Schneestille

Roman
 
 
Goldmann Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. November 2011
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06613-0 (ISBN)
 
So unheimlich kann Schnee sein. So bedrohlich die Stille. So hypnotisierend das Grauen

Beim Skifahren in den französischen Pyrenäen wird ein junges Paar von einer Lawine verschüttet. Zwar gelingt es Jake und Zoe sich zu befreien, aber als sie zu ihrem Hotel zurückkehren, finden sie alles verlassen vor. Mobilfunkverbindungen sind zusammengebrochen, jeder Kontakt zur Außenwelt ist abgeschnitten. Bald beunruhigen seltsame Träume und unerklärliche Phänomene die beiden. Tagelang warten sie vergebens auf Rettung, dann versuchen sie, ins Tal zu gelangen. Doch jeder Versuch führt sie nur wieder in den menschenleeren Ort zurück. Aber ist da wirklich niemand? Jake und Zoe sind sich sicher: Irgendetwas wartet da draußen auf sie ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 1,01 MB
978-3-641-06613-0 (9783641066130)
3641066131 (3641066131)
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1

Es schneite wieder. Fedrige sechseckige Schneeflocken wie aus dem Bilderbuch, die sich auf den Ärmel ihrer Jacke legten. Die Bergluft prickelte förmlich vor Eis und dem würzigen Geruch nach Kiefernharz. Gierig sog Zoe die Luft in die Lunge und genoss die klirrende Kälte, um dann tief auszuatmen. Und als der Berggipfel ihr zuzunicken und ihr Seufzen zu erwidern schien, da glaubte sie, jetzt einfach glücklich sterben zu können.

Im Leben gibt es wenige Momente, die so kristallklar und rein sind wie Eis, und dieser, in dem der Berg ihr seinen Lebensatem zuhauchte, gehörte dazu. Zoe wusste, dass sie einen solch raren Augenblick eingefangen hatte, den ihr nun niemand mehr nehmen konnte. Ringsum war nichts als Schnee und Stille. Schnee und Stille; der vollkommene Stillstand allen Lebens; Probe und Vor-Echo des Todes.

Doch ihr Atem war noch warm und strafte diesen Gedanken Lügen. Sie richtete ihre Skier bergab. Sie sahen aus wie seltsame grellrote und goldene Klauen im Pulverschnee, während sie, bereit loszuschießen, dastand und wartete. Ich lebe. Ich bin ein Adler. Etliche Hundert Meter weiter unten lagen die dunklen Umrisse von Saint-Bernard-en-Haut, ihrem kleinen Feriendorf in den Pyrenäen; weiter im Westen ragten die unregelmäßigen Buckel und Zacken der Bergkette in den Himmel. Die Sonne war inzwischen aufgegangen; es würde nicht mehr lange dauern, bis weitere Skiläufer den schaurig-schönen frühmorgendlichen Zauberbann brachen. Doch vorerst hatten sie den Pulverschnee und den Morgen ganz für sich allein.

Hinter ihr war ein Wispern zu hören. Es waren Jakes Ski, die federleicht über den Schnee glitten, während er über den Berggrat schoss und dann mit ihr aufschloss.

Mit einem eleganten Schwung kam er neben ihr zum Stehen. Im Gegensatz zu ihrem modischen fliederfarben und weiß gemusterten Skianzug war er ganz in Schwarz gekleidet, und die Morgensonne brach sich mit irisierendem Schimmer in seiner gewölbten übergroßen schwarzen Sonnenbrille. Er blieb stehen und genoss diesen ganz besonderen Moment gemeinsam mit ihr. Sie bildete sich ein, seinen Atem wie eine austerngraue Dunstwolke aufsteigen zu sehen. Er nahm die Sonnenbrille ab und blinzelte sie an. Jake hatte kurz geschorene schwarze Haare und babyblaue Kulleraugen, in die sie sich auf der Stelle verliebt hatte. Seine großen Ohren dagegen waren etwas gewöhnungsbedürftig gewesen. Eine einzelne, gigantische Schneeflocke schwebte wie eine Feder herab und ließ sich auf seinen Wimpern nieder.

Jake zerschmetterte die Stille mit einem Freudenjauchzer purer Glückseligkeit. »Wuuu-huuuuu!« Er reckte die Skistöcke hoch über den Kopf und zeigte dem Berg sein wackelndes Hinterteil. Sein schriller Schrei hallte durch die Schluchten, Feier und Entweihung der Natur zugleich.

»Mach doch so was nicht. Du kannst doch dem Berg nicht dein Arschloch zeigen, Arschloch«, meinte Zoe.

»Und warum nicht, Arschloch?«

»Weiß ich auch nicht, Arschloch. Hab ich bloß so gesagt.«

»Ich konnte es mir nicht verkneifen. Das hier ist einfach zu perfekt.«

Und das war es auch. Es war makellos. Vollkommene eingeschweißte puderzuckrige Perfektion am Stiel.

»Bist du so weit?«, fragte sie.

»Ja, legen wir los.«

Zoe war die versiertere Skifahrerin von ihnen beiden. Jake fuhr zwar schneller, aber er war unbesonnen und schlitterte immer hart an der Grenze seiner Fähigkeiten entlang. Auf längeren Strecken konnte sie ihn locker in die Tasche stecken. Ohne Zwischenstopp hinunter zum Dorf zu fahren, dauerte etwa eine Viertelstunde. Anderthalb Stunden brauchten sie, um mit Sessel- und Schlepplift bis ganz nach oben zu kommen, und fünfzehn Minuten für die Abfahrt. Sie waren früh aufgestanden, um den Urlauberhorden bei ihrer ersten Abfahrt des Tages zuvorzukommen. Denn genau darum - um die Ruhe, die Stille, den unberührten Pulverschnee und das irre Gefühl, fast wie ein Adler im Sturzflug zu Tal zu rasen -, darum ging es doch eigentlich.

Jake stürzte sich die Westseite der steilen, aber breiten Piste hinunter, und sie nahm die östliche Seite. Dann rauschten sie gemeinsam talwärts und malten dabei parallele Spuren in den Schnee. Ihre Skier säuselten dem Pulverschnee kleine Geheimnisse zu, kribbelnd vertraulich, während sie die Piste hinuntersausten. Das Zischen ihrer Skier klang, als sei ihr irgendein mythisches Geschöpf oder ein übernatürliches Wesen auf den Fersen, das ihr seine Geschichte ins Ohr flüstern wollte.

Aber am Rand der Piste, ganz nahe an dem dichten Vorhang aus Bäumen, geriet eine kleine Schneeplatte unter ihren Füßen ins Rutschen. Es war fast, wie auf einem bockenden Pferd zu sitzen, weshalb sie entlang der Falllinie fuhr, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sie war noch keine dreihundert Meter weit gekommen, als das Wispern ihrer Skier von einem dumpfen Grollen übertönt wurde.

Aus den Augenwinkeln sah Zoe, dass Jake am Rand der Piste angehalten hatte und den Hang nach oben spähte. Irritiert von ihrem Fehlstart machte sie noch ein paar ungelenke Schwünge, ehe sie zum Stehen kam und sich umdrehte, um nach ihrem Mann zu sehen. Das Grollen wurde lauter. Oben am Hang stand eine Säule, die aussah wie wirbelnder grauer Rauch, der sich entfaltete wie seidige Banner, wie Herolde einer Schneearmee. Es war bildschön. Sie musste lächeln.

Doch dann gefror ihr das Lächeln auf den Lippen. Jake kam auf sie zugeschossen wie ein Pfeil. Mit wächsernem Gesicht schrie er ihr etwas zu, während er auf sie zustürmte.

»Los, rüber! Schnell rüber!«

Und da wusste sie, dass es eine Lawine war. Jake bremste ab und fuchtelte wild mit einem seiner Skistöcke herum. »Schnell, zu den Bäumen! Klammer dich an einen Baum!«

