Lügen, aber ehrlich

Halbseidene Wahrheiten und andere Erfolgsmodelle
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. August 2015
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96967-3 (ISBN)
 
Warum wurde der Weihnachtsmann erfunden? Wieso sind Bio-Produkte immer grün? Weshalb sagen wir immer "super!", wenn und einer fragt, wie es uns geht? Ganz einfach: Weil Täuschen, Tricksen und Lügen viel mehr Spaß macht als die Wahrheit. Lügenexperte Karsten Kaie singt ein Loblied auf den alltäglichen Selbstbetrug und entführt uns auf dem Weg des geringsten Widerstands in eine Welt, in der man jederzeit mit dem Rauchen aufhören könnte und drei Jahre nacheinander den 49. Geburtstag feiern kann. Denn schließlich heißt es "Herzlichen Glückwunsch" und nicht "Boah, bist du alt geworden"!
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 4,60 MB
978-3-492-96967-3 (9783492969673)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Das professionelle Lügen erlernte Karsten Kaie am Lee Strasberg Theatre Institute in New York und in über zehn Jahren auf der Bühne. Neben seiner Paraderolle als "Caveman" begeistert er mit seinen Solo-Programmen "Lügen, aber ehrlich" und "Ne Million ist so schnell weg" seit Jahren eine riesige Fangemeinde. Selbstverständlich ist er zudem hochbegabt, unglaublich attraktiv und verfügt über das absolute Gehör. Wenn er nicht gerade im Auftrag des Weltfriedens um die Welt jettet, ist er vollauf damit beschäftigt, seine Lügengebilde vor dem Einsturz zu bewahren.

Inhalt


Sorge dich nicht, lüge?!
Vorwort
1 Karriere eines Profilügners
Früh übt sich, wer ein Lügner werden will
Das Spiel ist aus - vorübergehend
Rückschläge bei der Selbstfindung


2 Das Grundgesetz des Lügens
Lügen als sozialer Kitt
Weiße Lügen - Alltagslügen
Warum lügen wir?
Lüge, Gegenlüge und die nackte Wahrheit - ein Beispiel

3 Belüge deinen Nächsten wie dich selbst
Lug und Selbstbetrug
Die Lebenslüge des Lügendetektors
Der notorische Lügner
Der ewige Alltagslügner
Lüge gut, alles gut

4 Tipps und Tricks zum ehrlichen Lügen
Zauberwort aktives Zuhören
Lügen mit Wissenslücken - Schillers Locke
Körpersprache, Gestik und Mimik
Lügner erkennen, ohne selbst erkannt zu werden
Das Lachen, die heitere Lüge
Das Weinen, heldenhaft unterdrückt
Hochstatus und Tiefstatus
Der Dreisatz des Grauens - Germanistik für Anfänger

5 Ciao Bella - Andere Länder, andere Lügen
Österreich - Schmäh statt Schmarrn
Italien - Die Wahrheit von Pasta und Pizza
Griechenland - Apropos Akropolis - Nicht alle Kreter lügen
Ägypten - An der Grenze zu Taka-Tuka-Land
Türkei - Der Hahnenschrei ist hier Gesang
Amerika - Alles ist total great?!
Kirgisien - Das gibt's doch gar nicht
China - Affenmagenchips made in Hongkong
Indonesien - Beifahrer for President
Balkonien - Mein Nachbar weiß alles
Polynesien - Tipunu, die schwarze Perle von Tongatapu

6 Die Ware Schönheit
Mimikry - Was hat der argentinische Lidblasenfrosch mit mir zu tun?
Warum gibt es Schönheit?
Belügt man sein Inneres, wenn das Äußere verändert wird?
Face-Design und Gesichtsmorphologie
Ein Rezept gegen Depression und schlechte Laune
Small Talk auf dem Operationstisch

7 Lügen im Beruf - Mehr Schein als Sein
Mit Lügen zum Erfolg - Lieber Hochstapler
als Gabelstapler
Wie kauft man einen Satelliten?
Lügentipps und Strategien
Erfolgreich verhandeln - mit Lügen umgarnen
Eine ganz spezielle Verpackungslüge

