Plötzlich Rebell

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2021
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27284-5 (ISBN)
 
Er ist so berühmt wie berüchtigt in der Welt der Feen: Robin Goodfellow, auch bekannt unter dem Namen Puck. Trotz allem, wofür ihn Feen und Menschen gehalten haben - Ruhestörer, Verräter, Narr oder auch Rabe -, ist Puck zuallererst eines: der treue Gefährte von Königin Meghan und ihrem Prinzgemahl Ash. Und als eine neue Bedrohung das Feenreich heimsucht, begibt sich Puck auf die gefährlichsten Reise seines Lebens .
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,42 MB
978-3-641-27284-5 (9783641272845)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Schon in ihrer Kindheit galt Julie Kagawas große Leidenschaft dem Schreiben. Nach Stationen als Buchhändlerin und Hundetrainerin machte sie ihr Interesse zum Beruf. Mit ihren Fantasy-Serien »Plötzlich Fee« und »Plötzlich Prinz« wurde sie rasch zur internationalen Bestsellerautorin. In ihrer neuesten Erfolgsserie »Plötzlich Rebell« erzählt sie von einer magischen Liebe, die nicht sein darf. Julie Kagawa lebt mit ihrem Mann in Louisville, Kentucky.

DIE MENSCHENWELT


Vor langer, langer Zeit


Es war beinahe so weit.

Ich spähte hinter den Büschen hervor, und ein breites Grinsen erschien auf meinem Gesicht. Die Bühne war bereitet. Der kristallklare Teich auf der winzigen Lichtung hinter den Bäumen funkelte im Sonnenschein und lockte die verschiedensten Lebewesen an. Unter den wachsamen Blicken eines prachtvollen Bocks, der hoch aufgerichtet am Ufer stand, senkten einige gefleckte Hirschkühe ihre schlanken Hälse und fingen an zu trinken. Kaninchen hoppelten durch die Farnbüsche auf der Lichtung, und im Geäst einer hohen, knorrigen Eiche ertönte das Keifen einer Eichhörnchenfamilie. Vögel zwitscherten, Wild wanderte umher, der Wind strich sanft durch die Bäume. Eine idyllische, pittoreske Szene ländlichen Friedens, ein perfekter Tag im Reich der Menschen.

Öde, öde, öde.

Noch immer grinsend zog ich die Panflöte aus meinem Hemd hervor. Ich hatte sie selbst entworfen, hatte mehrere Tage lang hohle Schilfzweige gesammelt, sie zugeschnitten und gebunden, hatte daran gefeilt, bis die Töne absolut rein waren. Nun würde sich zeigen, wozu das Ding fähig war.

Ich zog ein wenig Schein aus dem Wald ringsum, setzte die Flöte an die Lippen und spielte einen einzelnen Ton.

Der hohe, reine Klang durchbrach die Stille des Waldes und glitt über die Lichtung. Sofort zuckten die am Teich versammelten Tiere zusammen, rissen die Augen auf, witterten. Die Kaninchen setzten sich auf, ihre Ohren zuckten. Die Hirsche drehten die Köpfe, sahen sich mit großen dunklen Augen um, bereit zur Flucht. Und die Eichhörnchen klammerten sich mit peitschenden Schwänzen an ihre Äste, gaben keinen Ton mehr von sich.

In dieser plötzlich einsetzenden Stille holte ich tief Luft, sammelte meine Magie und fing an zu spielen.

Eine fröhliche, rhythmische Melodie stieg auf, schwebte über den Teich hinweg, setzte sich in den Ohren all dieser Lebewesen fest. Im ersten Moment rührten sie sich nicht.

Dann begann eines der Kaninchen, mit dem Fuß zu klopfen. Die anderen folgten seinem Beispiel, ließen die Hinterbeine im Takt auf den Boden knallen, während die Hirsche zur Musik die Köpfe schwenkten. Oben im Geäst schaukelten die Eichhörnchen auf und nieder, versetzten sich mit ihren Schwänzen taktgenau in Schwingung. Die Vögel stimmten eifrig in das Lied mit ein. Ich verkniff mir ein Grinsen und spielte lauter, schneller, ließ immer mehr Schein in die Töne einfließen, die ich trillernd in den Wald hinausschickte.

Laut röhrend erhob sich der alte Hirsch auf die Hinterbeine, schwenkte sein prachtvolles Geweih und galoppierte in die Mitte der Lichtung. Seine scharfen Hufe glitten über das Gras, wühlten die Erde auf, wann immer er im Rhythmus der Musik hüpfte und sprang. Seine Herde folgte ihm geschlossen, tobte und tanzte an seiner Seite. Dann kamen die Kaninchen, tollten in wahnwitzigen Sprüngen um die Hirsche herum. Wilde Fröhlichkeit stieg in mir auf - das funktionierte sogar besser, als ich gehofft hatte! Es war gar nicht so einfach weiterzuspielen, denn das breite Grinsen, das an meinen Lippen zerrte, hätte dem Lied beinahe ein Ende bereitet.

Ich verließ mein Versteck zwischen den Büschen und trat auf die Lichtung hinaus, zog die Panflöte geschickt an meinen Lippen entlang, ließ das Lied und die Magie entsprechend anschwellen. Es juckte mich in den Füßen, also ließ ich ihnen ihren Willen und tanzte zur Mitte der Lichtung, wo ich tief Luft holte und so laut spielte, wie ich es vermochte. Mein Körper bewegte sich wie von allein. Ich sprang, drehte, katapultierte mich durch die Luft. Und um mich herum tanzten die Kreaturen des Waldes, ihre Hufe, Hörner und pelzigen Körper glitten nur knapp an mir vorbei bei ihrem fieberhaften Reigen. Voll selbstvergessener Leidenschaft flogen sie über die Lichtung. Ich verlor mich in der Musik, der Fröhlichkeit, der Ekstase, in meinem Tanz mit den Bewohnern des Waldes.

Ich könnte nicht sagen, wie lange die Melodie anhielt - die Hälfte der Zeit hatte ich die Augen geschlossen und folgte bloß meinem Instinkt. Doch irgendwann, als das Lied wieder einmal dröhnend anschwoll, spürte ich, dass es nun zu einem Ende kommen musste. Es gipfelte in einem letzten, berauschenden Ton, dann verklang die Melodie, die aufbrandenden Emotionen erloschen. Und der Wirbelwind der Magie, der über die Lichtung gefegt war, erstarb und zog sich ins Innere der Erde zurück.

Keuchend ließ ich die Arme sinken. Meine Tanzgefährten hielten ebenfalls inne, rangen nach Luft. Der große Hirsch stand ganz in meiner Nähe, er ließ den gekrönten Kopf hängen, seine Beine und Flanken zitterten. Das Beben erfasste seinen gesamten Körper, und er brach zusammen; weißer Schaum trat aus seiner Schnauze hervor, als sein Kopf schwer auf dem Boden aufschlug. Nach und nach sackte auch der Rest seiner Herde zusammen. Manche rangen krampfhaft nach Luft, andere lagen vollkommen reglos da. Um sie herum ruhten überall pelzige Kaninchenkörper, halb im aufgewühlten Matsch versunken. Mein Blick ging zu den Bäumen, und am Fuß der Stämme entdeckte ich die Eichhörnchen und Vögel, die von ihren Ästen gekippt waren, sobald die Musik verstummte.

Verwirrt sah ich mich um. Nun, damit hatte ich nicht gerechnet. Wie lang hatte ich denn gespielt? Das Stück Himmel, das ich zwischen den Baumkronen erkennen konnte, war von orangefarbenen Streifen durchzogen, die Sonne stand schon tief am Horizont. Mich hierhergeschlichen und zum ersten Ton angesetzt hatte ich am frühen Morgen. Offenbar hatte unsere wilde Feier den ganzen Tag gedauert.

Oh. Ich kratzte mich am Hinterkopf. Was für eine Enttäuschung. Offenbar darf man diese sterblichen Viecher nicht zu hart rannehmen, sonst klappen sie gleich zusammen. Hmm. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, tippte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf meinem Unterarm herum. Musterte die Panflöte in meiner Hand. Ob Menschen wohl besser durchhalten?

