Rotes Licht

Roman
 
 
Zsolnay-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Januar 2018
  • |
  • 704 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-552-05892-7 (ISBN)
 
Solomon Richter dämmert in einem Moskauer Vorstadtkrankenhaus dem Tod entgegen. Aus dem Fernseher tönen Berichte über die Kämpfe im Donbass. Ein wenig Zeit bleibt dem betagten Historiker noch, um sich die eigene Geschichte und die eines ganzen Jahrhunderts ein letztes Mal vor Augen zu führen. Am Beispiel von drei Generationen zeichnet der russische Künstler Maxim Kantor das exzessive Panorama einer aus den Fugen geratenen Zeit. Als ein Mephisto über allen Zeiten und Geschehnissen steht die Figur des Ernst Hanfstaengl, einer von Hitlers frühen Förderern. Von der russischen Revolution bis zum Ende der UdSSR, vom Aufstieg Hitlers bis zu Putins Krieg auf der Krim: ein gewaltiger Roman eines gottverlassenen Jahrhunderts.
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Maxim Kantor wurde 1957 in Moskau geboren und studierte dort am Polygraphischen Institut. 1983 gründete er eine unabhängige Künstlergruppe, die später unter dem Namen "Krasny Dom" mit Ein-Tages-Ausstellungen im Untergrund bekannt wurde. Seit seiner Ausstellung auf der Biennale in Venedig 1997 gehört er zu den international renommiertesten russischen Künstlern. Er lebt und arbeitet auf der Ile de Ré, in Berlin und Oxford.

 

 

Zweites Kapitel

 

EPOS ODER KRIMINALGESCHICHTE

 

 

1.


 

Das Morden begann mehr spielerisch. Bevor sie ihren Mitmenschen an die Gurgel gingen, beschäftigte die Leute eine andere Frage: Wem darf ich die Hand geben? Das ist schwierig in der Großstadt. Bevor ein Geschäftsmann als Gauner durchschaut wird, hat er schon Tausenden ehrenwerten Leuten die Hand geschüttelt. Der Begriff »handschlagwürdig« schied den Kreis progressiver Menschen von jenen, die sich nicht über den demokratischen Wandel freuen. Für den Liberalismus einzutreten ist für progressive Geister selbstverständlich. Es liegt auf der Hand: Fortschritt und Markt sind besser als Zerfall und Kaserne. Trotzdem gibt es immer noch welche, die sich nach einer starken Hand sehnen.

Jeder Intellektuelle kennt heutzutage einen Dieb oder Mörder per Handschlag. Künstler sind mit Waffenhändlern befreundet, die Ausstellungen für sie ausrichten. Journalisten umschmeicheln Diebe, die einen Verlag gekauft haben. Schriftsteller müssen sich damit abfinden, dass die Hände, die ihnen den Literaturpreis überreichen, noch vor kurzem einen Lötkolben in den Hintern ihres Schuldners geschoben haben. Aber die Literaten haben gelernt, mit der Welt des Kapitals zu leben, ohne unangenehme Fragen zu stellen.

Die einstige Intelligenzija dient den Oligarchen. Eine Karriere ohne Beziehungen ist schier unmöglich. Man legte Wert auf den Status des handschlagwürdigen Menschen, ohne sich zu fragen, wie weit die Kette der Handschläge reicht. Denn über drei Handschläge sind wir schon bei Stalin. Plötzlich entdeckt man, dass der Großvater des Arbeitgebers Abteilungsleiter im NKWD war. Pulverrauch wird nicht vererbt. Was soll uns die Vergangenheit? Die Revolution - Unheil, Stalin - ein Tyrann, der Sozialismus - eine Sackgasse.

Wer hätte geahnt, dass die Konterrevolution so weit geht, dass innerhalb eines Jahres Stalin wiederkommt? Wer konnte wissen, fragen wir heute, dass die Ablehnung des Sozialismus zu einem neuen Krieg führen würde - und keineswegs zum Aufblühen des Kapitalismus?

Geleitet von diesem Prinzip, überflog der französische Botschafter Monsieur Léon Adolphe Leconte in Moskau die Gästeliste, die ihm der Sekretär vorgelegt hatte. Der Botschafter versah die Auserwählten mit einem Häkchen.

