Auf den Marmorklippen

Roman. Mit Materialien zu Entstehung, Hintergründen und Debatte
 
 
Klett-Cotta (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Oktober 2017
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-10883-5 (ISBN)
 
Die Karriere der »Marmorklippen« seit ihrem Erscheinen 1939 war wechselhaft: Widerstandsschrift, Schullektüre, Problembuch. Diese Ausgabe liefert neben dem Roman zahlreiche Materialien zu Entstehung und Hintergründen der langjährigen Debatte.

Der Roman »Auf den Marmorklippen«, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erschien, galt lange als ethisches und ästhetisches Problembuch im Werk Ernst Jüngers und wurde zugleich vielfach als Parabel auf den Nationalsozialismus verstanden. Nicht nur Jünger selbst schrieb ihm nachträglich eine darüber hinausreichende geschichtsphilosophische Erklärungsmacht zu. Der Jünger-Experte Helmuth Kiesel hat für diesen Band vielfältige Dokumente zusammengetragen und kommentiert:

- Entstehungsgeschichte und Rezeption der Nachkriegsjahre
- Überlieferungsgeschichte: Handschrift, Druck, Ausgaben
- Variantenverzeichnis
- Ausführliche Sach- und Worterläuterungen
- Bilddokumente
- Eigene Äußerungen Jüngers über die »Marmorklippen«
- Publizierte Rezensionen von 1939 bis 1945
- Prominente Äußerungen nach 1945
- Bibliographie
1., Aufl.
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • 4,68 MB
978-3-608-10883-5 (9783608108835)
3608108831 (3608108831)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ernst Jünger, 1895-1998, gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein Werk spiegelt wie kein anderes in deutscher Sprache ein ganzes Jahrhundert wider und ist so bedeutend wie umstritten.
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An der Marinafront der Marmorklippen hingegen durften wir auf Beistand eines Christenmönches zählen, des Paters Lampros aus dem Kloster der Maria Lunaris, die man im Volke als die Falcifera verehrt. In diesen beiden Männern, dem Hirten und dem Mönche, trat die Verschiedenheit zutage, wie sie der Boden auf die Menschen nicht minder als auf die Pflanzen übt. Im alten Bluträcher lebten die Weidegründe, in die noch nie das Eisen einer Pflugschar eingeschnitten hatte, wie in dem Priester die Weinbergskrume, die in den vielen hundert Jahren durch die Sorge der Menschenhand so fein wie Sanduhrstaub geworden war.

Von Pater Lampros hatten wir zunächst aus Upsala gehört, und zwar von Ehrhardt, der dort als Kustos am Herbarium wirkte und uns mit Material für unsere Arbeiten versah. Wir waren damals mit der Art beschäftigt, in der die Pflanzen den Kreis aufteilen, mit der Achsenstellung, die den organischen Figuren zugrunde liegt - und letzten Endes mit dem Kristallismus, der unveränderlich dem Wachstum Sinn erteilt, so wie dem Zeiger das Zifferblatt der Uhr. Nun teilte uns Ehrhardt mit, daß wir an der Marina ja den Autor des schönen Werkes über die Symmetrie der Früchte wohnen hätten - Phyllobius, unter welchem Namen der Pater Lampros sich verbarg. Da diese Nachricht uns begierig stimmte, machten wir dem Mönche, nachdem wir ihm ein Zettelchen geschrieben hatten, im Kloster der Falcifera Besuch.

Das Kloster lag uns so nahe, daß man von der Rautenklause die Spitze seines Turmes sah. Die Klosterkirche war Wallfahrtsort, und zu ihr führte der Weg durch sanfte Matten, auf denen die alten Bäume so herrlich blühten, daß kaum ein grünes Blättchen im Weiß erschien. Am Morgen war in den Gärten, die der Seewind frischte, kein Mensch zu sehen; und doch war durch die Kraft, die in den Blüten lebte, die Luft so geistig-wirkend, daß man durch Zaubergärten schritt. Bald sahen wir das Kloster vor uns liegen, das weit von einem Hügel schaute, mit seiner Kirche, die im heitren Stile errichtet war. Von ferne hörten wir bereits die Orgel tönen, die den Gesang, mit dem die Pilger das Bild verehrten, begleitete.