»Junge.«

Die tiefe, melodische Stimme erklang direkt hinter mir, und ein Strom magischer Energie ließ die Luft erzittern. Leise Gereiztheit stieg in mir auf, weil mich offenbar jemand bei meiner Feier beobachtet hatte. Immerhin hatte ich das Spektakel genau deshalb in die Welt der Menschen verlegt - um mir keine Gedanken wegen möglicher Lauscher machen zu müssen.

Als ich mich umdrehte, entdeckte ich mehrere Pferde am Rand der Lichtung, deren Reiter mich aufmerksam beobachteten. Es waren Tiere aus dem Feenreich, schlanker und wesentlich eleganter als die sterbliche Variante; ihre Hufe schienen kaum den Boden zu berühren. Auf ihren Rücken saßen Ritter des Feenhofes, erkennbar an ihren Rüstungen aus dicht miteinander verwobenen Zweigen, Ranken und Blättern. Teil des Sommerhofs, wurde mir klar. Hin und wieder war ich ihnen schon über den Weg gelaufen, genau wie den Rittern des Winterhofes. Mit einigen von ihnen hatte ich im Wilden Wald sogar schon meine Spielchen getrieben, auch wenn sie natürlich nie herausgefunden hatten, dass ein unbedeutender Waldknirps hinter all diesen kleinen, lästigen Unannehmlichkeiten steckte.

Doch der Reiter, der die Prozession anführte, hatte mich eindeutig wahrgenommen, und auch er selbst war unmöglich zu übersehen. Sein Pferd schimmerte golden, heller als jedes sterbliche Tier es vermochte, und wurde doch noch von seinem adeligen Reiter übertroffen. Er trug eine grün und golden schimmernde Rüstung, darüber einen Mantel aus blühenden Ranken, die einen Teppich aus Blütenblättern hinterließen, wo er ging und stand. Unter der mächtigen, wie ein Geweih geformten Krone auf seinem Kopf floss langes silbernes Haar hervor, seine Augen waren leuchtend grün - und im Moment mit stechendem Blick auf mich gerichtet.

Was machte er denn hier? Hatte er etwa meine Musik gehört und war von ihr angezogen worden? Was für ein Pech. Normalerweise vermied ich es, die Aufmerksamkeit des Sommerhofes auf mich zu lenken - insbesondere seine. Allerdings hatte ich eigentlich nichts falsch gemacht. Die Feen interessierten sich nicht sonderlich für das, was in der Welt der Menschen vorging. Der Tod von ein paar Waldbewohnern war für sie absolut bedeutungslos.

Trotzdem war es nicht ungefährlich, wenn sich plötzlich eines der mächtigsten Wesen des gesamten Nimmernie für einen interessierte. Je nach Laune könnte er vielleicht verlangen, dass ich ihm das, woran ich so hart gearbeitet hatte, zum »Geschenk« machte. Oder dass ich für ihn und seine Ritter spielte, solange es ihm Spaß machte. Oder mich zum Spezialunterhalter bei ihrer nächsten Jagd erklären. Die Feenherrscher waren berüchtigt für ihre Unberechenbarkeit, weshalb ich es mit ihnen ebenso hielt wie mit schlafenden Drachen: Es war vollkommen okay, um sie herumzuschleichen und ihren Schatz zu klauen, solange man dabei unsichtbar blieb.

Aber nun hatte der Drache mich entdeckt.

Der Sidhe trieb sein Pferd an, das daraufhin auf die Lichtung trat und gelassen über das Gras schritt, bis es mit seinem Reiter direkt vor mir aufragte. Trotzig blickte ich zu dem Adeligen hinauf, der mich mit abschätzendem Blick musterte.

»So jung«, stellte er fest, »und solch eine beeindruckende Handhabung des Scheins. Wie ist dein Name, Junge?«

»Robin.«

»Und wo sind deine Eltern, Robin?«

Schulterzuckend erwiderte ich: »Ich bin allein. Lebe im Wilden Wald.« Über meine Eltern - falls ich denn welche hatte - wusste ich rein gar nichts. Schon in meinen frühesten Erinnerungen gab es nur das dichte Labyrinth des Wilden Waldes, die Suche nach Essen und einem Unterschlupf. Irgendwie hatte ich gelernt, was ich zum...

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