Raffaela

Ein Frauenschicksal zwischen Kunst und Macht im Florenz der Medici
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 11. August 2020
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  • 368 Seiten
 
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978-3-7519-8898-8 (ISBN)
 
Florenz: leuchtet: Die einflussreichen Bürgerfamilien überbieten sich darin, den Ruhm der Stadt und ihren eigenen Status prachtvoll zur Schau zu stellen. Daneben existiert die Welt Raffaelas, einer "Gettata", einer "Weggeworfenen", die im Waisenhaus aufwächst.
Raffaela nimmt mutig ihr Leben in die Hand: Angetrieben durch die Liebe zur Malerei verlässt sie das Oltrarno, das verwinkelte Viertel der armen Leute, und steigt zur Medici-Angehörigen und gefeierten Künstlerin auf. Doch die Frage, wer ihre Eltern waren, begleitet sie als dunkles Rätsel, und erst nachdem sich das Geheimnis um die Identität ihrer Eltern lüftet, kann sie wirklich frei werden - als eigenständige Frau und Künstlerin.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,64 MB
978-3-7519-8898-8 (9783751988988)
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Geboren im Süden Deutschlands, an der Schweizer Grenze. Nach dem Abitur am Abendgymnasium folgte ein Psychologiestudium in Berlin, München und Freiburg, dann Ausbildung zum Psychotherapeuten und Psychoanalytiker. Nach über 30 Jahren freier Praxis in Freiburg wandte ich mich den Hobbys Archäologie, Lepidopterologie (Schmetterlingskunde) und Kunst zu.
Fasziniert von Menschen,insbesondere von Frauen, die ihren Weg gehen, schrieb ich die romanhafte Biographie über "Maria Sibylla Merian", in der sich Kunst, Naturforschung und weibliches Selbstbewusstsein verbinden (1997, als Piper TB 3. Aufl. 2004), außerdem den Keltenroman "Wolfskrieger" (BoD 2013).

Florenz, 1475
Meister Filippino Lippi


Ein paar Tage später ist der ganze Spuck vorbei. Der Schnee ist weggeschmolzen. Die Sonne scheint, der Himmel ist klar und blau. Nur fegt der Tramontano noch kalt von den Bergen herab durch die Straßen von Florenz.

Der Alte ist immer noch friedlich und hat ihr erlaubt ins Ospedale zu gehen.

Sie erinnert sich gerne an die ruhige, sanfte Margherita, die ihr Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte und ihr zur Belohnung jedes Mal ein kleines Stück Marzipan schenkte. Als Leonora vom Marzipan erfahren hatte, wollte sie auch Schreiben und Lesen lernen.

Schon davor, als sie etwa fünf Jahre alt war, hatte sie Schreibversuche gemacht, indem sie mit einem Stift in ein Gesangbuch gekritzelt hatte. Dafür hatte ihr die Oberin den nackten Hintern versohlt.

Als sie noch sehr klein war, wurde sie von einer Nonne oft durchgekitzelt, und erst wenn sie vor Lachen keine Luft mehr bekam, war das schöne Spiel zu Ende.

Es gab auch üble Kinder dort. Einmal hatte ihr ein Junge nachts in ihre Schuhe gekackt. Sie hatte es erst bemerkt, als sie morgens hineingeschlüpft war. Es hatte gestunken. Und als sie aus Ekel auch noch ihr Kleid vollgekotzt hatte, schimpfte die Oberin sie.

Da hatte sie zum ersten Mal gefühlt, dass die Oberin sie nicht leiden konnte. Zu den anderen Kindern, sogar zur frechen Leonora, war sie netter. Was war mit ihr? Was hatte sie an sich, dass die Oberin so zu ihr war? Hatte es mit ihrer Mutter zu tun?

Schrecklich war es auch gewesen, als sie einem anderen Kind ihre Holzpuppe nicht geben wollte, die eine Nonne ihr geschnitzt hatte. Die Oberin sagte: »Ich meine es nur gut mit dir. Du sollst teilen lernen.« Sie musste die ganze Nacht in einer dunklen Zelle verbringen, in der außer einem Kreuz an der Wand und einem Nachttopf nichts war. Durch ein kleines Fenster fiel blasses Licht herein, das irgendwann verlosch.

Leonora, ihre Freundin, hatte ihr noch schnell ein Stück Brot zugesteckt.

