Der lange Gang über die Stationen

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 157 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81164-3 (ISBN)
 
Ausgezeichnet mit dem Preis der Jürgen Ponto-Stiftung
»Meine Frau war zu mir gezogen. Sie kam nicht aus der Gegend, sondern von weiter her, und
diese Umgebung hier war ihr noch recht neu und unbekannt. Und da, ganz am Anfang, war alles noch so einfach.«
Diese Sätze leiten den ersten Roman des jungen österreichischen Autors Reinhard Kaiser-Mühlecker ein. Scheinbar nüchtern berichtet ein Mann von sich. Er ist noch nicht lange verheiratet mit einer Frau aus der Stadt, lebt mit ihr und seinen beiden Eltern auf dem Hof der Familie, den er übernommen hat und bewirtschaftet. Diese Geschichte erzählt von zwei Menschen, die sich sehr nahe sind, zwischen denen aber immer mehr Fragen auftauchen, die unbeantwortet bleiben. Immer weniger versteht der Mann, was passiert, immer mehr hat er das Gefühl, dass die Entwicklungen ihm entgleiten. Eigentümlich ergreifend ist dieser Bericht, der ohne jede Interpretation auskommt, nichts erklärt, einfach nur beschreibt.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,03 MB
978-3-455-81164-3 (9783455811643)
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Reinhard Kaiser-Mühlecker wurde 1982 in Kirchdorf an der Krems, Oberösterreich, geboren. 2008 debütierte er mit dem Roman Der lange Gang über die Stationen. Es folgten die Romane Magdalenaberg (2009), Wiedersehen in Fiumicino (2011), Roter Flieder (2012) und zuletzt Schwarzer Flieder (2014). Seine Arbeit wurde u. a. mit dem Jürgen-Ponto-Literaturpreis, dem Kunstpreis Berlin und dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet.

Der lange Gang über die Stationen


1


Ganz am Anfang standen einzelne lange, mit Eis überzogene Grashalme aus einer harten Schneedecke hervor, und kein Wind konnte sie bewegen. Drinnen, im Haus, lag der Tabakbeutel, daneben zwei in Rechteckform zurechtgeschnittene Papierchen auf dem schweren Küchentisch. Dazwischen die gestopfte Pfeife mit dem langen, sich zweimal biegenden Hals. Das Aroma des Tabaks breitete sich in der Küche aus. Die Türen waren geschlossen und die Luft im Raum aufgewärmt.

Meine Frau kam auf mich, der ich dort am Tisch nach hinten gelehnt, das Kreuz hohl und die Beine ganz durchgestreckt, saß, zu. Sie hatte den Lappen mit der übergroßen hellen Schlaufe zum Aufhängen in der Hand und ließ es sich nicht nehmen, nach dem ausgiebigen Frühstück gleich den Tisch zu wischen. Im Milchtopf war nur noch eine dicke Rahmschicht ganz unten am Topfboden, in der sich eine Fliege auf eine Art rührte, als hätte sie da in dem Augenblick eine mühsame Arbeit zu verrichten. Eine der Katzen strich mit aufrechtem Schwanz eng um meine Beine, sodass es den Stoff der Hose gegen die Haut drückte; dabei miaute sie, oder sie schrie, das Maul weit aufgerissen und das Körnige der Zunge deutlich sichtbar. Ich betrachtete das in die Tischplatte Geschnitzte, bis mein Blick unscharf wurde; es steckten mir noch die Müdigkeit und der Schlaf in den Knochen.

Meine Frau hatte den Lappen in Spülwasser getaucht und ihn ausgewrungen. Ihre Hände hatten sich ein Stück mitgedreht dabei, die Haut über den Pulsschlagadern hatte schmale Falten geworfen, und die Knöchel waren blutleer, weiß hervorgetreten. Das Wasser, das grau geworden dann aus dem Lappen gedrückt worden war; das Geräusch dieses Wassers auf dem Metall des Abwaschbeckens.

Ich saß dort am Tisch, hielt den Pfeifenkopf in der hohlen Hand, zuerst in der rechten, dann in der linken; die Hosenträger spannten sich über meine Brust, über die Rippenbögen. Saß dort – und tat nichts anderes, als der jetzt Arbeitenden zuzusehen. Sie wippte beim Abwischen vor und zurück, ganz nah an mir. Ihr harter Beckenknochen stieß zweimal seitlich gegen die Lehne meines Stuhls; stieß weich, und doch ging der Stoß weiter und drang durch die Lehne in mich. Ich sah ihr zu, aber dennoch sah ich sie auf eine Weise auch nicht, ich sah nur eine Silhouette, die sich bewegte. Ich sah diejenige tanzen, die nicht tanzte.