Als uns der Pförtner durch die Kirche führte, erwiesen auch wir dem Wunderbilde unseren Gruß. Wir sahen die hohe Frau auf einem Wolkenthrone, und ihre Füße ruhten wie auf einem Schemel auf dem schmalen Monde, in dessen Sichel ein Gesicht, das erdwärts blickte, gebildet war. So war die Gottheit dargestellt als Macht, die über dem Veränderlichen thront und die man zugleich als Bringerin und Fügerin verehrt.

Am Claustrum nahm uns der Zirkulator in Empfang, der uns zur Bibliothek geleitete, die unter Pater Lampros' Aufsicht stand. Hier pflegte er die Stunden zu verbringen, die für die Arbeit vorgesehen waren, und hier, umringt von hohen Folianten, weilten wir oftmals im Gespräch mit ihm. Als wir zum ersten Male durch die Türe traten, sahen wir den Pater, der soeben aus dem Klostergarten gekommen war, im stillen Raume stehen, mit einer purpurroten Siegwurzrispe in der Hand. Er trug den breiten Kastorhut noch auf dem Kopfe, und auf dem weißen Mantel spielte das bunte Licht, das durch die Kreuzgangfenster fiel.

Wir fanden in Pater Lampros einen Mann, der etwa fünfzig Jahre zählen mochte, von mittlerer Gestalt und feinem Gliederbau. Als wir ihm nähertraten, faßte uns ein Bangen, denn Gesicht und Hände dieses Mönches kamen uns ungewöhnlich und befremdend vor. Es schien, wenn ich es sagen soll, als ob sie einem Leichnam angehörten, und es war schwer zu glauben, daß Blut und Leben sich darin befand. Sie waren wie aus zartem Wachs gebildet - so kam es, daß das Mienenspiel nur langsam an die Oberfläche drang und mehr im Schimmer als in den Zügen des Gesichtes lag. Es wirkte seltsam starr und zeichenhaft, besonders wenn er, wie er es liebte, während des Gespräches die Hand erhob. Und dennoch webte in diesem Körper eine Art von feiner Leichtigkeit, die in ihn eingezogen war gleich einem Atemhauche, der ein Puppenbild belebt. Auch fehlte es ihm nicht an Heiterkeit.

Bei der Begrüßung sagte Bruder Otho, um das Bild zu loben, daß er in ihm den Liebreiz der Fortuna mit dem der Vesta in höherer Gestalt vereinigt finde - worauf der Mönch mit höflicher Gebärde das Gesicht zur Erde senkte und es dann lächelnd gegen uns erhob. Es war, als nähme er das kleine Wort, nachdem er es besonnen hatte, als eine Opfergabe in Empfang.

Aus diesem und vielen anderen Zügen erkannten wir, daß Pater Lampros die Diskussion vermied; auch wirkte er im Schweigen stärker als im Wort. Ähnlich hielt er es in der Wissenschaft, in der er zu den Meistern zählte, ohne sich am Streit der Schulen zu beteiligen. Sein Grundsatz war, daß jede Theorie in der Naturgeschichte einen Beitrag zur Genesis bedeute, weil der Menschengeist in jedem Alter die Schöpfung von neuem konzipiere - und daß in jeder Deutung nicht mehr an Wahrheit lebe als in einem Blatte, das sich entfaltet und gar bald vergeht. Aus diesem Grunde nannte er sich auch Phyllobius, »der in den Blättern lebt« - in jener wunderlichen Mischung von Bescheidenheit und Stolz, die ihm zu eigen war.

Daß Pater Lampros den Widerspruch nicht liebte, war auch ein Zeichen der Höflichkeit, wie sie in seinem Wesen zu hoher Feinheit ausgebildet war. Da er zugleich die Überlegenheit besaß, verfuhr er so, daß er das Wort des Partners entgegennahm und wiedergab, indem er es in einem höheren Sinne bestätigte. Auf solche Weise hatte er Bruder Othos Gruß erwidert, und darin lag nicht nur Güte, wie sie der Kleriker im Laufe der Jahre erwirbt und steigert wie ein edler Wein - es lag darin auch Courtoisie, wie sie in hohen Häusern gezogen wird und wie sie ihre Sprossen mit einer zweiten, leichteren Natur begabt. Zugleich lag Stolz darin - denn wenn man herrscht, besitzt man Urteil und läßt die Meinungen auf sich beruhen.

