Wie hoch die Wasser steigen

Roman
 
 
Carl Hanser Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Januar 2018
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-25941-6 (ISBN)
 

Wenzel Groszak, Ölbohrarbeiter auf einer Plattform mitten im Meer, verliert in einer stürmischen Nacht seinen einzigen Freund. Nach dessen Tod reist Wenzel nach Ungarn, bringt dessen Sachen zur Familie.

Und jetzt? Soll er zurück auf eine Plattform? Vor der westafrikanischen Küste wird er seine Arbeitskleider wegwerfen, wird über Malta und Italien aufbrechen nach Norden, in ein erloschenes Ruhrgebiet, seine frühere Heimat. Und je näher er seiner großen Liebe Milena kommt, desto offener scheint ihm, ob er noch zurückfinden kann.

Anja Kampmanns überraschender Roman erzählt in dichter, poetischer Sprache von der Rückkehr aus der Fremde, vom Versuch, aus einer bodenlosen Arbeitswelt zurückzufinden ins eigene Leben.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 2,16 MB
978-3-446-25941-6 (9783446259416)
3446259414 (3446259414)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren. Sie studierte an der Universität Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie veröffentlichte in Zeitschriften, u.a. in Akzente, Neue Rundschau, Wespennest, und im Jahrbuch der Lyrik. 2013 wurde sie mit dem MDR Literaturpreis und 2015 mit dem Wolfgang Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März in Darmstadt ausgezeichnet. Sie lebt in Leipzig. Bei Hanser erschienen ihr Gedichtband "Proben von Stein und Licht" (Lyrik Kabinett, 2016) sowie ihr Debütroman "Wie hoch die Wasser steigen" (2018).

1. Kapitel
Westwind

 

Die See bei Nacht ist das Dunkelste, was einem begegnen kann. Hinter schweren Gewitterwolken war der Mond unsichtbar und der Horizont kaum zu unterscheiden von dem Schwarz, in dem die Wellenberge sich türmten, um wieder und wieder Atem zu holen, während der Wind, was an Gischt und Schaum zu holen war, über die Wellenkämme peitschte. Weit unten schwankte die Plattform an ihren langen Stahltampen, zerrte an den meterdicken Stiften, tief im Meeresgrund verankert, gab ihr helles Licht in einigem Umkreis an das wogende Braun.

Es war die achte Stunde der Schicht, auf dem schmalen Trittbrett stemmte er sich in den Gurt, hielt sich mit beiden Armen am Gestänge des Bohrturms. Die salzige Nässe umgab ihn wie ein umfassender schwerer Sog, und schon seit einer Weile wartete er auf ein Signal, das die Arbeit beenden würde. Längst hätte Pippo sie reingeholt, aber dem neuen Rig-Manager schien es egal, lieber hätte er sie absaufen lassen, als die Bohrungen zu unterbrechen. Waclaw konnte die Schläge der Wellen gegen die Inselbeine spüren, sie würden die Plattform evakuieren, dachte er, aber jetzt nicht mehr, jetzt hieß es abwarten, während der Regen fast waagerecht vor den Scheinwerfern entlangtrieb, da war das Zerren an den Schweißnähten, die See, die gegen die Plattform anpreschte wie eine verrückte Herde, die Wellen flohen vor dem Sturm, alles kam auf sie zu.

Weit unten am Drehtisch sah er die Männer, die etwas riefen, er sah, wie ihre Münder sich bewegten, aber das einzige Rufen war der Sturm, war die Gischt, war das vergebliche Flattern einer Möwe, ein paar Mal die hell aufblitzenden Unterseiten ihrer Flügel.

Fast eine halbe Stunde dauerte es, bis das Signal ertönte und die Arbeit abgebrochen wurde. Er hatte nur noch ausgehalten, sich gegen den schmalen Tritt gestemmt und gewartet. Die anderen Bohrarbeiter zogen sich zurück, jemand öffnete die schwere Tür zu den Kabinen, er sah den Lichtspalt, die Ersten gingen hinein. Da war nur die Kälte in allen Gliedern, und er setzte die Schritte einzeln und steif, seine Beine kannten die Abstände hinunter, jede einzelne nasse Sprosse. Längst war Wasser unter das Ölzeug gekrochen, und Waclaw war ausgekühlt und hielt sich noch weiter fest, als er auf dem Plattformboden zu stehen kam.