Das Grollen war zu einem Brüllen angeschwollen, das in ihren Ohren toste und Jakes Worte erstickte. Sie stieß sich ab und raste senkrecht den Hang hinunter, suchte Halt, versuchte, Abstand zu gewinnen zu der brüllenden Wolke, die sich hinter ihr brach wie ein Tsunami im Meer. Gezackte schwarze Spalten taten sich vor ihr im Schnee auf. Sie drehte die Skier und wollte den Rand der Piste ansteuern und zu den Bäumen fahren, aber es war zu spät. Sie sah, wie Jakes schwarzer Skianzug an ihr vorbeigeschleudert wurde wie Wäsche im Waschsalon, während die gewaltige Masse aus Schnee und Dunst ihn mitriss. Dann wurde auch sie von den Füßen gekegelt, durch die Luft gewirbelt und kugelte und trudelte und rollte hilflos in der weißen Flut mit. Ihr fiel ein, dass sie mal gehört hatte, man solle die Arme um den Kopf legen. Kurz war es, als würde sie in einer Waschmaschine durchgeschüttelt, ein paarmal Hals über Kopf herumgedreht und dann schließlich mit voller Wucht auf den Boden geschleudert, dass ihre Rippen knacksten. Dann war ein seltsames Raspeln zu hören, wie das tausendfach verstärkte Nagen von Millionen Termitenkiefern, die Holz zerbissen. Das Geräusch verstopfte ihr die Ohren und dämpfte alles andere, und dann kam die Stille, das vollkommene Weiß verblasste zu Grau, und schließlich wurde alles schwarz.

Vollkommene Stille, vollkommene Dunkelheit.

Sie versuchte, sich zu bewegen, aber es ging nicht. Sie spürte, wie ihr die Luft wegblieb, weil Mund und Nasenlöcher mit komprimiertem Schnee verstopft waren. Mühsam schaffte sie es, etwas von dem Schnee aus dem Rachen hochzuhusten. Sie spürte, wie ihr der Schnee kalt und nass hinten die Nase hinunterlief. Wieder hustete sie und konnte dann endlich einen Atemzug Luft einsaugen.

Eigentlich hatte sie gedacht, völlig von Weiß umgeben im Schnee aufzuwachen, doch es war alles schwarz. Sie konnte zwar atmen, sich aber kaum bewegen. Sie versuchte, die Finger in den ledernen Skihandschuhen zu strecken. Nur der Hauch einer Bewegung war möglich. Ihre Hände mussten etwa zwanzig oder dreißig Zentimeter vor ihrem Gesicht feststecken. Die Finger waren in den Handschuhen weit gespreizt. Sie versuchte, damit zu wackeln, aber mehr als minimales Recken innerhalb der Handschuhe war nicht drin. Sie streckte die Zunge raus und spürte kalte Luft.

Erfolglos versuchte sie, sich aufzurichten, und sofort überkam sie eine schreckliche Panik; sie fing an, schnell und heftig zu atmen, und spürte ihren eigenen hämmernden Herzschlag. Dann ging ihr auf, dass ihr womöglich bloß eine kleine eingeschlossene Luftblase blieb, die nur für eine begrenzte Zeit reichte, also bemühte sie sich, ganz langsam zu atmen, und befahl sich, ruhig zu bleiben.

Du steckst in einem Schneegrab, bleib ganz ruhig.

Sachte atmete sie ein und aus. Ihr Herz hörte auf, panisch zu klopfen.

Ein Schneegrab? Und das soll jetzt irgendwie beruhigend sein?

Es kam ihr fast vor, als liefe ein Riss durch sie, weil der Teil von ihr, der in heillose Panik ausbrechen wollte, mit dem anderen Teil diskutierte, der sich im Klaren darüber war, dass sie, wenn sie überleben wollte, jetzt ganz ruhig und gefasst sein musste.

Bist du jetzt ruhig? Na, bist du? Bist du? Gut, wenn du dich wieder beruhigt hast, ruf nach deinem Mann. Der kommt und hilft dir.

»Jake!«

Zweimal rief sie seinen Namen. Ihre Stimme klang fremd, weit weg, gedämpft, wie aus einer sehr schlechten Telefonleitung. Sie vermutete, dass auch ihre Ohren mit Schnee verstopft waren.

Wieder streckte sie die Finger, und auch diesmal gab der Schnee keinen Millimeter nach. Sie probierte, jedes einzelne Gelenk zu bewegen, wie beim Aufwärmen in der Turnhalle, angefangen mit den Zehen, dann den Knöcheln und Knien, den Hüften, Ellbogen, Schultern. Es half alles nichts. Der Schnee umschloss sie wie ein eisiges Korsett. Ihr Nacken ließ sich kaum merklich bewegen. Das und der Freiraum um ihren Mund verleitete sie zu der Annahme, dass der...

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