Digital Mensch bleiben

 
 
Claudius (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Oktober 2018
  • |
  • 136 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-532-60036-8 (ISBN)
 
Die Digitalisierung, so Yuval Noah Harari in seinem Bestseller "Homo Deus", wird auf lange Sicht den Tod besiegen und die Menschen götterähnlich machen. Einspruch, sagt dazu EKD-Medienbischof Volker Jung. Gerade weil wir in der computerisierten Welt, der Genetik und Nanotechnologie so viele neue Möglichkeiten haben, müssen wir die Endlichkeit des Menschen wieder neu erkennen und verstehen, was ihn von Maschinen und künstlichem Leben unterscheidet. Der prominente Theologe wirbt leidenschaftlich für eine Emanzipation des Menschen von der selbst geschaffenen technischen Turboentwicklung.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,41 MB
978-3-532-60036-8 (9783532600368)
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Volker Jung, geboren 1960, ist promovierter evangelischer Theologe und seit 2009 Kirchenpräsident der "Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau" (EKHN) mit Sitz in Darmstadt. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates des "Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik" gilt als Medienbischof der EKD.

WARUM DIE DIGITALE VERÄNDERUNG SO VIEL KRAFT HAT


Energie aus dem Tal


"Die digitale Revolution ist keine Frage, die man bejaht oder verneint, sie findet statt. Und sie ist noch wirkmächtiger als die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts - vor allem ist sie sehr viel schneller. Ihre Geschwindigkeit ist atemberaubend."1 Das hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Focus-Interview am Anfang dieses Jahres gesagt. Revolution ist ein starkes Bild. Es zeigt an, dass sich etwas grundlegend verändert und dass hier eine große Veränderungsdynamik wirksam ist. Wer betonen will, dass die Veränderung ein längerer Prozess ist, spricht lieber von "digitaler Transformation". Aber auch damit ist angezeigt, dass es um grundlegende Veränderungen geht. Welche Kräfte sind wirksam?

Die Dynamik der Veränderung hat einen Ursprungsort. Es ist das Silicon Valley - jener Landstrich an der Westküste der Vereinigten Staaten in der Nähe von San Francisco. Im Silicon Valley "schlägt das Herz der Digitalisierung"2. Dort haben die großen Firmen Apple, Google und Facebook ihren Sitz. Geschätzt etwa dreißigtausend sogenannte Startups arbeiten daran, ihre Ideen in Produkte umzusetzen. Viele träumen davon, selbst Bahnbrechendes zu entwickeln. In der Sprache des Valley sind das "Moonshots" (Mondschüsse), die im Idealfall aus dem Startup ein "Unicorn" (Einhorn) werden lassen. "Unicorns" sind Unternehmen, die mindestens eine Milliarde Dollar wert sind.

Verschiedene Faktoren haben aus dem Silicon Valley einen ziemlich einzigartigen Ort gemacht. Da sind die beiden Elite-Universitäten Stanford und Berkeley, die im 19. Jahrhundert gegründet wurden. Beide Universitäten haben hervorragende Köpfe hervorgebracht. Um die Stanford Universität entstand in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts ein eigener Industriepark. Hier haben große Elektronikunternehmen wie Hewlett-Packard ihren Ursprung. Bedeutsam ist ebenfalls, dass mitten im Silicon Valley das Moffet Federal Airfield liegt. Das wurde 1933 gebaut und im 2. Weltkrieg zu einem zentralen Militärflughafen. Um das Airfield herum haben sich dann Rüstungs- und Technologiekonzerne angesiedelt, die später auch für die Raumfahrt arbeiteten. Die ersten Computer Mitte des 20. Jahrhunderts waren Großcomputer, die vom Militär und großen Unternehmen genutzt wurden. Gern wird mit Blick auf jene Anfänge die herrliche Fehleinschätzung des IBM-Vorsitzenden Thomas Watson aus dem Jahr 1943 zitiert. Er soll gesagt haben: "Ich denke, es gibt einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer." Dass es ganz anders kam, hat dann auch mit einer Entwicklung in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu tun. Sie ist bis heute für die Mentalität und die Arbeitsweise im Silicon Valley prägend.

Die 60er- und 70er-Jahre waren die Zeit, in der viele junge Menschen nach Freiheit, Emanzipation, Gerechtigkeit und Frieden suchten. Einige davon arbeiteten daran, die Computertechnologie für möglichst viele Menschen nutzbar zu machen. Dazu gehörten unter anderem Bill Gates und Steve Jobs. Der gemeinsame Gegner hieß anfangs IBM. Im Silicon Valley gab es so etwas wie eine antimonopolistische Gegenbewegung. Diese wiederum wurde dann von IBM mit der Produktion von PCs beantwortet. Sehr bald war allerdings auch den Idealisten im Silicon Valley, die anfangs ihre Ideen und ihre Software in Computer-Clubs miteinander teilten, klar, dass sie damit gut Geld verdienen können würden. Die Geschichte ist im Einzelnen sehr spannend. Hier will ich mich aber schlicht damit begnügen, an die Ideale des Anfangs zu erinnern. Denn - das ist der Grund für diese Reminiszenz - sie sind durchaus noch wirksam. Sie sind längst eingebettet in knallharte Ökonomie mit Monopolisierungsansprüchen. Was entwickelt wurde, war höchst einträglich. Bill Gates wurde mit Microsoft zu einem der reichsten Menschen unserer Zeit. Und Steve Jobs hat Apple in schwindelerregende Erfolgshöhen geführt.

Um Digitalisierung zu verstehen, ist es aufschlussreich, sich klarzumachen: Hinter der Entwicklungsdynamik, die natürlich längst nicht mehr nur im Silicon Valley zu finden ist, stecken Ideale. Das ist plakativ etwa erkennbar im Motto von Google: "Don't be evil!" ("Sei nicht böse!"). Auch im Unternehmen selbst gab es Debatten darüber, ob dies nicht zu naiv sei. Larry Page, einer der Gründer von Google, macht allerdings immer wieder deutlich, was ihn antreibt: "Wir denken viel über grundlegende Problemfelder der Menschheit nach und wie wir sie durch Technologie lösen können."3 Und angeblich hat er in seinem Büro eine Liste mit den wichtigsten Problemen der Menschheit, die er nach und nach abarbeiten möchte. Was Larry Page beschreibt, ist durchaus eine Grundmotivation im Silicon Valley. Es geht darum, Produkte zu entwickeln, die für Menschen nützlich sind und deshalb das Leben und die Welt verbessern.

Darüber, ob das Nützliche die Welt verbessert, lässt sich selbstverständlich streiten. Im Silicon Valley grenzen sich jedenfalls viele von den Investmentbankern an der Ostküste ab. "Wir verdienen nicht Geld mit Geld, sondern mit Nützlichem." Das ist das Selbstverständnis. Sie sind natürlich zugleich davon überzeugt, dass das, was nützlich ist, auch Geld bringt. Noch einmal Larry Page im Originalton: "Schauen Sie, am Anfang wussten wir nicht, wie wir mit der Suchmaschine Geld verdienen sollten, sondern wir haben erst einmal die Technologie entwickelt. Mit dem selbstfahrenden Auto wird es ähnlich sein. Es ist ein Produkt, das Einfluss auf fast die gesamte Menschheit haben wird. Und deswegen wird es auch ein riesiges Geschäft werden. Ich bin mir absolut sicher, dass wir damit ordentlich Geld verdienen werden, auf welche Art auch immer."4

Im Silicon Valley gibt es einen ausgeprägten Willen, eingefahrene Bahnen zu verlassen und Neues zu entwickeln. Dabei wird konsequent "nutzerorientiert" gedacht. Wer ein wenig in die Gedankenwelt des Silicon Valley eintaucht, erfährt schnell: Da sind viele bereit, immer wieder Neues zu probieren. Dazu gehört, dass es nicht als Schande verstanden wird zu scheitern. Wer scheitert, muss sagen können: "Dies oder jenes habe ich gelernt. Das mache ich beim nächsten Mal besser. Ich fange etwas Neues an." Die Haltung ist: "Learn fast, fail fast."