8 Lügen in Beziehungen - Dürfen Gedanken fremdgehen?
Wahre Freundschaft - Auszeit von der Lüge
Ehrliche Männer- und Frauentipps
Ich lüge dich?!
Caveman und der Schmetterling
Virtuelle SIM-Karten, reale Brote und eine kurze Liebe

9 Niemand hat die Absicht, ein Lügengebäude zu errichten
Strategien fortgeschrittener Lügner
Mit Vollgas durchs Leben - der charmante Allzwecklügner
Madonna hat abgesagt - der nette »?ehrliche?« Finanzhai
Emotionen anzapfen - der Menschenmanipulator
Durch alle Höhen und Tiefen - der reflektierte Beziehungsschwindler

10 Das Geheimnis - Die kleine Schwester der Lüge
Die Frauenzimmerschule
Spanische Tabletten und ein Brief vom Zoll
In zwanzig Tagen in die Krise
Robert wird verwechselt
Die Opernsängerin

11 Die hohe Kunst der Lüge - In der Kunst und anderswo
Berufs-Monopoly
Pfarrer für einen Abend
Die grüne Paprika

12 Träume und Phantasien - Die Nichten und Neffen der Lüge
Tschuang Tse oder wie ich einmal träumte, im September Silvester zu feiern
Ich habe einen Traum

13 Veni, vidi, vici - Ich kam, sah und lügte
Nachwort

1 karriere eines
profilügners

»Der Beste muss mitunter lügen
Zuweilen tut er's mit Vergnügen«

Wilhelm Busch

Früh übt sich, wer ein Lügner werden will

Mit fünf Jahren hatte ich mein erstes Erfolgserlebnis - gleich bei der ersten Lüge, an die ich mich bewusst erinnere.

Einsam saß ich in unserem Siebzigerjahre-Esszimmer und stocherte lustlos in einem schrecklichen, monumentalen Blumenkohlberg mit Semmelbröseln herum - heute hieße das wahrscheinlich »gekröster blumiger Kohl an gesemmelter Brösel« und wäre das Erfolgsrezept aller lakto-vegetabilen Berlin-Mitte-Muttis.

»Du darfst erst zum Spielen, wenn du aufgegessen hast«, hatte meine Mutter mir aus der Küche zugerufen. Frustriert und verzweifelt schaute ich mich um. Keine Rettung in Sicht. Bis mein Blick auf das Sofa fiel und mir die rettende Idee kam, wo ich mein Blumenkohlproblem entsorgen konnte.

Dreißig Sekunden später war der Teller leer und wurde stolz präsentiert: »Ich habe jetzt aufgegessen!« - und ich verschwand nach draußen.

Meine Lüge flog allerdings in Windeseile auf, denn die Reste meines Essens tauchten nahezu umgehend in Form einer Staubsaugerverstopfung wieder auf. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass meine Mutter unter einem Sofa und erst recht nicht unter unserem Sofa staubsaugen würde. Und da mein bester Freund direkt nebenan wohnte, wusste dessen Mutter von Balkon zu Balkon schneller Bescheid, als ich brauchte, um zu ihm rüberzugehen. Sehr peinlich! Aber für die erste richtige Lüge, an die ich mich erinnern kann, schon ein Erfolg: Ich war dem Blumenkohl entwischt.

Aber auch die Erkenntnis: Lügen haben manchmal sehr kurze Beine. Ich hatte meine erste Lektion gelernt. Lügen macht Spaß, man sollte sich bloß nicht dabei erwischen lassen. Natürlich bekam ich Stubenarrest von meiner Mutter, aber anstatt mich schuldig zu fühlen, dachte ich instinktiv nur darüber nach, wie ich beim nächsten Mal professioneller lügen könnte, um nicht mehr erwischt zu werden.

Eigentlich hatten meine Schwester und ich eine wunderschöne Kindheit. Wir durften viel spielen, wurden nach Kräften gefördert und sehr liberal und freiheitlich erzogen. Alles wurde ausdiskutiert, manchmal bis zum Geht-nicht-mehr . Ich lernte für alles und jeden Verständnis zu haben, konnte mich hervorragend in mein Gegenüber hineinversetzen, dessen Position und Sichtweise einnehmen und mich wie ein Chamäleon verwandeln. Ich mochte fast jeden und wollte gemocht werden. Wo andere gegen ihre Eltern rebellierten, mochte ich meine. Sie waren total nett.