Im Inneren schien das Licht grell, die Wärme freundlich, sogar in dem kleinen Raum, wo sie ihre Stiefel auf die Gestelle gaben, die Overalls zum Trocknen aufhängten. Er war fast etwas vergnügt, nun zwischen den anderen ins Warme zu kommen. Es war ein neues Team, und nur einige, wie Albert, der unten am Drehtisch das Sagen hatte, kannte er seit langem. Der Sturm hatte seine Laune noch verschlechtert. Waclaw steckte seine Füße wortlos in die Badeschlappen und lief den engen Gang entlang zu ihrer Kabine. Das Licht brannte, aber das Bett von Mátyás war leer. Ihre Decken lagen auf dem unteren Bett, und für einen Moment dachte er, Mátyás wäre darunter, aber da war niemand. Die Kopfhörer hingen auf den Boden herab, der Walkman lag neben dem Kissen. Er drehte das Kabel um seine Hand. Mátyás? sagte er. Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete er die Tür zum Bad. Es war vier Uhr morgens. Er drehte das heiße Wasser auf.

Barfuß und noch ganz nass stand er vor ihren Pritschen. Zog sich beide Decken über, seine Haut war noch feucht, und der Sturm schien mit einem Mal weit entfernt. Er wartete. Die Wärme machte ihn müde, und seit dem Abend hatte er nichts gegessen. Auch das war neu, der Bohrmeister hatte sie für verschiedene Schichten eingeteilt.

Wie immer wirkte die Haut auf dem Gang dann seltsam blass, unter dem Aneinander der Neonröhren. Als er in die Messe trat, verstummten die Männer um den Tisch, die gleich vor der Theke saßen. Hinter den verklebten Plastikflaschen für die Saucen spürte er ihre Blicke, die seine Bewegungen abschatteten, als er sich umsah. Daneben, weiter am Rand, saß Francis, bleich und etwas abwesend. Ein kranker Seevogel, der das Gefieder plustert für ein paar letzte Tage. Er hielt sich aufrecht zu jedem Scherz des Kranführers, der wie ein fettes Schwein vom Nebentisch herüberbrüllte. Vor den Neuen spielte Shane sich auf, brachte die Floorhands in bellendem Ton dazu, mehr Chemikalien in die Spülung zu kippen, ihm Wasser zu bringen oder wieder und wieder das Deck abzuspritzen. Erst, wenn sie übermüdet und kraftlos neben ihm saßen und seine derben Witze ertrugen, bekam sein Blick einen abwesenden Ausdruck, der bei ihm Zufriedenheit bedeutete. Er konnte dann dasitzen, als wären seine Augen aus Glas. Aber mit dem Schwingen der Tür hatte sich sein Gesicht belebt, und Waclaw hörte ein lockendes, höhnisches Pfeifen. Ai Ai, äffte Shane, wen suchen wir denn. Seine Stimme klang dumpf und tief, wie von einem sehr fetten Mann, aber er war hager und trug eine Habichtsnase im Gesicht, mit der er, seit sie ihm vor zwei Jahren zum ersten Mal begegnet waren, jedem ihrer Schritte folgte. Seine Arme, alles an ihm war noch immer von einem schmierigen Film überzogen. Draußen an Deck trug er gelbe Arbeitshandschuhe, die seine Hände wie Krallen aussehen ließen. Es waren die üblichen Reden. Waclaw achtete nie darauf, wenn jemand ihnen hinterhersah.

Francis saß daneben, wortlos trank er zwei Gläser in ihrem Lärm. Es ärgerte Waclaw, dass Mátyás nicht da war. Er lud sich zwei Kellen aus dem Warmhaltetopf, stippte einen beinah durchsichtigen Toast hinein und aß. Auch hier war das Licht zu grell. Die Suppe zu braun, die Haut zu blass. Allmählich füllte sich die Messe. Nachdem die Arbeit abgebrochen war, kamen sie entweder zum Essen oder lagen in ihren Kabinen, um zu schlafen.

