Diesseits von Eden

Neues aus dem Garten
 
 
Manhattan (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2013
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10906-6 (ISBN)
 
Wladimir Kaminer sucht das Grüne: Schrebergarten war gestern - nun lockt das Leben auf dem Land

Ihren Schrebergarten mussten Wladimir Kaminer und seine Familie wegen »spontaner Vegetation« aufgeben. Nun versuchen sie erneut, das Paradies in kleinem Maßstab nachzubauen: in Glücklitz, einem kleinen Dorf vor den Toren Berlins. Keine Straßenkarte kennt diesen Ort mit dem kleinen Haus direkt am See und dem angeblich nördlichsten Weinberg der Welt. Dabei hat Glücklitz viel zu bieten - nicht zuletzt seine unverwechselbaren Einwohner, darunter Wladimirs Nachbar Herr Köpke, Matthias, der Schlüsselwart vom Haus des Gastes, Landbaron Heiner sowie der mollige Wirt der Dorfkneipe.

Für Wladimir Kaminer ist das Dorfleben jedenfalls ein Abenteuer samt Torpedokäfern und Rettichbeeten, der Organisation einer »Russendisko« in der Dorfscheune, verschwiegenen Fischen, einem Wetter wie im Bermudadreieck - und natürlich jeder Menge Geschichten .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,64 MB
978-3-641-10906-6 (9783641109066)
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Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und inzwischen erwachsenen Kindern in Berlin. Mit seiner Erzählsammlung »Russendisko« sowie zahlreichen weiteren Bestsellern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands.

Auf zum neuen Garten!

Seit ich in Deutschland bin, werde ich hier als etwas Besonderes, nämlich als Mensch mit »Migrationshintergrund« behandelt. Eigentlich schleppe ich diesen Hintergrund ein Leben lang mit mir herum. Früher in der Sowjetunion war ich ein Fremder, weil in meinem Pass unter Nationalität »Jude« stand, also etwas nicht ganz Dazugehöriges. In Deutschland bin ich zum Russen geworden. Als solcher werde ich toleriert oder geduldet, bewundert, verschmäht und manchmal auch integriert. Dabei ist ein Migrationshintergrund etwas, das alle Menschen besitzen. Sie sind dazu verdammt, ihr Leben lang immer wieder ihre gewohnte Umgebung zu verlassen, sei es die Schule, die Familie oder Mutters Bauch. Sie brechen aus, um in der Fremde das Glück zu suchen. Und wenn sie selbst zu faul zum Verreisen sind, werden sie vertrieben, vom Staat, von der Verwandtschaft oder von der klugen Mutter Natur. Sie weiß, wenn Menschen zu lange an einem Ort bleiben, geht dieser Ort kaputt.

Auch die ersten Menschen wurden bekanntermaßen von Gott aus dem paradiesischen Garten Eden vertrieben, nachdem sie angefangen hatten, dort ihre Orgien zu veranstalten. Sicher fiel Gott damals diese Entscheidung nicht leicht, doch man kann ihn schon verstehen. Nicht auszudenken, wie der Garten ausgesehen hätte, wären die Menschen dort weiter geblieben. Sie zogen los, nahmen ein paar Pflanzen und die Schlange mit, ohne groß darüber nachzudenken, was genau passiert war. Sie lebten mal hier, mal dort. Doch schnell merkten sie, ganz ohne Garten macht das Leben keinen Spaß. Also fingen die Menschen an, überall wo sie sich ansiedelten eigene Gärten anzulegen. Sie nannten sie später Schrebergärten. An manchen Stellen gelang es ihnen beinahe, ihren eigenen Garten Eden auf Erden zu erschaffen. An anderer Stelle hatten sie Pech.

Wir mussten unseren Schrebergarten nach vier Jahren abgeben. Wir hatten Probleme mit »Spontanvegetation«. Obwohl, was heißt hier Probleme? Es war ein Interessenkonflikt mit der Prüfungskommission des Schrebergartenvereins. Die Mitglieder dieser Kommission hatten klare Vorstellungen davon, wie jeder Garten auszusehen hatte. Sie wollten, dass alle Gärten gleich angelegt waren und die gleiche Anzahl von Bäumen und Büschen und Beeten hatten. Wir wollten in unserer Parzelle die Natur mitgestalten lassen, so kam es zu spontaner Vegetation. All unsere Einwände und Auslassungen über die Vielfalt der Welt und dass nicht alle Gartenanlagen unbedingt gleich aussehen sollten, dass nicht jeder schöne Garten aus quadratischen Beeten mit Nutzgemüse bestehen muss, hatten nicht gefruchtet. Im Gegenteil, wir hatten damit sogar noch Öl ins Feuer gegossen. Irgendwann sagte meine Frau, die sowieso die Hauptgärtnerin war, sie wolle ihren Garten nicht mehr zusammen mit der Prüfungskommission bestellen, sondern lieber alleine. Sie beschloss, einen richtigen Garten zu suchen, einen möglichst großen Landgarten draußen in Brandenburg, ohne Gartenverein und ohne Prüfungskommission. Einen Garten, in dem jeder in jede Richtung spontan vegetieren konnte.