 

Meine Frau war zu mir gezogen. Sie kam nicht aus der Gegend, sondern von weiter her, und diese Umgebung hier war ihr noch recht neu und unbekannt. Sie war zu mir gezogen, und da, ganz am Anfang, war alles noch so einfach.

Sie war zu mir gezogen, nur wenige Tage nach der Heirat, zu mir auf den Hof, zu den Meinigen und zu den Tieren, die im Stall im warmen Stroh standen, ruhten oder fraßen oder wiederkäuten, während draußen klirrende Kälte war. Es gab Sonne auf dem weißen Schnee, und es gab sie auf dem dunkleren unter den Dachtraufen. Es waren die kältesten Wintertage, und wir, oder vielmehr ich hatte mich ja nicht gedulden mögen, hatte ja gleich heiraten wollen, hatte ja nicht warten gemocht auf den wärmeren Mai.

Kaum spürbar wehte ein Windhauch von Osten her durch das weite Tal und brachte die gute Luft. Er machte auch, dass die Nadeln auf den Fichten und Lärchen, auf den Kiefern und Tannen weiter oben, knapp unterhalb der Baumgrenze, mitsamt dem Raureif sich leicht bewegten. Der Himmel war vollauf blau; nur dort und da eine kleine, unbedeutende Wolke.

Wir waren bald aufgestanden an diesem Tag, mit dem frühen Licht. Jedoch war mir das kein wirkliches Licht, denn im Winter gab es kein frühes Licht, nicht das morgendlich helle Licht des Sommers. Aber etwas war dennoch an seiner Stelle, und das war das diffuse und schwache Dämmerlicht des im flachen Einfallswinkel der Sonnenstrahlen allzu gemächlich anbrechenden Wintertags, ein, wie ich es mir bisweilen dachte, mit Makel behaftetes Licht.

 

Der erste Sonntag, den ich nicht mehr alleine hier war, sondern mit einer Frau, meiner Frau. Der erste Sonntag als Ehemann hier auf dem Hof. Endlich war ich kein Junggeselle mehr. Ich hatte Verantwortung jetzt, noch mehr als schon zuvor; nicht nur, weil die Mutter es mir so eindringlich, ihre sich auf und ab bewegenden Lippen beinah mein Ohr streifend, gesagt hatte, wusste ich das. Doch spürte ich keine Last, sondern vielmehr Freude im ganzen Körper und Geist. Ich fühlte mich leichter und manchmal so, als hätte ich gar ein Paar Flügel. Und sie, meine Frau, strahlte mich auch manchmal so an.

Die Arten von Verantwortung, die die Mutter meinte: dass ich etwas aufzubauen hätte, und die andere, noch viel schwierigere: das dann zu erhalten, und gleichzeitig das schon Bestehende, von den Vorfahren Aufgebaute zu erhalten. Meine Mutter konnte nach Langem wieder lachen, und lachen ohne Bitterkeit im Gesicht. Ihre Augen glänzten wieder ein wenig, und hin und wieder kam es mir so vor, als ginge von ihnen sogar wieder etwas aus.

Wenn erst Kinder da sind, dachte ich bei mir, wie würde die Mutter, Großmutter geworden, mit einem Mal aufblühen! Vor mir wollte ich es bereits sehen: das Lachen und die Freude, geschrieben, ja gezeichnet wie Ereignisse, wie Tatsachen in ihr altes Antlitz, gezeichnet und dann dauerhaft sichtbar. Einmal, als ich im vergangenen Herbst in der Hoftür gestanden war und dem heftigen Regen zugesehen hatte, war sie aus dem Stall gekommen und durch den Innenhof auf mich zu, Richtung Wohntrakt geeilt, gebückt, den Arm wie einen Bogen über den Kopf gehalten, das Gesicht, so kam es mir vor, von unten her angehoben, und die Augen sehr geradeaus schauend, aber ebenso von unten her, und Wasser rann über ihr Gesicht – da hatte ich den Gedanken gehabt, ihr Gesicht sei vom Leben ausgewaschen.

Neben dem Kirschbaum entdeckte ich später am Tag einen toten Kolkraben; bei ihm hockte die Katze und hatte bereits begonnen, mit ihren stets geschärften Krallen seinen Torso zu öffnen. Ich verjagte die Katze und brachte den Vogel auf den in der Kälte dampfenden Misthaufen. Da hatte sich bereits Reif auf die bläulich schwarzen, metallisch glänzenden Federn gelegt. Die Katzen waren mir gefolgt, aber ich hatte mit der vierzackigen Gabel eine tiefe Grube ausgehoben und den Vogel weit drin im Mist vergraben; die Katzen sollten keine toten Vögel fressen, die krank gewesen sein könnten.

Die Mutter, die in den Monaten und Jahren zuvor immer müder geworden war und lustloser, war jetzt wieder viel um mich herum, begleitete mich. Ich sah sie bei der Arbeit, wie viel Schwung und Elan sie plötzlich wieder hatte. Fast aufgeregt war sie. Bei der Stallarbeit in der Früh war sie wieder dabei und nahm mir allerhand ab, mistete die Stallungen aus, kehrte die verkoteten Tröge aus, füllte sie mit Wasser, warf vom Heuboden Stroh durch die Luke nach unten. Im Haus hielt sie die Küche sauber und in Ordnung, und sie trug fleißig und aufmerksam das in den Schränken und Schubladen Fehlende auf dem Einkaufszettel neben der Küchentür ein. Im Holz, beim Auf-den-Wagen-Schlichten der schweren Scheite, die ich aufgespaltet hatte, half sie mir, beim Aufschneiden der schweren Scheite dann unweit des Hauses und beim neuerlichen Schlichten, beim Tragen der leichteren, schon trockenen aus dem Vorjahr oder dem Vorvorjahr in das Haus und beim Legen jener Scheite in den für sie bereitstehenden Weidenkorb auf dem hell gefliesten Boden neben dem Ofen. Und sogar die Hühner, die nach keinerlei Futter schrien, weil sie genug an Körnern, Würmern und Insekten auf dem Misthaufen zu finden gewohnt waren, fütterte sie übermütig mit Getreide. Sie half mir, ohne dass ich sie eigens beauftragen und einspannen musste; sie wusste auf einmal wieder, was zu tun war, sah auf einmal wieder, welcher Handgriff nötig war, und machte ihn, auch ohne mich vorher zu fragen. Plötzlich, dachte ich, war sie wieder instand gesetzt. Ich war zufrieden und froh, sie wieder so zu sehen – so wie ganz früher: Sie arbeitete und beschwerte sich nicht. Und erkennbar die Veränderung auch in der Kleidung, die wieder ordentlicher an ihr saß. Die Schürze mit der leicht ausgebeulten Tasche im Schoß hing gerade um den Hals, und die Strümpfe waren faltenfrei an den Beinen hochgezogen. Dazu war ihr Gang weniger schlurfend geworden.

Wir waren beizeiten aufgestanden. Und heute, am Ruhetag, am Tag des Herrn, wollte ich meiner Frau den Hof und seine Gebäude, den Schuppen, darin das geschwungene Joch, unter dem der Ochse schon bald wieder zu gehen hätte, den Pflug, hinter dem ich wie immer herzugehen hätte, ab und zu draufsteigend, um die stählerne Schar zurück in die Erde zu treiben, das in braunes, rissiges Leder gekleidete, an einem in das Holz eines Pfeilers geschlagenen Nagel aufgehängte Kummet für das Ross, die Stallungen mit den Tieren, den angrenzenden Wald, die feuchte Wiese und die abschüssige Weide, kurz: den ganzen Besitz, der uns nun – der Tradition entsprechend – gemeinsam gehörte und eines Tages unseren Kindern gehören würde, noch einmal oder ein erstes Mal richtig zeigen. Erzählen wollte ich ihr, welche Geschichte hinter jedem Einzelding verborgen war, hinter den Obstbäumen, die anlässlich meiner Geburt im Hausgarten in einem Halbkreis gepflanzt worden waren, hinter dem Geräteschuppen mit dem Reisighaufen im hinteren Teil und hinter dem Küchentisch aus Nussholz, den, wie so vieles andere, der Großvater gebaut hatte. Auch hinter den kleineren Dingen stand jeweils eine Geschichte – musste eine Geschichte stehen, um sie lebendig zu erhalten, lebendig erst zu machen.

Nach dem Frühstück zogen wir die warme Kleidung an. Meine Frau bekam blauen Kittel und Pullover aus Wolle (selbst gestrickt) von der Mutter geliehen. Stiefel trug sie die eigenen,...

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