Wildhexe - Chimäras Rache

 
 
Hanser (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Juli 2014
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-24703-1 (ISBN)
 
Die Wildhexe Clara hat seltsame Träume, in denen ihr Flügel und Krallen wachsen oder sie wie eine gierige Natter über den Boden kriecht. Als sie aufwacht, liegt sie nicht im Bett, sondern ist auf Beutejagd. Eine tote Seele, die mit aller Macht zurück ins Leben drängt, hat von ihr Besitz ergriffen. In Claras Visionen ist es ein Mädchen namens Kimmie. Und natürlich steckt keine andere dahinter als die böseste aller Hexen: Chimära. Zusammen mit Kahla, der begabten Wildhexenschülerin, wagt Clara ein gefährliches Abenteuer. Allerdings ohne ihren Wildfreund Kater, denn das Wesen, das die Tiere bedroht, hat ihn bereits angefallen. Das dritte spannende Abenteuer der sympathischen Wildhexe.
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Lene Kaaberbøl, 1960 in Kopenhagen geboren, ist eine der bekanntesten und umsatzstärksten dänischen Kinderbuchautorinnen. Sie wird von der Presse und vom Publikum gleichermaßen geschätzt. Ihr erstes Buch veröffentlichte sie mit 15, seitdem hat sie über 30 Bücher für Kinder- und Jugendliche geschrieben. Ihre Fantasy-Serien werden in 25 Sprachen übersetzt. Mit vielen Preisen ausgezeichnet, war sie zuletzt für den Hans-Christian-Andersen Preis 2014 sowie für den Astrid Lindgren Memorial Award nominiert. Ihre Serie über die Wildhexe Clara wurde 2012 in einer großen Gala mit dem wichtigsten und größten Kinderbuchpreis Dänemarks ausgezeichnet, dem Orla-Preis des staatlichen dänischen Fernsehens DR. Im Hanser Kinderbuch erschienen 2014 die ersten drei Bände der Wildhexe-Reihe "Die Feuerprobe", "Die Botschaft des Falken" sowie "Chimäras Rache". Im Frühjahr 2015 folgten Band 4 und 5 ("Blutsschwester" und "Das Labyrinth der Vergangenheit"), im Herbst 2015 wird die Reihe mit dem sechsten Band "Das Versprechen" abgeschlossen.

2  DACHSE UND ANDERE TIERE


 

 

Der Frühling war im Anmarsch – nicht nur im Wald aus meinem Spatzentraum, sondern auch in Wirklichkeit. Die Forsythien leuchteten gelb vor den nassen Hauswänden, und Sonnenstrahlen ließen die Regenwasserpfützen auf den Kieswegen im Stjernepark glitzern. Ich hatte mich auf eine feuchte Bank gesetzt, während Oscar pflichtschuldig mit Luffe, seinem schwarzen Labrador, Luffes übliche Pinkelstrecke ablief. Kater saß neben mir auf der Bank und schaute dem Hund mit einem Ausdruck überlegener Verachtung hinterher.

»Kater?«, flüsterte ich.

Was?

Die Antwort kam träge und auf irgendeine Weise wie hingeworfen. Manchmal klang seine Stimme in meinem Kopf durch und durch so, als ob er niemals etwas anderes gemacht hätte, als auf einem Plüschsofa zu liegen und Sahne zu schlecken, dann wieder war sie rau und fauchend und man hätte ihn für den größten und gemeinsten Hinterhofkater halten können, der jemals in einem Kampf um eine Mülltonne seine Krallen in einen Widersacher geschlagen hatte. An diesem Tag war es die Plüschsofastimme.

»Ich glaube … Ich glaube, ich muss mit Tante Isa sprechen.« Ich hatte den ganzen Tag an den Spatz gedacht. Nicht ununterbrochen, es passierten natürlich auch jede Menge normaler Sachen, Unterricht und Mittagessen und Pause und Alltagsgerede, aber zwischendurch. Jedes Mal wenn nichts anderes anlag.

Kater fragte nicht, warum. Er sprang auf meinen Schoß und schnupperte an meinem Kinn, meiner Nase, meinen Augen und meinen Haaren. Er setzte sich für einen Moment auf sein starkes breites Hinterteil und legte die rechte Pfote auf meine Schulter. Dann berührte er vorsichtig mit der linken, ohne Krallen, die Stelle zwischen meinen Augenbrauen, wo er mir ein halbes Jahr zuvor die Wunde verpasst hatte, die jetzt zu weißen, fast unsichtbaren Narbenstreifen verblasst war.