Gesagt - getan. Meine Frau recherchierte im Internet und fand ziemlich schnell das Gesuchte. Ein Haus mit Garten, in einem kleinen Ort namens Glücklitz, offiziell 300 Einwohner, gefühlt: 3. Das Haus stand direkt am Glücklitzer See auf einem Weinberg, der zum Haus gehörte, aber nicht zu verkaufen war. Die Verkäuferinnen, zwei Frauen, die sich rühmten, den nördlichsten Weinberg der Welt zu bestellen und den nördlichsten Rotwein der Erde zu produzieren, hatten das Grundstück selbst bebaut. Sie besaßen außer dem Weinberg noch ein Motorrad, drei Kinder, zwei Pferde und eine alte Mutter, die alle entweder kaputt beziehungsweise krank und auf fremde Hilfe angewiesen waren. Die beiden Frauen hatten sich sichtlich übernommen. Sie hatten ihren Traum vom Leben auf dem Lande realisiert, einiges dabei aber nicht berücksichtigt. Die Kinder mussten jeden Tag zur Schule, die Pferde zum Arzt, das Motorrad in die Werkstatt, und die alte Mutter konnte mit ihrem Rollstuhl auf dem Berg überhaupt nicht herumfahren. Eine falsche Bewegung und sie wäre ins Wasser gefallen. Glücklitz war eine von allen öffentlichen Einrichtungen befreite Zone, es gab dort weder Schule noch Arzt, von irgendeiner Motorradwerkstatt ganz zu schweigen. Es gab dort überhaupt keine Geschäfte, nicht einmal eine Bäckerei. Nur einen Friedhof, eine stets geschlossene Kirche und die freiwillige Feuerwehr, wo manchmal am frühen Samstagmorgen gefühlte drei Glücklitzer mit einer Kiste Bier auf einer Bank vor dem Eingang saßen und nachdenklich in die Ferne schauten. Nach langem innerem Kampf beschlossen die Frauen, das Haus zu verkaufen und mit dem Geld in einer rollstuhl- und kindergeeigneteren Gegend zu bauen.

Wir waren die idealen Käufer. Uns kümmerte die Abwesenheit von Bäckerei und Schule nicht. Wir wollten nichts um- oder dazubauen. Wir verlangten nicht das Gutachten des unabhängigen Architekten. Unsere Vorgängerinnen hatten in Glücklitz Großes vorgehabt, sie wollten ihren Lebenstraum verwirklichen. Wir wollten nur ein paar Pflanzen gießen, in der Sonne sitzen und ab und zu grillen, wie damals schon im Schrebergarten. Nur sollte uns dieses Mal keine Prüfungskommission dazwischenkommen. Das Geld fürs Haus hatten wir schnell zusammen, ein paar Freunde halfen uns. Wir hätten die Rebstöcke auch gekauft, einfach so aus Neugier, wie der nördlichste Rotwein der Erde schmeckte. Nur den Weinberg beschlossen die Frauen erst einmal für sich zu behalten. Wir hatten auch hier nichts dagegen.

Die einzige Frage, die uns Sorgen machte, war, wie wir unseren neuen Garten erreichen würden. Es fuhren nämlich keine Züge nach Glücklitz, ja, es gab überhaupt keine öffentlichen Verkehrsmittel, die uns dorthin bringen konnten. Es gab zwar einen Bus, der aber nur auf Vorbestellung und selbst dann unregelmäßig zu einem Dorf in der Nähe fuhr. Selbst wenn wir diesen Bus benutzen würden, müssten wir die Grillanlage die letzten fünf Kilometer auf den Schultern tragen. Kurzum, man brauchte ein Auto, um in Glücklitz glücklich zu werden. Weder meine Frau noch ich besaßen jedoch einen Führerschein. Ich bin in einer Großstadt geboren und aufgewachsen, in Moskau, und verfügte von daher über keine Erfahrung mit dem Leben auf dem Lande, wo man sich nur mit dem Auto fortbewegen konnte. In der zehnten Klasse der sowjetischen Schule, als die meisten Mitschüler im Rahmen einer sogenannten »Berufsqualifizierung« ihren Führerschein machten, war ich gerade nicht anwesend. Und später war mir nicht mehr danach. Wozu braucht der Mensch schon ein Auto?