Sie hatte die ganze Nacht gegen ihre Angst angesungen und ungeduldig auf die Morgendämmerung gewartet. Aber erst als es bereits eine Stunde hell war, kam Margherita und ließ sie raus. Dann musste sie als Erstes den Nachttopf auswaschen. Genau so, wie jetzt in der Taverne den des Alten.

Lange danach noch fürchtete sie sich im Dunkeln.

Was wohl aus Leonora geworden ist? Sie überlegt, während sie durch die Loggia geht, ob sie die Oberin danach fragen soll. Die Türe zum Raum der Oberin ist angelehnt. Raffaela hört Stimmen und späht durch den Türspalt.

Eine junge Frau sagt, sie möchte den Knaben, den sie durch die Klappe geschoben hat, wiederhaben.

»Wann war das denn genau?«, fragt die Oberin und zählt Goldmünzen in einen Beutel. Die Frau nennt ohne zu zögern ein Datum vor einem Jahr.

Es ist eine vornehm gekleidete Dame. Sie trägt einen weißen, durchsichtigen Schleier auf dem Kopf, darunter sieht man einen Goldreif, von dem auf die Stirn eine Perle baumelt. Um den Hals hat sie eine Kette aus goldgefassten, grünen Edelsteinen.

Seltsam. Weshalb gibt eine so vornehme Frau ihr Neugeborenes ab?

Die Oberin schaut in einem Buch nach, blättert und fährt mit dem Finger Zahlenreihen rauf und runter, dabei bewegen sich ihre Lippen. Jetzt schaut sie auf und zuckt die Schultern. Die Dame legt einen Fiorino auf den Tisch und noch einen. Und noch einen. »Mehr habe ich nicht«, flüstert sie. Es klingt, als sei sie verlegen.

»Gottes Lohn«, sagt die Oberin. Und dann: »Ah, da haben wir ihn ja.« Jetzt strahlt die Frau.

In Raffaelas Kopf ist kein einziger Gedanke, als sie zurückgeht um zu warten. Sie weiß nur, sie muss die Oberin fragen. Da kommt sie auch schon auf sie zu. Raffaelas Herz klopft bis zum Hals.

»Du warst lange nicht hier«, sagt die Oberin und es klingt tadelnd.

»Ich war todkrank, eine Entzündung der Lunge.«

Was sie eigentlich sagen will, bringt sie nicht über die Lippen. Die Oberin hört ohnehin nicht zu. Vielleicht zählt sie ja in Gedanken immer noch die Goldmünzen. Jetzt steht sie auf und kramt in einer Truhe. Sie zieht ein Gebetbuch heraus und schenkt es Raffaela.

Als die Oberin sich von ihr verabschieden will, fasst sie sich ein Herz und fragt, ob sie in diesem Buch nicht auch zu finden wäre mit einem Datum oder dem Namen der Mutter. Im selben Augenblick merkt sie, das würde ihr nicht weiterhelfen. Sie hat umsonst verraten, dass sie gelauscht hat. Die Oberin, und Raffaela ist es, als denke sie immer noch an etwas anderes, sagt: »Deine Mutter ist eine Dame aus der Familie der ...« Jetzt stutzt sie. Und wie immer, wenn sie zornig ist, erscheint über ihrer gebogenen Nase eine tiefe Furche und die Lippen werden noch schmaler. »Du hast gelauscht. Ich bin sehr enttäuscht von dir.« Sie hustet und tupft mit einem Tüchlein die Lippen. Raffaela sieht hellrotes Blut auf dem weißen Stoff. »Ist das dein Dank für unsere jahrelange Mühe mit dir? Ich will dich hier nicht mehr sehen. Nie mehr. Gehe jetzt«, sagt sie mit schneidender Stimme. »Halt! Das Gebetbuch bleibt da.«

Raffaela hat das Gefühl, als gehe ein tiefer Riss durch ihre kleine Welt.

Wie betäubt läuft sie zurück. Die Oberin weiß, wer ihre Mutter ist. Doch das wird sie nie erfahren. Sie hat alles falsch gemacht. Am schlimmsten ist, dass sie Margherita nie mehr besuchen kann.