»Was machst du?«, fragte ich leicht nervös.

Er gab keine Antwort. Und es passierte eigentlich auch nichts. Nichts anderes jedenfalls, als dass ich wieder wusste, wie es gewesen war, der Spatz zu sein, im Augenblick seines Todes. Was ja eigentlich auch reichte. Ein Zittern lief durch meinen Körper und meine eine Hand jagte zu meinem Herzen hoch, während die andere versuchte, meine Augen zu beschützen.

Kater fauchte und blies sich auf, sodass sein Fell sich überall sträubte. Er war ohnehin schon groß, fast so groß wie Luffe, aber wenn er sein Fell auf diese Weise aufstellte, wurde er einfach riesig. Seine goldenen Augen funkelten.

Komm, sagte er.

»Jetzt? Aber …«

Jetzt.

»Aber … Oscar. Mama. Ich muss doch wenigstens sagen …« Aber mit Kater kann man nicht diskutieren. Er begreift einfach nicht, dass man zur verabredeten Zeit zu Hause sein und sagen muss, wo man hingeht. Vielleicht ist es ihm ja auch einfach nur egal.

Er sprang mit einem geschmeidigen Katzensprung auf den Weg, und plötzlich konnte ich weder Oscar noch die Forsythien oder den Park um mich herum sehen. Alles war verschwunden in dem dichten Nebel, der bedeutete, dass wir schon auf den wilden Wegen waren, obwohl ich noch immer die Bank unter mir spürte.

»Kater! Nein!«

Komm.

Mir blieb nichts anderes übrig. Wenn ich eine richtige Wildhexe gewesen wäre, hätte ich selbst entscheiden können, ob ich auf die wilden Wege wollte oder nicht, und ich hätte mich dort auch selbst zurechtfinden können. Aber so, wie es jetzt war, konnte ich nicht einmal ohne Hilfe zu Tante Isa finden, und wenn Kater jetzt sagte, dann passierte es eben jetzt.

Es dauerte nur einen Augenblick. Obwohl Tante Isa ungefähr so tief im Wald wohnte, wie man überhaupt nur wohnen konnte – wenn man mit dem Auto zu ihr wollte, bedeutete das viele Stunden auf überaus schlechten Wegen –, konnte ich gerade noch eine eilige SMS an Oscar schreiben, und schon waren wir da.

 

»Clara, Clara, sieh mal! Ich kann fliiiiiiegen!«

Ein zerzaustes Federbündel kam angeflattert und traf meine Schulter.

»Huch. Entschuldigung«, sagte Nichts atemlos. »Ich kann … noch nicht so gut … landen.«

Nichts war ungefähr so groß wie eine Eule und hatte graubraune Federn und kurze Stummelflügel, aber statt Krallen Menschenhände und ein kleines verlorenes Mädchengesicht, in dem man unwillkürlich Schnabel und Raubtieraugen erwartete. Chimära hatte sie erschaffen – Nichts nannte sie »Mutter«, und das war wohl auch irgendwie richtig –, aber Chimära fand sie dermaßen missraten und so komplett unbrauchbar, dass sie keinen Namen verdiente außer Nichts. Ihr Leben hatte sie vor allem in einem Käfig verbracht, weil Chimära es satthatte, dass Nichts die ganze Zeit versuchte, ihr zu folgen. Nichts konnte sich die Federn nicht selber putzen, und da sie zudem allergisch gegen Staubmilben war, nieste sie ziemlich oft und ihre Augen tränten ununterbrochen. So war es jedenfalls bisher gewesen.

»Du siehst aber gut aus!«, rief ich spontan, auch wenn Nichts gerade auf dem Hintern im feuchten Gras saß und leicht ungeschickt mit den Flügeln schlug, um wieder auf die Beine zu kommen.

»Findest du?«, fragte sie. »Wirklich?«

»Ja.« Die graubraunen Federn glänzten und das Brustgefieder war nicht mehr mit Rost und Tränenresten dauerverschmiert. »Und du kannst fliegen!«

»Ja!« Sie schlug noch eifriger mit den Flügeln und erhob sich zwei Meter über den Boden. »Ich bin noch immer … schnell außer Atem … aber es geht … besser!«

Tumpe kam über den Hofplatz galoppiert und bellte und wedelte mit dem Schwanz und benahm sich, als könnte es auf der ganzen Welt nichts Schöneres geben als einen Besuch von mir. Tante Isa kam hinterher, ein wenig langsamer und nicht ganz so überschäumend, aber sie lächelte immerhin herzlich.