Im Jargon des Silicon Valley heißt das "Disruption". Bisherige Lösungen werden nicht nur infrage gestellt, sie sollen durch neue ersetzt werden. Das ursprüngliche Firmenmotto von Facebook bringt es auf den Punkt: "Move fast and break things" (Beweg dich schnell und durchbrich die Dinge). Das trägt natürlich eine besondere Dynamik in sich. Um nicht selbst Opfer neuer Technologien zu werden, muss man immer weiter neue Dinge entwickeln. Alle suchen das sogenannte "Dilemma der Innovatoren" zu vermeiden. Deshalb wird konsequent nutzerorientiert gearbeitet. Die Methode ist das "Design Thinking". Wie Designer dies tun, wird aus der Sicht derer, die das Produkt nutzen, gedacht. Hocheffektiv ist der Weg, aus einer ersten Idee möglichst schnell ein "Minimal Viable Product" (minimal funktionsfähiges Produkt) zu machen und im Kontakt mit Nutzerinnen und Nutzern herauszufinden, ob es angenommen wird und wie es weiterzuentwickeln ist. Charakteristisch ist, dass Neues in der Regel in Teams entwickelt wird. Sicher gibt es herausragende Köpfe und Gründerfiguren. Aber vieles wird in Teams, und zwar oft in internationalen Teams, entwickelt. Gezielt wird darauf gesetzt, dass unterschiedliche kulturelle Herkunft auch neue Zugänge und Ideen eröffnet. Das ganze System würde allerdings nicht funktionieren, wenn die Gründerkultur nicht durch sehr agile Förder- und Finanzierungsmethoden wie etwa die Venture-Capital-Fonds getragen würde.

Ich hatte im vergangenen Jahr die Gelegenheit, bei einer kleinen Studienreise ins Silicon Valley einen Eindruck davon zu bekommen, wie dort gedacht und gearbeitet wird. Mir ging es wie vielen, die zurzeit ähnliche Reisen unternehmen. Das Denken und die Arbeitsweise sind kraftvoll und inspirierend. Und es ist auch zu erkennen, dass so vieles entsteht und weiter entstehen wird, was unser Leben verändert - schlichtweg, weil es nützlich ist und Menschen hilft.

Das ging mir besonders so, als ein junges Startup ein System vorstellte, mit dem eine Wohnung komplett überwacht werden kann. Zielgruppe: Ältere Menschen, die nicht in ein Seniorenheim möchten, sondern gerne in ihrer Wohnung bleiben wollen. Überwachungskameras sind mit einem System gekoppelt, das über Künstliche Intelligenz gesteuert wird. Daten werden nur nach außen gegeben, wenn die Person selbst die Daten nach außen sendet oder das System einen Notfall erkennt. Ich war fasziniert und zugleich tief verunsichert.

Die Dynamik der Veränderung speist sich aus dem Geist, Neues entwickeln zu wollen. Dieser Geist findet sich in wissenschaftlicher Neugier, der Überbietungslogik militärischen Denkens und in Idealen der Weltverbesserung. Wer die Geschichte des Internets erzählt, kann das alles identifizieren. Da stand ganz am Anfang - Ende der 60er-Jahre - das Computer-Netzwerk "Arpanet" (Advanced Research Agency Network), das Forschungseinrichtungen miteinander verband. Auftraggeber war das US-Verteidigungsministerium. Genutzt und weiterentwickelt wurde es dann vor allem von Universitäten. In den 80er-Jahren wurde der Begriff Internet geprägt. 1993 hat die renommierte Forschungseinrichtung CERN in Genf das World Wide Web zur allgemeinen Nutzung freigegeben. Der britische Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee hatte dort ein...

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