Meine Frau träumte dagegen bereits seit Längerem vom schnellen Fahren und war schon in mehreren Berliner Fahrschulen bei den Prüfungen durchgefallen. Dazu muss gesagt werden, dass sie von eher zierlicher Gestalt ist. Den Prüfern gefiel nicht, dass sie zu wenig in den Rückspiegel schaute, zu wenig Abstand zu den vorbeifahrenden Autos hielt und zu wenig über die Schulter blickte. Ich glaube, meine Frau hatte damals einfach Pech mit ihren Fahrlehrern. Ich hatte bereits während meiner Dienstzeit bei der sowjetischen Armee einige Fahrzeuge gelenkt und wusste daher ungefähr, wie das ging. Ich hatte sogar den Schulterblick drauf. Obwohl vor unserer Kaserne insgesamt nur zwei Fahrzeuge standen, blieb die Wahrscheinlichkeit, dass sie eines Tages zusammenstoßen würden, immer gleich 50:50, hatte unser Vorgesetzter behauptet. Entweder sie kollidieren oder sie kollidieren nicht, sagte der Oberst immer wieder. Ich war mir nicht sicher, ob meine Armee-Erfahrungen mir helfen würden, die Fahrprüfung zu bestehen. Bei einem Berliner Führerschein geht es nicht nur darum, die richtigen Pedale im Fahrzeug zu treffen, sondern vorausschauend zu fahren, um den anderen überforderten Berliner Autofahrern keine zusätzlichen Schwierigkeiten zu machen.

Die Wege der Menschen sind, wie Gottes Wege, unergründlich. Oft beginnt so ein Weg sehr weit vom Ziel entfernt. Unser Weg in den Garten begann mit dem Besuch einer Fahrschule. Meine Frau und ich gingen, ohne lange zu überlegen, in die nächstbeste Fahrschule, die sich in unserer Straße und nur drei Schritte von unserer Wohnung entfernt befand. Sie hieß »Fahrschule Milde« - trug also den Namen ihres Besitzers. Unser Fahrlehrer Martin, eine Seele von Mensch, war gelernter Bäcker und Konditor. Am liebsten backte er große Torten und hatte sich sogar mit einer eigenen Erfindung einen Namen in der Welt der Süßigkeitenproduktion gemacht. Martin hatte einen besonders feinen Kuvertüre-Schreibstift erfunden, eine Tube, mit der man auf großen Torten Geburtstagsgrüße, Namen oder einen ganzen Brief schreiben konnte, so deutlich und unverwüstlich, dass der Gruß oder der Name auch dann noch da waren, wenn die Torte längst gegessen war. Nach einigen Jahren Berufsleben stellte man bei Martin jedoch eine Mehlallergie fest, die ihm jede weitere Tätigkeit in der Konditorbranche unmöglich machte. Er ließ die Torten links liegen und wurde Fahrlehrer.

Als Erstes fragte ich ihn, ob ich nicht zu alt sei, um vorausschauendes Fahren zu lernen. Ging es überhaupt noch, einem Mann oder einer Frau, die nicht mehr zwanzig waren, das Autofahren in einer Großstadt beizubringen? Oft wird behauptet, ab einem bestimmten Alter seien Menschen nicht mehr lernfähig. In Singapur, wo man für alle möglichen großen und kleinen Verbrechen Bambushiebe verordnet bekommt, werden Verbrecher ab dem fünfzigsten Lebensjahr nicht mehr geschlagen, weil die Richter dort der Meinung sind, das bringe bei älteren Menschen sowieso nichts, da wäre ohnehin nicht mehr viel zu ändern.

Er habe schon mal eine Schülerin gehabt, die sah aus wie achtzig, fuhr aber, als wäre sie 29, beruhigte mich Martin und...

"Was wären die Deutschen ohne Kaminer? Er ist längst eine Standardgröße der deutschen Selbstreflexion."
 
"Mit feinfühligem Humor und sozialem Scharfsinn breitet Kaminer ein Panoptikum menschlicher Typen aus (...)"

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