Auf dem Gang schien der Sturm dann fast lautlos, das Schwanken, als würde alles in einiger Ferne liegen. Aus dem Kinoraum hörte er Stimmen, dazu seine eigenen Schritte, die eiliger wurden, Türen mit Aluklinken und hellem Plastikbezug. Er ging über den langen Gang bis zur letzten Tür, der Raum war dunkel bis auf eine kleine elektrische Kerze im Eck, die gleichmäßig flackerte bei jedem Wetter. Sie hatten sich hier manchmal getroffen, ein paar Teppiche, die nach Mekka ausgerichtet waren, zum Beten kam fast nie jemand. Mátyás? Hätte es ihn gewundert, wenn er mit leisem Lachen an der Wand gelehnt hätte? Mit der kippenden Tür fiel ein Lichtstrahl ins Dunkel. Der Raum schwieg. Nur eine unwirkliche Stille über den Teppichen. Er ging zurück zu ihrer Kabine. Durch einen Türspalt sah er Andrej auf seiner Pritsche liegen, das Handy an der Schulter wie einen kleinen Vogel - darunter guckten nur der dicke Wanst hervor und die helle, abgetragene Hose. Das Lied, das er hörte, klang wie re-schuschik-schurru, und er würde es die ganze Nacht lang wiederholen.

Der Geruch von Socken und verschwitzten Achselhemden, die dünnen Wände. Vielleicht halb fünf, nachts, noch knapp drei Stunden blieben ihm normalerweise im Eisengestänge des Bohrturms, und es wären die letzten Stunden Schlaf für Mátyás, bevor seine Schicht begann. Vielleicht war ihm übel geworden. Die Nacht war noch so finster, wie sie sein kann, kein Streifen Licht. Einmal hatte die Tür aufs Deck nicht richtig geschlossen und das Wasser lief bis vor ihre Kabinen. Das war lange, bevor er Mátyás kannte, bevor die Wochen hier draußen eine Temperatur bekommen hatten, etwas wie eine Farbe, die er wiedererkannte in der Art, wie ihre Sachen eine Unordnung bildeten, die ihm vertraut war.

Er stieg über ihre Taschen in sein Bett und streckte sich auf den Rücken. Er ließ die Lampe für ihn brennen und versuchte, die Augen zu schließen. Man konnte sich darauf verlassen, dass diese Plattform schwamm, dass sie hoch genug waren, zwölf Meter über dem Meeresspiegel, um nicht einfach überspült zu werden, aber auf was konnte man sich verlassen. Es war Stahl, was hier schwamm, die Ocean Monarch hatte über Jahre in der Nordsee gelegen, bevor man sie nach Süden schleppte, ein Halbschwimmer, ein Koloss, der in die Jahre gekommen war, über Waclaws Kopfende glänzte an der Wand der fettige Abdruck von anderen Arbeitern. Ungezählte Nächte, weit draußen. Mátyás analysierte das Bohrklein, er kannte sich aus mit den Splittern und Resten der Sedimentschichten, er wusste, welche Wälder vor Urzeiten auf dem Meeresgrund gewachsen waren. Nie hatte er jemanden so viel lachen sehen, eine fast kindliche Art, mit den Wochen auf See umzugehen. Vom ersten Tag an hatte sein Gesichtsausdruck Waclaw an alte Spielkarten erinnert, ein Harlekin im gelben Gewand. Während der Ausbilder in den großen Hallen, in denen man sie fortbildete, sein amerikanisches R wie den Fuß einer Insel unter jeden Satz legte, ihnen von der fast unbegrenzten Freiheit auf den Weltmeeren und ihren Fördergebieten erzählte, blickte Mátyás nur unter seinen Locken hindurch in die Ferne und verkniff sich jedes Wort. Sein Vater war Ungar, irgendein Aufstand hatte seine Familie aus dem Herzen Budapests hinausgebracht aufs Land, wo er in einem Agrarbetrieb Schmied lernen sollte, Hufe, Dampf, junge Stuten und Augenweiß, endlose Fahrten über Land und der Geruch im Wagen seines Onkels, von dem ihm übel wurde.