»Pardon, das hier, wer ist das?«

»Den Namen hat Madame eingetragen.«

»Ah ja, richtig, ich erinnere mich, wir haben das Paar in Griechenland kennengelernt, sehr nette Menschen . Und das?«

»Empfehlung aus Paris .«

»Ich bin natürlich im Bilde. Aber warum sehe ich den Namen von Herrn Piganow nicht?«

»Da steht er, ganz oben.«

Die Namenskärtchen waren bereits auf den Tischen; die Interessen wurden ausbalanciert.

Monsieur Leconte stand an der Tür, umschloss die handschlagwürdige Hand des Gastes mit seiner Rechten. Jene, die Léon Adolphe näher kannte, zog er an sich heran und küsste sie dreimal nach russischer Sitte; in der europäischen Variante reduzierte sich das auf eine zärtliche Wangenberührung.

Die Vornamen des Botschafters balancierten sich aus und zeugten von einem wohlüberlegten Kompromiss im Geschichtsverständnis der Eltern: Léon zu Ehren von Blum, Adolphe zu Ehren von Thiers. Und was wäre für einen Diplomaten wichtiger als die Kunst der Ausgewogenheit? Ein Händedruck mit einem, der sich für links hält, eine Umarmung mit dem anderen, der sich als rechts bezeichnet. Schon das Äußere des französischen Botschafters signalisierte Behaglichkeit und Entgegenkommen: das Embonpoint, die leichte Wölbung über dem Hosenbund, etwas gerundete Wangen, offenes Lächeln. Willkommen, bester Freund, tritt ein, sagte dieses Lächeln, Frankreich hat keine Geheimnisse vor russischen Freunden. Nimm Platz an unserer gemeinsamen Tafel und lass dich bewirten! In diesen Wänden ist kein Parteienzwist, keine Gruppenfehde.

Die Gäste, einer bedeutender als der andere, schwebten leichten Schrittes in den Saal und bewegten sich langsam an der Tafel entlang zu ihren Plätzen. Der Demokrat und Führer der Opposition Piganow verneigt sich vor Madame Benoit, die den Ölkonzern Elf vertritt, und drückt die Hand des Literaten Roitman. Gemeinsam nähern sie sich der Redakteurin Frumkina, die man neben sie platziert hat. Der ältere Politiker Tuschinski beeilt sich, die Nachwuchshoffnung Gatschew zu begrüßen. Wie präzise hat man die Gäste an der festlichen Tafel verteilt. Ein Fehler kann den Abend verderben. Der Botschafter horchte zu einem Gespräch am anderen Tischende hinüber: Unerfreulich - der Unternehmer Pantschikow hat sich auf einen Streit eingelassen.

 

 

2.


 

»Wie kommen Sie darauf, dass Lenin ein deutscher Spion war?«

»Wie meinen?«

»Lenin ein Spion?«

Pantschikow war fassungslos: Das Einmaleins der vaterländischen Geschichte in Frage zu stellen!

»Pardon, davon müssen Sie doch gelesen haben . Haben Sie denn gar keine Ahnung?«

»Ganz im Gegenteil, ich interessiere mich für diese Materie.«

»Dann wissen Sie, dass man Lenin in einem versiegelten Spezialwaggon aus dem Exil direkt nach Russland zum Finnischen Bahnhof befördert hat. Mit den Millionen des Kaiserreichs! Darüber ist ausführlich geschrieben worden!«

»Wo?«

Jetzt war Pantschikow tatsächlich verblüfft: Wo stand eigentlich, dass die Erde rund ist?

Semjon Semjonowitsch dachte nach. In der Zeitung Argumente und Fakten gab es 1993 einen Beitrag. Er erinnerte sich an die Überschrift »Deutsches Gold für die proletarische Revolution«. Die Zeitung wurde nach New York geliefert, wo Semjon Semjonowitsch damals lebte. Die Emigranten freuten sich über jede Ausgabe - endlich! Er sah die breite Headline und das Foto des glatzköpfigen Lenin, des deutschen Spions. Pantschikow fiel sogar der Tag ein, an dem er den Artikel gelesen hatte, zusammen mit seiner Frau.