Es hieß, daß Pater Lampros einem altburgundischen Geschlecht entstamme, doch sprach er niemals über die Vergangenheit. Aus seiner Weltzeit hatte er einen Siegelring zurückbehalten, in dessen roten Karneol ein Greifenflügel eingegraben war, darunter die Worte »meyn geduld hat ursach« als Wappenspruch. Auch darin verrieten sich die beiden Pole seines Wesens - Bescheidenheit und Stolz.

Bald weilten wir häufig im Kloster der Falcifera, sei es im Blumengarten, sei es in der Bibliothek. Auf diese Weise gedieh uns unsere »Florula« weit reicher als bisher, da Pater Lampros seit vielen Jahren an der Marina sammelte und wir nie von ihm gingen ohne einen Stoß Herbarienblätter, die er mit eigener Hand beschriftet hatte und deren jedes ein kleines Kunstwerk war.

Nicht minder günstig wirkte dieser Umgang auf unsere Arbeit über die Achsenstellung ein, denn es bedeutet viel für einen Plan, wenn man ihn hin und wieder mit einem guten Geist erwägen kann. In dieser Hinsicht gewannen wir den Eindruck, daß der Pater ganz unauffällig und ohne jeden Ehrgeiz auf Autorschaft an unserem Werke sich beteiligte. Nicht nur besaß er eine große Kenntnis der Erscheinungen, sondern er wußte auch die Augenblicke hohen Ranges zu vermitteln, in denen der Sinn der eigenen Arbeit uns wie ein Blitz durchdringt.

Vor allem blieb einer dieser Hinweise uns denkwürdig. Der Pater führte uns eines Morgens an einem Blumenhange, an dem die Klostergärtner in der Frühe gejätet hatten, zu einer Stelle, über die ein rotes Tuch gebreitet war. Er meinte, daß er dort der Unkrauthacke ein Gewächs entzogen hätte, um unser Auge zu erfreuen - doch als er dann das Tuch entfernte, erschien nichts anderes als eine junge Staude von jener Wegerichsorte, der Linnaeus den Namen major gab und wie man sie auf allen Pfaden findet, die je ein Menschenfuß betrat. Indessen, als wir uns auf sie herniederbeugten und sie aufmerksam musterten, erschien es uns, als ob sie ungewöhnlich groß und regelmäßig gewachsen sei; ihr Rund war als ein grüner Kreis gebildet, den die ovalen Blätter unterteilten und zackig ränderten, in deren Mitte sich leuchtend der Wachstumspunkt erhob. Die Bildung schien zugleich so frisch und zart im Fleische wie unzerstörbar im Geistesglanze der Symmetrie. Da faßte uns ein Schauer an; wir fühlten, wie die Lust zu leben und die Lust zu sterben sich in uns einten; und als wir uns erhoben, blickten wir in Pater Lampros' lächelndes Gesicht. Er hatte uns ein Mysterium vertraut.

Wir durften die Muße, die uns Pater Lampros schenkte, um so höher schätzen, als sein Name bei den Christen in hohem Ansehen stand und viele, die Rat und Trost erhofften, sich ihm näherten. Doch liebten ihn auch solche, die an den Zwölf Göttern hingen oder die aus dem Norden stammten, wo man die Asen in weiten Hallen und umzäunten Hainen ehrt. Auch ihnen, wenn sie zu ihm kamen, spendete der Pater aus der gleichen Kraft, doch nicht in priesterlicher Form. Oft nannte Bruder Otho, der viele Tempel und Mysterien kannte, an diesem Geiste das Wundersame, daß er so hohe Grade der Erkenntnis mit der strikten Regel zu vereinigen verstand. Bruder Otho meinte, daß wohl auch das Dogma die Grade der Vergeistigung begleite - wie ein Gewand, das auf den frühen Stufen mit Gold und Purpurstoff durchflochten ist und dann mit jedem Schritte an unsichtbarer Qualität gewinnt, indes das Muster sich allmählich im Licht verliert.

Bei dem Vertrauen, das alle Kräfte, die an der Marina wirkten, dem Pater Lampros zollten, war er in den Gang der Dinge vollkommen eingeweiht. Er übersah das Spiel, das dort getrieben wurde, wohl besser als jeder andere, und daher kam es uns seltsam vor, daß er in seinem klösterlichen Leben sich nicht berühren ließ. Es schien vielmehr, als ob in gleichen...

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