Seit sechs Jahren teilten sie sich die Kabine, seit einem Jahr lag der Golf von Mexiko hinter ihnen. Was draußen tobte und sich als aufbrausende Nacht gebärdete, war nichts anderes als der Atlantik, der hier, nahe des Schelfrands, vor der marokkanischen Küste, wütend und offen schien. Er griff in seine Tasche und zog einen Pullover heraus, plötzlich war ihm kalt. Er dachte an Pippo, ihren alten Ölbohrmeister, den bösartige Malariaschübe immer wieder für Wochen ans Bett fesselten. Einige sagten, er würde bald nicht mehr ganz normal sein. Es waren die Plattformen in Küstennähe, das Nigerdelta und Moskitos, die von den sumpfigen Ufern...

"Kampmanns Bilder haben visuelle Kraft. Man bekommt beim Lesen viel zu sehen." Tobias Schwartz, Tageszeitung, 10.03.18

"Ein atmosphärisch dichter Debütroman." Hannah Rau, WDR 3, 05.03.18

"Der sehr genau benennende, höchst sensible Ton, schlägt in den Bann. Anja Kampmanns Prosadebüt hat vom ersten Satz an etwas Präzises und Schwebendes, etwas Packendes und Poetisches." Ulrich Rüdenauer, SWR2, 25.02.18

"Ist uns je erzählt worden, was für ein Leben die Arbeiter führen, die heute auf den Bohrinseln im Meeresboden nach Erdöl und Erdgas bohren? In ihrem Debütroman ist der Lyrikerin etwas Faszinierendes gelungen: Sie hat in der Gestalt der Bohrarbeiter ein verstörendes Inbild für die existenzielle Bodenlosigkeit und Entfremdung der globalisierten Arbeitswelt von heute gefunden." Sigrid Löffler, Salzburger Nachrichten, 24.02.18

"'Wie hoch die Wasser steigen' sticht aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht nur dieses Frühjahrs heraus. Hier ist eine Autorin zu entdecken, deren umfassende Weltaneignung durch Sprache sich am ehesten mit dem Schreibfuror Peter Handkes vergleichen lässt." Tobias Lehmkuhl, Die Zeit, 22.02.18

"Ein grandioser Debütroman." Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung, 29.01.18

"Ein Roman über Entwurzelung in Zeiten der Globalisierung . Für ihre Geschichte über die Auflösung aller Bindungen, angefangen von der Klassenzugehörigkeit und Nationalität bis zu Liebesbeziehungen, wählt Anja Kampmann eine poetische Sprache . Ihr gelingen Episoden von enormer Kraft." Maike Albath, Deutschlandfunk Kultur, 02.02.18

"Es ist ein tief beeindruckendes Buch, in dem es tost und braust, aus Farben wie mit Glutamat versetzt und voller unerlöster Gefühle. Und dabei ist es ein großes Buch der Stille . Ein mit enormer erzählerischer Umsicht geschriebener und herzergreifend unsentimentaler Roman über die Weite, die zwischen dem Ich und der Welt liegt." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 31.01.18

"Das Besondere an diesem Buch ist, dass es zugleich unbedingt im Heute und in einer nicht genau zu umreißenden, fernen Zeitlosigkeit spielt. Und es ist die Sprache, die aus hoch technisierten Abläufen auf Ölbohrplattformen im offenen Meer und einer archaischen Existenz im Gebirge dieselben poetischen Funken schlagen kann." Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung, 29.01.18

"Anja Kampmann bringt etwas zur Sprache, für das uns sonst die Worte fehlen. Mit 'Wie hoch die Wasser steigen' ist ihr ein hochaktueller Roman gelungen, der von den flexiblen Tagelöhnern unserer Gegenwart erzählt."
Tino Dallmann, NDR Kultur, 28.01.2018

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