Als sie an der Kirche Santo Spirito vorbeikommt, zögert sie kurz, dann geht sie weiter. Unterwegs bemerkt sie, dass ihre monatliche Blutung eingesetzt hat. »Auch das noch«, stöhnt sie. »Wäre ich doch nur ein Mann. Männer haben es leichter.«

Sie erinnert sich, wie sie vor einem Jahr zur Oberin ins Ospedale ging und ausgerechnet dort die Blutung zum ersten Mal einsetzte. Sie war furchtbar erschrocken, sie hatte gedacht, sie sei krank. Die Oberin hatte ihre Verstörung bemerkt und streng gesagt: »Raffaela, jetzt bist du eine Frau. Du solltest dich nicht darauf einlassen, wenn Männer etwas von dir wollen.«

Was die Oberin meinte, wusste sie, denn in der Kneipe redeten die Männer oft darüber: »Gestern habe ich es meiner Frau wieder richtig besorgt.« Dabei griffen sie sich zwischen die Schenkel und lachten.

Auf ihrem Heimweg bleibt sie immer wieder vor Geschäften stehen und schaut die Auslagen an: Kleider, Schuhe, Ledergeschäfte mit Taschen und Gürteln, Juweliere mit Schmuck.

»Mach', dass du nach Hause kommst«, redet ein Händler sie an. »Hier wird nichts gestohlen. Oder soll ich die Guardia rufen?«

»Ich bin keine Diebin«, sagt Raffaela, den Tränen nahe und trollt sich.

Es wird schon dunkel, als sie zur Kneipe kommt. Ein paar barfüßige, schmutzige Kinder werfen johlend Steine gegen den Fensterladen.

Pater Patrone schaut aus der Türe und schreit: »O Herode, dove sei tu hora?« O Herodes, wo bist du jetzt?

Sie will allein sein. Ihr ist egal, was passiert. Sie geht hinauf in ihre Kammer und legt sich hin. Nebenan hört sie Giovanni schluchzen. Auch das ist ihr egal, sie hat keine Kraft mehr.

Irgendwann geht sie doch hinüber zu ihm. Blut läuft ihm aus der Nase. Er sieht überhaupt schrecklich aus.

»Was ist passiert?« Er stöhnt: »Er hat den zweiten Viertel-Fiorino gefunden, den ich noch hatte. Hätte ihn Doktor Romano doch nur genommen. Ich haue heute Nacht ab, wenn er seinen Rausch ausschläft. Du solltest mitkommen.«

»Alles ist so sinnlos«, sagt Raffaela und geht in ihre Kammer hinüber.

Wie war das mit dem Viertel-Fiorino und Doktor Romano? Plötzlich versteht sie. Sie geht noch einmal zu Giovanni, doch der schläft schon.

Mitten in der Nacht schreckt sie aus dem Schlaf hoch. Erst weiß sie nicht, wo sie ist. Es riecht nach Olivenöl. Dann sieht sie den Patrone, ein Schatten nur im flackernden Licht der Öllampe, die er auf den Tisch gestellt hat. Er lässt eben schnaufend seine Hose herunter. Sein Schwanz steht steif. Sie springt hoch und will zur Türe. Er wirft sie auf den Strohsack und greift nach ihren Brüsten. Sie will Giovanni zu Hilfe rufen, doch er hält ihr mit der einen Hand den Mund zu und zerrt ihr mit der andern das Hemd hoch über die Hüften. Keuchend legt er sich auf sie und versucht, seine Knie zwischen ihre zusammengepressten Schenkel zu zwängen. Er stinkt nach Wein und Knoblauch.

»Du wirst den Nonnen nichts mehr erzählen. Ich weiß, bei denen bist du unten durch«, ächzt er. Raffaela beißt ihn in die Hand, er schlägt ihr ins Gesicht, sie schreit und zappelt. »Was sträubst du dich? Ich werde dich heiraten. Also mach mit.«

»Ich habe meine Blutung«, stöhnt sie. »Umso besser. So kannst du nicht schwanger werden.« Schon spürt sie seinen steifen Schwanz zwischen ihren geöffneten Schenkeln, er versucht mit der Hand nachzuhelfen, da fühlt sie plötzlich etwas Kaltes an ihrer Hand - der Nachttopf, der am Kopfende auf dem Boden steht. Sie bekommt ihn am Rand zu fassen und schlägt zu. Ein gellender Schrei. Pater Patrone rollt von ihr und plumpst auf den Boden. Als sie...

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