Mein einziges Problem damals war einfach: Ich hatte einen Mangel an Defizit. Den habe ich dann aber schnell aufgeholt.

Meine Eltern fingen irgendwann immer mehr zu streiten an. In Einzelgesprächen hatte ich natürlich für jede Seite totales Verständnis und war total einfühlsam. In der Schule war ich Klassensprecher. Ich war weder der Brave noch war ich der Coole, ich war irgendwo dazwischen. Total nett. Meine Freunde fanden mich auch nett. Mir wurde schlecht vor lauter »nett«.

Ich war verzweifelt. Und außerdem war ich in der Pubertät. An diesem Punkt, glaube ich, hat sich meine Lust am Lügen so richtig entfaltet. Ich brauchte ein Ventil, also baute ich mir eine komplette Parallelwelt auf. Nach außen spielte ich, wenngleich desinteressiert, die Rolle des Normalos, inklusive Tanzkurs, Basketballverein, Klavierspielen und dergleichen mehr. Aber das Einzige, das mich wirklich interessierte, waren Spielautomaten. Hier lag der zarte Anfang meiner Spielsucht.

Mein erster Besuch mit dreizehn Jahren in einer ganz besonderen Kneipe wurde dabei zum Schlüsselerlebnis:

Ich kann mich nicht mehr erinnern, was mich an dem Laden mit dem sinnigen Namen Klingothek so magisch anzog. Jedenfalls geriet ich irgendwann nach der Schule dorthin. Im Hauptraum gab es Burger, im Nebenraum Flipper, Billard und Geldspielautomaten. Ich warf dreißig Pfennig in einen der Automaten - es erschien die erste Sieben, die zweite Sieben, die dritte! Hundert Sonderspiele! Zum Schluss waren es hundertzwanzig Mark, die ich gewonnen hatte.

Das Glücksgefühl, das ich dabei empfand, werde ich nie vergessen und ich glaube, ich jage ihm heute noch hinterher.

Damals hatte das Neusäßer Volksfest, der Höhepunkt des Jahres, gerade begonnen und ich hatte Geld! Eine Woche des großen Glücks lag vor mir: Autoscooter bis zum Abwinken, Lose kaufen, Greifer spielen - eine geniale Zeit! Ich wollte es so machen wie die ganz Coolen: Kaugummi kauend einhändig rückwärtsfahren, den Wagen mit gelangweiltem Blick zweimal um seine Achse drehen und dann lässig eine der unglaublich sexy Dreizehnjährigen per Augenzwinkern zum Mitfahren einladen.

Bis auf das mit den Mädchen hatte ich die Sache ganz gut im Griff. Und den unfassbar lässigen Autoscooterchef, der mit seinem Dauerchip am Fuchsschwanzanhänger die im Wege stehenden Wagen zur Seite fuhr, bewunderte ich grenzenlos! Mein Traumjob stand fest: Autoscootereinparkchef.

Als das Volksfest zu Ende und mein Geldbeutel leer war, ging ich immer häufiger in die Klingothek. Ich wollte einfach nur spielen, egal was, spielen, spielen, spielen. Nicht nur Bananenschlapperflipper, Pacman, Asteroids und Billard, sondern auch Geldspielautomaten - einfach alles. Es musste doch möglich sein, wieder hundert Sonderspiele zu gewinnen.

Dann lernte ich Schlingi kennen: klein, schwabbelig und seltsam, aber schon ein absoluter Profi. Er log und betrog nach allen Regeln der Kunst und konnte die Flipperautomaten sogar mit einer Nagelfeile öffnen. Jeden Freitagnachmittag, etwa eine Stunde bevor der Flipperautomatengeldkassetteneinkassierer kam, öffnete Schlingi die Automaten mit seiner Nagelfeile, nahm etwa ein Drittel des Gewinns pro Flipper heraus, und verschloss alles wieder sachgerecht. Dann lud er mich dort in der Klingothek zum Burgeressen ein, finanzierte meine Geldspielautomatensucht und erkaufte sich so vorsichtig meine Freundschaft. Na ja, unter uns beiden war ich definitiv noch der Coolere, was natürlich nicht wirklich viel zu bedeuten hatte . Mit der Zeit lernte ich ganz nebenbei, wie man Flipper und Videoautomaten manipulieren konnte. Und so wurde ich allmählich zum Profi für »preisgünstiges« Spielen:

So konnte man bei Williams-Flippern die untere Klappe, aus der das Geld herausfällt, kaputt schlagen, ein Zehnpfennigstück im Mittelschlitz mit dem Zeigefinger verkantet nach oben schnalzen, und vierzehn Spiele waren »umsonst«. Bei Bally-Flippern musste man mit einem Kupferdraht den Kontakt schließen. Pech war nur, wenn man mit dem Draht an den falschen Kontakt kam. Dann blitzte es farbenfroh, machte Krrrrrggggh, und der Flipper war kaputt - kleiner Kollateralschaden. Als die Betreiber begannen, bei Williams-Flippern den Mittelschlitz mit Rasierklingen zu präparieren, um Betrügern wie uns schmerzvoll das Handwerk zu legen, verlagerten wir uns mehr auf Atari-Automaten, bei denen sich recht elegant betrügen ließ. Dazu hatte ich mir ein Markstück durchbohrt und es an einen fast unsichtbaren Angelfaden gehängt. Um zu spielen, führte ich die Münze in den Schlitz ein, hielt sie aber am Faden fest. In dem Moment, in dem der Kontakt für ein Spiel ausgelöst wurde, bewegte ich langsam Zeigefinger und Daumen hin und her. So konnte ich beliebig oft spielen.

Aber nicht bloß deshalb liebte ich Atari-Automaten, sondern auch ganz besonders wegen des Spiels Asteroids, bei dem man zweidimensionale weiße Meteoritenbrocken im Weltall abschießt. Jeder aus meiner Generation, der auch nur irgendwie einen kleinen Dachschaden hatte, kennt Asteroids. Tetris kam später und war Mainstream. Asteroids war indie und old school. Oft kam ich schweißgebadet nach Hause, nachdem ich einen neuen Rekord bei Asteroids geschafft hatte. Meinen Eltern erzählte ich natürlich, ich hätte Fußball oder Basketball gespielt.

Ich liebte und hasste meine Parallelwelten. Es gefiel mir, in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen, zu manipulieren und den Braven oder den Kriminellen zu geben. Denn für mich war das alles ein Spiel. Gleichzeitig merkte ich, dass ich süchtig war. Oft verbrachte ich sechs Stunden täglich in der Klingothek. Ich konnte nicht anders. Und es gab immer mehr zu vertuschen. Zu Hause spielte ich den netten, eher unauffälligen Sohn, der der Mathematikbegeisterung seiner Schwester nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen vermochte. In der Schule war ich gerade noch körperlich anwesend. In der Klingothek hingegen war ich der King, der König der Flipperwelt.

Eine Zeit lang funktionierte mein doppeltes Spiel ausgezeichnet. Nichts machte mir mehr Spaß, als in verschiedene Wirklichkeiten einzutauchen. Diese leicht kriminell angehauchte Zwischenwelt der Flipper, Pacmans und Geldspielautomaten gab mir den Adrenalinkick, den ich später nur noch auf der Bühne oder im Spielcasino bekommen sollte - aber das ist eine andere Geschichte.

Das Spiel ist aus - vorübergehend

Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zum Eklat kommen würde. In der Schule wurde ich immer schlechter, jeden Nachmittag spielte ich wie manisch. Wenn ich gegen Abend mit verrauchten Klamotten nach Hause kam, war ich aschfahl im Gesicht, verhuscht und verschwitzt. Ein Junkie der ersten Videospielgeneration. Und Geld hatte ich auch nie, mein Taschengeld war immer alle.

Dann war es so weit, und mein erstes großes Lügengebäude brach in sich zusammen.

Mit meinem Markstück-Angelfaden-System hatte ich schon etwa zwei Stunden lang gespielt, da packte mich auf einmal der Wirt am Kragen: »Jetzt reicht's! Ich lass mich nicht...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen