Gespräche mit meiner Katze

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2015
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96546-0 (ISBN)
 
Sara Leon geht auf die vierzig zu und ist nicht wirklich glücklich mit ihrem Leben. Sie ist überfordert mit ihrem stressigen Agentur-Job in London und hat sich von ihrem Freund Joaquín entfremdet, der eigene Wege geht. Sie hat Heimweh nach Spanien, wo ihr Vater mit seiner kleinen Buchhandlung ums Überleben kämpft. In dieser schwierigen Situation tritt plötzlich Sibila in ihr Leben, eine geheimnisvolle Abessinierkatze, die mehr über Saras Leben zu wissen scheint als sie selbst. An jenem schwarzen Tag, als Sara während einer wichtigen Präsentation in Ohnmacht fällt, der Arzt einen drohenden Burnout bescheinigt und der Freund sich als ziemliche Enttäuschung erweist, klopft eine goldfarbene Katze ans Küchenfenster und gibt ihr den ersten Rat: »Wenn du nicht mehr weiter weißt, folge deiner Nase!« Das tut die zutiefst verblüffte Sara dann auch und macht eine Entdeckung, die der Anfang vom Ende ist - vom Ende eines Lebens, das ihr schon lange nicht mehr gut tut .
Mit eindringlichem Blick, Sinn für Humor und der Weisheit einer Spezies, die uns seit Jahrtausenden beobachtet, hilft Sibila Sara, ihr Leben neu zu gestalten. Denn es gibt viele Wege zum Glück, aber Katzen kennen die besten Abkürzungen.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,56 MB
978-3-492-96546-0 (9783492965460)
Eduardo Jáuregui, geboren in Oxford und aufgewachsen in Spanien, ist Psychologe und spezialisiert auf Positive Psychologie und Humorforschung. Promoviert in Politik- und Sozialwissenschaften ist er heute Dozent an der Saint Louis University in Madrid und Gründer der Coaching-Agentur Humor Positivo (www.humorpositivo.com). Er hat zahlreiche Sachbücher geschrieben und mehr als achtzig Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht. Im Laufe seines Lebens hat er mit zwei Katzen, acht Hunden und einem Pinguin - aus Plüsch - zusammengelebt. Dies ist sein erster Roman. (Vielleicht hat er ihn aber auch zusammen mit seiner Katze geschrieben.)

1

PFOTENGETROMMEL AN DER FENSTERSCHEIBE

Beim ersten Mal erschien sie völlig unerwartet - in etwa so wie der Geist aus Aladins Wunderlampe. Natürlich ohne Rauchschwaden oder Harfenklänge und auch ohne dass ich über irgendetwas hätte reiben müssen - höchstens über meine Stirn, weil ich es einfach nicht fassen konnte.

An jenem Morgen war ich - wie eigentlich fast immer in letzter Zeit - völlig gestresst, und mir war schon ganz schlecht wegen dieser Präsentation, die ich später vor den Leuten von Royal Petroleum halten sollte. Beim Frühstück brachte ich keinen Bissen herunter. Ich saß in der Küche und hackte die letzten Details der Präsentation in meinen Laptop, der in fröhlicher Unbekümmertheit zwischen einem Stück irischer Butter, dem Londoner Stadtplan, den Handschuhen, die Joaquín in der morgendlichen Eile vergessen hatte, einem Teller mit Toast und der Kaffeetasse mit dem Hochzeitsfoto von William und Kate, die wir wirklich nur benutzten, wenn absolut keine andere mehr sauber war, auf dem Tisch stand. Als ich dann mit dem Laptop in der einen und dem Frühstücksgeschirr in der anderen Hand in Richtung Spüle ging, wurde mir - wie so oft in der letzten Zeit - plötzlich schwarz vor Augen. Der Teller mit der Kaffeetasse, dem butterbeschmierten Messer und der unberührten Toastscheibe rutschte mir aus der Hand und fiel mit lautem Getöse auf die schmutzigen Teller, die Joaquín in der Spüle aufeinandergestapelt hatte. Leicht schwankend stützte ich mich gegen die Spüle, während ich mit der anderen Hand krampfhaft den Laptop an die Brust drückte und darauf wartete, dass die Welle der Übelkeit wieder abebbte, die stets mit einem leichten Kribbeln einherging - ein Gefühl, das mir in den letzten Wochen sehr vertraut geworden war. Ich atmete tief ein und aus und schluckte ein paar Mal.

»Ganz ruhig, Sara«, sagte ich mir. »Es ist gleich wieder gut, es geht vorbei, wie sonst auch.«

Während ich diesen Satz wiederholte wie ein Mantra, starrte ich aus dem Fenster und versuchte mich an der Welt festzumachen, die es dahinter gab. Ich sah den üblichen grauen Himmel über London, hoch oben in den Wolken Flugzeuge auf dem Weg nach Heathrow, ich sah unseren traurigen vernachlässigten kleinen Garten, der handtuchbreit neben all den anderen lag, die roten Backsteinhäuser gegenüber. Es war kein wirklich schöner Ausblick, aber wenigstens engte er den Blick nicht ein, und das vertraute Bild gab mir eine Sicherheit, an der ich mich festhalten konnte, während die Übelkeit allmählich nachließ.

»Was ist eigentlich mit mir los?«, fragte ich mich, und es war erstaunlicherweise das erste Mal, dass ich mir die Frage stellte, obwohl diese Anfälle von morgendlicher Übelkeit mich in letzter Zeit mit schöner Regelmäßigkeit überkamen.

Vor einigen Jahren noch wäre mein erster Gedanke der an eine mögliche Schwangerschaft gewesen, und ich wäre aufgeregt in die nächste Apotheke gestürzt, um mir einen Schwangerschaftstest zu besorgen. Inzwischen hätte ich mich darüber sogar gefreut, allerdings war es zu lange her, dass Joaquín und ich uns mit der nötigen Ruhe nahe genug gekommen waren, um derartige leidenschaftliche körperliche Ertüchtigungen zu absolvieren, denen wir uns früher an den unterschiedlichsten Orten so leicht und unbeschwert hingegeben hatten, als dass das Wunder der Fortpflanzung hätte stattfinden können. Es war eine Abstinenz, die ich aus mehreren Gründen beunruhigend fand - unter anderem wegen der Frage, die ich mir gerade zum wiederholten Mal stellte, während ich die Flugzeuge beobachtete, die an dem wolkenverhangenen Londoner Himmel entlangglitten: Was war eigentlich mit mir los?

Und genau in diesem Moment nahm mein Geist aus der Wunderlampe Gestalt an. Ich senkte für einen Moment den Blick, gerade lange genug, um festzustellen, dass weder der Teller noch die Tasse mit dem Prinzenpaar zerbrochen waren. Das Ganze hatte höchstens eine halbe Sekunde gedauert. Aber plötzlich war sie da, wie aus dem Nichts, direkt vor meinem Fenster, mit ihren grünen Augen, deren Raubtierblick sich tief in die meinen bohrte. Ich stieß einen erschreckten Schrei aus und trat unwillkürlich einen Schritt zurück, den Laptop schützend vor der Brust, um die »Bestie« abzuwehren.

Dann betrachtete ich sie genauer. Hinter der Fensterscheibe saß ganz friedlich eine Katze mit kurzem goldfarbenem Fell, erhobenem Schwanz und irgendwie vornehmer Ausstrahlung. Eine Katze, die sich trotz meines Aufschreis keinen Millimeter bewegt hatte und das sonderbare Verhalten des hysterischen Menschenkindes, das sie da vor sich hatte, interessiert beäugte.

Ich musste lachen. Doch das Lachen verging mir, als ich plötzlich eine Stimme hörte.

»Lässt du mich rein?«, fragte die Katze.

Sie hatte eine sanfte, samtige Stimme, die man leicht mit einem Schnurren hätte verwechseln können. Es war eine eindeutig weibliche Stimme, die zu keinem Kater hätte gehören können. Eine dunkle und gleichzeitig weiche Stimme, die reif, aber nicht alt klang, wie ein Stradivari-Cello, jedoch mit einem Hauch von . Wildheit.

Ich stellte den Laptop auf die Anrichte und blickte nach links und nach rechts, wie um mich zu vergewissern, dass ich wirklich allein im Raum war und sich weder ein Bauchredner in der Spülmaschine verbarg, noch irgendwelche Kameras in den Schränken versteckt waren. Doch ich konnte nichts Außergewöhnliches entdecken. Die Uhr an der Wand zeigte die korrekte Zeit an - die zu höchster Eile mahnte, wenn ich nicht zu spät zu meiner Präsentation kommen wollte. Joaquíns Handschuhe auf dem Tisch erinnerten an seine nicht anwesenden Hände und sahen aus, als wollten sie nach dem Umschlag mit der Stromrechnung oder dem Werbeflyer eines Taxiunternehmens greifen. Und der Kühlschrank gab das übliche vibrierende Brummen von sich. Alles schien völlig normal.

Abgesehen von dieser Katze vor dem Fenster. Sie schien ungeduldig zu werden und lief unruhig auf der Fensterbank auf und ab. Dann setzte sie sich wieder und fing erneut an zu reden, diesmal in einem etwas nachdrücklicheren Tonfall: »Meine Liebe, lass mich doch rein, bitte.«

Das zumindest meinte ich zu verstehen, abgesehen davon, dass das Ganze natürlich völlig absurd war, hier, in meiner Küche, in der alles absolut normal zu sein schien. Vor allem, weil ich die Katze diesmal (ich hatte entschieden, dass sie eindeutig ein Weibchen war) eingehend gemustert hatte und mit Sicherheit sagen konnte, dass sie den Mund oder, besser gesagt, das Maul nicht bewegt hatte, während sie sprach. Was für ein Unfug! Warum sollte sie auch ihr Maul bewegt haben? Schließlich können Katzen nicht sprechen! Der Satz, den ich gehört hatte, konnte folglich nicht von ihr gesagt worden sein. Auch wenn er zweifelsohne weder aus dem Radio noch sonst woher gekommen war, sondern irgendwie von diesem Tier vor meinem Fenster.

»Ja, ich bin's, ich, hier hinter der Scheibe«, hörte ich nun wieder die samtige Stimme, die genauso deutlich und unnachgiebig klang wie das Ticken der Küchenuhr. »Lässt du mich jetzt rein, oder nicht?«

Sie klopfte zweimal mit der Pfote ans Fenster, offenbar um ihrer Forderung mehr Nachdruck zu verleihen. Ich zuckte zusammen, als fürchtete ich, dass das kleine Tier mit dem nächsten Pfotenhieb die Scheibe einschlagen könnte. Denn das Schlimme daran, wenn man eine Katze so selbstverständlich und gewandt reden hört, mit verführerischer, nachdrücklicher Stimme und dazu noch in perfektem Spanisch, obwohl man eigentlich in London ist - das wirklich Schlimme daran ist, dass plötzlich jedes andere Hirngespinst auch möglich scheint.

»Ich bilde mir das nur ein«, beruhigte ich mich, während ich nach meinem Laptop griff, auch wenn die Kälte des harten Metalls, das sich in meine Brust drückte, eindeutig dagegensprach. Hatte ich schon Halluzinationen? Tatsache war, dass ich in letzter Zeit zu viel gearbeitet und zu wenig geschlafen hatte, sogar für meine Verhältnisse. Und natürlich war es nicht gerade gesund, wenn man morgens nur mit Hilfe eines starken Kaffees wach wurde und nachts ein Beruhigungsmittel zum Einschlafen brauchte. Das war mir durchaus bewusst. Meine Kopfschmerzen wurden immer schlimmer, und jetzt kamen noch diese seltsamen Schwindelanfälle dazu. Wahrscheinlich hätte mich dieser ganze verrückte Zwischenfall mit der Katze noch viel mehr beunruhigt, wenn ich die Zeit gehabt hätte, in Ruhe darüber nachzudenken. Doch in weniger als einer halben Stunde stand meine Präsentation vor den Leuten von Royal Petroleum an, und der Gedanke daran ließ mich alles andere vergessen. Wieder verspürte ich diesen leichten Schwindel, und so klappte ich eilig den Laptop zu, steckte ihn in meine schwarze Aktentasche und ging entschlossen zur Küchentür. Bevor ich den Raum verließ, hörte ich, wie die Katze erneut gegen das Fenster trommelte, doch ich wandte mich nicht noch einmal um.

Die Sitzung begann um neun Uhr. Um Punkt neun Uhr, denn in England beginnen Sitzungen o'clock. Als ich nach draußen in die Kälte trat, war es bereits 8.27 Uhr. Als ich die U-Bahn-Station West Hampstead erreichte, 8. 36. Das war gar nicht gut, und ich sah schon, wie Grey den Kunden mit zynischen Scherzen über die spanische Kollegin und ihre »mediterrane Art«, die Zeit zu interpretieren, hinhielt. Unterwegs achtete ich weder auf die winterlich kahlen Bäume noch auf die anderen ebenso gehetzt wirkenden Menschen, die durch das morgendliche London eilten, noch auf die Werbeplakate in der U-Bahn-Station. Während ich...

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