts: eine merkwürdige Sekte von Engeln, die weder zum Himmel noch zur Hölle gehörten, gerne große Reden schwangen...

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