»Das ist längst bekannt.«

»Schön, aber woher?«

Hilfe kam vom linken Tischnachbarn: »Das hat Solschenizyn in >August Vierzehn< detailliert beschrieben. Die ganze Intrige. Es gab einen Abenteurer namens Parvus, dessen wahrer Name Israel Gelfand war. Dieser Parvus stellte den Kontakt zwischen Lenin und dem deutschen Geheimdienst her.«

»Zu welchem Zweck?«

»Er hasste Russland! In der Emigration hielt Lenin Verbindung zu Parvus, und der war es, über den die Deutschen die Bolschewiken mit Geld versorgten. Sie waren es auch, die Lenin in einem versiegelten Waggon nach Petrograd brachten.«

»Und wenn Solschenizyn gelogen hat?«

»Wie bitte? Gelogen?«

Zwei weit aufgerissene Augenpaare. Alexander Solschenizyn war schon lange nicht mehr als Lügenmaul und Aufschneider beschuldigt worden.

»Immerhin handelt es sich um Literatur«, erklärte ihr Gesprächspartner, »also um dichterische Erfindung.«

Wer hätte das gedacht, dass man Solschenizyn erneut in Schutz nehmen würde müssen? Als wäre die kommunistische Katastrophe nie aufgedeckt worden. Pantschikow und sein Sitznachbar empfanden das gleiche Gefühl wie 1991, als es um die Verteidigung der Freiheit ging, die gleiche Nervosität wie in den siebziger Jahren, als Samisdat-Ausgaben unter dem Kissen versteckt werden mussten. Man glaubte sich längst in anderen Zeiten und sah sich doch bei einem Galadiner in der französischen Botschaft wieder an vorderster Front. Nicht an gedeckter Tafel, sondern auf der Barrikade. Die auf derselben Seite saßen, wechselten einen Händedruck.

»Semjon Pantschikow, Unternehmer.«

»Ich habe von Ihnen gehört. Sie vollbringen Großes, Semjon! Jewgeni Tschitscherin, Rechtsanwalt.«

»Ich habe Sie gleich anhand von Fotografien erkannt, Jewgeni. Da sehen Sie, wen Sie heute verteidigen mussten.«

»Einen solchen Klienten übernehme ich mit größtem Vergnügen.«

Sie lachten, die kleinen, mit Sauternes gefüllten Gläser klirrten leise. Dann richteten sich ihre Augen auf ihr streitlustiges Gegenüber. Dort saß ein unscheinbares Individuum: schütteres graues Haar, wässrig graue Augen, schmallippiger Mund. Auch sein Sakko war grau, schlecht geschnitten, und selbst die Krawatte war von unbestimmter Farbe, mit einem Wort, eine Erscheinung, so unscheinbar wie der Spion in einem Kriegsfilm. Hätte er nicht einen solchen Stuss geredet, wäre er ihnen gar nicht aufgefallen.

»Der Fall ist längst bei den Akten«, zog der Rechtsanwalt den Schlussstrich. »Wie kamen wir überhaupt auf diesen Lenin?«

»Weiß selber nicht«, sagte Pantschikow. »Ein Spuk.«

»Ein Gespenst geht um in Europa«, lachte der Rechtsanwalt, »höchste Zeit, dass es begraben wird.«

Tatsächlich, überlegte Pantschikow. Damals zogen trostlose graue Gestalten durch trostlose Straßen, nur die Spruchbänder waren rot. Jetzt war alles anders. Pantschikow überblickte den Saal der Botschaftervilla. Der prächtige Raum war voller prominenter Gäste, jeder war etwas Besonderes und jede besonders gekleidet. Einst hatte der Dichter Mandelstam geklagt, er sei ein Mensch der Epoche der Moskauer Nähfabrik, sein Jackett stehe in alle Richtungen knittrig ab. Diesem grauen Männlein erging es ebenso.

Die Gegenwart prägten andere Firmen. Selbst die Staatsbeamten -...

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