»Clara! Das ist aber eine Überraschung. Weiß deine Mutter, dass du hier bist?«

»Äh … nein. Das kam ein bisschen plötzlich.«

»Stimmt etwas nicht?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht so recht. Es … es ist eigentlich nur ein Traum. Aber ein seltsamer. Und Kater meinte, ich hätte keine Zeit zu verlieren.«

Tante Isa musterte Kater aus zusammengekniffenen Augen.

»Warum nicht?«, fragte sie, und damit war Kater gemeint. Aber der schlug nur mit dem Schwanz hin und her und sah stumm und katerhaft aus.

Tante Isa kniff die Lippen zusammen. »Hm. Tja. Das muss ja wohl passieren, wenn man einen Kater als Wildfreund hat. Trotz allem haben die Katzen das mit dem ›die eigenen Wege gehen‹ erfunden. Komm rein. Dann können wir immer noch hochgehen und deine Mutter anrufen.«

Tante Isa wohnte so mehr oder weniger in einem Funkloch – man musste auf den Hügel hinter Steinhaus und Stall klettern, um ein Netz zu finden. Ansonsten lag das Wildhexenhaus so ziemlich in seiner eigenen Welt, in einem Tal zwischen bewaldeten Anhöhen, mit einer Wiese und einem kleinen Bach, und dunklen Tannen und braunem Wald auf allen Seiten.

Unten vor der Treppe stand eine Schüssel mit Igelmilch, und an den Apfelbäumen hingen selbst gemachte Meisenkugeln und Futterbretter, genug für ein ganzes Vogelheer. Zwei Grauenten watschelten über den Hofplatz und platschten in den Pfützen und achteten scheinbar weder auf Tumpe noch auf Kater. Es bestand aber auch kein Grund zur Sorge. Tumpe war zu gutmütig und wohlerzogen, um ihnen etwas zu tun, und Kater hielt Enten-Attentate offenbar für unter seiner Würde. Aus dem Stall ließ Tu-Tu, Tante Isas Eule, ein verschlafenes Tjiiirp hören, sicher saß sie auf einem Balken und versuchte, sich bei einem ausgedehnten Tagesschlaf zu erholen.

Ich ging hinter Tante Isa her auf den Gang, hängte meine Daunenjacke an den Haken und streifte die Stiefel ab. Es stand schon ein Paar dort, das ich gut kannte.

»Ist Kahla hier?«, fragte ich. Kahla war bei Tante Isa in Wildhexenlehre und kam jede Woche einige Tage.

»Ja«, sagte meine Tante, »aber sie sitzt an einer Aufgabe, deshalb darfst du sie nicht ansprechen, solange sie selbst nichts sagt.«

Und tatsächlich. Im Wohnzimmer, an dem großen Arbeitstisch, saß Kahla, wie immer eingemummelt in sieben oder acht knallbunte Kleidungsschichten und mit einer gestreiften Mütze auf den pechschwarzen Haaren, obwohl es im Haus warm war. Sie hatte die Augen geschlossen, hielt in der rechten Hand aber einen Bleistift, den sie ab und zu mit einem jähen Ruck über den vor ihr liegenden Zeichenblock bewegte.

Ich hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Wir waren wohl inzwischen so etwas wie Freundinnen, auch wenn unsere erste Begegnung in dem Herbst, als Tante Isa mir das Überleben als Wildhexe hatte beibringen wollen, nicht gerade verheißungsvoll gewesen war. Kahla war tüchtig. Sie konnte alles, was ich nicht konnte, und es war manchmal hart, nicht neidisch zu werden, weil alles, was ich nicht konnte, ihr so leichtfiel. Anfangs hatte sie auch nicht verborgen, dass sie es ungeheuer nervig fand, mit einer Anfängerin zusammenarbeiten zu müssen. Aber sie hatte mir dann doch geholfen, als ich ihre Hilfe brauchte, und seither ging alles besser.

Es war schon seltsam, an ihr vorbeizugehen, ohne Hallo oder so zu sagen, aber ich glaube, sie bemerkte uns wirklich nicht. Abgesehen von der Hand mit dem Bleistift, saß sie so still da, als wäre sie wie irgendein Gartenzwerg aus Gips gegossen.

»Was macht sie denn?«, flüsterte ich Tante Isa zu.

»Du brauchst nicht zu flüstern«, antwortete Tante Isa. »Du darfst nur ihren Namen nicht nennen, das könnte sie stören. Sie ist auf Wildreise. Sie leiht sich Augen und Ohren von den Tieren, bei denen sie zu Gast sein darf.«

»Ich dachte, man müsste...

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